Middlemarch

Buchseite und Rezensionen zu 'Middlemarch' von George Eliot
4.5
4.5 von 5 (4 Bewertungen)

»›Middlemarch‹ ist wahrscheinlich der bedeutendste englische Roman überhaupt.« Julian Barnes Die Grenzen des Dorfes sind die Grenzen unserer Welt. Das akzeptieren vielleicht die restlichen Bewohner von Middlemarch, aber nicht Dorothea und Tertius. Wieso sollte einer jungen Frau der Zugang zu Wissen und Geist verschlossen bleiben, wenn die alten Männer damit nur Schindluder treiben? Und warum sollte ein junger Arzt nicht neue Methoden anwenden dürfen, wenn man dadurch Menschenleben retten kann? Neugier ist Pflicht für Dorothea und Tertius. Und um ihre Pflicht zu erfüllen, setzen sie vieles aufs Spiel.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:1152
EAN:9783423281935

Rezensionen zu "Middlemarch"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2020 

    Absolut lesenswerter Wälzer!

    Es handelt sich bei dem klar strukturierten und detailliert komponierten Werk der Autorin Marian Evans alias George Eliot von 1871 um einen dicker Schmöker von ca. 1100 Seiten.

    Der Roman ist ein Gesellschaftsportrait, das durch eine raffinierte und unterhaltsame Verzahnung einzelner Schicksale entsteht.

    Im Verlauf lernen wir das fiktive englische Städtchen Middlemarch und einige seiner Bewohner kennen.

    Die Protagonisten mit ihren unterschiedlichen Temperamenten und Charakteren führen uns die Welt der in der englischen Provinz lebenden gehobeneren Gesellschaftsklassen (Landadel und Mittelklasse/Bürgertum) der ersten Hälfte des 19. Jh vor Augen und die weiblichen Figuren demonstrieren uns in ihrer Unterschiedlichkeit die verschiedenen Facetten der Weiblichkeit und deren Bedeutung und Ansehen in der damaligen Zeit.

    Die Unterschicht spielt nur indirekt und am Rande eine Rolle, indem sie manchmal in Nebensätzen Erwähnung findet.

    Im Zentrum stehen Dorothea und Lydgate. Beide müssen letztendlich Abstriche von ihren ursprünglich hochgesteckten Zielen machen.
    Während die begeisterungsfähige, aufopferungsvolle und ums Wohl der Menschheit besorgte Dorothea letztendlich ihr Lebensglück findet, gelingt es dem leidenschaftlichen, begabten und am Fortschritt der Medizin interessierten jungen Arzt Lydgate, sich mit Alternativen zu arrangieren und trotz etlicher Widrigkeiten ein zufriedenes Leben zu führen.

    Wir begleiten nicht nur Dorothea, die einen älteren und introvertierten Pastor und Gelehrten heiratet, um die eigene intellektuelle Erfüllung zu finden und Lydgate, der sich in die schöne, elegante und selbstbezogene Rosamond verliebt, sondern auch Celia, Dorotheas bodenständige, pragmatische und unbeschwert-fröhliche Schwester, die das typische Frauenbild der viktorianischen Zeit repräsentiert und Sir James ehelicht, der ursprünglich Interesse an Dorothea hatte.

    Daneben lernen wir noch zahlreiche weitere Protagonisten gut kennen.

    Da sind z. B. Mr. Casaubon, der wortkarge Ehemann von Dorothea und Mr. Featherstone, der grimmige und gehässige Onkel der Geschwister Rosamond und Fred, die beide über ihren Tod hinaus das Leben anderer Menschen beeinflussen und kontrollieren wollen.

    Da ist die Familie Garth, die ein Beispiel für liebevollen Umgang, Loyalität und Zusammenhalt gibt.

