Mister Aufziehvogel: Roman

Rezensionen zu "Mister Aufziehvogel: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Sep 2018 

    Schräge Figuren in einer symbolträchtigen Geschichte

    »Mister Aufziehvogel« habe ich mit einer Bloggerkollegin in einer Leserunde gemeinsam gelesen. Für mich war es das erste (und bestimmt nicht das letzte!!) Buch von Haruki Muramaki. Schon während des Lesens habe ich mir zwei weitere Bücher des Autors zugelegt.

    Ich bin gut im Buch gelandet. Unser Protagonist Toru ist ein Mann, der seinen Job in einer Anwaltskanzlei aufgibt, um einen Neuanfang zu starten und da ich mir persönlich nichts Langweiligeres vorstellen kann, als in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten, habe ich mich schnell mit Toru angefreundet. Bei ihm merkt man allerdings schnell, dass er ein relativ passiver Mensch ist, der Vieles einfach hinnimmt, ohne zu hinterfragen. Diese Tatsache hat mich manchmal überrascht und verwirrt. Nichtsdestotrotz ist Toru mir bis zum Ende sympathisch geblieben, vor allem auch, weil er ein sehr gütiger Mensch ist, der die Fähigkeit zu verzeihen besitzt.

    Die Handlung ist am Anfang zwar wenig spektakulär, dennoch konnte sie mich fesseln. Schon zu Beginn passieren nämlich richtig schräge Dinge, die mich neugierig auf den weiteren Verlauf gemacht haben. Diese Eigenartigkeiten nehmen aber kein Ende, nein. Ganz im Gegenteil: ein Fragezeichen nach dem anderen tut sich auf. Sogar so viele, dass es mir bis zu einem gewissen Punkt zu viel wurde und ich nur mehr verständnislos vor mich hin gelesen habe. Irgendwann fragt man sich dann auch: Was ist Wirklichkeit? Was ist Fantasie? Sind einige Geschehnisse übersinnlicher Natur oder ist doch alles nur Traum? Wie darf man das Ganze verstehen?

    ~ Die Mehrzahl der Leute verwirft alles, was die Grenzen des eigenen Fassungsvermögens sprengt, als absurd und des Nachdenkens nicht wert. ~
    (S. 267)

    Livia (meine Mitleserin) und ich haben gerätselt und spekuliert, aber so recht haben wir die Handlung nicht durchschaut, hatte ich das Gefühl. Erst zum Ende hin überkamen mich einige Aha-Momente, und dann wurde mir auch so einiges klar. Aber ob die Erkenntnisse, die ich in meinen Aha-Momenten hatte, tatsächlich das sind, was Murakami uns zu verstehen geben wollte, dessen bin ich mir aber leider auch nicht ganz sicher. Ich denke jedenfalls, dass ich die Story zum Schluss im Großen und Ganzen verstanden habe. Allerdings kann mir diese Frage wahrscheinlich trotzdem nur der Autor sicher beantworten.

    Die Figuren in »Mister Aufziehvogel« sind allesamt mit Ecken und Kanten versehen. So haben wir hier zum Beispiel die Schwestern Malta und Kreta Kano. Die eine hat eine Vorliebe für rote Vinylhüte und versucht anderen Menschen durch ihre hellseherischen Fähigkeiten zu helfen. Die andere ist ihre Assistentin und hat die merkwürdige Angewohnheit unbemerkt aufzutauchen und zu verschwinden, nachdem oder bevor sie aus ihrem mehr als verkorksten Leben berichtet. Dann gibt es da noch Torus Frau Kumiko, die irgendwie bis zum Schluss eine der undurchsichtigsten Charktere bleibt, nicht zuletzt, weil sie sich recht bald schon aus Torus Leben vertschüsst und sehr lange ein großes Geheimnis um ihre wahren Gründe dafür macht. Außerdem spielt auch Kumikos höchst unsympathischer Bruder Noboru Wataya eine tragende Rolle in der Geschichte. Er taucht zwar nicht oft persönlich während der Handlung auf, aber dennoch ist von ihm und seinem abartigen und unerträglichen Wesen häufig die Rede. Und nicht zu vergessen: ein Kater, der verschwindet und mit einem anders geformten Schweif wieder auftaucht.
    Ihr merkt, von den Figuren her kommt hier ganz sicher keine Langeweile auf. Diese und einige andere Nebencharaktere bieten auf alle Fälle Unterhaltung der besonderen Art. ;)

