Miroloi: Roman

Rezensionen zu "Miroloi: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Nov 2019 

    Totengesang

    Die junge Frau hat keinen Namen, keine Eltern, keinen Besitz. Als Baby wurde sie im schönsten Dorf der Insel ausgesetzt. Ihr Finder, der Bethaus-Vater, und Mariah aus dem Ort sind ihr fast wie Eltern. Doch weil sie keinen Stammnamen hat und keinen Rufnamen, muss sie Außenseiterin bleiben im Dorf. Die alten Frauen hänseln sie ebenso wie die jungen Mädchen und ohne Namen wird es ihr auch nicht vergönnt sein, zu heiraten. Muss dass denn so sein? Wieso akzeptieren die Menschen auf der Insel ihre Lebensweise? Sie bekommen regelmäßig Nachrichten von Drüben, wenn das Schiff kommt. Und doch verweigern sie sich den Veränderungen.

    Eine eigenartige und rückständige Inselwelt ist es, mit der uns die Autorin bekannt macht. Da mag es eine schöne Insel sein und ein schönes Dorf, doch wie das Leben geregelt ist, mutet sehr gewöhnungsbedürftig an. Es beginnt schon damit, dass die es auf der Insel keinen Strom gibt und damit eine ganze Menge nützliche Dinge per Hand erledigt werden müssen. Die junge Frau ohne Namen ist eine der wenigen, die sich Gedanken macht, ob dieses System wirklich so erstrebenswert ist. Obwohl sie so eingeschränkt in ihren Rechten ist, hat sie dadurch sogar eher mehr Freiheiten, weil kaum jemand sie beachtet.

    Was in diesem Buch über die Ideologie der Struktur zu erfahren ist, kann man teilweise nur mühsam einordnen. Vielleicht soll man das auch garnicht. Wie sich die junge Frau, die von ihrem Finder „Mein Mädchen“ genannt wird, jedoch mit dem System auseinander setzt und es für schlecht befindet, ist packend erzählt. Bis zu einem gewissen Punkt strahlt der Roman eine Leichtigkeit und Gradlinigkeit aus, von der man meint, sie könne nur ins Happyend führen. Wie auch im richtigen Leben geht nicht alles glatt, doch das Mädchen emanzipiert sich. Ihre große Kraft und ihr Durchblick machen Mut und wecken die Hoffnung, dass es doch welche gibt, die nicht der Masse hinterher rennen und ihr Unglück auch noch klasse finden, nur weil es irgendwo steht oder es irgendwer sagt. Das Mädchen sagt selbst was. Wieso dieser Roman teilweise recht kontrovers diskutiert wird, erschließt sich nicht. Die junge Frau, um die es hauptsächlich geht, überzeugt mit ihrer Art, ihrer Intelligenz und dem ruhigen Widerspruchsgeist, den sie allem und allen entgegenbringt, die es sich allzu leicht machen, in ihrem Glauben an die drei Götter und das Geschwafel der vermeintlich Herrschenden.