    Da sind Mary Garth, die klare Prinzipien vertretende und zutiefst aufrichtige Hausangestellte von Featherstone und ihr moralisch einwandfreier Vater Caleb Garth, der dem jugendlich leichtsinnigen aber ehrlichen Fred zu einer Chance verhilft, den rechten Weg zu finden und seine Tochter Mary zu erobern.

    Und da ist Will Ladislaw, ein redegewandter und künstlerisch veranlagter integrer junger Mann, der „vom Schicksal“ ungerecht behandelt wurde, aber letztendlich sein Glück in der Liebe findet.

    Diese Auflistung bedeutender Protagonisten könnte noch gut eine Weile fortgesetzt werden, aber um keine allzu große Verwirrung zu erzeugen, belasse ich es erst einmal dabei.

    Erwähnenswert finde ich, dass wir in das Leben und in die Gedanken- und Gefühlswelt vieler einzelner Personen tief eintauchen und trotzdem oder gerade deshalb einen detaillierten Einblick ins große Ganze bekommen: in die damalige englische Gesellschaft des beginnenden 19. Jh, die Neues und Fremdes ablehnte.
    Dass der Autorin diese Zweigleisigkeit gelingt, zeigt ihr großes Talent.

    Es geht um Versuchungen, denen getrotzt wird oder denen nicht widerstanden werden kann.

    Es geht um enge gesellschaftliche Verhältnisse voller Normen, Konventionen, traditionellen Beschränkungen und moralischen Vorstellungen und der Leser wird mit fragwürdigen Frauenbildern, konservativen Vorstellungen, und zementierten, schwer zu durchbrechenden sozialen Rollentzuschreibungen konfrontiert.

    Aber auch Zuwiderhandlungen gegen die Regeln der Gesellschaft, fortschrittliche Ideen und die Bedeutung und Macht der Gerüchteküche spielen eine zentrale Rolle.

    Der Leser bekommt darüber hinaus einen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Unruhen der Jahre, die auf die große Parlamentsreform im Jahre 1832, in dem der Roman endet, zusteuern und ist somit zeitlich gesehen in einer Phase des Umbruchs angesiedelt.

    Die damalige Selbstverständlichkeit von Klassenunterschieden sowie die damalige Bedeutung von Geld und Vermögen wird uns vor Augen geführt und wir bekommen einen Einblick in den damaligen Status der Ärzte und Stand der Medizin.

    George Eliot erzählt mit einer schönen, für den heutigen Leser natürlich etwas altertümlichen , präzisen und bildhaften Sprache. Sie verwendet wunderschöne Formulierungen, treffende Vergleiche und Metaphern und überrascht und erfreut den Leser immer wieder mit ironischen, witzigen oder klugen Bemerkungen.

    Ich genoß Sprache und Ausdrucksweise und las deshalb langsam, auch wenn dadurch die Lektüre dieses dicken Wälzers noch länger gedauert hat.

    Der Roman ist sehr abwechslungsreich aufgebaut und schon deshalb nie langweilig.
    Das liegt nicht nur an Struktur und Gliederung in einzelne Bücher und Kapitel oder daran, dass immer wieder andere Personen beleuchtet werden, sondern es liegt auch am Perspektivenwechsel. Immer wieder klinkt sich der Erzähler/die Erzählerin mit seinem/ihrem eigenen Ich ein, um vor einseitigen Sichtweisen und voreiligen Schlüssen zu warnen bzw. um alternative Interpretationsmöglichkeiten anzubieten.

    Es ist faszinierend, dass und wie die Autorin es schafft, Gefühle beim Leser auszulösen: Mitgefühl, Rührung, Ärger, Erstaunen, Empörung...Die ganze Palette.

    Ich bin beeindruckt, wie die Autorin die einzelnen Fäden und Stränge nach und nach zusammen laufen lässt.
    Die zahlreichen Figuren und Schicksale werden gekonnt und schlüssig miteinander verbunden. Eliot hat diesen Roman wirklich gekonnt komponiert.

