Miroloi: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Miroloi: Roman' von Karen Köhler
4
4 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Miroloi: Roman"

"So eine wie ich ist hier eigentlich nicht vorgesehen." - Karen Köhlers erster Roman über eine junge Frau, die sich auflehnt. Gegen die Strukturen ihrer Gesellschaft und für die Freiheit Ein Dorf, eine Insel, eine ganze Welt: Karen Köhlers erster Roman erzählt von einer jungen Frau, die als Findelkind in einer abgeschirmten Gesellschaft aufwächst. Hier haben Männer das Sagen, dürfen Frauen nicht lesen, lasten Tradition und heilige Gesetze auf allem. Was passiert, wenn man sich in einem solchen Dorf als Außenseiterin gegen alle Regeln stellt, heimlich lesen lernt, sich verliebt? Voller Hingabe, Neugier und Wut auf die Verhältnisse erzählt „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich auflehnt: Gegen die Strukturen ihrer Welt und für die Freiheit. Eine Geschichte, die an jedem Ort und zu jeder Zeit spielen könnte; ein Roman, in dem jedes Detail leuchtet und brennt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
EAN:9783446261716

Rezensionen zu "Miroloi: Roman"

  1. Mein Miroloi muss ich mir selber singen!

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Jan 2021 

    Irgendwo auf einer Insel liegt das Schöne Dorf. Dort herrscht ein patriarchales Regime. Die Gesellschaft lebt nach strengen religiösen Regeln. Männer leben dort bequem auf Kosten ihrer Frauen. Frauen haben dort keine Rechte, nur Pflichten. Diese machen die Arbeit, stehen auf dem Feld, kümmern sich um den Haushalt, die Herstellung von Kleidung, Nahrung. Während Männern nur das Singen und Kochen verboten ist, dürfen Frauen nicht einmal Lesen lernen.
    In diesem Schönen Dorf lebt die Protagonistin dieses Buches. Sie war ein Findelkind, in einem Karton auf den Stufen des Bethauses gelegt. Einen Namen darf sie nicht tragen, nur Schimpfnamen und Beleidigungen werden ihr nachgerufen.

    „So eine wie ich, sagen sie, so eine kann nicht von hier sein, so hässlich ist hier niemand, solche Mütter gibt’s hier nicht.“

    Es ist eine spezielle Welt, die Karen Köhler hier in ihrem Roman Miroloi präsentiert. Es gibt hier vieles, aus vielen Welten, in denen Unterdrückung, religiöser Fanatismus, Fortschrittsverweigerung und toxische Gewalt gegen Frauen herrscht. Sie vermischt die Religionen - das Regelwerk der Gemeinschaft heißt bezeichnenderweise Khorabel, zum Gottesdienst Pujachatt gehören die heiligen Elemente Feuer, Wasser und Erde, die göttliche Trinität ist Zerstörer, Bewahrer, Schöpfer.

    „Schön habt ihr es hier, sagt er, sehr schön. Und so schön ruhig.“, sagt der Beamte von Drüben, der Welt, wie wir sie kennen. Und doch will er den Menschen auf der Insel Strom bringen. Eine Annehmlichkeit, die den Frauen Erleichterung ihrer täglichen schweren Arbeit bringen würde. Doch die Männer stellen sich dagegen, wollen ihre Stellung gegenüber den Frauen nicht aufgeben.

    Die namenlose Protagonistin beginnt sich gegen das Regime aufzulehnen. Von ihrem Ziehvater lernt sie heimlich Lesen und Schrieben. Obwohl sie eine Ausgestoßene ist knüpft sie kleine Freundschaften zu den Frauen im Dorf, erfährt sogar so etwas wie eine sexuelle Emanzipation. Sie verliebt sich in einen jungen Mann, die Beziehung muss selbstverständlich im Geheimen bleiben. Von ihm erhält sie auch einen Namen. Der junge Mann verwendet jedoch die Erzählerin nur zur sexuellen Befriedigung, wird sich aber nie für sie verwenden.

    All diese Gewalt, die Misogynie, das macht beim Lesen durchaus zornig, und doch findet sich in dem archaischen Gefüge nichts Neues, noch nie dagewesenes. Unterdrückten Frauen eine Stimme zu geben ist nie verkehrt, das soll so seien und bleiben. Doch welche Stimme bekommen wir hier zu hören?