    ~ In wirklich tiefer Finsternis waren die seltsamsten Dinge möglich. ~
    (S. 297)

    Aufgepeppt wurde das Ganze noch durch Erzählungen aus der Vergangenheit verschiedener Bekanntschaften Torus. Beispielsweise gab es lange Episoden über den Krieg, in denen die eine oder andere blutige und gewaltvolle Szene beschrieben wurde. Oder es wurde die damalige politische Situation erläutert – die ich allerdings wenig spannend fand und bei der ich dabei deswegen nicht so aufmerksam gelesen habe. Toru als guter Zuhörer hat sich das alles natürlich geduldig angehört und darüber nachgedacht. Da doch einige dieser Erzählungen in dem Buch vorgekommen sind, habe ich mich selbstverständlich gefragt, inwiefern diese mit der gegenwärtigen Handlung zu tun haben könnten. Leider hat sich mir bis zuletzt deren Bedeutsamkeit leider nicht (bei allen Rückblicken) erschlossen.

    Allgemein betrachtet, hat mir das Buch sehr gut gefallen. Ja, ein paar Fragen blieben zwar offen, aber es gab auch genug, die mir schlussendlich beantwortet wurden und mich das Buch relativ zufrieden haben zuklappen lassen. Mein Freund sagt immer wieder, dass er offene Enden mag, da diese so viel Spielraum für eigene Gedanken lassen. Ich mag das allerdings nicht so gerne, da ich fixe Tatsachen – völlig egal, ob sie nun gut oder schlecht sind – sehr schätze.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Dez 2017 

    Horror

    Wir, Tina und ich, haben 1,5 Wochen für das Buch gebraucht. Das Buch ist so grausam, dermaßen düster und gewaltträchtig, sodass es mich ein wenig an Kafka von der Düsterkeit und an Steven King von den Horrorszenarien erinnern lässt. Ich werde inhaltlich nicht viel schreiben können. Weil ich froh bin, dass ich mit diesem Buch durch bin, und möchte es am liebsten gleich wieder vergessen. Derzeit bin ich Murakamigeschädigt. Wenn ich mich davon nicht wieder erholen kann, dann war es das mit dem Leseprojekt. Ich habe gestern den ganzen Tag und den ganzen Abend dazu gebracht, das Buch endlich auszulesen. Ich wollte es hinter mich bringen, um keinen weiteren Tag damit zu verbringen. Neben Kafka am Strand ist Mister Aufziehvogel das heftigste Murakami-Buch, das ich bisher von den 12 Bänden gelesen habe, wobei Kafka am Strand von der Konzeption her einer logischen Struktur folgt, die uns in Mister Aufziehvogel einfach gefehlt hat. Uns ist irgendwann der rote Faden verloren gegangen, weil uns zu viele Details der vielen Figuren aufgedrängt wurden …

    Manche Szenen musste ich regelrecht überfliegen, weil sie mir an Grausamkeiten zu geladen waren. Immer wieder haben Tina und ich uns über Sprachnachrichten ausgetauscht. Manchmal versuchte ich Tina zu warnen, wenn ich an Seitenzahl weiter war als sie, sie darauf vorzubereiten, was auf den folgenden Seiten für qualvolle Szenarien folgen. Gestern Abend machte ich sie auf kannibalistische Vorgänge aufmerksam und heute Morgen schrieb mir Tina, dass sie diese schon gelesen habe. Merkwürdig, ich wusste heute Morgen gar nicht mehr, wie sich der Kannibalismus ausgewirkt hatte. Diese Szene hatte ich völlig aus meinem Bewusstsein verdrängt. Ich weiß sie nicht mehr. Ist auch gut so, und ich bat Tina, mich an diese Bilder nicht mehr zu erinnern, denn es zeigt mir, dass meine Verdrängungsmechanismen noch gut funktionieren.
    Auch die Namen von den Figuren konnte ich nur oberflächlich verinnerlichen. Sie waren mir alle fremd. Tina war mir da im Vorteil, sie hat sich diese alle rechtzeitig rausgeschrieben …