    Bei allem Lob muss ich einräumen, dass der Roman wegen seiner altertümlichen Sprache und wegen den komplexen und komplizierten Satzstrukturen stellenweise nicht einfach zu lesen war. Aber das spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Manches musste, bzw. wollte ich mehrmals und alles ohnehin hellwach und konzentriert lesen, damit mir nichts entging.
    Aber es lohnte sich!

    Es gibt m. E. auch Botschaften, die uns die Autorin en passant und keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger vermittelt:
    -Jegliches Tun hat Konsequenzen und es sind nicht nur die großen Taten von Berühmtheiten, die Veränderungen bewirken, sondern auch die vermeintlich kleinen Taten von unscheinbaren oder unbekannten Personen. Und zwar im positiven wie im negativen Sinn.
    -Es ist wichtig, für andere Sichtweisen offen zu sein. Zu schnell bewegt man sich auf seinem eigenen Gedankenweg, schiebt in Schubladen, zieht voreilige Schlüsse und blendet andere Perspektiven oder Alternativen aus, was die Gefahr einer„moralischen Dummheit“ nach sich zieht.

    Nach dem letzten Zuklappen des Romans war ich begeistert und froh.
    Begeistert über den Inhalt und froh, diesen dicken Wälzer bewältigt zu haben.

    Aber ich spürte auch eine gewisse Wehmut darüber, Middlemarch und seine Bewohner verlassen zu müssen. Denn ich war gern dort.

    Absolut lesenswert!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Jan 2020 

    Ein großes Stück Englische Literatur

    Anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin George Eliot, die unter männlichem Pseudonym schrieb, gab der dtv - Verlag diese prächtige, neu bearbeitete Neuauflage des Klassikers heraus. Das Buch ist eine Pracht: Nicht nur der Schutzumschlag ist hochwertig mit fantastischen Blumenmustern gestaltet, sondern auch der feste Einband. Dem Roman sind ein Vorwort von Elisabeth Bronfen voran- und ein Nachwort von Rainer Zerbst hintangestellt. Beide Texte betten den Klassiker wunderbar in seinen historischen Kontext ein und weisen auf literarische Besonderheiten hin. Nicht umsonst wurde „Middlemarch“ im Jahr 2015 zum bedeutendsten englischen Roman gewählt.

    Die Handlung ist in einer fiktiven, aber typischen, englischen Kleinstadt um 1830 angesiedelt. Im Mittelpunkt steht Dorothea Brooke, die seit dem Tod der Eltern gemeinsam mit ihrer Schwester Celia auf dem Gut ihres Onkels Arthur lebt. Dorothea möchte ihr Leben sinnvoll verbringen, es nicht mit Vergnügen, Trödel und Tand vergeuden. In diesem altruistischen Bestreben setzt sie sich völlig vom idealen viktorianischen Frauenbild ab, dem Celia viel eher zu entsprechen scheint. Als Dorothea den ältlichen Geistlichen Edward Casaubon kennenlernt, wächst in ihr die Hoffnung, der vorbestimmten Enge entkommen zu können. Sie sieht in Casaubon einen zutiefst gebildeten Mann, der seit Jahren an einem großen Werk über Religionsgeschichte arbeitet, das ihm einst großen Ruhm einbringen wird, und träumt „von einer tiefen Gemeinsamkeit auf geistigem Gebiet“. Sowohl ihre Schwester und ihr Onkel als auch der Nachbar Sir James Chettam (der ebenfalls Interesse an einer Verbindung mit Dorothea hat) raten ihr davon ab, den deutlich älteren Mann zu heiraten. Ebenso sät der auktoriale Erzähler immer wieder Zweifel am Bräutigam. Dorothea lässt sich aber nicht beirren und geht die Ehe ein.