    Das Miroloi ist der Totengesang, der zu Ehren eins verstorbenen Mitgliedes der Sekte im Schönen Dorf vorgetragen wird. Diese Ehre wird der jungen Frau im Mittelpunkt der Handlung nie zu Teil werden. So singt sie sich ihr Totenlied selbst. Dabei verfällt sie in eine von der Autorin gewollte naive Sprache, bildet neue Worte, die sich wie kindliche Versprecher lesen. Alltägliche Dinge, Körperteile, Nahrungsmittel, so wie wir sie kennen bekommen neue Namen. Dabei fehlt mir aber eine konsequente Verwendung. Wenn Tomaten, Gurken und Melanzani in Domates, Kurgetten und Melitzanes umbenannt werden, warum dürfen Zwiebel, Knoblauch und Oliven nicht auch umgetauft werden. Ist es Drübensprache oder schlicht Unaufmerksamkeit, wenn einer Frau auf den „Po“ gegriffen wird, dass sich eine werdende Mutter auf ihr „Baby“ freut. In dieser archaischen Welt ist doch gar kein Platz für diese neumodischen Begriffe.

    Fast schon amüsant finde ich, dass die Umweltverschmutzung, die von Drüben kommt, dann für die Protagonistin einen Weg in die Freiheit bedeuten könnte.

    Miroloi gipfelt in einem furiosen Finale. Das Ende scheint offen zu bleiben, sowohl, was das Schicksal der Gemeinschaft als auch das Schicksal der Protagonistin, anbelangt. Doch sollte man nicht vergessen, was das Miroloi ist: ein Totengesang.

  1. Eine Sehnsucht aus Blei

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jan 2020 

    Wo sind wir? Wann sind wir? Dieses Buch ist schwer zu verorten, noch schwerer zeitlich festzulegen.
    Anfangs war ich mir sogar unschlüssig: sind wir überhaupt in unserer Welt oder hat Karen Köhler eine dystopische Parallelwelt entworfen? Aber im Laufe der Lektüre stößt man hier und dort auf Versatzstücke, die erahnen lassen, dass der Schauplatz gleichzeitig eine vollkommen in sich geschlossene, quasi zeitlose Gesellschaft beherbergt – und doch nur einen Wimpernschlag von unserer Realität entfernt ist.

    Ein Geniestreich, der eine starke Grundlage für eine Geschichte bietet, in der das Wort „Emanzipation“ niemals fällt, weil diese Benennung überflüssig ist.

    Wir sind auf einer Insel, wo die Dinge keine Namen haben. So heißt die Insel nur „die Schöne Insel“, das Dorf nur „das Schöne Dorf“, was sich schnell als geradezu lachhafter, perverser Euphemismus herausstellt. Hier werden Frauen so gründlich entmachtet, als habe es so etwas wie Emanzipation nie gegeben.
    Sie schuften den ganzen Tag, arbeiten auf dem Feld, kochen, putzen, nähen für ihre Männer und haben dabei keinerlei Rechte. Ab und an werden sie als Zahlungsmittel eingesetzt – der Händler tauscht besonders begehrte Waren gegen Sex, wobei die Frauen natürlich nicht mitreden dürfen – oder grün und blau geschlagen. Sie erhalten keine Bildung, die über Hauswirtschaft hinausgeht; das bleibt den Jungen vorbehalten, denen umgekehrt verboten ist, zu singen, kochen oder sich künstlerisch zu betätigen.

    Auch autonom dürfen die Dorffrauen sich keine Bildung aneignen. Wird eine von ihnen dabei ertappt, sich gar das LESEN (!!) beizubringen, steht darauf der Schandpfahl.
    Und genau da setzt die Geschichte ein. Denn die Heldin der Erzählung wünscht sich schon seit ihrer frühsten Kindheit sehnlichst, diese magische Gabe zu besitzen – diese rätselhaften Zeichen zu verstehen, weil sie ahnt, dass sich dahinter ganz neue Welten verbergen. Aber sie, ein Findelkind, hat noch nicht mal einen eigenen Namen: sie ist die „Eselshure“, die „Nachgeburt der Hölle“ oder einfach nur „Schlitzi“, ein abwertendes Wort für eine Frau.

    Der Schreibstil spiegelt perfekt wieder, wie eingeschränkt sie in ihrem Leben bisher war, wie unterdrückt und klein gehalten. Ihre Sprache ist anfangs geradezu schmerzhaft einfach und unbeholfen, und doch spürt man in jedem Satz: da steckt jemand drin, der kreativ und intelligent ist. Sie stellt sich dumm, „macht sich weg“, hat einen blödsinnigen Gesichtsausdruck perfektioniert, weil das sicherer für sie ist, und doch kratzt sie von innen an den Wänden ihres mentalen Gefängnisses.

