Middlemarch

Buchseite und Rezensionen zu 'Middlemarch' von George Eliot
4.35
4.4 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Middlemarch"

»›Middlemarch‹ ist wahrscheinlich der bedeutendste englische Roman überhaupt.« Julian Barnes Die Grenzen des Dorfes sind die Grenzen unserer Welt. Das akzeptieren vielleicht die restlichen Bewohner von Middlemarch, aber nicht Dorothea und Tertius. Wieso sollte einer jungen Frau der Zugang zu Wissen und Geist verschlossen bleiben, wenn die alten Männer damit nur Schindluder treiben? Und warum sollte ein junger Arzt nicht neue Methoden anwenden dürfen, wenn man dadurch Menschenleben retten kann? Neugier ist Pflicht für Dorothea und Tertius. Und um ihre Pflicht zu erfüllen, setzen sie vieles aufs Spiel.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:1152
EAN:9783423281935

Rezensionen zu "Middlemarch"

  1. Ein englisches Provinzstädtchen während der Industrialisierung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mär 2020 

    Die englische Kleinstadt Middlemarch in den Midlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Die 17-jährige Dorothea Brooke ist eine Waise, die in einem Internat in der Schweiz erzogen wurde. Zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Celia lebt sie bei ihrem Onkel, einem Vertreter des Landadels. Als junger Frau bleibt ihr der Zugang zu Wissen und Bildung verwehrt. Doch damit will sie sich nicht abfinden. Um ihre Wissbegier zu befriedigen, lässt sie sich auf eine Heirat ein. Auch Tertius Lydgate, ein junger Arzt, will Grenzen überschreiten. Er forscht nach neuen Behandlungsmethoden. Beide sind bereit, einiges aufs Spiel zu setzen…

    „Middlemarch“ ist ein Roman von George Eliot, der erstmals bereits im Jahr 1874 erschien.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist stark strukturiert. Es besteht aus acht Büchern, die wiederum in insgesamt 86 Kapitel mit einer angenehmen Länge unterteilt sind. Vorangestellt ist ein kurzes „Vorspiel“, dem ich nicht so viel abgewinnen konnte. Der Roman endet mit einem „Finale“, das als Epilog verstanden werden kann und erklärt, was aus den Figuren geworden ist. Erzählt wird aus der Sicht unterschiedlicher Figuren. Teilweise richtet sich der Erzähler direkt an den Leser.

    Der Schreibstil ist recht ungewöhnlich, was nicht nur der für Klassiker üblichen etwas antiquierten Sprache, sondern auch der sehr speziellen Syntax geschuldet ist. Komplexe und komplizierte Satzstrukturen sind gleichzeitig ein Genuss und eine Herausforderung für den Leser. Die Beschreibungen sind detailliert, manchmal etwas ausschweifend, aber pointiert. Ein wirkliches Manko ist für mich die Übersetzung, die immer wieder unelegant und nicht besonders idiomatisch klingt. Sie wurde zwar von Rainer Zerbst vollständig überarbeitet. Allerdings basiert der Text nach wie vor auf der ersten deutschen Übersetzung von ihm aus dem Jahr 1985.

    Im Mittelpunkt des Romans stehen zunächst einmal Dorothea und Lydgate. Eine wichtige Rolle spielen neben Dorothea weitere Frauen, die sich in einer von Männern und dem Patriarchat dominierten Welt zurechtfinden müssen: zum Beispiel Rosamond Vichy, Mary Garth und Dorotheas Schwester Celia. Darüber hinaus verfügt der Roman über viele weitere Figuren, die ein authentisches und vielfältiges Bild der englischen Mittelschicht in der Provinz erschaffen. Allerdings wäre an der einen oder anderen Stelle eine Personenübersicht hilfreich gewesen.

    Vor 200 Jahren wurde Mary Ann Evans, die unter dem männlichen Pseudonym George Eliot schrieb, geboren. Zum runden Geburtstag sind daher neue Ausgaben ihres Klassikers „Middlemarch“ erschienen. Mich freut, dass der Roman somit wieder Aufmerksamkeit erhält und nicht in Vergessenheit gerät, denn er ist auch für heutige Leser interessant. Die Autorin zeigt ein Panorama an gesellschaftlichen und politischen Themen der Zeit der Industrialisierung. Es geht unter anderem um die Reform des Wahlrechts, den Bau der Eisenbahn, die Arbeit der Mediziner in jener Zeit und einiges mehr. Der Roman ist ungeheuer umfassend und facettenreich. Bei mehr als 1000 Seiten bleibt es natürlich nicht aus, dass es die eine oder andere Länge gibt. Insgesamt konnte mich die Autorin jedoch bei der Stange halten, denn ihre treffliche Beobachtungsgabe und die teils humorvollen Anmerkungen sind dafür umso unterhaltsamer. Obwohl die Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt und damit schon zu Lebzeiten Eliots Historisches behandelt hat, lassen sich auch aktuelle Bezüge herstellen.

    Neben dem Text des Romans bietet die dtv-Ausgabe Zusatzmaterial. Das Vorwort von Elisabeth Bronfen ist interessant, aber für Nichtkenner des Werkes an dieser Stelle völlig ungeeignet, denn es nimmt sehr viel Inhalt vorweg. Im Anhang ist das Nachwort von Rainer Zerbst zu finden, das die Entstehungsgeschichte des Romans erklärt, eine inhaltliche Analyse vornimmt und biografische Informationen zur Autorin liefert. Leider sind auch die Fußnoten zum Roman und zum Nachwort in den Anhang verlagert worden, was bei der Lektüre ein Hin- und Herblättern nötig macht.

    Die dtv-Ausgabe verfügt nicht nur über einen schmucken Schutzumschlag, sondern auch über einen ebenso sehenswerten Einband.

    Mein Fazit:
    „Middlemarch“ von George Eliot verlangt dem Leser angesichts seines Umfangs und seiner stilistischen Herausforderungen zwar einen langen Atem ab. Wer sich auf diesen besonderen Roman, der zu recht ein Klassiker ist, einlässt, wird jedoch mit einer beeindruckenden Lektüre belohnt.

  1. Eine Studie über das Leben in der Provinz

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Feb 2020 

    Middlemarch ist der bedeutende Roman von Mary Ann Evans. Die Autorin veröffentlichte ihn unter dem männlichen Pseudonym George Eliot, weil sie offensichtlich davon ausging, ihn andernfalls nicht veröffentlichen zu können oder dafür öffentlich kritisiert zu werden. Die Autorin war also selbst Opfer des Frauenbilds im angehenden 19. Jahrhunderts, das sie in ihrem Roman trefflich schildert und mit viel Ironie und teils spitzer Zunge beschreibt.

