Milchzähne: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Milchzähne: Roman' von Helene Bukowski
3
3 von 5 (3 Bewertungen)

Broschiertes Buch
Eines Tages steht das Kind plötzlich da, die Haare feuerrot leuchtend inmitten des Kiefernwaldes, und gehört niemandem. Skalde nimmt es mit zu sich, obwohl sie weiß, dass die anderen, die in der abgelegenen Gegend leben, das nicht dulden werden.
Skalde und ihre Mutter Edith gehörten selbst nie richtig zur Gemeinschaft, seit Edith vor mehr als zwei Jahrzehnten plötzlich triefend am Ufer des Flusses stand, von dem die Anderen sich erhofft hatten, er würde sie vor der im Chaos versinkenden Welt beschützen. Mutter und Tochter lieben einander auch, weil ihnen nichts übrig bleibt: Gegen die Bedrohung müssen sie zusammenhalten. Vor allem jetzt, da immer klarer wird, dass das Leben des Kindes - und ihr eigenes - in Gefahr ist ...
Helene Bukowski hat einen atemberaubenden Debütroman von so zeitloser Gültigkeit wie brisanter Aktualität geschrieben, einen Bericht aus einer verrohten Welt, die irgendwo auf uns zu warten droht.

"Helene Bukowski hat ein modernes Märchen geschrieben. Warmherzig, doch nicht sentimental. Vertraut und doch geheimnisvoll. Für ein paar Tage lebte ich dort, in diesem alten Haus am Waldrand, mit Skalde, Edith und Meisis und als es vorbei war, musste man mich mit Gewalt vom Türrahmen lösen. Selten sind mir Figuren so ans Herz gewachsen." Philipp Winkler

"Ein Roman wie ein Wachtraum aus der verbotenen Zone. Wer sich hinein begibt, verliert sich darin. Und wird mit einem Finale belohnt, das zu Tränen rührt." Thomas Klupp

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Blumenbar
EAN:9783351050689

Rezensionen zu "Milchzähne: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Aug 2019 

    Nur noch ein paar Grad…

    Vor kurzem schlug das europäische Erdbeobachtungsprogramm Copernicus Alarm: weltweit betrachtet war der Juni 2019 der heißeste Juni aller Zeiten, während der Juli den bisherigen Rekord zwar nicht brechen, aber damit mithalten konnte. Betrachtet man die Fakten, lässt sich der Klimawandel kaum leugnen – obwohl nicht nur Donald Trump die Augen davor verschließt.

    Warum werde ich hier so politisch? Weil ich schwitzend in meinem abgedunkelten Wohnzimmer saß und beim Lesen des Buches zunehmend beklommen dachte: oh Gott, das ist nicht mehr weit entfernt… In wenigen Jahren ist dies womöglich keine Dystopie mehr.

    Helene Bukowski spricht das Wort Klimawandel nie explizit aus. Die Welt, die sie beschreibt, wird jedoch von verheerenden Temperaturen geplagt und verwüstet. Die Menschen der kleinen Gemeinschaft, in der Skalde und ihre Mutter Edith leben, schotten sich verzweifelt ab in einem Gebiet, in dem Leben gerade noch möglich ist – der Nebel, dessen Feuchtigkeit sie beschützt, nimmt ihnen aber auch den klaren Blick auf die Welt. Fremde (Klimaflüchtlinge?) sind nicht willkommen.

    Brisanter und aktueller könnte das Buch in dieser Hinsicht kaum sein.

    Da Edith selber einst als Fremde über den großen Fluss kam, werden sie und ihre Tochter nur misstrauisch geduldet. Als Skalde ein Kind von außerhalb findet und aufnimmt, droht das Seil des Fallbeils zu zerreißen.

    Die Autorin lässt viele Leerstellen in ihrem Weltentwurf.
    Wie diese Gemeinschaft sich zusammengefunden hat. Wieso der Fluss für sie eine fast heilige Grenze ist. Warum die Milchzähne und deren Verlust so wichtig sind, dass sie über Leben und Tod entscheiden können.

    Es ist, wie es ist. Und das funktioniert. Die Rahmenbedingungen für eine prägnante Geschichte sind gegeben, auch wenn sie nur skizzenhaft umrissen werden. Vieles kann man lediglich erahnen – aber genau das erlaubt es dem Leser, das Bild selber zu ergänzen und die Bedeutung intuitiv und individuell zu erleben.

    Von einem klassischen Spannungsbogen ist kaum zu sprechen.
    Dennoch entwickelt das Buch auf seine eigene Art eine ungemeine Sogwirkung.

