Milchmann: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Milchmann: Roman' von Anna Burns
4.1
4.1 von 5 (13 Bewertungen)

»Der Tag, an dem Sowieso McSowieso mir eine Waffe vor die Brust hielt und mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.« Mit Milchmann legte Anna Burns das literarische Großereignis des vergangenen Jahres vor. Ein Roman über den unerschrockenen Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben – weltweit gefeiert und ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize. Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein. Doch was kann sie noch tun, nun, da das Gerücht einmal in der Welt ist? Milchmann ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einem Weg für sich sucht – in einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen dunklen Wahrheiten erfindet und in der jeglicher Fehltritt enorme Konsequenzen nach sich zieht.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:496
Verlag: Tropen
EAN:9783608504682

Rezensionen zu "Milchmann: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Nordirland in den 70ern

    Der Anfang des Romans nimmt sein Ende vorweg: „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal.“ Die Geschichte des Romans ist, wie es so weit kommen konnte, dass ein 18jähriges Mädchen solches erlebt und fühlt.

    Die Ich-Erzählerin nennt keine Orte und keine Namen. Zu ihren Familienverhältnissen erfährt der Leser: Der Vater ist tot. Die älteste Schwester (Schwester Eins) ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht liebt (Schwager Eins). Schwester Zwei hat Schande über die Familie gebracht, weil sie eine „Mischehe“ mit einem Mann von den staatlichen Sicherheitskräften eingegangen ist und sich offenbar in das Land auf der anderen Seite der See abgesetzt hat. Sich selbst nennt die Erzählerin die mittlere Schwester. Neben ihr gibt es noch Kleine Schwestern und drei Brüder. Die Brüder sind jedoch gestorben, auf der Flucht oder verschollen. Damit sind die Frauen der Familie auf sich allein gestellt.

    Es wird recht schnell klar, dass die Geschichte während der 70er Jahre in Nordirland spielt. In dem Viertel, in dem die Familie wohnt, haben die sog. Verweigerer (staatsfeindliche Paramilitärs) das Sagen. Die Atmosphäre ist geprägt von dauernder tödlicher Bedrohung durch Anschläge und Autobomben, Angst vor Denunziation und gegenseitigem Misstrauen. In diesem Umfeld, in dem jederzeit alles passieren kann, wächst die Erzählerin auf und sucht für sich den Anschein von Normalität. Sie lernt Französisch, obwohl sie dazu in ein anderes Stadtviertel fahren muss. Sie geht Joggen, liest im Gehen. Am liebsten möchte sie unsichtbar sein und kein Interesse erregen. Denn wer interessant ist, der zieht Aufmerksamkeit auf sich, und Aufmerksamkeit ist in diesen Zeiten gefährlich.

    Ohne ihr Zutun zieht die Erzählerin allerdings die Begehrlichkeiten des Milchmanns auf sich. Der Milchmann ist ein ranghoher Paramilitär, erheblich älter und verheiratet. Der Name „Milchmann“ stammt offensichtlich daher, dass die IRA früher Benzinbomben in Milchkästen an Jugendliche verteilt hat.

    Eines Tages hält dieser Milchmann mit seinem Wagen auf offener Straße neben der Erzählerin und bietet ihr an, sie nach Hause zu fahren. Sie lehnt ab. Die zufälligen/geplanten Begegnungen häufen sich jedoch und es fällt ihr zunehmend schwerer, die Annäherungsversuche des Milchmanns abzuwehren, ohne ihn zu verärgern und ihre Familie dadurch zu gefährden. Dennoch kommen im Viertel Gerüchte über ihre angebliche Affäre mit dem Milchmann auf. Die Erzählerin weiß sich nicht zu helfen und flüchtet in Passivität. Sie wehrt sich nicht, sie kommentiert die Gerüchte nicht und befeuert die Vermutungen und das Gerede dadurch nur noch mehr. Wie das Ganze endet, hat der Anfang des Romans bereits verraten.

    Der Roman lebt von den vielen kleinen Beobachtungen, wie sich der Nordirlandkonflikt auf das Leben der normalen Bevölkerung auswirkte. Den roten Faden liefert die ungewollte Bedrängung der Erzählerin durch einen wesentlich älteren, sehr einflussreichen Mann und die Art und Weise, wie ihr Umfeld darauf reagiert. Mit dem Tod des Milchmanns ist die Bedrohungslage am Schluss des Romans zwar beendet. Die Gelöstheit ist meiner Ansicht nach jedoch nur vorübergehend. Denn die Probleme sind dadurch nicht gelöst. Einen positiven Fingerzeig kann man allenfalls darin sehen, dass die Ich-Erzählerin offensichtlich rückblickend, aus einigen Jahren Abstand, erzählt und die Begebenheiten reflektiert und analysiert hat.

    Die historische Einbindung des Romans fand ich sehr interessant, da ich noch nicht viele Bücher über den Nordirlandkonflikt gelesen habe. Die Bedrängnis der Erzählerin durch einen älteren, einflussreichen Mann und ihr Gefühl, sich nicht wehren zu können, hat zudem einen aktuellen Bezug und wurde für mich sehr anschaulich geschildert.

    Einziger kleiner Minuspunkt: Für mich waren einige der inneren Reflexionen der Protagonistin zu lang und das Ende blieb unbefriedigend. Daher gibt es von mir gute vier Sterne.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 22. Mär 2020 

    Die große Qual...

    Eigentlich hatte ich bereits vorher die Vermutung, dass ich Schwierigkeiten mit diesem Buch haben würde, aber trotzdem war ich aufgrund des Hypes neugierig und begann mit der Lektüre.

    In der Geschichte geht es um Mittelschwester und ihre Familie, die mitten im Nordirlandkonflikt leben. Sie müssen stets auf der Hut sein, um nicht für Denunzianten gehalten zu werden. Zudem leben sie unter strengen Regeln der Kirche. Doch dann gerät Mittelschwester ins Visier des Milchmannes und nichts ist mehr wie es war. Wie kann sie sich davon nur befreien?

    Zunächst einmal fand ich die Erzählweise und das Nicht-Nennen-von-Namen recht interessant, aber nach den ersten hundert Seiten wurde ich dem Ganzen immer mehr überdrüssig. Ich verlor immer mehr den Überblick über die Figuren, die sehr zahlreich sind.