    Dennoch ist Middlemarch kein feministischer Roman. Die Autorin schildert vielmehr einfach das Leben der Mittelschicht in einer mittelgroßen, fiktiven englischen Kleinstadt zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Dabei stehen im Wesentlichen vier Frauen im Vordergrund, die aus sehr unter-schiedlichen Verhältnissen kommen und in der damals von Männern dominierten Welt ihren Weg suchen.

    Zunächst ist da Dorothea Brook. Ihre Familie gehört dem niederen Adel an. Nach dem Tod ihrer Eltern lebt sie mit ihrer Schwester Celia bei ihrem Onkel, der auch der Friedensrichter der Gegend ist. Dorothea strebt nach Höherem. Sie will ihrem Leben Sinn verleihen, Gutes tun. Als Frau in ihrer Position stehen ihr indes nicht viele Möglichkeiten offen. Sie entscheidet sich, den viel älteren Geistlichen Casaubon zu heiraten. Sie bewundert Casaubons Intellekt und wünscht sich, ihn bei seinen Forschungen zu unterstützen und von ihm zu lernen. Die Ehe bleibt allerdings weit hinter den Erwartungen Dorotheas zurück und – bis das der Tod sie scheidet ˗ trostlos. Erst als Casaubons Witwe findet Dorothea den Mut, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.

    Dorotheas Schwester Celia hat weniger hochfliegende Träume. Sie ist angepasst, heiratet standes¬gemäß einen Landadeligen, gebiert ihm Kinder und führt sein Haus. Sie hat keine hohen Erwartungen und wird demgemäß auch kaum enttäuscht.

    Dagegen ist die Enttäuschung von der Ehe bei der verwöhnten Rosamond Vincy groß. Sie stammt aus einer (ehemals) reichen Fabrikantenfamilie. Sehr gut aussehend und gut erzogen, liegen ihr die Verehrer zu Füßen. Rosamond möchte aus ihren bürgerlichen Verhältnissen aufsteigen und am liebsten Middlemarch und seine Bewohner hinter sich lassen. Der junge, gerade zugezogene Arzt Lydgate scheint da gerade der richtige Ehekandidat. Daher wickelt sie ihn ein und bringt ihn dazu, sie zu heiraten. Nachdem der anfängliche Zauber verflogen ist, ist der Jammer allerdings groß. Zu unterschiedlich sind die Charaktere von Rosamond und Lydgate und keiner von beiden kann und will die Erwartungen des anderen erfüllen.

    Neben Dorothea Brook ist Mary Garth ein weiterer Lichtblick in der Frauenrunde. Mary kommt aus einfachen Verhältnissen und ihre Rechtschaffenheit ist beeindruckend. Anders als Dorothea verfügt sie nicht über die finanziellen Mittel, andern zu helfen. Dennoch ist sie jederzeit bereit, anderen die erforderliche Hilfe und Unterstützung zu leisten und weiß immer, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

    Die beschriebenen Frauen und ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft stehen klar im Vordergrund des Romans. Die Autorin erzählt bildreich und anschaulich, unter welchen Zwängen und Benachteiligungen Frauen damals leben mussten. Sie geizt nicht mit Kritik an der untergeordneten Rolle der Frauen und ihren schlechten bis nicht vorhandenen Bildungschancen. Da ist es kein Wunder, dass die Autorin mit massiver Kritik an ihrem Werk rechnete. Allerdings beschränkt sich die Autorin auf eine Situationsbeschreibung und zeigt keinen Ausweg. Erkenntnis ist allerdings der erste Schritt zur Verbesserung.

    Neben den Frauen wird der Roman natürlich von einer großen Anzahl weiterer Personen bevölkert, deren Schicksal und Erleben die Autorin wunderbar miteinander verwebt, sodass tatsächlich ein gut vorstellbares Bild vom Leben in der Provinz entsteht. Historische Ereignisse, wie die Wahlrechtsreform, sowie der Bau der ersten Eisenbahnen finden ebenfalls ihren Platz. Insgesamt gibt der Roman ein gut abgerundetes Bild ab. Aufgrund einiger Längen gibt es von mir 4 Sterne.

  1. Auf jeden Fall ein Klassiker

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Feb 2020 

    Auf jeden Fall ein Klassiker

    Die Provinz Middlemarch, Anfang des 19. Jahrhunderts, ist der Schauplatz der Charaktere mit denen George Eliot eine eigene Welt erschaffen hat. Das zentrale Thema dieses Romans ist die teilweise schwierige Selbstfindung der Frauen, die in einer von Männern dominierten Welt einen eigenen Weg suchen.
    George Eliot, die ihren Roman um 1872 geschrieben hat, bietet dem Leser einen interessanten Blick auf die damalige Gesellschaft. Sie durchleuchtet dabei vor allem die Stellung der Frauen zur damaligen Zeit in den gehobenen Kreisen im fiktiven Middlemarch. Sie zeichnet die Charaktere klar heraus, und lässt den Leser am Leben derer teilhaben. Sie beschreibt gekonnt die Charaktereigenschaften der handelnden Personen und skizziert das Leben in allen Facetten. Der Fokus liegt häufig auf der Wahl des zukünftigen Lebenspartners, hier wurde mir bewusst wie grundsätzlich anders es damals von statten ging. Teilweise war ich beeindruckt von den Ansichten der Autorin, die ich nicht immer so erwartet habe. Sie lässt klar erkennen, dass sie sich für die Rechte der Frauen stark machen möchte.

    Die Frauen des Romans sind sehr unterschiedlich. Da ist zum Beispiel Dorothea Brooke, die sehr idealistisch eingestellt ist. Sie saugt Wissen auf wie ein Schwamm, kann und will sich ihrem zukünftigen Mann Casaubon, komplett zur Verfügung stellen, um ihm bei seinen schriftlichen Ausarbeitungen zu helfen. Die Wahl des Ehemannes, der um vielfaches älter ist als sie, bereut sie allerdings bereits nach kurzer Zeit. Der junge Will Ladislaw verehrt Dorothea, sehr zum Missfallen ihres Gatten, der sehr unfair agiert.
    Der Arzt Lydgate, der erst seit kurzem in Middlemarch wohnt, versucht das Gesundheitssystem zu revolutionieren, er bringt frischen Wind ins Städtchen, das heißt er versucht es, stößt aber bei der eingesessenen Truppe eher auf Widerstand. Rosamond Vichy hat ein Auge auf den Arzt geworfen, sehr zum Leidwesen vieler anderer heiratsfähigen Männer, die die hübsche junge Frau gern ehelichen würden.
    Rosamonds Bruder Fred ist ein Mensch, der immer davon ausgeht, dass sich Unheil abwenden lässt. Er lässt sich auf Schulden ein, in der Hoffnung auf ein Erbe. Seine Liebe zu Mary Garth gefährdet er mit seiner Lebensphilosophie.
    Dies ist nur eine Handvoll der wichtigen Personen aus Middlemarch, auf alle näher einzugehen würde sicher den Rahmen einer Rezension sprengen.
    Ich kann nur soviel sagen, dass der Roman mir gut gefallen hat. Ich empfand es sehr spannend von der Autorin über das Leben der Menschen in Middlemarch zu erfahren. Allerdings habe ich sehr lange gebraucht, da der Schreibstil gerade zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig ist, es gehört eine Menge Konzentration beim lesen dazu.
    Gefallen hat mir besonders gut, dass George Elliot sich selbst einbringt, ein Stilmittel, das mich erst erstaunt, später begeistert hat. Der Roman, der sich auf acht Teile aufteilt, ist sehr umfassend, dennoch ist genug Stoff für dieses fast 1200 Seiten starke Buch vorhanden. Es hat mich einige Wochen begleitet, und nun fehlt mir abends meine Lektüre, die mich in Middlemarch eintauchen lässt sehr.