    Die dichte Atmosphäre und die sonderbaren Rahmenbedingungen dieser Gemeinschaft haben mich mehrfach an den Film „The Village“ von M. Night Shyamalan erinnert. Obwohl die Hintergründe und auch die Auflösung der Geschichte ganz andere sind, evoziert das Buch ein vergleichbar traumartiges Gefühl, das den Leser nicht mehr loslässt.

    Die Charaktere bilden ihr ganz eigenes Spannungsfeld.
    Die Dörfler haben Angst vor der Außenwelt und vor Edith als deren Repräsentantin. Dass diese nie ihre Milchzähne verloren hat, macht sie noch zusätzlich zu einer Bedrohung, was nicht näher erklärt wird. Edith wiederum hat Angst vor den Dörflern und ist nach vielen Jahren der Ausgrenzung von leise schwelendem, resigniertem Hass erfüllt.

    Als kleines Kind lebt Skalde in einer Grauzone: sie wird nicht ganz akzeptiert, jedoch auch nicht ganz abgelehnt. Mutter und Tochter können daher nur aufeinander vertrauen, obwohl zwischen ihnen eine unterschwellig feindselige Angst herrscht.

    Ist es Liebe oder nur Notwendigkeit? So oder so ist die Bindung ungesund eng, eine Übersteigerung der typischen Dynamik zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern. Als Skalde ihre Milchzähne verliert, wird diese Bindung endgültig von gegenseitigem Misstrauen und Hass vergiftet – denn jetzt gehört Skalde zur Gemeinschaft, und Edith steht wieder ganz alleine außerhalb.

    Wenn man das Buch aufs Wesentliche reduziert, die Apokalypse quasi ganz rausnimmt, dann ist das zentrale Thema nicht der Klimawandel, sondern das Erwachsenwerden mit einer Mutter, die nicht loslässt.

    Jahre später findet die inzwischen erwachsene Skalde ein rothaariges Kind – ein Wechselbalg, eine Unerwünschte. Der Inbegriff des Fremden.

    Das Kind, von Skalde Meisis getauft, bleibt in meinen Augen ein Symbol. Wenn Meisis ihre Milchzähne nicht bald verliert – der einzig akzeptierte Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein –, muss sie gehen und damit vermutlich sterben. Für Skalde, die sich schon mit dem Verlust ihrer eigenen Milchzähne ein Stück weit aus alten Strukturen gelöst hat, wird dies zum auslösenden Moment.

    Sie sieht auf einmal alles mit ganz neuem, wachem Blick: die von ihrer Mutter eingeforderten Restriktionen, aber auch die absurden Regeln einer Gesellschaft, die aus Furcht vor der Außenwelt die innere Verrottung ignoriert.

    Die Sprache ist so knapp wie evokativ.

    Ohne jemals rührselig zu werden, ruft sie mit ausdrucksstarken Bildern eine Vielzahl an Emotionen hervor und spielt dabei mit den Erwartungen des Lesers. Was gerade noch ländlich-idyllisch wirkt, kann jederzeit umschlagen in ein Gefühl fast apokalyptischer Bedrohung – gleichsam kann Aggressivität auf einmal wirken wie ein eigentümlicher Ausdruck von Liebe.

    „Das letzte Licht ließ die Stämme der Kiefern rot aufleuchten. Meisis lief voraus. Unter meinen Sohlen knisterte das Gras, als würde es sich gleich entzünden. Bevor ich in den Wald trat, schaute ich noch einmal zurück. Die Sonne versank hinter dem Haus. Der Himmel sah aus, als ob er brannte.“
    (Zitat)

    FAZIT

    Skalde und ihre Mutter Edith sind widerwillig geduldete Außenseiter in einer kleinen Gemeinschaft, die versucht, in einer Welt nach dem Klimawandel irgendwie zu überleben. Niemand darf den Fluss überqueren, der als letzte Grenze zu einer bedrohlichen Außenwelt betrachtet wird – die Brücke haben sie schon lange gesprengt.

    Dann findet Skalde ein kleines Mädchen, das von außerhalb kommt, und das wird zu ihrem persönlichen Schlüsselmoment. Sie muss nicht nur die Gemeinschaft und ihre eigene Rolle darin hinterfragen, sondern sich auch von der Hassliebe zu ihrer einengenden Mutter lösen.