    Mittelschwester fungiert hier als Ich- Erzählerin und lässt uns in wirren, wild durcheinander gewürfelten Szenen an ihrem Leben teilhaben. Dies macht das Lesen immens anstrengend, da sich kein roter Faden durch die Handlung zieht. Man springt mit ihren Gedanken, kann mal mehr, mal weniger folgen. Normalerweise kann ich mich bei einem Ich- Erzähler immer schnell in die Person einfühlen, hier gelang mir dies jedoch gar nicht. Ich habe absolut keine Ahnung wer sie ist und was sie wirklich ausmacht. Auf 450 Seiten blieb sie mir einfach fremd.

    Genauso erging es mir auch mit den anderen agierenden Personen. Ich werde sie sehr schnell wieder vergessen haben und ihren Sinn in der Geschichte wohl nie nachvollziehen können.

    Zum Glück hatte ich mich vor der Lektüre etwas informiert, so dass ich wusste wo das Ganze spielt, denn sonst würde man die Handlung eher im nahen Osten oder ähnliches verorten.

    Was der Autorin sehr gut gelungen ist: Drama und Angst zu kommunizieren. Der ganze Roman ist eine einzige Aneinanderreihung von Gewalt, Unterdrückung und Verachtung gegenüber den Menschen, insbesondere Frauen. Sie zeigt sehr deutlich was Tratsch und Klischees für Konsequenzen in einer Gesellschaft haben kann, die nicht offen ist für Andersdenkende ist.

    Der Roman zieht einen emotional runter, was zum einen an der Härte der Situation liegt, in der Mittelschwesters Familie zurechtkommen muss. Andererseits zweifelte ich als Leser ein ums andere Mal an meinem Verstand, weil sich mir einfach nicht alles erschloss, was dargestellt wurde.

    Richtig nervig fand ich zudem, dass sich unheimlich viel wiederholt. Gefühlt wäre der Roman nur halb so dick, wenn alle Wiederholungen ausgelassen werden würden.

    Fazit: Etwas überfordert bleibe ich nach der Lektüre mit der Frage zurück: Was sollte das Ganze? Wer sich gern quält, der wird diesem Buch etwas abgewinnen können. Allen anderen rate ich davon ab. Nutzt eure Lesezeit sinn- und freudvoller!

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 10. Mär 2020 

    War so gar nicht meins

    Eine junge Frau, die in einer kleinen Stadt lebt, zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen älteren Mannes auf sich. Der Milchmann. Obwohl sie versucht, alle in ihrem Umfeld im Unklaren über diesen Mann zu lassen, brodelt bald die Gerüchteküche. Dadurch wird sie interessant, etwas, was sie vermeiden wollte, weil es gefährlich ist. 

    Auf dieses Buch war ich sehr gespannt. Mich hat bereits das Cover angesprochen. Und die Beschreibung klang recht mysteriös, ich konnte mir nicht vorstellen, welche Geschichte mich letztlich erwartet. Das machte mich sehr neugierig. 
    Der Einstieg in das Buch ist mir leider sehr schwer gefallen. Ich fand den Schreibstil sehr anstrengend, so dass es mir nicht leicht fiel, dabei zu bleiben. Ich war nicht in der Lage, richtig in die Geschichte reinzukommen und zu folgen. 
    Zu den Personen habe ich keinen richtigen Zugang bekommen. Das lag sicher daran, dass keiner von ihnen einen Namen hat, auch nicht die Hauptprotagonistin. Sowas macht mich teilweise kirre, weil ich darauf lauere, wie denn der Name ist bzw. mich frage, ob ich den Namen überlesen habe. Durch die Beschreibung der Personen konnte ich sie zwar gut zuordnen, aber sie blieben dennoch ziemlich fremd. 
    Die Handlung des Romans konnte mich leider auch nicht richtig packen. Es gab sehr viele Längen, Ausschweifungen und Wiederholungen, die mich irgendwann ziemlich nervten. Ich war etliche Male geneigt, das Buch wegzulegen, habe aber trotzdem durchgehalten. 
    Die Grundstimmung, die durchgängig vermittelt wurde, war dagegen sehr gut gelungen. Das Gefühl der Bedrohung und der Gefahr wirkte greifbar und real. Insofern konnte ich die Ängste der Protagonistin gut nachvollziehen. 

    Der Roman war leider nicht meins. Ich hatte keine Freude beim Lesen und war nicht gefesselt. Insofern kann ich leider nur 2 von 5 Sternen vergeben.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Mär 2020 

    where the streets have no name

    Eine namenlose junge Frau in einer namenlosen Stadt, wo selbst die Straßen keine Namen haben. Dort lebt die Erzählerin „Mittelschwester“, mit ihrer Mutter, den Kleinen Schwestern. Der Vater ist verstorben, die großen Schwestern verheiratet. Die Großen Brüder irgendwo. Es ist eine ganz eigene Welt, in der sie lebt, in einer eigentümlichen, gefährlichen Zeit. Bis eines Tages ein Mann, wesentlich älter als sie, der Milchmann, in ihr Leben tritt, sie vereinnahmen will, sie beobachtet, verfolgt, gegen ihren Willen.
    Es ist wohl Belfast in den 1970ern, während des Nordirlandkonfliktes, von dem die Erzählerin berichtet, Jahre später. Als sie Worte und Begriffe findet, für das was damals passiert ist und für die es damals noch keine Begriffe gab. Belfast „where the streets have no name“ haben auch die handelnden Personen keine Namen. Es ist gefährlich, zu wissen in welcher Straße man wohnt, zu leicht lässt sich feststellen, welchem Glauben, welchem Teil der Bevölkerung man angehört. Auch Namen sind gefährlich, lässt sich doch daran erkennen, auf welcher Seite der Straße, welcher Seite der See man lebt.
    „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.“
    So beginnt der Roman von Anna Burns. Gleich mit diesem ersten Satz, weiß man, dass der Milchmann nicht überlebt, aber die Bedrohung für die Erzählerin damit nicht endet.
    Die Erzählerin will sich raushalten aus den Geschehnissen, selbst ihre Beziehung ist eine Vielleicht-Beziehung zu einem Vielleicht-Freund. Sie ist das „gehende Mädchen“ immer mit einem Buch in der Hand. Ihre Lektüre stammt aus früheren Zeiten, bloß nichts Gegenwärtiges. Sie will sich entziehen und merkt nicht, dass sie gerade deswegen Aufmerksamkeit erregt. Der Milchmann erwählt sie als Objekt seiner Begehrlichkeit. Sie kann nichts dagegen tun. Doch wer ist dieser ominöse Milchmann, um den sich so viele Gerüchte ranken. Und der Ursache dafür ist, dass die Erzählerin unter ein Licht gestellt wird, in dem sie nicht gesehen werden will. Ist er ein Staatsverweigerer, ein Terrorist, ein Spion, von der anderen Seite der See gar?
    Anna Burns lässt diese eine Frau erzählen von einer Welt die geprägt ist von echten und geschürten Ängsten, von einer komplett umgedrehten Welt. Lässt sie vom Hundertsten ins Tausende kommen, lässt sie vom Krieg erzählen der nicht als „troubles“ ist, gibt ihr eine spitze Zunge und einen bitterbösen Sinn für Humor, lässt sie um tote Verwandte und Freunde trauern und gibt ihr den Mut, nicht als alles gegeben hinzunehmen. „Der Himmel ist blau“. So behaupten alle, die jetzt und gerade jetzt aus dem Fenster schauen. Vielleicht mag er noch schwarz sein in der Nacht und grau bei Regen. Doch egal was über die Generationen gelehrt wurde. Der Himmel darf bunt sein. Auch in der Welt unserer Erzählerin.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 06. Mär 2020 