    Der Roman wird von weiteren interessanten Frauenfiguren bevölkert: Dorotheas Schwester Celia wirkt weit angepasster und wird einen vermögenden, „normalen“ Ehemann wählen, der sie versorgen und ihr die Annehmlichkeiten der Zeit ermöglichen kann. Celia hat keine Schwierigkeiten, sich dem geltenden Patriarchat zu beugen und den Mann als Denker und Entscheider anzuerkennen. Dennoch wird auch sie ihre Interessen durchzusetzen wissen.

    Rosamond Vincy ist ein verwöhntes 17-jähriges Mädchen aus reicher Fabrikantenfamilie. Sie ist bildhübsch und die Männer liegen ihr zu Füßen. Sie selbst wiederum träumt davon, Middlemarch zu verlassen und setzt sich in den Kopf, sich mit einem Zugereisten zu verbinden. In der Wahl ihrer Mittel geht sie sehr narzisstisch und wenig zimperlich mit ihrem Umfeld vor.

    Das krasse Gegenstück zu Rosamond ist deren Jugendfreundin Mary Garth. Sie hat das Herz am rechten Fleck, gesunden Menschenverstand, sie muss sich fleißig ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und entstammt einfachen, aber angesehenen Verhältnissen. Selbstverständlich hat sie auch einen Verehrer. Jener muss sich aber noch ordentlich bemühen, um auch ihre Aufmerksamkeit zu erlangen…

    Über das damals vorherrschende Gesellschaftsbild gibt es keinen Zweifel, nicht umsonst wird der Roman auch „Eine Studie über das Leben in der Provinz“ genannt. Um die genannten vier Frauen ranken sich natürlich noch zahlreiche weitere Figuren. Neben den bereits genannten Ehegatten ist hier der Arzt Tertius Lydgate zu nennen, der für seinen Beruf lebt und die medizinische Forschung zum Wohle der Allgemeinheit voran treiben möchte. Das wird natürlich von den Etablierten des Städtchens mit großer Skepsis betrachtet.

    Vergessen darf man auch keinesfalls Fred Vincy, Rosamonds Bruder: Ein junger Lebemann, der große Erwartungen auf eine reiche Erbschaft hegt und sich dieser auch im Vorhinein schon bedient, was Komplikationen mit sich bringt. Da gibt es den guten Pfarrer Fairbrother, der seine Schäfchen kennt, stets eingreift und vermittelt, wo er gebraucht wird.

    Selbstverständlich gibt es auch Bösewichter in Middlemarch, Unredlichkeiten, Vorurteile, Versuchungen, Gerüchte und Skandale. Viele der genannten Figuren sind miteinander verwoben – entweder persönlich oder familiär. Nach und nach entfaltet der Roman seine Kraft durch die Vielseitigkeit der Handlung, durch unerwartete Wendungen, seine Sprachbrillanz und seinen Inhalt. Es ist wunderbar, wenn der auktoriale Erzähler sich immer wieder einschaltet, um auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten und zum Nachdenken anzuregen. Zahlreiche zeitlose Weisheiten flankieren den Text, oft auch mit einer guten Prise ironisch-sarkastischen Humors gewürzt.

    An der gewünschten Rolle der Frauen in dieser Gesellschaft wird kein Zweifel gelassen. Der Weg zu Bildung war ihnen weitgehend verstellt. Sie galten als hübsches Anhängsel ihrer Männer, selbständiges Denken wurde ihnen aberkannt. Allgemeingut war die Tatsache, dass Frauen nur mit mäßigem Intellekt ausgestattet waren, was ihnen die Männerwelt auch immer wieder gerne vorhielt. Die Autorin übt offene Kritik an dieser herrschenden Meinung und zeigt mit Hilfe ihrer erfundenen Frauengestalten Wege auf, wie dieses Schicksal gestaltet werden konnte.

    George Eliot hat einen großartigen Roman geschrieben, den ich auch heutigen Leser*innen ans Herz legen möchte. Nach kurzer Zeit taucht man ein in die altertümliche Welt von Middlemarch, nimmt Anteil an den verschiedenen Schicksalen, falschen Entscheidungen und zwischenmenschlichen Verstrickungen seiner Bewohner. Immer mehr Fahrt nimmt die Handlung auf, um in einem glaubwürdigen Finale zu münden. Das alles in einer Sprache, die ich als reinen Lesegenuss empfunden habe.