    Hier wird fast nichts erklärt. Alles wird angedeutet, alles muss man zwischen den Zeilen lesen. Die Geschichte hat genug Symbolik, um einen Deutschlehrer vor Glück weinen zu lassen. Und in meinen Augen funktioniert das großartig, wenn man sich darauf einlässt.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Aug 2019 

    Zeit- und ortlos

    Skalde lebt mit ihrer Mutter irgendwo im Nirgendwo. Mutter und Kind versorgen sich selber. Skalde lernt die Welt aus Büchern kennen. Nach und nach stellt sich heraus, dass es wohl eine Klimakatastrophe gegeben hat und dass die beiden wohl in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen leben, von diesen aber nur geduldet werden. Dann findet Skalde im Wald ein Kind. Von diesem Zeitpunkt an kippt die Gemeinschaft, es beginnt ein zähes Verhandeln ums Überleben.
    Milchzähne ist der Debütroman der jungen Autorin Helene Bukowski. Die Schriftstellerin hat um sich auf dieses Buch vorzubereiten, selbst einige Zeit zurückgezogen in einer Hütte verbracht.
    Es ist eine zeit- und ortlose Geschichte, die aus Skaldes Perspektive erzählt wird. Es gibt keine konkreten Anhaltspunkte, was mit der Welt, mit den Menschen passiert ist. Edith warnt ihre Tochter Skalde, als diese noch klein war, vor einer diffusen Gefahr.
    »Geh nicht weiter als bis zur Brombeerhecke«, schärfte Edith mir ein. Für sie selbst galt diese Regel nicht. Sie ging, wenn sie glaubte, dass ich schlief.“
    Als Skalde ihren ersten Milchzahn verliert, ändert sich das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Skalde beginnt gegen die Mutter aufzubegehren, ihren Radius zu erweitern. Die Gefahr, vor der Edith gewarnt hat mag vielleicht im Unbekannten, im Fremden existieren. Doch die viel größere Gefahr lauert im Inneren, bei der restriktiven Mutter und der verblendeten, sektoiden Gemeinschaft.
    Milchzähne ist ein Roman über das Erwachsenwerden, verpackt in eine Dystopie. Skalde erzählt oft sehr bruchstückhaft, die Jahre vergehen von ihrer Kleinkindzeit zur jungen Frau schnell und übergangslos. Es sind viele Lücken, die sich mir aufgetan haben, viele Fragen, die ich mir beim Lesen gestellt habe. Es wird nicht viel davon beantwortet. Ratlos stehe ich am Ende des Buches da, weiß eigentlich nicht genau, was die Autorin mitteilen wollte. Mir ist nicht danach, Lücken in einem Roman selbst zu füllen. Könnte ich das, würde ich vielleicht selber schreiben.

  1. bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 09. Mai 2019 

    Zeitverschwendung

    Ich bin ja wirklich froh, dass ich auch ohne Bloggerstatus immer wieder die Gelegenheit bekomme, Rezensionsexemplare bzw. E-Books über Netgalley zu lesen. Für manch fantastische Lektüre hätte ich (im Nachhinein) auch gerne bezahlt. Aber immer wieder verirrt sich auch ein hochgelobter und vielgepriesener Roman in meine Bibliothek, wo ich mir hinterher denke "Warum?"
    Und so bin ich auch bei "Milchzähne", dem Debüt von Helene Bukowski, froh, nichts dafür bezahlt zu haben.

    Dieses Jahr scheinen Romane, die dystopisch angehaucht sind und den Klimawandel aufgreifen, Konjunktur zu haben. War es bei "Die Mauer" von John Lanchester die Kälte, die einem den Roman im wahrsten Sinne des Wortes vereist hat, war es bei "Milchzähne" die Hitze (und nicht nur die *g*), die einem den Schweiß auf die Stirn getrieben hat.

    Ich habe mich die ganze Zeit beim Lesen gefragt, was nicht ausfallende Milchzähne (eine von vielen fragwürdigen Dingen im Roman) mit der Story um eine kleine Kommune irgendwo in Skandinavien (besser lässt es sich nicht verorten) zu tun hat, die nach dem (Klima-)Wandel abgeschnitten vom Rest der Welt ums Überleben kämpft.

    Wenn es einen mystischen Touch in die Geschichte bringen sollte und die Andersartigkeit von Meisis betonen sollte, so ist der Schuss leider nach hinten losgegangen.

    Vielleicht habe ich den Roman nicht verstanden, aber ich habe das Gefühl, dass Helene Bukowski nur ein Stück vom viel zu großen Kuchen abhaben wollte, ohne der Leserschaft wirklich etwas zu sagen zu haben. Sorry für diese harten Worte, aber für mich war der Roman die reinste Zeitverschwendung und kann deshalb auch nur 1* vergeben.