    Außergewöhnlich, herausfordernd und nichts für zwischendurch

    Erzählt wird das Buch von der 18jährigen namenlosen „Mittelschwester“, die auf der „richtigen Seite“ der Hauptstraße in der namenlosen Stadt lebt und nicht auf der anderen Seite, die Seite des Sees. Sie ist sportverrückt, geht wöchentlich mit Schwager Drei Joggen, liest Bücher während des Gehens, ist nicht wirklich bekannt und mit ihren 18 Jahren auch immer noch nicht verheiratet. Sie hat einen „Vielleicht-Freund“. Der Vater ist schon gestorben, einer ihrer Brüder ebenso, ein anderer vermisst.

    An dem Tag, an dem ihr der „Milchmann“ begegnet, zieht sie ungewollt die Aufmerksamkeit auf sich. Er ist viel älter als sie, Anfang vierzig, und verheiratet. Der Milchmann weiß alles von ihr. Von dem Tag an wird sie regelrecht gestalkt, die Leute reden über sie. Wie kommt sie aus dieser Misere wieder heraus?

    Sie trifft sich mit „ältester Freundin“, denkt sie will mit ihr über die „Milchmann-Affäre“ reden, doch es kommt auch hier anders als gedacht.

    Fazit/Meinung:
    Das Buch besteht aus nur 7 Kapiteln, welche recht lang sind und es sich dadurch auch recht mühsam lesen lässt, aber das ist nicht der einzige Grund. Für mich war es Ansicht schwer zu lesen, Sätze, die himmelslang geschrieben sind, da muss man erst mal den Sinn dahinter verstehen. Viele Wiederholungen, es wird manchmal zu weit ausgeschweift, etc. Menschen, die nicht beim Namen genannt werden. Es wird hier durchnummeriert oder von „jüngsten Schwestern“, „Mittelschwester“ oder „ältester Schwester“ gesprochen.

    Es wird mal im hier und jetzt erzählt, dann wiederum schweift man ab und plötzlich findet man sich vier Jahre zuvor wieder. Etwas verwirrend.

    Es ist wirklich sehr anspruchsvoll und kein Buch, welches man mal so eben schnell zwischendurch lesen kann. Man sollte sich hier echt Zeit und Ruhe nehmen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Freu ohne Namen

    Plötzlich ist er da. Sie will nichts von ihm, doch er geht nicht weg. Ihre Mutter möchte, dass sie einen richtigen Freund von der richtigen Straßenseite hat und heiratet und Kinder bekommt. Allerdings hat sie nur einen Vielleicht-Freund, von dem die Familie nichts wissen soll, und diesen Stalker. Von dem dagegen erfährt die Nachbarschaft und obwohl sie beteuert, dass sie von diesem alten Mann, der Milchmann genannt wird, nichts will, gilt sie doch bald als sein Liebchen. Da kann sie so oft das Gegenteil behaupten wie sie will. Niemand glaubt ihr.

    Dieser Roman, in dem die wenigsten Personen einen Namen haben, könnte in die 1970er passen. Er könnte in ein Land wie Nordirland passen, wo es falsche Straßenseiten gibt, falsche Zugehörigkeiten und Familienmitglieder, die bei Bombenanschlägen umkommen, erschossen werden oder einfach an Krankheiten sterben. Benannt werden die Menschen nach ihrer Position in der Familie: Ma und Pa, Schwester Eins, Mittelschwester, Bruder Eins und so weiter. Denn auch Namen können falsch sein und eine falsche Zugehörigkeit anzeigen. Und vor dem Telefonieren wird jedesmal geschaut, ob die feindliche Macht eine Wanze platziert hat. So einfach ist es da nicht, jung zu sein, tanzen zu wollen und aus Vielleicht-Freund einen Freund zu machen.

    Dieses Buch wurde mit Preisen wohl bedacht und viel gelesen und diskutiert. Nicht leicht zu lesen ist der Stil, den die Autorin gewählt hat. Es wirkt, als erzähle sich die namenlose Heldin selbst ihre Geschichte. Dabei gibt es kaum wörtliche Rede und nur wenige Absätze. Man muss entscheiden, ob man sich so auf die Geschichte einlassen kann. Diese hat es nämlich in sich. Wie durch das bloße Stalking, das die 18jährige Mittelschwester in keiner Weise will, ein Gerücht entsteht, gegen das alles Ankämpfen nichts nützt. Dann noch diese Umgebung fast wie in einem Krieg, jeder bespitzelt die anderen und jedem kann ein gewaltsamer Tod drohen. Beschreibungen davon sind sehr eindringlich und gelungen. Ein Roman, der beim Lesen etwas auslöst und der sich damit wohl als preiswürdig erweist.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Feb 2020 