  1. "Schatzkammer an Details" (Henry James)

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Feb 2020 

    Diese wundervolle Schmuckausgabe des dtv- ob nun mit oder ohne Schutzeinband- ist wirklich prächtig gestaltet, und das sollte sie auch sein, ist das Werk ja nicht weniger als 1148 Seiten stark und soll einladen, es zu lesen.

    Diese Neuausgabe überraschte mit einem gelungenen Vorwort von Elisabeth Bronfen und schloss mit einem umfangreichen, sehr informativen Nachwort von Rainer Zerbst.

    Überraschend, war das Vorwort für mich dabei in doppelter Hinsicht. Einerseits schien es mir gut gelungen, das Vermögen zu besitzen einen derart Seiten starken Roman so gut zusammenzufassen und mir insofern den Einstieg in die einzeln vorkommenden Charaktere und Handlungen damit zu erleichtern. Andererseits nahm ich etwas wehmütig zur Kenntnis, dass das Vorwort gleichermaßen schon entscheidende Informationen zum Fort- und Ausgang des Romans enthielt, was mich ehrlicherweise etwas enttäuscht hat, hätte ich mir das doch gerne selbst erarbeitet und -gerade aufgrund der Dicke des Werkes- dies selbst voller Spannung erlesen.

    Das Werk der fiktiven Kleinstadt Middlemarch entführt uns in die Zeit um 1830 in die englische Provinz, in der die Stellung der Frau vor allem dadurch gekennzeichnet war, dass sie aufgrund des damaligen allgemeinen Rollenbildes, geheiratet werden durfte, sich um Haushalt und Kinder zu kümmern hatte- was je nach gesellschaftlichem Stand- mit mehr oder weniger Personal und Prestige verbunden zu sein schien. Im Übrigen erwartete der Mann Entlastung, Stille, Unterwürfigkeit, eine treue anpassungsfähige Gefährtin. Selbständiges Denken oder gar ihre Meinung zum Weltgeschehen/Politik/Geschäfte etc. zu äußern oder sich gar zu Bilden war dabei ganz und gar verpönt- so frage ich mich gerade, während ich dies schreibe: wie vieles davon wird- im Stillen oder ganz offen- auch heute noch mancherorts und überhaupt ins Rollenbild der Frau impliziert...

    Die Charaktere der Frauen sollen allesamt als sich unterordnende Ehefrauen dargestellt werden, die von der patriarchalischen, sie dominierenden Männerwelt gelenkt und angeleitet werden. Und dennoch sind sie es nicht! Obgleich sie sich alle ihren Ehemännern und deren Wesenszügen entsprechend anpassen, so lenken sie, die Frauen, dennoch, mehr oder minder offen oder heimlich.

    Da haben wir Dorothea Brook, die ihrem starken Wissensdrang folgend und dem Streben nach Bildung und Verbesserung der Lebensbedingungen der sie umgebenden Pächter, zunächst einen vollkommen vergeistigten, verknöcherten, alten Gelehrten heiratet, der ihr jedoch aufgrund seines fortgeschrittenen Lebensalters und seiner vertrockneten Lebensweise als Last von den Schultern genommen wird. Sie lenkt, beeinflusst, versucht zu gestalten und zu verbessern, was ihr aufgrund ihrer Geldmittel möglich ist. Sie lässt sich nicht aufhalten, von all den ihr in den Weg gelegten Steinen, Intrigen, Meinungen der anderen, egal wovon, das beeindruckt.

    An dieser Stelle hätte ich mir die Seitenanzahl mit dieser Protagonistin deutlich höher gewünscht, auf denen sie vorkommt, so suggerierte es mir zumindest der Klappentext.

    Stattdessen wäre mir eine deutlich geringere Seitenzahl mit der hübschen, niedlichen, verschwenderischen,verzogenen, selbstsüchtigen Arztgattin Rosamond sehr lieb gewesen. Auch sie lenkt ihren Mann, beeinflusst durch eigenmächtiges Handeln den Fortgang des Schicksals ihrer Ehe maßgeblich und trägt damit keinesfalls zum Ansehen derselben und dem ihres Mannes bei. Lydgate, ein innovativer Arzt, der geniale Ideen letztlich nicht in die Tat umzusetzen vermag, scheitert er doch am Kleinmut und den engen Grenzen der Kleinstadt- Grenzen in den Köpfen der Menschen, die gleichzeitig die Grenzen der Welt zu sein scheinen- heute wie damals!

    Geschickt webt Eliot ein Netz aus Charakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten. So begegnen uns auch einfachere Menschen, die nicht in Saus und Braus leben, sondern sich ihr Leben hart erarbeiten müssen und dennoch durch ihr Leben mit einem Stolz und einer Anmut schreiten, als fehle es ihnen an nichts. Eine solche redliche beeindruckende Frau hat Eliot mir der Person Mary Garth geschaffen, die sich durch keinerlei Intrige, Machenschaft, Drängen oder Erwartungen anderer beeinflussen lässt und unbeirrt an dieser grundsoliden Geisteshaltung festhält. Wunderbar erfrischend in diesem Middlemarcher Sumpf. Die gesamte Familie Garth lässt uns im Buch erleben, dass es sehr wohl möglich ist, mit Ehrlichkeit und Redlichkeit durchs Leben zu gehen, ohne davon abzuweichen, von wem auch immer erwartet...

    Viele unterschiedliche Personen kreuzen auf und streifen den Weg der Hauptcharaktere, so dass insgesamt ein abgerundetes Gesamtbild entsteht, das auch Einblick in die einfachere Lebensweise des Städtchens gibt. So nimmt die Rolle der Parlamentsreform ihren Lauf und die meinungskolportierenden Damen und Herren, wie etwa Pfarrersfrauen, Pfarrer, eine Wirtin, Händler, Nachbarinnen, Angestellte, Beerdigungsgäste, Politiker etc. tragen die Ereignisse des Städtchens breit. Dabei ist die Gesamtentwicklung im Roman am Ende positiv. Den einen holt seine Vergangenheit ein, den Banker Bulstrode, dem anderen blüht eine prächtige Zukunft, obwohl seine Gegenwart von Müßiggang und Faulheit geprägt war, Fred Vincy, der am Ende verdientermaßen, die bodenständige redliche Mary ehelichen darf.