    Eigentlich begann die Geschichte recht harmlos. Es geht um ein junges Ehepaar, das schon seit sechs Jahren verheiratet ist. Der 30-jährige Toru Okada und seine Frau Komiko. Toru, studierter Jurist, schmeißt seinen Job aus einer Anwaltskanzlei, um sich beruflich neu zu orientieren. Komiko arbeitet in einem kleinen Verlag und kommt erst spät abends nach Hause ... Komiko kommt aus einer sehr wohlhabenden und gebildeten Familie, in der aber recht mysteriöse und kriminalistische Dinge geschehen …

    Toru und Komiko vermissen beide ihren Kater, da er nicht nach Hause gekommen ist und so alarmiert Komiko eine Frau mit okkulten Fähigkeiten, um den Kater aufzuspüren …

    In der Zwischenzeit, während Komiko auf der Arbeit ist, passieren zu Hause ein paar ominöse Dinge. Toru wird telefonisch von einer wildfremden Frau angerufen, die Telefonsex betreibt. Wer ist diese Frau? Sie wurde später nicht mehr erwähnt.

    Torus Frau begeht einen Seitensprung, verlässt eines Abends ganz unverhofft ihren Mann. Sie schreibt ihm einen Abschiedsbrief, dass sie mit einem Mann eine Beziehung angefangen habe, den sie eigentlich gar nicht lieben würde. Sie bittet Toru, sie zu vergessen, da sie nicht vorhabe, wieder zu ihm zurückzukehren. Toru begibt sich auf die Suche nach seiner Frau, die so plötzlich aus der Welt verschwunden ist. Es beginnt eine abenteuerliche Suche nach Innen, oder nach Außen? Eigentlich beides.

    Später macht Toru Bekanntschaft mit weiteren merkwürdigen Frauen … Die Handlung beginnt recht real und im Laufe der Geschichte vermischen sich erneut reale und surreale Handlungen, Traum und Wirklichkeit werden eins… Menschen verschwinden hinter Wänden … Toru, der zum Nachdenken in einen trockenen Brunnen steigt, und damit sein Leben riskiert ... Dann gibt es noch eine sechzehnjährige May, die in ihrem Verhalten ebenso Extremitäten aufweist, die ihrem Freund auf einem fahrenden Motorrad von hinten mit ihren Händen die Augen zuhält, der dadurch tödlich verunglückt, während sie den Unfall überlebt …

    Da dies auch ein politisches Buch ist, bekommt man grausame Szenen aus dem Krieg zwischen Japan, China und Russland im Zweiten Weltkrieg zu lesen. Mir ist bewusst, dass diese grausamen Szenen durchaus real sind … Aber diese perverse Gewalt spielt sich nicht nur innerhalb der Kriegsereignisse ab …

    Keine Figur scheint irgendwie normal zu sein. Und jede Figur kommt mit ihrer eigenen Story, man bekommt zu jeder Persönlichkeit sehr detaillierte Geschichten erzählt, sodass wir irgendwann Probleme hatten, diese vielen Informationen, die vielen Charaktere noch auseinanderzuhalten. Selbst am Schluss fragten wir uns, was es mit manchen Figuren auf sich hatte? Man hätte ruhig ein paar davon weglassen können, das hätte dem Roman keinen Abbruch getan. Und mit weniger Gewalt hätte der Roman auch leben können …

    Mein Fazit?

    Psychologisch wirkt die Geschichte recht fundiert. Murakami ist ein Tabubrecher. Er zeigt in seinem Roman die Abgründe eines jeden Menschen. Mir scheint, als risse er ihnen die Fassade von den Gesichtern. Toru war die Figur, die sich dem gestellt hat, hat sich auf die Suche begeben, seine Probleme erst Mal symbolisch zu lösen. Was ist Wahrheit und was ist Traum? Ist das die Wahrheit, was wir mit den menschlichen Augen sehen können; ist Wahrheit das, was uns Menschen bewusst ist? Und was ist die Unwahrheit? Ist die Unwahrheit das, was man mit den Augen und mit den Händen nicht zu fassen bekommt und trotzdem existiert?