    Als ihr Findelvater, der „Betvater“ des Dorfes und damit eine Autoritätsperson, damit beginnt, sie heimlich im Lesen zu unterrichten, erweitert ihre Welt sich so rasant, dass einem beim Lesen schwindlig werden kann. Es ändert nichts an ihrem Status im Dorf, es gibt ihr keine Rechte, es ist sogar nur eine weitere Sache, die sie in sich verschließen und vor dem Dorf verstecken muss. Aber es zeigt ihr: es gibt mehr als das hier.

    Ihre Sprache verändert sich, erweitert sich, gewinnt eine ganz eigene Art von Poesie.

    „Das müde Meer mit nichts obendrauf als einer Silberspiegelfläche, die ist zum Erkennen da, ist ein Fenster, ist eine Tür, ist eine Sehnsucht aus Blei.“
    (Zitat)

    Der Autorin gelingt es, der ohnehin schon ausdrucksstarken Geschichte über Klang und Struktur der Sprache eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Sie, die Erzählerin, die Namenlose, singt sich ihr eigenes Miroloi, ihr eigenes Totenlied. Wenn sie das auch nur innerlich tut, ist es doch ein Akt der Rebellion und Befreiung.

    „Mein Miroloi muss ich mir selber singen damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nicht gegeben haben.“
    (Zitat)

    Ihr Findelvater lässt sie die Khorabel lesen, das heilige Buch der Gemeinschaft, und zeigt ihr, wie die Obrigen es im Laufe der Zeit immer weiter zensiert und umgeschrieben haben, um die Entmachtung der Frauen zu rechtfertigen. Die Wechselwirkung von Religion und Gesellschaft bildet eine weitere Dimension der Geschichte, insbesondere der Einsatz beziehungsweise Missbrauch von Religon als Werkzeug und Waffe.

    Nach und nach schleicht sich auch die Außenwelt in das beinahe hermetisch abgeriegelte Dorf ein, nicht nur über die Händler vom Festland. Es gibt Interessenten, die das Dorf in die Moderne führen wollen (wenn auch aus eigennützigen Gründen), doch die männliche Dorfgemeinschaft verweigert sich zunehmend panisch, während die Frauen aufhorchen.

    Hier geht es nicht nur um Frauenrechte, sondern genauso um die Ängste der Männer, die zur Unterdrückung der Frauen führen. Hier geht es auch um Tradition und Gemeinschaft. um Fortschrittsverweigerung und Fremdenhass und Ausgrenzung.

    Doch das Miroloi der Erzählerin erklingt nach und nach in weiteren Tonarten der Rebellion. Zu Bildung und Religionskritik gesellen sich Sex und Liebe.

    Erstens: sie gewinnt eine Freundin, von der sie aufklärt wird (was bisher niemand für nötig gehalten hat) und mit der sie lernt, ihre eigene Sexualität zu erkunden. Hier ist Sex mehr als nur Sex, er ist Befreiung, Selbstbestimmung und Rebellion, wenn auch nur im Geheimen.

    Zweitens: sie, die keine Rechte hat, verliebt sich in einen Betschüler, der nicht lieben darf. Yael schläft nicht nur mit, sondern gibt ihr einen eigenen Namen. Ein doppeltes, ein dreifaches Tabu, womit sich der Einsatz erhöht – jetzt geht es nicht nur darum, dass der Schandpfahl droht, jetzt ist es eine Frage von Leben oder Tod.

    Die Liebesgeschichte ist in meinen Augen so symbolisch wie alles, was die Erzählerin erlebt, und dadurch fernab jeden Kitsches. Letztlich geht es hier immer wieder darum, wie ihr Schicksal die Gesellschaft und insbesondere die Frauenrechte wiederspiegelt. Meines Erachtens funktioniert das, weil Karen Köhler es erscheinen lässt wie eine natürliche Entwicklung, ein organisches und nicht erzwungenes Gesamtbild. Und ihre Heldin ist glaubhaft, stark und einnehmend genug, um diese Geschichte zu tragen.

    Manche Rezensenten bemängeln, „Miroloi“ sei eigentlich ein Jugendbuch. Zu naiv sei die Hauptfigur, zu erzwungen und platt die Botschaft. Ich habe das nicht so empfunden, obwohl das Buch sicher auch für Jugendliche geeignet ist. Ja, manche Szenen holpern, klingen nicht ganz stimmig, manchmal ist die Botschaft sehr LAUT UND ÜBERDEUTLICH. Aber die Einfachheit der Sprache und der Botschaft war für mich ein klares Resultat der gezielten Unterdrückung und Unbildung der Protagonistin – und damit eher ein Stilmittel als ein Mangel.