  1. 3
    (3 von 5 *)
     - 22. Sep 2019 

    Singe uns dein Totenlied

    Karen Köhlers dystopisches Romandebüt „Miroloi“ stand im Jahr 2019 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Dieses hat mich, gemeinsam mit dem interessant klingenden Klappentext, dazu veranlasst, zu diesem Buch zu greifen. Erfüllen konnte dieser 464-seitige Roman, der im August 2019 bei Carl Hanser erschienen ist, meine Erwartungen indes nicht – dazu hat er einfach nicht genug Neues zu bieten.
    Die Ich-Erzählerin, eine junge, namenlose Frau, lebt als Aussätzige im „Schönen Dorf“ – einer patriarchalischen, religiös fundamentalistischen Gesellschaft. Die Männer, allen voran der Betvater und der Ältestenrat, haben hier das Sagen, und sind, wie in jeder diktatorischen Gesellschaft, gleicher als gleich. Als der Betvater, der gleichzeitig ihr Ziehvater ist, sie das Lesen und Schreiben lehrt, kurz darauf stirbt und sie in Yael, einem jungen Betschüler, einen Liebhaber findet, beginnt sich die Protagonistin gegen die herrschenden Zustände zu wehren.
    Sprachlich und stilistisch ist der Roman stimmig: In 128 Strophen singt die Erzählerin hier ihr „Miroloi“, ihr Totenlied, das ihr als Findelkind eigentlich gar nicht zusteht. Die Sprache ist einfach, kindlich naiv, was sehr gut zum Bildungsstand der Dorfbewohner/innen passt und den Roman an sich, hat man sich einmal in den Stil eingefunden, gut lesbar macht. Der Aufbau einiger Strophen sowie die zahlreichen Wortneuschöpfungen zeugen von Kreativität. Über weite Strecken werden das Leben und die Rituale in dieser Gemeinschaft beschrieben, wodurch Leserinnen und Leser tief in diese archaische Welt eintauchen können. Als sehr treffend empfand ich beim Lesen auch die Dialoge. Die Stimmung ist durchgehend düster: Die Protagonistin selbst trägt aufgrund ihrer unbekannten Herkunft keinen Namen, wird von den meisten nur „Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle“ (S. 9) genannt. Die Dorfältesten wehren sich gegen fast jede Art des Fortschritts, sodass man auf dieser Insel, die im Mittelmeer verortet zu sein scheint, fast so lebt wie in der Antike, obwohl es in der Welt „drüben“, d.h. jenseits des Meeres, zu der mittels eines Händlers Kontakt gepflegt wird, schon viele Errungenschaften der Moderne gibt.
    Die Themen, die Köhler in diesem Roman aufgreift, sind vielfältig – und hier liegt m.E. das Manko des Romans. Sie reichen von Konservatismus über Feminismus, Gesellschafts- und soziale Fragen, Religion bis hin zu Bildungsthemen. Vieles wird hier auch miteinander vermischt, wenn die Religion in diesem Dorf z.B. auf der einen Seite durch ihren Polytheismus in Gestalt von Feuer, Wasser, Erde bzw. Zerstörer, Bewahrer, Schöpfer an Naturreligionen erinnert, auf der anderen Seite aber auch Elemente von Christen- und Judentum sowie dem Islam beinhaltet. Wütende Dorfbewohner/innen, die nach Bananen schreien, erinnern an Szenen, die wohl jeder noch aus Zeiten der deutschen Wiedervereinigung vor Augen hat und wirken fast schon ungewollt komisch, genau wie der Umstand, dass die Protagonistin sich gegen Ende mithilfe von Plastikmüll verkleidet und ihre Leidensgenossinnen zu einer Revolte anstiftete. Und dieses sind nur einige Punkte, die ich herausgegriffen habe. Bei solch einer Fülle an Themen ist es nicht verwunderlich, dass letztlich alles an der Oberfläche bleibt.
    Bildung in Form des Lesen- und Schreibenkönnens sowie das sich Lösen von Alterhergebrachtem bietet Köhler als Schritt in eine gerechtere Zukunft an – beides Dinge, die in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft durchaus praktiziert werden, die allein aber nicht ausreichen. Zugute halten muss man der Autorin, dass sie das Ende des Romans offen lässt – man weiß am Ende weder, wie es mit dem Schicksal des Dorfes noch mit dem der Protagonistin weitergeht. Doch alles in allem wird hier nur eine Reihe von schon hinlänglich behandelten Gesellschaftsdefiziten aufs Tapet gebracht, ohne dass wirklich Neues oder Alternativen zu schon Bestehendem geboten werden.
    Aufgrund seines ungewöhnlichen Stils und seiner guten Lesbarkeit habe ich den Roman zu Ende gelesen. Inhaltlich überzeugen konnte er mich überhaupt nicht, auch wenn er vielleicht einige Denkanstöße bietet – Denkanstöße allerdings, die man sich woanders fundierter holen und die man mit etwas gesundem Menschenverstand im Grunde selbst finden kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2019 