    Im Bürgerkrieg, den man schlicht „trouble“ nennt

    Anna Burns entführt den Leser in ihrem Roman „Milchmann“ in ein Land ohne Namen von Menschen und Orten. Alles wird nur benannt durch bestimmte festschreibende Merkmale. Und so hat die Hauptfigur des Romans, die Ich-Erzählerin, von der der Leser durch ihre Reflexionen über eine bestimmte Station in ihrem Leben geleitet wird, ebenfalls eine Person, die ohne Namen auskommen muss.
    Doch trotz der Namenlosigkeit ist der Handlungsort des Romans sehr genau als das Nordirland der späten 1970er Jahre zu verorten. Ein Ort also, an dem über Jahre hinweg ein permanent als „trouble“ kleingeredeter Bürgerkrieg herrscht, der die Menschen auf engstem Raum lebend zu Kriegsgegnern machte. Es ist ein Ort, in dem eine „psychopolitische Atmosphäre“ schwärt und die Menschen inmitten abstruser Konflikte ihr Leben als Eiertanz leben, immer darum bemüht den engen Konventionen und Regeln der Gruppe zu genügen, der man jeweils zugehörig ist.
    • Mit wem kann ich wie reden?
    • Wer darf mich ansprechen?
    • Was darf ich besitzen?
    • Für was darf ich mich interessieren?
    • Wo kann ich herumlaufen?
    Solch simple Fragen werden in dieser Situation, in der eine Gruppe der Gesellschaft mit dem „Land hinter der See“ und die andere mit dem „Land hinter der Grenze“ sympathisiert, zu existentiellen heraufstilisiert. Sie entscheiden nicht nur über Glück oder Unglück, über Erfolg oder Misserfolg, nein sie entscheiden sogar über Leben und Tod. Es ist deshalb ein Leben als Eiertanz, ständig in dem Bemühen, nicht bei den falschen Menschen anzuecken und den Konventionen zu entsprechen.
    Anna Burns gelingt es in dem Roman, diese Stimmung in dieser gesellschaftlich-politischen Sondersituation atmosphärisch ungemein dicht zu gestalten. Und das nicht etwa, obwohl, sondern gerade weil sie sie mit dieser Namenlosigkeit gestaltet. Es ist eine stark typologisch gestrickte, aber gleichzeitig auch psychologisch sehr dichte Schilderung von Menschen, Geschichten, Schicksalen und Situationen.
    Die Romanhandlung versetzt die Ich-Erzählerin in eine persönliche Sondersituation inmitten der oben beschriebenen politisch-gesellschaftlichen Sondersituation, in der es ihr besonders schwer gemacht wird, ein Leben unterhalb der Radarlinie von Gefährdungen der „troubles“ zu führen. Sie hat die Aufmerksamkeit eines der im Ort führenden Persönlichkeiten der Verweigerer (wohl das namenlose Kennwort der IRA) auf sich gezogen, wird – ohne konkreten Hintergrund – als deren Geliebte angesehen und steht so plötzlich im Fadenkreuz der einen wie der anderen Seite im Konflikt. Das verändert ihr ganzes Leben, gefährdet nicht nur sie selber, sondern auch ihr komplettes Umfeld, insbesondere ihren Freund („Vielleicht-Freund“) und greift in alle Bereiche ihres Lebens ein und krempelt so einiges um. Zudem rückt die sowieso allgegenwärtige Gewalt in der Gesellschaft deutlich näher an sie heran.

    Mein FAZIT:
    Ich war von Beginn an stark beeindruckt von der sprachlichen Gestaltungskraft der Autorin. Das Leben im von Bürgerkrieg geschüttelten Nordirland der 70er Jahre entsteht hier sehr lebendig auf literarisch sehr hohem Niveau vor dem Auge des Lesers. Auch wenn zur Mitte hin der Spannungsbogen für mich ein wenig ausfaserte und die permanente Innenreflexion der Ich-Erzählerin mich ein wenig ermüdet hat. Aber es ist ein wirklich wunderbarer Roman, der ganz zu Recht mit dem Man Booker Prize 2018 ausgezeichnet wurde. Gerade in Zeiten des Brexits, wo die Grenze zwischen dem britischen Nordirland und der Republik Irland wieder Gewicht und damit ihre gefährliche Brisanz zu erhalten droht, ist dieser Roman ein wichtiger Beitrag für die LeserInnen und für mich sehr aufrüttelnd. Und verdient 5 Sterne!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Feb 2020 

    Herausfordernd und eigenwillig, aber großartig!

    „… Gerücht ist eine Pfeife, die Argwohn, Eifersucht, Vermutung bläst, und von so leichtem Griffe, daß sogar das Ungeheuer mit zahllosen Köpfen, die immer streit'ge, wandelbare Menge, drauf spielen kann.“ William Shakespeare

    Manch kluger Kopf von früher hat so weise Worte gesprochen oder verfasst, dass unsereiner heute auf einen riesigen Fundus dieser Gedanken zurückgreifen kann – dem Internet sei Dank :-).

    So ein Gerücht wird der namenlosen Ich-Erzählerin in Anna Burns´ mit dem Man Booker Prize 2018 ausgezeichneten Roman „Milchmann“ (beinahe) zum Verhängnis. Beinahe deshalb, weil die Leser*innen schon auf der ersten Seite erfahren, dass der Milchmann erschossen wird. Bis es soweit ist, hat die geneigte Leserschaft gut 400 Seiten hinter sich. Und die haben es (nicht nur thematisch) in sich!

    „Milchmann“ fordert seine Leser*innen heraus, schenkt ihnen nichts, zeigt kein Mitleid – und genau daran mag der ein oder die Andere scheitern, sich mit Grausen abwenden und dem Buch eine schlechte bis mittelmäßige Note geben.

    Ich gebe gerne zu, dass ich am Anfang mit der Schreibweise, den Bandwurmsätzen, den „von Höxchen auf Stöckchen“ kommenden Gedanken, den namenlosen Personen und Orten der Erzählerin auch Schwierigkeiten hatte und das Buch schon beinahe in der Ecke gelandet wäre. Wie gut, dass es dann eine überragende Leserunde zu dem Roman gab, in der ich meine Meinung bereits nach dem ersten Leseabschnitt revidieren musste und – wie sich jetzt herausstellt – es auch nicht bereut habe.

    Vor dem Hintergrund des (zwar nie wirklich explizit genannten, aber anhand von Umschreibungen der Autorin verorteten) Konfliktes in Nordirland spinnt Anna Burns ein Geflecht aus rückblickenden Gedanken der Ich-Erzählerin über die Zeit, als der „Milchmann“ ihr nachstellte und (ausgelöst durch ein Gerücht) die entstandenen Spannungen in der Gemeinschaft oder in ihrem privaten Umfeld. Letztlich sind die Themen wie Stalking, Mobbing, (religiöse) Konflikte oder die Suche nach dem oder der richtigen Partner*in universell und zeitlos. Trotzdem braut die Autorin hier ein (teilweise) irrwitziges, teils beklemmendes Gebräu, dass einen intensiven Geschmack hinterlässt (sofern die geneigte Leserschaft gewillt ist, die Geschmacksnerven mit dem Gebräu zu konfrontieren).