    Am Ende ist man erstaunt, wie Vieles von damals auch heute noch Bedeutung hat. Manche Normen ändern sich nie, sind völlig zeitlos. Ein großartiges Stück Literatur, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte!

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jan 2020 

    Kleinstadtleben der oberen Zehntausend.

    Momentan kommen wieder einige „Klassiker“ der Weltliteratur (fast) neu übersetzt und neu bearbeitet auf den Markt. So auch „Middlemarch“ von George Eliot, ein Roman, auf den ich besonders neugierig gewesen bin, weil ich ihn gar nicht „von früher“ kannte.

    „Middlemarch ist das Porträt einer typischen mittleren englischen Kleinstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, schreibt Rainer Zerbst im Nachwort. Lassen wir seine Worte stehen, weil sie zutreffend sind und man bessere kaum findet.

    Die Autorin setzt ihre Protagonisten zu der Zeit in den Roman als der Kampf um jene Wahlkreisreform in England begann, die unter dem Namen Great Reform Act (1832) in die Geschichte einging und insofern schließlich ihr gutes Ende fand – die Reform sorgte dafür, dass nicht nur der Landadel und die Grafschaften eine Stimme im britischen Parlament bekamen, sondern auch Städte und „normale“ Bürger. Doch scheiterte das Bemühen darum vielmals bis man es endlich durchgesetzt hatte.

    Vielerlei Protagonisten treten auf, zahlreiche Familien werden vorgestellt, man braucht eine Weile bis man ihnen allen ihre Landsitze zuordnen kann und ihre Verhältnisse durchschaut. Die Komplexität des Romans ist bezaubernd, die Vielzahl der Beziehungen unter ihnen hält das Interesse des Lesers eingermassen wach. Wie wird es mit den diversen Lebensentwürfen ausgehen, welche gelingen, welche scheitern?

    Die Figuren indessen sind trotz ihrer mit Fleiß betriebenen Innenschau durch die Autorin etwas leblos, wie Marionetten hängen sie im Seil der Autorin, die mit dem Einsetzen eines kommentierenden und reglementierenden auktorialen Erzählers, keinen Spielraum zu eigener Interpretation der auftretenden Personen gibt. Mit den Vertretern der religiösen Honoratioren rechnet Eliot in ihrem Roman ganz besonders hart ab, was wohl ihren eigenen Lebenserfahrungen entsprechen mag.

    Das Kleinstadtleben der Leute aus gutem Hause, die etwas zu sagen haben, trifft die Autorin gut: an den Gerüchten, die von Mund zu Mund gehen, scheitern auch starke Charaktere.

    Die Stärke des Romans liegt in seinen Dialogen. Diese Dialoge sind ausgefeilt und an ihnen soll man das Innere der Protagonisten erkennen. Dennoch ist die Sprache der Autorin sowohl in den Dialogen wie auch in den nachdenklichen Passagen über das Leben „wie es sich darstellt“ oft derart verkompliziert, dass viele Sätze kaum verständlich sind. Die Neuübersetzung, die sich ziemlich wortgetreu an das Original hält, trägt nicht unbedingt zum besseren Verständnis bei.

    Sehr schön sind die aufschlussreichen Fussnoten, die helfen, Personen, Namen, Orte, Geschehnisse des 19. Jahrhunderts einzuordnen, insofern lernt man dazu.

    Wenn man jedoch die Lektüre George Eliots Roman "Middelmarch" mit der Lektüre anderer (großer) Autoren ihrer Zeit auch nur flüchtig messen will, seien es die Franzosen oder die Russen, die man zum Vergleich heranziehen möge, die Österreicher oder die Deutschen oder auch die Amerikaner (man denke allein an Mark Twain mit seinen geschliffenen Wendungen), allesamt mit tiefschürfenden Themen und tiefsinnigem Personal, dann schneidet Middlemarch nur mittelmässig ab.