    Zitat:
    "Alles hing miteinander zusammen, jedoch auf so kompliziertere Weise wie ein dreidimensionales Puzzle (…) in dem die Wahrheit nicht unbedingt real sein musste und das Reale nicht unbedingt wahr." (591)

    Ein sehr symbolträchtiges Buch, das mit vielen Metaphern arbeit.

    Und zu der Gewalt sind Tina und ich der Meinung, dass diese vielen Aggressionen in dem Buch die Aggressionen des Autors sind, die er in sich trägt, und sie nach außen auf das Papier gepackt hat.

    Auf meinem Blog hat das Buch nur neun von zwölf Punkten erhalten.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 05. Dez 2017 

    Das Reale muss nicht wahr, die Wahrheit nicht real sein

    Eigentlich ist der magische Realismus nicht mein bevorzugtes Genre. "Die gefährliche Geliebte", der einzige Roman, den ich bisher von Murakami gelesen habe, hat mehr Fragen als Antworten hinterlassen. Trotzdem habe ich zugestimmt, als Mira vorgeschlagen hat, diesen Roman zu lesen. Unsere Lektüre war ebenso wie unser Austausch über unzählige Sprachnachrichten und ein langes Telefonat sehr intensiv. Gegenseitig haben wir uns motiviert, bis zum Ende durchzuhalten. Hat es sich gelohnt?

    Worum geht es?
    Im Mittelpunkt steht der 30-jährige Toru Okada, der seine Stellung in einer Anwaltskanzlei kündigt und auf der Suche nach einem Neuanfang ist. Immer wieder hört er vom Haus aus

    "den mechanischen Ruf eines Vogels (...), der so klang, als zöge er eine Feder auf. Wir nannten ihn den Aufziehvogel. Kumiko hatte ihn so getauft. Wir wußten nicht, wie er wirklich hieß oder wie er aussah, aber das störte den Aufziehvogel nicht. Jeden Tag kam er zur nahen Baumgruppe und zog die Feder unserer ruhigen kleine Welt auf." (S.14)

    Doch diese ruhige Welt, in der Toru mit seiner Frau Kumiko lebt, gerät aus den Fugen. Zunächst ist ihr gemeinsamer Kater Noboru Wataya, benannt nach Kumikos Bruder, verschwunden und Toru soll sich auf die Suche nach ihm machen. Dazu klettert er über die Mauer hinter dem Haus in eine Gasse, deren Anfang und Ende zugemauert wurde und begibt sich zu dem verlassenen "Selbstmörderhaus" (Alle Menschen, die dort gewohnt haben, haben Selbstmord begangen). Dabei lernt er die 16-jährige May Kasahara kennen, die sich weigert zur Schule zu gehen und ein dunkles Geheimnis hat. Sie zeigt ihm auf dem verlassenen Gelände einen ausgetrockneten Brunnen, neben dem "Aufziehvogel" ein weiteres Dingsymbol, das den Roman durchzieht.
    Die seltsamen Ereignisse häufen sich. Toru wird von einer "Seherin", Malta Kano, angerufen, die ihm helfen soll, den Kater zu finden. Er lernt deren Schwester Kreta Kano kennen, die ihm ihre Lebensgeschichte offenbart, in der Kumikos Bruder eine unheilvolle Rolle spielt, da er sie "beschmutzt" hat. Daneben wird Toru von einer Telefon-Sex-Frau belästigt und plötzlich ohne Vorwarnung verlässt ihn seine Frau und verschwindet spurlos. Toru stellt sich die Frage:

    "Und ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen vollkommen zu verstehen?" (S.34)

    Ob die Abtreibung, die Kumiko entschieden hat, eine zentrale Rolle für die folgenden Ereignisse gespielt hat? Oder ihr Bruder, der als Politiker Karriere macht und von dem eine dunkle Macht auszugehen scheint und den Toru vollständig ablehnt? Auch Kumikos Brief, in dem sie zugibt, ihn betrogen zu haben, löst das Rätsel ihres Verschwindens nur unzureichend.