    Dorothea Brook bekommt, wir wissen es bereits aus dem Vorwort, ihren Will am Ende dann doch, trotz aller Widrigkeiten.

    Fazit:

    Auf jeden Fall sehr lesenswert und wunderbar in seiner Gesamtschau. Aufgrund seiner Längen an manchen Stellen, an denen mir ein Fortkommen als nicht vorhanden erschien und der Tatsache, dass dieses Werk nach meinem Empfinden wunderbar in einer Reihe mit etwa "Stolz und Vorurteil", "Jane Eyre" oder "Sturmhöhe" stehen könnte und der Tatsache, dass mir das das Ende vorwegnehmende Vorwort den ungestörten Lesefluss getrübt hat, gibt es von mir gute 4,5 Sterne.

  1. Gelungene Gesellschaftsstudie mit Fokus auf den weiblichen Chara

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jan 2020 

    Gelungene Gesellschaftsstudie mit Fokus auf den weiblichen Charakteren

    Das ist ein Buch, welches mich sehr lange beschäftigt hat. Ich hatte anfänglich so meine Probleme mit "Middlemarch", die aber nicht mit diesem Buch, sondern eher mit mir zu tun hatten. Meine Konzentrationsfähigkeit war nicht so gut im ersten Viertel dieses Buches und dies gepaart mit manchen etwas schwierig zu lesenden Sätzen dieses Buches war eine gewisse Herausforderung. Das besserte sich dann aber nach und nach und ich konnte schließlich zum Genuss dieses Buches kommen. Denn einen Genuss bietet dieses Buch in vielen Sätzen dieser Ausnahmeautorin.

    War sie doch ihrer Zeit deutlich voraus und erschuf hier mit "Middlemarch" eine Gesellschaftsstudie allererster Güte. Eine Studie über das Leben in der Provinz wurde dieses Buch von George Eliot genannt, aber eigentlich geht es fast nur um die höher gestellten Schichten der Provinz und genau das ist es, eine Studie über das Leben der höher gestellten Schichten in der Provinz. Und gleichzeitig in diese Gesellschaftskritik eingebettet ist auch eine wirklich interessante Darstellung weiblicher Verhaltensweisen in damaliger Zeit mittels verschieden dargestellter weiblicher Charaktere und ihrem Umgang mit dem anderen Geschlecht und ihrem Umgang mit den Normen ihrer Zeit. Durch eben diese verschieden dargestellten Charaktere wird hier ein großes Spektrum abgebildet und als Leserin ist man definitiv froh jetzt zu leben, denn diese konservative Zeit lädt nicht zum Verweilen ein. Dabei zeugt die Darstellung der verschiedenen Charaktere von einer perfekten Beobachtungsgabe der Autorin, denn sie beschreibt die menschlichen Eigenschaften ausgezeichnet und psychologisch durchdacht. Und bei vielem Beschriebenem kann der Leser Vergleiche ziehen, weil vieles von dem Verhalten der Menschen im Buch in heutiges Geschehen transferierbar ist. Beurteilen konnte die Autorin dies nicht nur durch Beobachten,. sondern auch durch eigene Erlebnisse, wie im Nachwort deutlich wird, es ist wirklich einiges an biographischen Daten in dieses Buch eingeflossen. Die Autorin hat eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe und präsentiert ihre Erkenntnisse mit einer recht spitzen Zunge, wobei man sich als Leser dann sicher sein kann, dass die Autorin wahrscheinlich in ihrer Zeit mit ihren Ansichten angeeckt sein wird. Hier ist das Nachwort sehr erhellend und es ist nachvollziehbar, warum die Autorin ihr Buch unter einem männlichen Pseudonym herausgebracht hat.

    Insgesamt ist "Middlemarch" ein wirklich gutes Buch, dass man lesen sollte, allerdings muss ich den letzten Stern noch zurückhalten, denn richtig angeknipst hat es mich dann doch nicht.

  1. Absolut lesenswerter Wälzer!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2020 

    Es handelt sich bei dem klar strukturierten und detailliert komponierten Werk der Autorin Marian Evans alias George Eliot von 1871 um einen dicker Schmöker von ca. 1100 Seiten.

    Der Roman ist ein Gesellschaftsportrait, das durch eine raffinierte und unterhaltsame Verzahnung einzelner Schicksale entsteht.

    Im Verlauf lernen wir das fiktive englische Städtchen Middlemarch und einige seiner Bewohner kennen.

    Die Protagonisten mit ihren unterschiedlichen Temperamenten und Charakteren führen uns die Welt der in der englischen Provinz lebenden gehobeneren Gesellschaftsklassen (Landadel und Mittelklasse/Bürgertum) der ersten Hälfte des 19. Jh vor Augen und die weiblichen Figuren demonstrieren uns in ihrer Unterschiedlichkeit die verschiedenen Facetten der Weiblichkeit und deren Bedeutung und Ansehen in der damaligen Zeit.

    Die Unterschicht spielt nur indirekt und am Rande eine Rolle, indem sie manchmal in Nebensätzen Erwähnung findet.

    Im Zentrum stehen Dorothea und Lydgate. Beide müssen letztendlich Abstriche von ihren ursprünglich hochgesteckten Zielen machen.
    Während die begeisterungsfähige, aufopferungsvolle und ums Wohl der Menschheit besorgte Dorothea letztendlich ihr Lebensglück findet, gelingt es dem leidenschaftlichen, begabten und am Fortschritt der Medizin interessierten jungen Arzt Lydgate, sich mit Alternativen zu arrangieren und trotz etlicher Widrigkeiten ein zufriedenes Leben zu führen.

    Wir begleiten nicht nur Dorothea, die einen älteren und introvertierten Pastor und Gelehrten heiratet, um die eigene intellektuelle Erfüllung zu finden und Lydgate, der sich in die schöne, elegante und selbstbezogene Rosamond verliebt, sondern auch Celia, Dorotheas bodenständige, pragmatische und unbeschwert-fröhliche Schwester, die das typische Frauenbild der viktorianischen Zeit repräsentiert und Sir James ehelicht, der ursprünglich Interesse an Dorothea hatte.

    Daneben lernen wir noch zahlreiche weitere Protagonisten gut kennen.

    Da sind z. B. Mr. Casaubon, der wortkarge Ehemann von Dorothea und Mr. Featherstone, der grimmige und gehässige Onkel der Geschwister Rosamond und Fred, die beide über ihren Tod hinaus das Leben anderer Menschen beeinflussen und kontrollieren wollen.

    Da ist die Familie Garth, die ein Beispiel für liebevollen Umgang, Loyalität und Zusammenhalt gibt.