    Gelegentlich, man möge es mir verzeihen, drängt sich sogar der Eindruck auf, man hätte eine Soap Opera vor sich. Middlemarch ist eben doch nur - immerhin gesellschaftskritische - Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts.

    Trotzdem könnte ich so ein Buch nicht schreiben, auch das wollen wir ehrlich zugestehen - und die kurze Zeit, in der die Autorin ihre "Stadtgeschichte" komponierte, sucht ihresgleichen.

    Fazit: Middlemarch ist eine mal mehr, mal weniger interessante Beschreibung darüber, wie es zugeht in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Doch das Buch hat Längen über Längen und seine Sprachfähigkeit reicht nicht an die anderer, vorgenannter, Klassiker heran.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: dtv, 2020

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Jan 2020 

    "Eine Studie über das Leben in der Provinz"

    In der wunderschönen Neuausgabe erwartet die Leser*innen zu Beginn ein Vorwort, das sowohl eine inhaltliche Übersicht mit Vorwegnahme des Schlusses (!) sowie "Interpretationshilfen" liefert. Das ist eher ungewöhlich, erwartet man die Deutung doch eher im Nachwort, das zusätzlich existiert und Erläuterungen zur Entstehung, Struktur und Intention des Romans bietet.

    Hilfreich beim Vorwort ist die Strukturierung der Handlung und das Vorstellen der wichtigsten Frauenfiguren, die "verschiedene Facetten von Weiblichkeit" (5) zeigen.

    Im Mittelpunkt der Handlung, die 1828 beginnt und im ländlichen Middlemarch, einer Kleinstadt in England, spielt, steht die 17-jährige Waise Dorothea Brooke, die mit ihrer Schwester Celia auf dem Gutshof ihres Onkels lebt. Sie ist tief religiös und neigt dazu, sich selbst zu kasteien, wobei sie gleichzeitig bestrebt ist Gutes zu tun, indem sie z.B. Pläne zeichnet, um die Häuser der Pächter zu verbessern. Sie strebt nach Wissen, das ihr als Frau verweigert wird, so dass sie den unattraktiven, leidenschaftslosen geistlichen Mr. Casaubon als Ehemann erwählt.

    Ihr Onkel, der ein Aufschneider ist und dessen Bemerkungen „wie [...] abgebrochene[...] Flügel eines Insekts unter all den anderen Bruchstücke, [die] in seinem Geist herumlag(en)“ (37), erscheinen, lässt Dorothea die freie Wahl, sofern sie standesgemäß (!) heiratet.

    Doch sie weiß, was sie will. Sie möchte Mr Casaubon dienen, seine Arbeit unterstützen, um an seinem Wissen zu partizipieren.

    „In einer wahrhaft bezaubernden Ehe war der Gatte eine Art Vater und konnte einem Hebräisch beibringen, falls man es wünschte.“ (26)

    Den Leser*innen ist von Anfang klar, dass diese Ehe nicht glücklich werden kann. Der kommentierende, auktoriale Erzähler gibt uns zahlreiche Hinweise darauf, stellt aber auch Mr. Casaubons Sichtweise war. Das ist eine der Besonderheiten des Romans, da der auktoriale Erzähler die Figuren von mehreren Seiten beleuchtet, so dass eine Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit entsteht. In einer komplexen Welt sind die Motive und Handlungen nicht immer monokausal, das zeigt Eliot auf und sie lässt uns Interpretationsspielraum. Eine Folge davon waren viele Diskussionen während der Leserunde ;)