    Torus Leben wird in dieser Zeit vor allem von Träumen bestimmt und oftmals fällt es schwer Traum und Realität auseinander zu halten. Weitere Figuren treten auf, wie der Leutnant Mamiya, dessen Lebensgeschichte ebenfalls im Verlauf der Handlung erzählt wird. Er wird im Jahre 1937 in die Mandschurei geschickt und landet während eines missglückten Geheimauftrages in einem ausgetrockneten Brunnen - zum Sterben verdammt. Doch er wird gerettet und indem er Toru seine Leidensgeschichte erzählt, erfahren wir etwas über die Geschichte Japans am Ende des 2.Weltkrieges.

    Jener Brunnen inspiriert Toru in den ausgetrockneten Brunnen des Unglückshauses zu steigen - keine Szene für Klaustrophobiker (wie mich). Er versucht ins Unterbewusstsein hinabzusteigen, sich von seinem Körper zu trennen und einen Weg zu Kumiko zu finden, die er in seinen Träumen sucht. Gezeichnet verlässt er den Brunnen und schließlich tauchen noch zwei weitere Figuren auf: Muskat und Zimt Akasaka - Mutter und Sohn, deren Lebensgeschichte erneut ins besetzte China in einen Zoo zurückführt, in dem Muskats Vater als Tierarzt gearbeitet hat.

    "Während ich Zimt die Geschichte erzählte, sah ich alle Farben und Formen klar und deutlich vor mir, und es gelang mir, das, was ich sah, in Worte zu fassen - in genau die Worte, die ich brauchte - und ihm dadurch alles zu vermitteln. In jede Richtung ging es endlos weiter. Es gab immer weitere Details, die sich zusätzlich einfügen ließen, und die Geschichte gewann immer mehr an Tiefe und Weite und Raum." (S.562)

    Das passt auch genau zu diesem Roman, viele Details, Lebensgeschichten, Unterbewusstsein, Traum, was ist noch wirklich?
    Da gelingt es nicht immer den roten Faden festzuhalten, auch wenn am Schluss das lose Ende wieder auftaucht, bleiben viele Fragen offen.

    Bewertung
    Magischer Realismus - die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwindet. Unterbewusstes scheint real und erfordert von den Leser*innen sich auf diese teils surrealen Welten einzulassen.
    Das ist nicht immer leicht, weil in diesem Roman die Grenzen fließend sind und ein klare Struktur fehlt. Es gibt sehr viele Figuren und ihre Geschichten, die für sich gesehen, sehr interessant sind, fließen ebenfalls ineinander. Die Zusammenhänge zu erkennen ist schwierig und fordert zur Interpretation heraus. Psychoanalytiker*innen hätten sicherlich ihre Freude an diesem Roman.

    In unserem Telefongespräch haben Mira und ich versucht, die Situation Kumikos, die von ihrem Bruder ebenfalls "beschmutzt" wurde, zu deuten. Der Brunnen, der am Ende wieder Wasser spendet, als Zeichen dafür, dass sich Toru seinen Gefühlen hingibt, einen Zugang zu den Gefühlen Kumikos erreicht, die Barrieren zu ihr überwunden hat, ein tiefes Verständnis ihrer Situation erreicht.
    Während in Torus Brunnen das Wasser zurückkehrt, vielleicht auch, weil er seinen Widersacher zumindest im Traum niedergestreckt hat, bleibt Leutnant Mamiya Brunnen trocken - ihm gelingt die Rache an seinem Feind nicht - eine Kontrastfigur zu Toru, weil er keinen Frieden und Glück finden kann?
    Aufgefallen sind uns die vielen gewalttätigen Szenen, die die Schilderungen des Krieges zwischen Japan und Russland mit sich bringen. Aber auch Toru schlägt einen Sänger nieder und gerät so an einen Baseballschläger. Andere Szenen sind ebenfalls grausam - wie die Tötung der Tiere im Zoo. Vieles möchte man überlesen und schnell wieder vergessen.
    Ein Roman, der zur Auseinandersetzung auffordert und sich nicht ohne Weiteres erschließt.