    Das Ende mag polarisieren. Es ist konsequent, mehr möchte ich dazu hier nicht sagen.

    Fazit

    Hier auf der Insel gibt es nur das schöne Dorf. Hier sind die Rollen klar verteilt: die Männer haben alle Rechte, die Frauen keine. Die Erzählerin ist sogar noch machtloser als ihre Geschlechtsgenossinnen, denn als Findelkind hat sie keinen Namen, darf daher keinen Besitz ihr eigen nennen und wird irgendwann sterben, ohne dass jemand das Miroloi, ihr Totenlied, für sie singt.

    Daher singt sie es im Kopf schon mal für sich selber.

    Doch das ist nicht das ganze Ausmaß ihrer Rebellion. Sie lernt Lesen, sie versteckt Gegenstände, die sie als ihre betrachtet, sie verliebt sich in einen Betschüler, dem die Religion Keuschheit vorschreibt. Und sie entdeckt, wie die Obrigen das heilige Buch einsetzen, um Menschen zu kontrollieren.

    Für mich ist „Miroloi“ ein ganz starkes Buch, über das ich sicher noch öfter nachdenken werde. Es geht nicht nur um Frauenrechte, sondern auch um Bildung und Religion und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

  1. Totengesang

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Nov 2019 

    Die junge Frau hat keinen Namen, keine Eltern, keinen Besitz. Als Baby wurde sie im schönsten Dorf der Insel ausgesetzt. Ihr Finder, der Bethaus-Vater, und Mariah aus dem Ort sind ihr fast wie Eltern. Doch weil sie keinen Stammnamen hat und keinen Rufnamen, muss sie Außenseiterin bleiben im Dorf. Die alten Frauen hänseln sie ebenso wie die jungen Mädchen und ohne Namen wird es ihr auch nicht vergönnt sein, zu heiraten. Muss dass denn so sein? Wieso akzeptieren die Menschen auf der Insel ihre Lebensweise? Sie bekommen regelmäßig Nachrichten von Drüben, wenn das Schiff kommt. Und doch verweigern sie sich den Veränderungen.

    Eine eigenartige und rückständige Inselwelt ist es, mit der uns die Autorin bekannt macht. Da mag es eine schöne Insel sein und ein schönes Dorf, doch wie das Leben geregelt ist, mutet sehr gewöhnungsbedürftig an. Es beginnt schon damit, dass die es auf der Insel keinen Strom gibt und damit eine ganze Menge nützliche Dinge per Hand erledigt werden müssen. Die junge Frau ohne Namen ist eine der wenigen, die sich Gedanken macht, ob dieses System wirklich so erstrebenswert ist. Obwohl sie so eingeschränkt in ihren Rechten ist, hat sie dadurch sogar eher mehr Freiheiten, weil kaum jemand sie beachtet.

    Was in diesem Buch über die Ideologie der Struktur zu erfahren ist, kann man teilweise nur mühsam einordnen. Vielleicht soll man das auch garnicht. Wie sich die junge Frau, die von ihrem Finder „Mein Mädchen“ genannt wird, jedoch mit dem System auseinander setzt und es für schlecht befindet, ist packend erzählt. Bis zu einem gewissen Punkt strahlt der Roman eine Leichtigkeit und Gradlinigkeit aus, von der man meint, sie könne nur ins Happyend führen. Wie auch im richtigen Leben geht nicht alles glatt, doch das Mädchen emanzipiert sich. Ihre große Kraft und ihr Durchblick machen Mut und wecken die Hoffnung, dass es doch welche gibt, die nicht der Masse hinterher rennen und ihr Unglück auch noch klasse finden, nur weil es irgendwo steht oder es irgendwer sagt. Das Mädchen sagt selbst was. Wieso dieser Roman teilweise recht kontrovers diskutiert wird, erschließt sich nicht. Die junge Frau, um die es hauptsächlich geht, überzeugt mit ihrer Art, ihrer Intelligenz und dem ruhigen Widerspruchsgeist, den sie allem und allen entgegenbringt, die es sich allzu leicht machen, in ihrem Glauben an die drei Götter und das Geschwafel der vermeintlich Herrschenden.