    Da sind Mary Garth, die klare Prinzipien vertretende und zutiefst aufrichtige Hausangestellte von Featherstone und ihr moralisch einwandfreier Vater Caleb Garth, der dem jugendlich leichtsinnigen aber ehrlichen Fred zu einer Chance verhilft, den rechten Weg zu finden und seine Tochter Mary zu erobern.

    Und da ist Will Ladislaw, ein redegewandter und künstlerisch veranlagter integrer junger Mann, der „vom Schicksal“ ungerecht behandelt wurde, aber letztendlich sein Glück in der Liebe findet.

    Diese Auflistung bedeutender Protagonisten könnte noch gut eine Weile fortgesetzt werden, aber um keine allzu große Verwirrung zu erzeugen, belasse ich es erst einmal dabei.

    Erwähnenswert finde ich, dass wir in das Leben und in die Gedanken- und Gefühlswelt vieler einzelner Personen tief eintauchen und trotzdem oder gerade deshalb einen detaillierten Einblick ins große Ganze bekommen: in die damalige englische Gesellschaft des beginnenden 19. Jh, die Neues und Fremdes ablehnte.
    Dass der Autorin diese Zweigleisigkeit gelingt, zeigt ihr großes Talent.

    Es geht um Versuchungen, denen getrotzt wird oder denen nicht widerstanden werden kann.

    Es geht um enge gesellschaftliche Verhältnisse voller Normen, Konventionen, traditionellen Beschränkungen und moralischen Vorstellungen und der Leser wird mit fragwürdigen Frauenbildern, konservativen Vorstellungen, und zementierten, schwer zu durchbrechenden sozialen Rollentzuschreibungen konfrontiert.

    Aber auch Zuwiderhandlungen gegen die Regeln der Gesellschaft, fortschrittliche Ideen und die Bedeutung und Macht der Gerüchteküche spielen eine zentrale Rolle.

    Der Leser bekommt darüber hinaus einen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Unruhen der Jahre, die auf die große Parlamentsreform im Jahre 1832, in dem der Roman endet, zusteuern und ist somit zeitlich gesehen in einer Phase des Umbruchs angesiedelt.

    Die damalige Selbstverständlichkeit von Klassenunterschieden sowie die damalige Bedeutung von Geld und Vermögen wird uns vor Augen geführt und wir bekommen einen Einblick in den damaligen Status der Ärzte und Stand der Medizin.

    George Eliot erzählt mit einer schönen, für den heutigen Leser natürlich etwas altertümlichen , präzisen und bildhaften Sprache. Sie verwendet wunderschöne Formulierungen, treffende Vergleiche und Metaphern und überrascht und erfreut den Leser immer wieder mit ironischen, witzigen oder klugen Bemerkungen.

    Ich genoß Sprache und Ausdrucksweise und las deshalb langsam, auch wenn dadurch die Lektüre dieses dicken Wälzers noch länger gedauert hat.

    Der Roman ist sehr abwechslungsreich aufgebaut und schon deshalb nie langweilig.
    Das liegt nicht nur an Struktur und Gliederung in einzelne Bücher und Kapitel oder daran, dass immer wieder andere Personen beleuchtet werden, sondern es liegt auch am Perspektivenwechsel. Immer wieder klinkt sich der Erzähler/die Erzählerin mit seinem/ihrem eigenen Ich ein, um vor einseitigen Sichtweisen und voreiligen Schlüssen zu warnen bzw. um alternative Interpretationsmöglichkeiten anzubieten.

    Es ist faszinierend, dass und wie die Autorin es schafft, Gefühle beim Leser auszulösen: Mitgefühl, Rührung, Ärger, Erstaunen, Empörung...Die ganze Palette.

    Ich bin beeindruckt, wie die Autorin die einzelnen Fäden und Stränge nach und nach zusammen laufen lässt.
    Die zahlreichen Figuren und Schicksale werden gekonnt und schlüssig miteinander verbunden. Eliot hat diesen Roman wirklich gekonnt komponiert.

    Bei allem Lob muss ich einräumen, dass der Roman wegen seiner altertümlichen Sprache und wegen den komplexen und komplizierten Satzstrukturen stellenweise nicht einfach zu lesen war. Aber das spielte für mich eine untergeordnete Rolle. Manches musste, bzw. wollte ich mehrmals und alles ohnehin hellwach und konzentriert lesen, damit mir nichts entging.
    Aber es lohnte sich!

    Es gibt m. E. auch Botschaften, die uns die Autorin en passant und keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger vermittelt:
    -Jegliches Tun hat Konsequenzen und es sind nicht nur die großen Taten von Berühmtheiten, die Veränderungen bewirken, sondern auch die vermeintlich kleinen Taten von unscheinbaren oder unbekannten Personen. Und zwar im positiven wie im negativen Sinn.
    -Es ist wichtig, für andere Sichtweisen offen zu sein. Zu schnell bewegt man sich auf seinem eigenen Gedankenweg, schiebt in Schubladen, zieht voreilige Schlüsse und blendet andere Perspektiven oder Alternativen aus, was die Gefahr einer„moralischen Dummheit“ nach sich zieht.

    Nach dem letzten Zuklappen des Romans war ich begeistert und froh.
    Begeistert über den Inhalt und froh, diesen dicken Wälzer bewältigt zu haben.

    Aber ich spürte auch eine gewisse Wehmut darüber, Middlemarch und seine Bewohner verlassen zu müssen. Denn ich war gern dort.

    Absolut lesenswert!

  1. Ein großes Stück Englische Literatur

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Jan 2020 

    Anlässlich des 200. Geburtstages der Autorin George Eliot, die unter männlichem Pseudonym schrieb, gab der dtv - Verlag diese prächtige, neu bearbeitete Neuauflage des Klassikers heraus. Das Buch ist eine Pracht: Nicht nur der Schutzumschlag ist hochwertig mit fantastischen Blumenmustern gestaltet, sondern auch der feste Einband. Dem Roman sind ein Vorwort von Elisabeth Bronfen voran- und ein Nachwort von Rainer Zerbst hintangestellt. Beide Texte betten den Klassiker wunderbar in seinen historischen Kontext ein und weisen auf literarische Besonderheiten hin. Nicht umsonst wurde „Middlemarch“ im Jahr 2015 zum bedeutendsten englischen Roman gewählt.