    Neben all der im Buch genannten Schwermut, der (psychischen) Gewalt, der (scheinbar) ausweglosen Situation, fehlt etwas Entscheidendes dennoch nicht: die Hoffnung auf (positive) Veränderung (hier brillant dargestellt an einer von der Protagonistin besuchten Französisch-Stunde - nach der Lektüre dieses Abschnittes sollte die geneigte Leserschaft sich noch einmal das Cover genauer anschauen *g*) und von Bitterkeit getränkter schwarzer Humor und Sarkasmus – die Übersetzung dieses Romans war bestimmt nicht leicht…Wer also gerne etwas Neues ausprobiert, ist mit „Milchmann“ bestens bedient.

    Für mich ein verdienter Preisträgerroman und ein weiteres „Crown Jewel“ 2020! 5*

    ©kingofmusic

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Feb 2020 

    Ein Meisterstück!

    Der Roman, der 2018 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet wurde, spielt im Nordirland der 1970er Jahre.

    Die 18-jährige Protagonistin wird von einem mächtigen und deutlich älteren Mann, Milchmann, gestalkt. Ohne sie jemals zu berühren, bedrängt er sie zunehmend. Immer wieder taucht er
    plötzlich auf, so dass die Protagonistin, die wie alle anderen und alles andere in dem Roman keinen Namen trägt, zunehmend unsicher, ängstlich, verwirrt, misstrauisch und fast depressiv wird.
    Darüber hinaus entstehen Gerüchte, die der 18-Jährigen das Leben noch schwerer machen.

    Neben diesem Hauptstrang der Geschichte, der vor dem Hintergrund des Nordirland-Konflikts erzählt wird, bekommt der Leser einen Einblick in die Auswirkungen der Gewalt auf die Gesellschaft und lernt Familie, Freunde, Bekannte und Umgebung der Protagonistin sowie deren Alltag und Gepflogenheiten näher kennen.

    Bereits der erste Satz, in dem eine Gewaltszene geschildert und das Ende der Geschichte teilweise vorweggenommen wird, ist eine Wucht und katapultiert den Leser in Windeseile ins Zentrum des Geschehens:

    „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.“

    Anna Burns präsentiert einen faszinierenden, intensiven, eindrücklichen, fesselnden, intellektuell herausfordernden und raffinierten Roman.

    Es ist eine Lektüre, die man nicht nur verschlingen oder konsumieren kann. Ohne immer wieder innezuhalten und zu reflektieren, würde der Inhalt verpuffen.
    Es drängt geradezu nach Austausch.
    Ich bin sehr froh, diesen Roman in einer Leserunde gelesen zu haben.

    Er steckt voller Symbolik, Metaphern und bildhafter Formulierungen. Man spürt Klugheit und Erfahrung der Autorin. Nichts scheint dem Zufall überlassen worden zu sein:
    Weder die Namenlosigkeit der Protagonisten und Orte noch die Tatsache, dass es nur extrem wenige Abschnitte und Kapitel gibt. Für alles lassen sich gute Gründe finden und das fasziniert mich.

    Auf der konkreten Ebene geht es um den Nordirland-Konflikt, um die Auswirkungen von Gewalt sowie um unerwünschte und beängstigende Begegnungen mit dem Milchmann, der die Protagonistin zu kennen, alles über sie zu wissen und etwas von ihr zu wollen scheint.

    Hinter den Kulissen geht es um so vieles mehr.
    Es geht nicht nur um äußere, sondern auch um innere Konflikte.
    Es geht nicht nur um einen äußeren, sondern auch um einen inneren Aufruhr.

    Es geht um Konflikte und Themen, die ausnahmslos alle Menschen kennen, unabhängig davon, ob im Außen Krieg herrscht oder nicht.

    Es geht darüber hinaus
    -um Anpassung/Unterordnung versus Individuation/Individualität,
    -um Verleugnen/Verdrängen versus genau hinschauen und die Augen öffnen,
    -um die Augen verschließen versus über den Tellerrand schauen,
    -um Stagnation versus Veränderung und Entwicklung,
    -um Optimismus versus Pessimismus,
    Ambivalenz und Skepsis,
    -um die Entstehung und Auswirkung von Gerüchten,
    -um Zusammenhalt und
    ...

    Das Schöne, Interessante und Abwechslungsreiche ist, dass die Ich-Erzählerin vom Erzählen konkreter Erinnerungen oder Alltagsbegebenheiten fließend und geschmeidig auf die Metaebene tiefgründiger Gedanken, Assoziationen und Interpretationen über ernste Themen und Konflikte kommt.

    Die Autorin ist eine scharfsinnige Beobachterin, die das Beobachtete wunderbar in Worte fassen kann und
    tolle Formulierungen, wie zum Beispiel „Umwälzung innerer Landschaften“ verwendet.

    Sie beschreibt die Innenwelt der Protagonisten treffend: Gefühle, Körperempfindungen und Gedanken - alles wird plastisch und vorstellbar.

    Anna Burns hat ein besonderes Talent, komplizierte Gedankengänge und Sachverhalte in leicht verständlichen Worten und flüssig lesbaren Sätzen auszudrücken.

    Bedrohung und Bedrängnis werden im Verlauf der Lektüre immer spürbarer.
    Labilität, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ängstlichkeit und Paranoia wachsen.

    Im letzten Kapitel ändern sich Atmosphäre und Ton. Nach einem zentralen entlastenden Ereignis wird die Geschichte mit viel Ironie und Humor zu Ende erzählt.
    Es wird ruhiger.

    Die Autorin zeichnet einen bravourösen Spannungsbogen:
    Beruhigung nach der Aufregung.
    Ruhe nach dem Sturm.

    Das normale Leben geht jetzt weiter.
    Nach all diesem Chaos. Nach all dieser Unsicherheit.
    Nach all dieser Angst.

    Ein Aufatmen, ein Durchatmen nach den vielen Seiten der Atemlosigkeit.

    Mein Fazit wird niemanden überraschen:
    Ein grandioser, überwältigender und origineller Roman!