  1. Singe uns dein Totenlied

    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Sep 2019 

    Karen Köhlers dystopisches Romandebüt „Miroloi“ stand im Jahr 2019 auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. Dieses hat mich, gemeinsam mit dem interessant klingenden Klappentext, dazu veranlasst, zu diesem Buch zu greifen. Erfüllen konnte dieser 464-seitige Roman, der im August 2019 bei Carl Hanser erschienen ist, meine Erwartungen indes nicht – dazu hat er einfach nicht genug Neues zu bieten.
    Die Ich-Erzählerin, eine junge, namenlose Frau, lebt als Aussätzige im „Schönen Dorf“ – einer patriarchalischen, religiös fundamentalistischen Gesellschaft. Die Männer, allen voran der Betvater und der Ältestenrat, haben hier das Sagen, und sind, wie in jeder diktatorischen Gesellschaft, gleicher als gleich. Als der Betvater, der gleichzeitig ihr Ziehvater ist, sie das Lesen und Schreiben lehrt, kurz darauf stirbt und sie in Yael, einem jungen Betschüler, einen Liebhaber findet, beginnt sich die Protagonistin gegen die herrschenden Zustände zu wehren.
    Sprachlich und stilistisch ist der Roman stimmig: In 128 Strophen singt die Erzählerin hier ihr „Miroloi“, ihr Totenlied, das ihr als Findelkind eigentlich gar nicht zusteht. Die Sprache ist einfach, kindlich naiv, was sehr gut zum Bildungsstand der Dorfbewohner/innen passt und den Roman an sich, hat man sich einmal in den Stil eingefunden, gut lesbar macht. Der Aufbau einiger Strophen sowie die zahlreichen Wortneuschöpfungen zeugen von Kreativität. Über weite Strecken werden das Leben und die Rituale in dieser Gemeinschaft beschrieben, wodurch Leserinnen und Leser tief in diese archaische Welt eintauchen können. Als sehr treffend empfand ich beim Lesen auch die Dialoge. Die Stimmung ist durchgehend düster: Die Protagonistin selbst trägt aufgrund ihrer unbekannten Herkunft keinen Namen, wird von den meisten nur „Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle“ (S. 9) genannt. Die Dorfältesten wehren sich gegen fast jede Art des Fortschritts, sodass man auf dieser Insel, die im Mittelmeer verortet zu sein scheint, fast so lebt wie in der Antike, obwohl es in der Welt „drüben“, d.h. jenseits des Meeres, zu der mittels eines Händlers Kontakt gepflegt wird, schon viele Errungenschaften der Moderne gibt.
    Die Themen, die Köhler in diesem Roman aufgreift, sind vielfältig – und hier liegt m.E. das Manko des Romans. Sie reichen von Konservatismus über Feminismus, Gesellschafts- und soziale Fragen, Religion bis hin zu Bildungsthemen. Vieles wird hier auch miteinander vermischt, wenn die Religion in diesem Dorf z.B. auf der einen Seite durch ihren Polytheismus in Gestalt von Feuer, Wasser, Erde bzw. Zerstörer, Bewahrer, Schöpfer an Naturreligionen erinnert, auf der anderen Seite aber auch Elemente von Christen- und Judentum sowie dem Islam beinhaltet. Wütende Dorfbewohner/innen, die nach Bananen schreien, erinnern an Szenen, die wohl jeder noch aus Zeiten der deutschen Wiedervereinigung vor Augen hat und wirken fast schon ungewollt komisch, genau wie der Umstand, dass die Protagonistin sich gegen Ende mithilfe von Plastikmüll verkleidet und ihre Leidensgenossinnen zu einer Revolte anstiftete. Und dieses sind nur einige Punkte, die ich herausgegriffen habe. Bei solch einer Fülle an Themen ist es nicht verwunderlich, dass letztlich alles an der Oberfläche bleibt.
    Bildung in Form des Lesen- und Schreibenkönnens sowie das sich Lösen von Alterhergebrachtem bietet Köhler als Schritt in eine gerechtere Zukunft an – beides Dinge, die in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft durchaus praktiziert werden, die allein aber nicht ausreichen. Zugute halten muss man der Autorin, dass sie das Ende des Romans offen lässt – man weiß am Ende weder, wie es mit dem Schicksal des Dorfes noch mit dem der Protagonistin weitergeht. Doch alles in allem wird hier nur eine Reihe von schon hinlänglich behandelten Gesellschaftsdefiziten aufs Tapet gebracht, ohne dass wirklich Neues oder Alternativen zu schon Bestehendem geboten werden.
    Aufgrund seines ungewöhnlichen Stils und seiner guten Lesbarkeit habe ich den Roman zu Ende gelesen. Inhaltlich überzeugen konnte er mich überhaupt nicht, auch wenn er vielleicht einige Denkanstöße bietet – Denkanstöße allerdings, die man sich woanders fundierter holen und die man mit etwas gesundem Menschenverstand im Grunde selbst finden kann.