    Dorothea, die im "Vorspiel" mit der Heiligen Therese verglichen wird, sieht die warnenden Anzeichen nicht, dass ihr Zukünftiger ihr nicht das wird geben können, was sie erwartet.
    „Dorotheas Glaube fügte all das hinzu, was Mr. Casaubons Worte ungesagt zu lassen schienen. Welcher Gläubige bemerkt schon eine störende Auslassung oder eine ungeschickte Formulierung.“ (77)

    So versuchen einige Figuren sie von ihrem Vorhaben abzubringen, wie Mrs. Cadwallader, "eine Dame von unermesslicher Geburt, gewissermaßen aus dem Geschlecht unbekannter Adeliger" (80), die die Preise herunterhandelt und gleichzeitig ist sie die "Diplomatin von Tipton und Freshitt, und alles, was ohne sie geschah, war eine kränkende Regelwidrigkeit" (91). Als sie von der Verlobung zwischen Doro und Mr. Casaubon erfährt, ist sie entsetzt und macht Mr. Brooke Vorwürfe, doch die Sache ist beschlossen, worauf sie Sir James Chettam, einem Adligen, der ernsthaft an Doro interessiert ist, warnt und ihm rät, sich der jüngeren Schwester zuzuwenden.

    Sir James zeigt Größe und schluckt seinen Stolz herunter, er wird Celia heiraten, die "mit dem beschränkten Wirkungsfeld zufrieden [ist], das ihr das Leben auf Freshitt Hall bietet, [so] verkörpert sie eine ruhige von Lebensweisheit geprägte weibliche Stabilität." (7)

    Ihr Leben ist gleichzeitig als Gegenentwurf zu Dorotheas Ansprüchen zu lesen, Celia erscheint pragmatisch, verändert sich im Verlauf des Romans nicht. Allerdings unterwirft sie sich keinesfalls ihrem Gatten bedingungslos, sie kann ihren Willen durchsetzen, indem sie die Waffen der Frauen - die Tränen - gezielt einsetzt.

    Eine Strategie, die Rosamond Vincy, Tochter eines erfolgreichen Fabrikanten, perfekt beherrscht. Sie hat es auf den ehrgeizigen, jungen Arzt Tertius Lydgate abgesehen, der neu in Middlemarch ist.

    "Sie will eine gute Heiratspartie machen, wünscht sich Wohlstand und soziale Anerkennung, die mit diesem im viktorianischen Großbürgertum einhergeht." (9)
    Das Schicksal Lydgates nimmt neben der Dorotheas den größten Raum im Roman ein.
    "Für George Eliot, die sich intensiv mit der medizinischen Forschung auseinandersetzte, war dies offenbar der ursprüngliche thematische Kern des Romans um Lydgate und Middlemarch." (1127, Nachwort)

    Er muss sich mit seinen neuen medizinischen Methoden in der Gesellschaft Middlemarchs behaupten und gerät in einen Loyalitätskonflikt, der weitreichende Folgen für ihn hat. Zudem lebt er über seine Verhältnisse und ist zu schwach, um Rosamond Widerstand entgegenzusetzen, die sich aus meiner Sicht als die unsympathischste Frauenfigur entpuppt.

    Mary Garth, Tochter eines Grundstücksverwalters, die Einzige, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss, ist eine weitere Frauenfigur im Roman, deren Bodenständigkeit sich wohltuend von Rosamonds Snobismus abhebt. Ausgerechnet Rosamonds Bruder Fred, der sein Examen nicht bestanden hat und auf ein reiches Erbe hofft, sich von Marys Vater Geld geliehen hat, das er nicht zurückzahlen kann, will Mary zur Frau nehmen. Die beiden kennen sich von Kind an und lieben sich, jedoch will Mary ihn erst dann heiraten, wenn er seine Lebensweise ändert. Es stellt sich die Frage, ob ihm das gelingen kann, ist er doch von seiner Mutter verzogen worden und scheint den Ernst des Lebens (noch) nicht begriffen zu haben.