    Kein Roman für kurz mal zwischendurch oder vor dem Einschlafen, sondern etwas ganz Besonderes, das langsam und konzentriert genossen werden sollte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Feb 2020 

    Welche Farben hat der Himmel?

    Das Cover des Romans zeigt einen Sonnenuntergang in verschiedenen Farbschattierungen, orange, pink, rosa, violett - Farben, die der Himmel in der Welt der Ich-Erzählerin nicht haben darf.

    "Nach Generationen und Generationen, Vätern und Vorvätern, Müttern und Vormüttern, Jahrhunderten und Jahrtausenden, in denen der Himmel offiziell eine und inoffiziell drei Farben gehabt hatte, durfte doch jetzt nicht einfach so ein bunter Himmel erlaubt sein." (96)

    Die Diskussion über einen bunten Sonnenuntergang entbrennt während eines Französisch-Kurses und hat Stellvertreterfunktion in einer Gesellschaft, die nur "Die" oder "Wir" kennt - Schwarz oder Weiß.
    Der Roman spielt in den 70er Jahren in Belfast während des IRA-Konfliktes. Das erlebende Ich wächst in einer von Terror und Gewalt beherrschten Gesellschaft auf, in der es wichtig ist, eindeutig Position zu beziehen, die Verweigerer - die IRA-Kämpfer zu unterstützen, die gleichzeitig die katholische Hochburg beherrschen, und gegen alles zu sein, was aus dem Land von der anderen Seite der See kommt. Strikte unausgesprochene Regeln und Gesetze bestimmen z.B. welche Namen oder Fernsehsendungen erlaubt sind, und wenn man dagegen verstößt, macht man sich des Denunziantentums verdächtig.

    In dieser aufgeladenen Atmosphäre wird die 18jährige Ich-Erzählerin vom "Milchmann" bedroht. Dessen Namen rührt daher, dass in den Milchkästen die Bomben der IRA versteckt waren und er wird als Einziger beim Namen genannt.

    Ansonsten sind im Roman die Figuren nur in ihren Beziehungen zueinander bezeichnet - Schwester eins, Schwager eins, Vielleicht-Freund, Ma, Älteste Freundin oder aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften wie Atomjunge oder Tablettenmädchen. Das liest sich zu Beginn etwas ungewöhnlich, doch letztlich ergibt es einen Sinn. Es verleiht der Geschichte Universalität, das Geschehen könnte theoretisch überall dort stattfinden, wo die Gesellschaft von Terror und Abgrenzung bestimmt wird, wo Gerüchte schnell entstehen und Urteile blitzschnell getroffen werden. Andererseits verdeutlicht es, wie schwierig es ist, in einer solchen Gesellschaft individuell zu handeln, unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen.

    Der Ich-Erzählerin wird eine Affäre mit dem Mittvierziger paramilitärischen "Milchmann" angedichtet, obwohl er ihr nachstellt, sie anspricht, sie bittet, in sein Auto zu steigen, ihr andeutungsweise zu verstehen gibt, dass ihr Vielleicht-Freund an einer Autobombe sterben könnte. Jener hat sich verdächtig gemacht, da er den Kompressor eines Bentleys, eines klassischen englischen Wagens, gewonnen und angenommen hat. Die gilt bereits als Verrat.

    Gleich im ersten Satz erfahren wir vom erzählenden Ich, dass der Milchmann erschossen wird - immer wieder reflektiert das "erwachsene" Ich die damalige Situation und bewertet ihr Verhalten.

    "Damals, als ich achtzehn war, lauteten die Grundregeln in der permanent alarmbereiten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war: Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert." (13)

    Die Ich-Erzählerin startet einen Versuch, ihrer Mutter - ihr Vater, der an Depressionen gelitten hat, ist bereits verstorben, von den falschen Gerüchten zu erzählen, doch diese glaubt ihr nicht. So wählt die Ich-Erzählerin den Rückzug, das Schweigen, um die Situation "auszusitzen" und zieht damit die Aufmerksamkeit umso stärker auf sich. Die Tatsache, dass sie in der aufgeladenen politischen Situation im Gehen liest, vorzugsweise Romane aus dem 18./19.Jahrhundert, verleiht ihr den Status einer Übergeschnappten.

    Der Autorin gelingt es hervorragend die Bedrohung durch den Milchmann, der niemals handgreiflich wird oder die Ich-Erzählerin auch nur anrührt, zu beschreiben. Die Spannung steigert sich und wird aufgrund der zahlreichen Reflexionen, Einschübe und Zeitsprünge der Erzählerin kaum aufgelöst.

    Es entsteht das Psychogramm einer verängstigten jungen Frau, deren Angst sich auch körperlich auswirkt, die abstumpft, sich einkapselt und nicht in der Lage ist, dem Milchmann etwas entgegen zu setzen. Doch es gibt auch positive Figuren, wie den echten Milchmann oder die Französischlehrerin, die sich bemüht, ihren Schülerinnen und Schülern einen neuen Blickwinkel aufzuzeigen. Und einige Figuren entwickeln sich in eine unerwartete Richtung.
    Obwohl zu diesem Zeitpunkt Frauen im Gegensatz zu Männern nichts gegolten haben, ihnen keine Macht zugesprochen wurde, zeigen einige Situationen im Roman, dass ein solidarisches, gemeinschaftliches Handeln der Frauen zum Erfolg führt, wie das Aufheben der Ausgangssperre. Andererseits zeigt das Schicksal der Ich-Erzählerin, wie gefährlich es sein kann, sich zur Außenseiterin zu machen, individuell zu handeln.
    Ein Roman, der mich wirklich begeistert hat, aufgrund seiner Thematik
    - wobei die aktuelle Me Too-Debatte sicherlich zum Erfolg beigetragen hat, ebenso wie der Brexit, der die Grenze in Irland wieder in den Fokus gerückt hat -
    seiner außergewöhnlichen Sprache und seines teilweise skurrilen Humors.

    Der Gedankenfluss der Ich-Erzählerin ist im wahrsten Sinne des Wortes mitreißend und bleibt es bis zum Schluss.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Feb 2020 

    Genial und nervtötend

    Um diese Rezension habe ich mich ein wenig herumgedrückt. Dieses Buch ist schwierig, sperrig, nervtötend, witzig, brillant erzählt und auch irgendwie genial. Wie soll man das bewerten?