    Die Handlung ist in einer fiktiven, aber typischen, englischen Kleinstadt um 1830 angesiedelt. Im Mittelpunkt steht Dorothea Brooke, die seit dem Tod der Eltern gemeinsam mit ihrer Schwester Celia auf dem Gut ihres Onkels Arthur lebt. Dorothea möchte ihr Leben sinnvoll verbringen, es nicht mit Vergnügen, Trödel und Tand vergeuden. In diesem altruistischen Bestreben setzt sie sich völlig vom idealen viktorianischen Frauenbild ab, dem Celia viel eher zu entsprechen scheint. Als Dorothea den ältlichen Geistlichen Edward Casaubon kennenlernt, wächst in ihr die Hoffnung, der vorbestimmten Enge entkommen zu können. Sie sieht in Casaubon einen zutiefst gebildeten Mann, der seit Jahren an einem großen Werk über Religionsgeschichte arbeitet, das ihm einst großen Ruhm einbringen wird, und träumt „von einer tiefen Gemeinsamkeit auf geistigem Gebiet“. Sowohl ihre Schwester und ihr Onkel als auch der Nachbar Sir James Chettam (der ebenfalls Interesse an einer Verbindung mit Dorothea hat) raten ihr davon ab, den deutlich älteren Mann zu heiraten. Ebenso sät der auktoriale Erzähler immer wieder Zweifel am Bräutigam. Dorothea lässt sich aber nicht beirren und geht die Ehe ein.

    Der Roman wird von weiteren interessanten Frauenfiguren bevölkert: Dorotheas Schwester Celia wirkt weit angepasster und wird einen vermögenden, „normalen“ Ehemann wählen, der sie versorgen und ihr die Annehmlichkeiten der Zeit ermöglichen kann. Celia hat keine Schwierigkeiten, sich dem geltenden Patriarchat zu beugen und den Mann als Denker und Entscheider anzuerkennen. Dennoch wird auch sie ihre Interessen durchzusetzen wissen.

    Rosamond Vincy ist ein verwöhntes 17-jähriges Mädchen aus reicher Fabrikantenfamilie. Sie ist bildhübsch und die Männer liegen ihr zu Füßen. Sie selbst wiederum träumt davon, Middlemarch zu verlassen und setzt sich in den Kopf, sich mit einem Zugereisten zu verbinden. In der Wahl ihrer Mittel geht sie sehr narzisstisch und wenig zimperlich mit ihrem Umfeld vor.

    Das krasse Gegenstück zu Rosamond ist deren Jugendfreundin Mary Garth. Sie hat das Herz am rechten Fleck, gesunden Menschenverstand, sie muss sich fleißig ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und entstammt einfachen, aber angesehenen Verhältnissen. Selbstverständlich hat sie auch einen Verehrer. Jener muss sich aber noch ordentlich bemühen, um auch ihre Aufmerksamkeit zu erlangen…

    Über das damals vorherrschende Gesellschaftsbild gibt es keinen Zweifel, nicht umsonst wird der Roman auch „Eine Studie über das Leben in der Provinz“ genannt. Um die genannten vier Frauen ranken sich natürlich noch zahlreiche weitere Figuren. Neben den bereits genannten Ehegatten ist hier der Arzt Tertius Lydgate zu nennen, der für seinen Beruf lebt und die medizinische Forschung zum Wohle der Allgemeinheit voran treiben möchte. Das wird natürlich von den Etablierten des Städtchens mit großer Skepsis betrachtet.

    Vergessen darf man auch keinesfalls Fred Vincy, Rosamonds Bruder: Ein junger Lebemann, der große Erwartungen auf eine reiche Erbschaft hegt und sich dieser auch im Vorhinein schon bedient, was Komplikationen mit sich bringt. Da gibt es den guten Pfarrer Fairbrother, der seine Schäfchen kennt, stets eingreift und vermittelt, wo er gebraucht wird.

    Selbstverständlich gibt es auch Bösewichter in Middlemarch, Unredlichkeiten, Vorurteile, Versuchungen, Gerüchte und Skandale. Viele der genannten Figuren sind miteinander verwoben – entweder persönlich oder familiär. Nach und nach entfaltet der Roman seine Kraft durch die Vielseitigkeit der Handlung, durch unerwartete Wendungen, seine Sprachbrillanz und seinen Inhalt. Es ist wunderbar, wenn der auktoriale Erzähler sich immer wieder einschaltet, um auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten und zum Nachdenken anzuregen. Zahlreiche zeitlose Weisheiten flankieren den Text, oft auch mit einer guten Prise ironisch-sarkastischen Humors gewürzt.

    An der gewünschten Rolle der Frauen in dieser Gesellschaft wird kein Zweifel gelassen. Der Weg zu Bildung war ihnen weitgehend verstellt. Sie galten als hübsches Anhängsel ihrer Männer, selbständiges Denken wurde ihnen aberkannt. Allgemeingut war die Tatsache, dass Frauen nur mit mäßigem Intellekt ausgestattet waren, was ihnen die Männerwelt auch immer wieder gerne vorhielt. Die Autorin übt offene Kritik an dieser herrschenden Meinung und zeigt mit Hilfe ihrer erfundenen Frauengestalten Wege auf, wie dieses Schicksal gestaltet werden konnte.

    George Eliot hat einen großartigen Roman geschrieben, den ich auch heutigen Leser*innen ans Herz legen möchte. Nach kurzer Zeit taucht man ein in die altertümliche Welt von Middlemarch, nimmt Anteil an den verschiedenen Schicksalen, falschen Entscheidungen und zwischenmenschlichen Verstrickungen seiner Bewohner. Immer mehr Fahrt nimmt die Handlung auf, um in einem glaubwürdigen Finale zu münden. Das alles in einer Sprache, die ich als reinen Lesegenuss empfunden habe.

    Am Ende ist man erstaunt, wie Vieles von damals auch heute noch Bedeutung hat. Manche Normen ändern sich nie, sind völlig zeitlos. Ein großartiges Stück Literatur, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte!

  1. Kleinstadtleben der oberen Zehntausend.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 14. Jan 2020 

    Momentan kommen wieder einige „Klassiker“ der Weltliteratur (fast) neu übersetzt und neu bearbeitet auf den Markt. So auch „Middlemarch“ von George Eliot, ein Roman, auf den ich besonders neugierig gewesen bin, weil ich ihn gar nicht „von früher“ kannte.

    „Middlemarch ist das Porträt einer typischen mittleren englischen Kleinstadt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, schreibt Rainer Zerbst im Nachwort. Lassen wir seine Worte stehen, weil sie zutreffend sind und man bessere kaum findet.

    Die Autorin setzt ihre Protagonisten zu der Zeit in den Roman als der Kampf um jene Wahlkreisreform in England begann, die unter dem Namen Great Reform Act (1832) in die Geschichte einging und insofern schließlich ihr gutes Ende fand – die Reform sorgte dafür, dass nicht nur der Landadel und die Grafschaften eine Stimme im britischen Parlament bekamen, sondern auch Städte und „normale“ Bürger. Doch scheiterte das Bemühen darum vielmals bis man es endlich durchgesetzt hatte.

    Vielerlei Protagonisten treten auf, zahlreiche Familien werden vorgestellt, man braucht eine Weile bis man ihnen allen ihre Landsitze zuordnen kann und ihre Verhältnisse durchschaut. Die Komplexität des Romans ist bezaubernd, die Vielzahl der Beziehungen unter ihnen hält das Interesse des Lesers eingermassen wach. Wie wird es mit den diversen Lebensentwürfen ausgehen, welche gelingen, welche scheitern?