  1. Ein Blick auf das Leben in einer Diktatur und dies aus der Sicht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Sep 2019 

    Ein Blick auf das Leben in einer Diktatur und dies aus der Sicht einer Ausgestoßenen

    Dieses Buch wäre das zweite Buch von der diesjährigen Longlist des Deutschen Bücherpreises, welches ich gelesen habe und ich kann sagen, "Miroloi" lässt mich vollkommen begeistert zurück. Die Tiefe, die in dieser etwas simpel gestrickten Story zu finden ist, wäre atemberaubend zu nennen und das literarische und psychologische Können, das Karen Köhler hier erkennen lässt, ist gewaltig.

    Warum bin ich so begeistert, wo es doch sooo viele negative Stimmen gibt. Weil mich die Geschichte unheimlich berührt und getroffen hat! Und das ist etwas wunderschönes, ein wundervolles Gefühl! Ja, ihr lieben Literaturkritiker, das sollte man nicht außer Acht lassen! Es gab ja schon bei "Stella" viel Geschrei. Unnötiges Geschrei! Und hier ist es dasselbe. Unnötiges Geschrei!

    Die Erzählstimme, die Karen Köhler hier entstehen lässt, gehört einem jungen Mädchen, ein ausgegrenztes Mädchen. Ein Mädchen, welches kurz nach seiner Geburt in einem Karton ausgesetzt wurde, von dem örtlichen Priester, dem Betvater aufgezogen wird. Ein Mädchen, dass durch die Regeln in dieser Gesellschaft, durch ihr Ausgesetztsein, durch ihre fehlende Familie, keinen Namen erhält, also eigentlich nicht da ist. Ein Mädchen, welches wissbegierig ist, aber in einer Gesellschaft lebt, in der Frauen nicht lesen und schreiben dürfen. Ein Mädchen, welches Kraft hat und aus dieser Gesellschaft entfliehen möchte, aber daran gehindert und für ihren Fluchtversuch bestraft wird, ein Bein wird ihr zertrümmert, fortan kann sie nur noch humpeln. Ein Mädchen, dass kaum Bezugspersonen hat, nur der Betvater und eine ältere Frau kümmern sich um sie und geben ihr etwas Liebe. Eine alleinstehende und dadurch auch schutzlose Person wird schnell zur Zielscheibe. Und genau das ist das Mädchen, eine Zielscheibe. Durch dieses ganze Erleben ist das Mädchen beeinträchtigt und diese Beeinträchtigung lässt Karen Köhler in ihrer Sprache erklingen. das Mädchen ist die Erzählstimme in "Miroloi", sie erzählt von ihrer Welt, von ihrer Insel, von ihrer Umgebung, von ihrer Ausweglosigkeit, von ihrer Trauer, von ihrer Wut, von ihren Wünschen, von ihrem Leben, aber auch von Veränderungen. Und das geschieht in einer naiven, kindlichen, aber gleichzeitig auch tief poetischen Sprache, schlussendlich aber auch eine dem Entwicklungsstand des Mädchens perfekt angepassten Sprache. Und diese Sprache berührt tief. Auch wenn die Story nach und nach recht vorhersehbar daherkommt, hat mich das nicht gestört. weil dieses Mädchen und ihr Blick auf eine Diktatur, auf eine in sich geschlossene und auch aggressive Gesellschaft, eine durch Religion und Patriarchat geformte Gesellschaft viele Vergleiche in die heutige Zeit hochkommen lassen. Vergleiche, die weh tun und nachdenklich machen. Und das ist doch etwas was ein Buch tun sollte. berühren und zum Nachdenken anregen. Dies tut es!

    Auch wenn einiges nicht vollkommen aufgeklärt wurde, empfand ich das als nicht weiter störend, eine Geschichte wurde erzählt, die Geschichte des Mädchens und dies ist der Hauptbestandteil des Buches. Alles andere beantwortet die eigene Fantasie.

    Und, auch wenn von einigen die Meinung vertreten wird, dieses Buch ist in meinen Augen kein Jugendbuch!