    Da ist diese namenlose Erzählerin, die in dieser Stadt lebt, auf der richtigen Seite der Hauptstraße, auf dieser Seite der See, und die Probleme hat, weil sie sich nicht an die Regeln hält. Sie ist achtzehn, leseverrückt, sportbegeistert und noch immer nicht verheiratet. Das erweckt Misstrauen in dieser Gesellschaft, wo man klar Stellung beziehen muss, um dazuzugehören.

    „Überall und mit allem, was man tat, gab man ein politisches Statement ab, ob man wollte oder nicht. Auch das Aussehen spielte eine Rolle, man war sich einig, dass man die da von der anderen Seite der Hauptstraße von uns hier auf dieser Seite der Hauptstraße rein äußerlich unterscheiden konnte. Es gab unterschiedliche Wandbilder, Traditionen, Zeitungen, Hymnen, „Feiertage“, Pässe, Münzprägungen, Bürgerbefugnisse, unterschiedliche Polizei, unterschiedliches Militär, unterschiedliches Paramilitär.“

    Plötzlich wird sie gestalkt von einem älteren Mann, der noch dazu verheiratet ist und einen weißen Lieferwagen fährt wie ein Milchmann. Und obwohl sie sich wehrt und distanziert, kocht die Gerüchteküche hoch, weil nicht sein kann, was nicht sein soll und weil man sich an Ritualen festhalten muss, wenn so viel Unwägbares den Alltag bestimmt. Ihre älteste Schwester hat z. B. Sorgen ganz anderer Qualität.

    „Inzwischen trauerte sie jedoch nicht mehr nur, weil er sie betrogen und für eine andere Frau verlassen hatte, sondern weil er außerdem tot war. Er war bei der Arbeit von einer Autobombe in den Tod gerissen worden, weil er die falsche Religion am falschen Ort gehabt hatte, so was kam vor. Er war also tot.“

    Hier bekommt man ein irrwitziges Gesellschaftsportrait, das eine irgendwie irische Gesellschaft am Rande des Wahnsinns zeigt, bis zur Unkenntlichkeit in Untergruppen gespalten, die sich bis aufs Blut bekriegen. Plastisch, witzig und unendlich zynisch seziert Anna Burns die Strukturen in einer höchst originellen und kunstvollen Sprache.

    Das Lesen macht Spaß und man ist zutiefst beeindruckt von so viel Witz und Scharfsinn. Nur kommt die Handlung sehr schleppend voran. Es kann durchaus passieren, dass sie mal wieder auf den Milchmann trifft und da stehen sie nun. 50 Seiten später stehen sie da immer noch, weil wir uns erst einmal gründlich Gedanken über etwas anderes machen mussten.
    Wahrscheinlich ist die Handlung in diesem Buch sowieso zweitrangig, trotzdem ist es nicht sonderlich befriedigend, wenn man vor sich hin liest und dabei das Gefühl hat, man kommt nicht so recht vom Fleck. Bis zum Schluss ist man hin- und hergerissen, ist beeindruckt von dieser höchst originellen Sprache und amüsiert sich, auch wenn der Text gleichzeitig die Nerven strapaziert. Ein bisschen mehr Gnade in dieser Hinsicht hätte ich mir gewünscht, ein gutes Buch braucht gute Sprache UND Handlung.

    Also, dieses Buch ist genial, aber ich bin froh, dass ich durch bin. Ein zäher Stiefel ist es auch.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Feb 2020 

    Eindringlich - und anstrengend

    Schon der Titel verrät, dass es hier nicht um einen 08/15-Roman geht.
    »Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal.« So beginnt der Roman, der u.a. mit dem Man Booker Prize 2018 ausgezeichnet wurde.
    Stilistisch ist der Roman eine echte Herausforderung. Ellenlange Sätze, Wortneuschöpfungen wie der ,,Vielleicht-Freund“ oder die Betitelung der Brüder und Schwestern mit ,,Ältere Schwester“ oder Bruder 1 sind originell, witzig, weisen aber auch auf eine gewollte Anonymisierung hin.
    Inhaltlich geht es um eine junge Frau, die, vermutlich in Belfast in den 70er/80er Jahren, auf der richtigen Seite der Straße, auf der richtigen Seite des Meeres lebt, aber Probleme damit hat, sich ihrer Umgebung anzupassen. Als intellektuelle, lese- und sportbegeisterte junge Frau passt sie schlecht in die von ungeschriebenen Gesetzen und Zwängen bestimmte Gesellschaft.
    Mit ihrem ,,Vielleicht-Freund“ führt sie eine gute Beziehung, ohne ihn allerdings jemals ihrer Familie vorzustellen, geschweige denn sich von ihm heimfahren zu lassen. Dafür wohnt er im falschen Viertel. Als die namenlose Erzählerin das Interesse des ,,Milchmanns“ auf sich zieht, eines einflussreichen Mannes, versucht sie zwar, dieses Interesse abzuweisen und Begegnungen mit ihm zu vermeiden. Allerdings vermag sie auch nichts gegen die schnell kursierenden Gerüchte, die ihr eine Affäre mit dem älteren, verheirateten Mann andichten.
    Nur sehr mühsam schafft es die Ich-Erzählerin, ihren Weg hin zur Selbstbestimmung zu finden. Dieses Ringen spiegelt sich im Roman auch in relativer Handlungsarmut wider. Umso ausführlicher und eindringlicher dagegen legt die Ich-Erzählerin ihre Gedanken, Zweifel und Emotionen dar, gespickt mit schwarzen Humor und Absurditäten. So fühlt man sich zwar sprachlich gut unterhalten, wünscht sich des öfteren allerdings etwas mehr Handlung.
    Auch ist mal stellenweise versucht, die Ich-Erzählerin zu schütteln und sie dazu zu bringen, sich ihrem ,,Vielleicht-Freund“ oder jemand anderem zu öffnen und ihren Kampf um Selbstbestimmung aktiver zu führen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Feb 2020 

    Ein sprachliches Meisterwerk

    „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.“ (S.7)

    Mit diesem bemerkenswerten Satz beginnt der 2018 mit dem renommierten Man Bookerpreis ausgezeichnete Roman von Anna Burns, und ich möchte bereits zu Anfang sagen, dass er bis zum Ende höchst außergewöhnlich bleibt und den Preis absolut verdient hat.