    Die Figuren indessen sind trotz ihrer mit Fleiß betriebenen Innenschau durch die Autorin etwas leblos, wie Marionetten hängen sie im Seil der Autorin, die mit dem Einsetzen eines kommentierenden und reglementierenden auktorialen Erzählers, keinen Spielraum zu eigener Interpretation der auftretenden Personen gibt. Mit den Vertretern der religiösen Honoratioren rechnet Eliot in ihrem Roman ganz besonders hart ab, was wohl ihren eigenen Lebenserfahrungen entsprechen mag.

    Das Kleinstadtleben der Leute aus gutem Hause, die etwas zu sagen haben, trifft die Autorin gut: an den Gerüchten, die von Mund zu Mund gehen, scheitern auch starke Charaktere.

    Die Stärke des Romans liegt in seinen Dialogen. Diese Dialoge sind ausgefeilt und an ihnen soll man das Innere der Protagonisten erkennen. Dennoch ist die Sprache der Autorin sowohl in den Dialogen wie auch in den nachdenklichen Passagen über das Leben „wie es sich darstellt“ oft derart verkompliziert, dass viele Sätze kaum verständlich sind. Die Neuübersetzung, die sich ziemlich wortgetreu an das Original hält, trägt nicht unbedingt zum besseren Verständnis bei.

    Sehr schön sind die aufschlussreichen Fussnoten, die helfen, Personen, Namen, Orte, Geschehnisse des 19. Jahrhunderts einzuordnen, insofern lernt man dazu.

    Wenn man jedoch die Lektüre George Eliots Roman "Middelmarch" mit der Lektüre anderer (großer) Autoren ihrer Zeit auch nur flüchtig messen will, seien es die Franzosen oder die Russen, die man zum Vergleich heranziehen möge, die Österreicher oder die Deutschen oder auch die Amerikaner (man denke allein an Mark Twain mit seinen geschliffenen Wendungen), allesamt mit tiefschürfenden Themen und tiefsinnigem Personal, dann schneidet Middlemarch nur mittelmässig ab.

    Gelegentlich, man möge es mir verzeihen, drängt sich sogar der Eindruck auf, man hätte eine Soap Opera vor sich. Middlemarch ist eben doch nur - immerhin gesellschaftskritische - Unterhaltungsliteratur des 19. Jahrhunderts.

    Trotzdem könnte ich so ein Buch nicht schreiben, auch das wollen wir ehrlich zugestehen - und die kurze Zeit, in der die Autorin ihre "Stadtgeschichte" komponierte, sucht ihresgleichen.

    Fazit: Middlemarch ist eine mal mehr, mal weniger interessante Beschreibung darüber, wie es zugeht in der feinen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Doch das Buch hat Längen über Längen und seine Sprachfähigkeit reicht nicht an die anderer, vorgenannter, Klassiker heran.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: dtv, 2020

  1. "Eine Studie über das Leben in der Provinz"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Jan 2020 

    In der wunderschönen Neuausgabe erwartet die Leser*innen zu Beginn ein Vorwort, das sowohl eine inhaltliche Übersicht mit Vorwegnahme des Schlusses (!) sowie "Interpretationshilfen" liefert. Das ist eher ungewöhlich, erwartet man die Deutung doch eher im Nachwort, das zusätzlich existiert und Erläuterungen zur Entstehung, Struktur und Intention des Romans bietet.

    Hilfreich beim Vorwort ist die Strukturierung der Handlung und das Vorstellen der wichtigsten Frauenfiguren, die "verschiedene Facetten von Weiblichkeit" (5) zeigen.

    Im Mittelpunkt der Handlung, die 1828 beginnt und im ländlichen Middlemarch, einer Kleinstadt in England, spielt, steht die 17-jährige Waise Dorothea Brooke, die mit ihrer Schwester Celia auf dem Gutshof ihres Onkels lebt. Sie ist tief religiös und neigt dazu, sich selbst zu kasteien, wobei sie gleichzeitig bestrebt ist Gutes zu tun, indem sie z.B. Pläne zeichnet, um die Häuser der Pächter zu verbessern. Sie strebt nach Wissen, das ihr als Frau verweigert wird, so dass sie den unattraktiven, leidenschaftslosen geistlichen Mr. Casaubon als Ehemann erwählt.

    Ihr Onkel, der ein Aufschneider ist und dessen Bemerkungen „wie [...] abgebrochene[...] Flügel eines Insekts unter all den anderen Bruchstücke, [die] in seinem Geist herumlag(en)“ (37), erscheinen, lässt Dorothea die freie Wahl, sofern sie standesgemäß (!) heiratet.

    Doch sie weiß, was sie will. Sie möchte Mr Casaubon dienen, seine Arbeit unterstützen, um an seinem Wissen zu partizipieren.

    „In einer wahrhaft bezaubernden Ehe war der Gatte eine Art Vater und konnte einem Hebräisch beibringen, falls man es wünschte.“ (26)

    Den Leser*innen ist von Anfang klar, dass diese Ehe nicht glücklich werden kann. Der kommentierende, auktoriale Erzähler gibt uns zahlreiche Hinweise darauf, stellt aber auch Mr. Casaubons Sichtweise war. Das ist eine der Besonderheiten des Romans, da der auktoriale Erzähler die Figuren von mehreren Seiten beleuchtet, so dass eine Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit entsteht. In einer komplexen Welt sind die Motive und Handlungen nicht immer monokausal, das zeigt Eliot auf und sie lässt uns Interpretationsspielraum. Eine Folge davon waren viele Diskussionen während der Leserunde ;)

    Dorothea, die im "Vorspiel" mit der Heiligen Therese verglichen wird, sieht die warnenden Anzeichen nicht, dass ihr Zukünftiger ihr nicht das wird geben können, was sie erwartet.
    „Dorotheas Glaube fügte all das hinzu, was Mr. Casaubons Worte ungesagt zu lassen schienen. Welcher Gläubige bemerkt schon eine störende Auslassung oder eine ungeschickte Formulierung.“ (77)

    So versuchen einige Figuren sie von ihrem Vorhaben abzubringen, wie Mrs. Cadwallader, "eine Dame von unermesslicher Geburt, gewissermaßen aus dem Geschlecht unbekannter Adeliger" (80), die die Preise herunterhandelt und gleichzeitig ist sie die "Diplomatin von Tipton und Freshitt, und alles, was ohne sie geschah, war eine kränkende Regelwidrigkeit" (91). Als sie von der Verlobung zwischen Doro und Mr. Casaubon erfährt, ist sie entsetzt und macht Mr. Brooke Vorwürfe, doch die Sache ist beschlossen, worauf sie Sir James Chettam, einem Adligen, der ernsthaft an Doro interessiert ist, warnt und ihm rät, sich der jüngeren Schwester zuzuwenden.