    Ein Blick auf das Leben in einer Diktatur und dies aus der Sicht

    Ein Blick auf das Leben in einer Diktatur und dies aus der Sicht einer Ausgestoßenen

    Dieses Buch wäre das zweite Buch von der diesjährigen Longlist des Deutschen Bücherpreises, welches ich gelesen habe und ich kann sagen, "Miroloi" lässt mich vollkommen begeistert zurück. Die Tiefe, die in dieser etwas simpel gestrickten Story zu finden ist, wäre atemberaubend zu nennen und das literarische und psychologische Können, das Karen Köhler hier erkennen lässt, ist gewaltig.

    Warum bin ich so begeistert, wo es doch sooo viele negative Stimmen gibt. Weil mich die Geschichte unheimlich berührt und getroffen hat! Und das ist etwas wunderschönes, ein wundervolles Gefühl! Ja, ihr lieben Literaturkritiker, das sollte man nicht außer Acht lassen! Es gab ja schon bei "Stella" viel Geschrei. Unnötiges Geschrei! Und hier ist es dasselbe. Unnötiges Geschrei!

    Die Erzählstimme, die Karen Köhler hier entstehen lässt, gehört einem jungen Mädchen, ein ausgegrenztes Mädchen. Ein Mädchen, welches kurz nach seiner Geburt in einem Karton ausgesetzt wurde, von dem örtlichen Priester, dem Betvater aufgezogen wird. Ein Mädchen, dass durch die Regeln in dieser Gesellschaft, durch ihr Ausgesetztsein, durch ihre fehlende Familie, keinen Namen erhält, also eigentlich nicht da ist. Ein Mädchen, welches wissbegierig ist, aber in einer Gesellschaft lebt, in der Frauen nicht lesen und schreiben dürfen. Ein Mädchen, welches Kraft hat und aus dieser Gesellschaft entfliehen möchte, aber daran gehindert und für ihren Fluchtversuch bestraft wird, ein Bein wird ihr zertrümmert, fortan kann sie nur noch humpeln. Ein Mädchen, dass kaum Bezugspersonen hat, nur der Betvater und eine ältere Frau kümmern sich um sie und geben ihr etwas Liebe. Eine alleinstehende und dadurch auch schutzlose Person wird schnell zur Zielscheibe. Und genau das ist das Mädchen, eine Zielscheibe. Durch dieses ganze Erleben ist das Mädchen beeinträchtigt und diese Beeinträchtigung lässt Karen Köhler in ihrer Sprache erklingen. das Mädchen ist die Erzählstimme in "Miroloi", sie erzählt von ihrer Welt, von ihrer Insel, von ihrer Umgebung, von ihrer Ausweglosigkeit, von ihrer Trauer, von ihrer Wut, von ihren Wünschen, von ihrem Leben, aber auch von Veränderungen. Und das geschieht in einer naiven, kindlichen, aber gleichzeitig auch tief poetischen Sprache, schlussendlich aber auch eine dem Entwicklungsstand des Mädchens perfekt angepassten Sprache. Und diese Sprache berührt tief. Auch wenn die Story nach und nach recht vorhersehbar daherkommt, hat mich das nicht gestört. weil dieses Mädchen und ihr Blick auf eine Diktatur, auf eine in sich geschlossene und auch aggressive Gesellschaft, eine durch Religion und Patriarchat geformte Gesellschaft viele Vergleiche in die heutige Zeit hochkommen lassen. Vergleiche, die weh tun und nachdenklich machen. Und das ist doch etwas was ein Buch tun sollte. berühren und zum Nachdenken anregen. Dies tut es!

    Auch wenn einiges nicht vollkommen aufgeklärt wurde, empfand ich das als nicht weiter störend, eine Geschichte wurde erzählt, die Geschichte des Mädchens und dies ist der Hauptbestandteil des Buches. Alles andere beantwortet die eigene Fantasie.

    Und, auch wenn von einigen die Meinung vertreten wird, dieses Buch ist in meinen Augen kein Jugendbuch!