    Doch nun zum Inhalt: Die namenlose, 18-jährige Ich-Erzählerin begegnet offensichtlich nicht zufällig einem deutlich älteren Mann, in dessen Fokus sie geraten zu sein scheint. Man nennt ihn nur „Milchmann“, er ist ein führender Kopf der sogenannten Staatsverweigerer. Zunächst will er sie nur zum Mitfahren überreden, beim nächsten Mal begleitet er sie ungefragt beim Joggen, gibt ihr zu verstehen, dass er alles über sie weiß. Die furchterregenden Begegnungen häufen sich. Es dauert nicht lange und die junge Frau gerät in das Getriebe der tratschenden Gemeinschaft, man lastet ihr ein tatsächliches Verhältnis mit dem verheirateten Mann an. Die Ich-Erzählerin hat sich angepasst, sie möchte nicht auffallen. Insofern missbilligt sie das Interesse dieses wichtigen Mannes zutiefst.

    In einer Sache unterscheidet sie sich jedoch von allen anderen: Sie liest im Gehen, vorwiegend klassische Romane, um abzutauchen: „Bei meinem Im-Gehen-Lesen ging es genau darum: absichtlich nichts wissen wollen. Es war wachsam von mir, nicht wachsam zu sein,…“ (S. 87) Das sehen andere aber anders: Mehrfach wird sie gewarnt, von dieser Marotte abzulassen.

    Frauen haben in dieser Gesellschaft ohnehin eine untergeordnete Stellung, es gibt ein festes Rollenbild, sie müssen die männliche Überlegenheit anerkennen, sich ihren Entscheidungen beugen. Frauen, die Widerworte geben, sind im Grunde missraten, zählen leicht zu den „Übergeschnappten“, werden geächtet. Die Erzählerin hat einen Vielleicht-Freund, der aus einem anderen Viertel stammt. Sie ist gern mit ihm zusammen, allerdings vermeiden es beide, die Beziehung verbindlich werden zu lassen. So ist er noch nie bei ihr zu Hause gewesen. Das hat die Erzählerin auch deshalb bewusst vermieden, weil ihre Mutter bereits seit zwei Jahren auf eine Ehe drängt und nur zu viele Fragen stellen würde.

    In ihrer Darstellung der gegenwärtigen Ereignisse schweift die Erzählerin laufend ab. Sie berichtet von vergangenen Ereignissen, sie beschreibt das Leben in dieser Gesellschaft, in der es Bomben, Verrat, soziale Kontrolle, Ungleichheit, Feindbilder und Anpassungsdruck gibt. Es gibt „diese Seite der Hauptstraße“ und die „andere Seite der Hauptstraße“; dazu gibt es noch „die andere Seite der See“, was zunehmend die Vermutung nahelegt, dass die Geschichte in Zeiten des Nordirland-Konfliktes angesiedelt ist. Die Namenlosigkeit von Figuren und Orten wird allerdings stringent verfolgt. Das erscheint bedeutsam, denn die Bedingungen könnten zu anderen Zeiten, an anderen Orten sehr ähnlich sein und erinnern an totalitäre Systeme überall auf der Welt. Es ist auch diese Übertragbarkeit, die den Roman auszeichnet.

    Der Milchmann ist mächtig. Im Normalfall bekommt er, was er will. Das weiß auch die Erzählerin. Da die Gesellschaft voreingenommen ist und sie bereits der verwerflichen Affäre für schuldig befunden hat, kann sie sich niemandem anvertrauen. Selbst die eigene Mutter glaubt ihr nicht. Das verurteilt die junge Frau zur Passivität. Zunehmend fühlt sie sich eingeschränkt. beobachtet, gelähmt. Sie vermeidet ihre gewohnten Routen, sie läuft seltener. Obwohl sie spürt, wie sich die Fangnetze um sie herum spannen, verweigert sie sich dem mysteriösen Mann, der wiederum mit Drohungen gegen ihr nächstes Umfeld reagiert. Die Frau landet in einer Zwickmühle: irgendwie scheint es kein Entrinnen aus der Situation zu geben.

    Es gibt aber auch Hoffnung. Menschen, von denen etwas Helles ausgeht, die sich nicht von Angst und Leid unterdrücken lassen, transportieren sie. Die Erzählerin begegnet einigen von ihnen, bewundert sie auch, dennoch zieht sie für sich selbst ihre eigenen Schlüsse: „Strahlen war also schlecht, und „zu traurig“ war schlecht, und „zu fröhlich“ war schlecht, weshalb man am besten gar nichts war; am besten auch gar nichts dachte, zumindest nicht in der obersten Schicht, seine Gedanken im sicheren Unterholz verwahrte“. (S. 119)

    Obwohl man schon von Beginn an weiß, dass der Milchmann ums Leben kommt, schafft es die Autorin, die Ausweglosigkeit ihrer Protagonistin unglaublich fühlbar darzustellen. Ihre Reflexionen werden gekonnt mit der Gegenwart verknüpft. Viele Ebenen berühren sich auf diese Weise, die persönliche Perspektive wird mit der äußeren verbunden. Man kann in diese Erzählweise regelrecht eintauchen, die Sätze sind Meisterwerke und ich bestaune die gelungene Übersetzung von Anna-Nina Kroll, die diese Sprachmelodie gekonnt ins Deutsche übertragen hat.

    Der Roman nimmt mehr und mehr Fahrt auf, mutiert zum Pageturner. Es werden zahlreiche Fragen in einer Gesellschaft aufgeworfen, die Vokabeln wie Stalking, sexuelle Belästigung und Verleumdung gar nicht kennt und wo entsprechend auch keine juristische Verfolgung zu erwarten ist. Und dennoch wird der ein oder andere Übeltäter seiner gerechten Strafe zugeführt, was wiederum mit einem Augenzwinkern, mit einer lustigen Anekdote umschrieben wird. Manchmal dürfen auch die Frauen Helden sein, immer dann, wenn sie zusammenhalten. Zum Ende hin verliert der Roman auch etwas von seiner Schwere und Bedrängnis. Das erscheint mir wie ein Kunstgriff, wie eine Lösung, wo es vielleicht keine Lösung gibt.

    Anna Burns ist ein großartiger Roman gelungen, der den Leser in eine Zeit führt, in der sich Menschen an bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gewöhnen und anpassen mussten. Angesichts der vielen Konfliktherde in der Welt ist dieser Roman unglaublich zeitlos und aktuell. Ein Meisterwerk, das man unbedingt lesen sollte!