    Sir James zeigt Größe und schluckt seinen Stolz herunter, er wird Celia heiraten, die "mit dem beschränkten Wirkungsfeld zufrieden [ist], das ihr das Leben auf Freshitt Hall bietet, [so] verkörpert sie eine ruhige von Lebensweisheit geprägte weibliche Stabilität." (7)

    Ihr Leben ist gleichzeitig als Gegenentwurf zu Dorotheas Ansprüchen zu lesen, Celia erscheint pragmatisch, verändert sich im Verlauf des Romans nicht. Allerdings unterwirft sie sich keinesfalls ihrem Gatten bedingungslos, sie kann ihren Willen durchsetzen, indem sie die Waffen der Frauen - die Tränen - gezielt einsetzt.

    Eine Strategie, die Rosamond Vincy, Tochter eines erfolgreichen Fabrikanten, perfekt beherrscht. Sie hat es auf den ehrgeizigen, jungen Arzt Tertius Lydgate abgesehen, der neu in Middlemarch ist.

    "Sie will eine gute Heiratspartie machen, wünscht sich Wohlstand und soziale Anerkennung, die mit diesem im viktorianischen Großbürgertum einhergeht." (9)
    Das Schicksal Lydgates nimmt neben der Dorotheas den größten Raum im Roman ein.
    "Für George Eliot, die sich intensiv mit der medizinischen Forschung auseinandersetzte, war dies offenbar der ursprüngliche thematische Kern des Romans um Lydgate und Middlemarch." (1127, Nachwort)

    Er muss sich mit seinen neuen medizinischen Methoden in der Gesellschaft Middlemarchs behaupten und gerät in einen Loyalitätskonflikt, der weitreichende Folgen für ihn hat. Zudem lebt er über seine Verhältnisse und ist zu schwach, um Rosamond Widerstand entgegenzusetzen, die sich aus meiner Sicht als die unsympathischste Frauenfigur entpuppt.

    Mary Garth, Tochter eines Grundstücksverwalters, die Einzige, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss, ist eine weitere Frauenfigur im Roman, deren Bodenständigkeit sich wohltuend von Rosamonds Snobismus abhebt. Ausgerechnet Rosamonds Bruder Fred, der sein Examen nicht bestanden hat und auf ein reiches Erbe hofft, sich von Marys Vater Geld geliehen hat, das er nicht zurückzahlen kann, will Mary zur Frau nehmen. Die beiden kennen sich von Kind an und lieben sich, jedoch will Mary ihn erst dann heiraten, wenn er seine Lebensweise ändert. Es stellt sich die Frage, ob ihm das gelingen kann, ist er doch von seiner Mutter verzogen worden und scheint den Ernst des Lebens (noch) nicht begriffen zu haben.

    Eine weitere wichtige Figur in diesem Personentableau ist Will Ladislaw, ein junger, attraktiver Mann und der Neffe Mr. Casaubons. Auf Dorotheas Hochzeitsreise nach Rom, die Mr. Casaubon hauptsächlich für seine Studien nutzt, er arbeitet an einem Schlüssel zu allen Mythologien, entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Will und Doro, wobei sich der junge Mann hoffnungslos in Dorothea verliebt, die jedoch in aller Unschuld ihrem Gatten treu ergeben ist. Man kann vermuten, dass im Lauf der Handlung diese Beziehung, auf die Mr. Casaubon sehr eifersüchtig ist, noch eine entscheidende Rolle spielen wird.
    Die sehr komplexe Handlung ist gekennzeichnet durch Parallelen und Gegensätze, diese verbinden die Figuren und deren Schicksale miteinander, die Verflechtungen sind vielfältig.
    Das Ziel des auktorialen Erzählers ist es, "bestimmte Schicksale zu entwirren und zu sehen, wie sie gewoben und ineinander verwoben sind, dass ich alles Licht, über das ich verfüge, auf dieses spezielle Gewebe konzentrieren muss und nicht über jene verlockende Fülle von Bedeutsamkeiten verstreuen darf, die man das Universum nennt." (15.Kapitel)

    Eliot entwirft ein authentisches Bild der englischen Klassengesellschaft auf dem Land, historischer Hintergrund bietet dabei die Parlamentsreform von 1832. In den Kommentaren des auktorialen Erzählers spiegeln sich das Denken und die Einstellungen der Autorin zum Landadel und zum Bürgertums wider. Im besonderen Fokus steht das zeitgenössische Frauenbild, das Frauen zugesteht, ergebene Ehefrauen zu sein, die ihren Männern dienen und schmückendes Beiwerk abgeben sollen. Nur Männern ist es vergönnt - ihren Verstand zu gebrauchen, Frauen handeln nach Gefühl und sind nicht in der Lage zu denken, so lautet die gängige Meinung.

    "Es ist anstrengend, mit solchen Frauen zu reden. Sie wollen immer Gründe haben und wissen doch zu wenig, als dass sie den eigentlichen Wert einer Frage verstünden, und im Allgemeinen greifen sie auf ihr Moralgefühl zurück, um die Dinge nach ihrem eigenen Gutdünken zu regeln." (134)
    - da hat sich doch einiges im Vergleich zu 1829 geändert.

    Bezeichnenderweise hat die Autorin Mary Ann Evans unter dem männlichen Pseudonym George Eliot ihren Roman veröffentlicht - allerdings stand sie nie an der Front der Frauenbewegung. Alle Frauenfiguren im Roman, auch Dorothea sehen in der Ehe die Bestimmung der Frau.
    Für manche mag die Sprache des Romans gedrechselt klingen, eine Kritik, die auch die Zeitgenossen ausgesprochen haben. Das Nachwort greift diese Kritik auf, doch der Übersetzer gibt zu bedenken, dass "der Stil zugleich auch Ausdruck der Philosophie der Autorin [sei]; ihre komplexen und komplizierten Satzstrukturen, ihre Bemühungen um ein Geflecht von kausalen Beziehungen der Nebensätze, um Aufdeckung von Parallelen und Kontrasten stimmt mit ihrer Gesellschaftstheorie [Gesellschaft als Organismus, in dem alles miteinander in Verbindung steht] überein (weshalb in der vorliegenden Übersetzung Wert darauf gelegt wurde, die komplexen Satzstrukturen ins Deutsche hinüberzuretten.)" (1131)
    Um diesen umfangreichen Roman zu lesen, braucht es daher Muße, Ruhe und den Willen, sich auf diese vergangene Welt und die vielfältigen Figuren in ihrem Beziehungsgeflecht einzulassen, einzutauchen in ihre Geschichten, die Eliot in ihrer - aus meiner Sicht - wunderbaren Sprache erzählt.
    Klare Lese-Empfehlung!