    Eine weitere wichtige Figur in diesem Personentableau ist Will Ladislaw, ein junger, attraktiver Mann und der Neffe Mr. Casaubons. Auf Dorotheas Hochzeitsreise nach Rom, die Mr. Casaubon hauptsächlich für seine Studien nutzt, er arbeitet an einem Schlüssel zu allen Mythologien, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Will und Doro, wobei sich der junge Mann hoffnungslos in Dorothea verliebt, die jedoch in aller Unschuld ihrem Gatten treu ergeben ist. Man kann vermuten, dass im Lauf der Handlung diese Beziehung, auf die Mr. Casaubon sehr eifersüchtig ist, noch eine entscheidende Rolle spielen wird.
    Die sehr komplexe Handlung ist gekennzeichnet durch Parallelen und Gegensätze, diese verbinden die Figuren und deren Schicksale miteinander, die Verflechtungen sind vielfältig.
    Das Ziel des auktorialen Erzählers ist es, "bestimmte Schicksale zu entwirren und zu sehen, wie sie gewoben und ineinander verwoben sind, dass ich alles Licht, über das ich verfüge, auf dieses spezielle Gewebe konzentrieren muss und nicht über jene verlockende Fülle von Bedeutsamkeiten verstreuen darf, die man das Universum nennt." (15.Kapitel)

    Eliot entwirft ein authentisches Bild der englischen Klassengesellschaft auf dem Land, historischer Hintergrund bietet dabei die Parlamentsreform von 1832. In den Kommentaren des auktorialen Erzählers spiegeln sich das Denken und die Einstellungen der Autorin zum Landadel und zum Bürgertums wider. Im besonderen Fokus steht das zeitgenössische Frauenbild, das Frauen zugesteht, ergebene Ehefrauen zu sein, die ihren Männern dienen und schmückendes Beiwerk abgeben sollen. Nur Männern ist es vergönnt - ihren Verstand zu gebrauchen, Frauen handeln nach Gefühl und sind nicht in der Lage zu denken, so lautet die gängige Meinung.

    "Es ist anstrengend, mit solchen Frauen zu reden. Sie wollen immer Gründe haben und wissen doch zu wenig, als dass sie den eigentlichen Wert einer Frage verstünden, und im Allgemeinen greifen sie auf ihr Moralgefühl zurück, um die Dinge nach ihrem eigenen Gutdünken zu regeln." (134)
    - da hat sich doch einiges im Vergleich zu 1829 geändert.

    Bezeichnenderweise hat die Autorin Mary Ann Evans unter dem männlichen Pseudonym George Eliot ihren Roman veröffentlicht - allerdings stand sie nie an der Front der Frauenbewegung. Alle Frauenfiguren im Roman, auch Dorothea sehen in der Ehe die Bestimmung der Frau.
    Für manche mag die Sprache des Romans gedrechselt klingen, eine Kritik, die auch die Zeitgenossen ausgesprochen haben. Das Nachwort greift diese Kritik auf, doch der Übersetzer gibt zu bedenken, dass "der Stil zugleich auch Ausdruck der Philosophie der Autorin [sei]; ihre komplexen und komplizierten Satzstrukturen, ihre Bemühungen um ein Geflecht von kausalen Beziehungen der Nebensätze, um Aufdeckung von Parallelen und Kontrasten stimmt mit ihrer Gesellschaftstheorie [Gesellschaft als Organismus, in dem alles miteinander in Verbindung steht] überein (weshalb in der vorliegenden Übersetzung Wert darauf gelegt wurde, die komplexen Satzstrukturen ins Deutsche hinüberzuretten.)" (1131)
    Um diesen umfangreichen Roman zu lesen, braucht es daher Muße, Ruhe und den Willen, sich auf diese vergangene Welt und die vielfältigen Figuren in ihrem Beziehungsgeflecht einzulassen, einzutauchen in ihre Geschichten, die Eliot in ihrer - aus meiner Sicht - wunderbaren Sprache erzählt.
    Klare Lese-Empfehlung!