Mister Weniger: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mister Weniger: Roman' von Andrew Sean Greer
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mister Weniger: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783103973280

Rezensionen zu "Mister Weniger: Roman"

  1. Auch Schwule werden älter.

    Kurzmeinung: Gefällig, ein wenig melancholisch, etwas larmoyant.

    Der Roman „Mister Weniger“ (Originaltitel „Less“) hat 2018 den Pulitzer Preis gewonnen. So ist der Roman auf meinem Tisch gelandet, dann zum Stapel ungelesener Bücher gewandert und vergessen worden. Als ich ihn wieder zur Hand nehme, habe ich vergessen, dass der Roman einen Preis gewonnen hat und ich erwarte eine lustige, sanfte, komische Liebesgeschichte. Mit sanft habe ich recht. Sonst mit nichts.

    Arthur Weniger weist einige Ähnlichkeiten mit dem Autor himself auf. Ist er sein Alter Ego? Wie Greer ist Arthur schwul. Und wie Greer ist Arthur ein Schreiberling. Und wie Greer ist Arthur bald fünfzig Jahre alt (2018).

    Arthur treffe ich an, als er gerade seine Weltreise zusammenstellt. Aus eigener Tasche kann und will er sie nicht bezahlen, aber da sind Anfragen von Vereinen, Universitäten, Bibliotheken, whatsoever, Einladungen, die er noch nie angenommen hat, aber jetzt gewillt ist, anzunehmen. Geschickt kombiniert kann er damit eine gute Weile verschwinden, fast ein Jahr, vielleicht ein ganzes Jahr und Verschwinden ist das, was er will, denn er will nicht miterleben, wie sein langjähriger Lebensgefährte, Freddy, einen anderen heiratet.

    Warum ist Arthur so gefragt? Nun, das weiß Arthur, nicht etwa, weil er selber so erfolgreich wäre, sondern, weil sein erster Lebensgefährte, Robert Brownburn, berühmt geworden ist und sogar einst den Pulitzerpreis gewonnen hat. Er hat sich damit abgefunden, dass es ihn besonders macht, mit Robert gelebt zu haben.

    Der Kommentar:
    Der Roman „Mister Weniger“ hat mich angenehm überrascht. Statt einer leichtfüßigen, etwas seichten Komödie habe ich ironische Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb bekommen, melancholische Betrachtungen über die Vergänglichkeit körperlicher Vorzüge und schwermütige Reflexionen über die zwei Seiten ungleichaltriger Liebesbeziehungen. Einmal ist Arthur der junge Teil gewesen, einmal ist er der ältere. Und vielleicht habe ich einen kleinen Einblick ins schwule Leben erhalten, vielleicht aber auch nicht. Immerhin bewegen wir uns ausschließlich in „höheren Kreisen“. Auch über den Ruhm wird nachgedacht. Sollte man ihn tatsächlich so ernst nehmen, wie er gehandelt wird?

    Das Ganze ist eingebettet in eine Weltreise, die durchaus vergnügliche Elemente aufweist, aber auch mit atmosphärischen Schilderungen von Berlin und anderer Reiseziele bezaubert. Warum Greer, der selber eine Gastprofessur an der Freien Universität Berlin (FU) hatte, sich bemüßigt fühlt, sie die ganze Zeit als „befreite Universität“ zu verballhornen, erschließt sich mir nicht. Eine offene Rechnung?

    Das einzige, was ich vermisse, ist ein tieferes Eintauchen in Arthurs Charakter. Denkt er wirklich nur an Sex, an vergangene und zukünftige (Liebes)Konstellationen, an Mode, die Formen männlicher Körper und bedauert nur deshalb das Altern? Seine Tonlage könnte man durchaus ein wenig larmoyant und selbstmitleidig finden. Ist das alles, ist das der ganze Arthur? Seine Lustbetontheit und seine Oberflächlichkeit sind mir suspekt. Richtig gearbeitet hat er nie, was Vieles in seiner Denke erklärt. Früher wurde er von Robert ausgehalten, danach hat er Freddy ausgehalten. So macht man das vielleicht in diesen Kreisen. Was weiß ich.

    Fazit: Melancholisch-heiterer Roman übers schwule Altern. Gleich den Pulitzerpreis abzustauben ist wahrscheinlich überzogen und war höchstwahrscheinlich dem Zeitgeist geschuldet. Aber warum nicht? Letztlich hat mir der Roman gut gefallen.

    Kategorie: Literatur. Anspruch. Humor.
    Verlag: S. Fischer, 2018

    Pulitzer Preis 2018

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