Metropol

Buchseite und Rezensionen zu 'Metropol' von Eugen Ruge
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Metropol"

Nach dem internationalen Erfolg von «In Zeiten des abnehmenden Lichts» kehrt Eugen Ruge zurück zur Geschichte seiner Familie - in einem herausragenden zeitgeschichtlichen Roman. Moskau, 1936. Die deutsche Kommunistin Charlotte ist der Verfolgung durch die Nationalsozialisten gerade noch entkommen. Im Spätsommer bricht sie mit ihrem Mann und der jungen Britin Jill auf zu einer mehrwöchigen Reise durch die neue Heimat Sowjetunion. Die Hitze ist überwältigend, Stalins Strände sind schmal und steinig und die Reisenden bald beherrscht von einer Spannung, die beinahe körperlich greifbar wird. Denn es verbindet sie mehr, als sich auf den ersten Blick erschließt: Sie sind Mitarbeiter des Nachrichtendienstes der Komintern, wo Kommunisten aller Länder beschäftigt sind. Umso schwerer wiegt, dass unter den «Volksfeinden», denen gerade in Moskau der Prozess gemacht wird, einer ist, den Lotte besser kennt, als ihr lieb sein kann. Eugen Ruge folgt drei Menschen auf den schmalen Grat zwischen Überzeugung und Wissen, Loyalität und Gehorsam, Verdächtigung und Verrat. Ungeheuerlich ist der politische Terror der 1930er Jahre, aber mehr noch: was Menschen zu glauben imstande sind. «Metropol» ist eng mit Ruges Debüt «In Zeiten des abnehmenden Lichts» verbunden, aber auch mit einem Buch seines Vaters, das zeitlich zwischen beiden Romanen steht und die Lücke ausfüllt: Zusammen mit Wolfgang Ruges «Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion» entsteht eine der wohl umfassendsten und ergreifendsten Erzählungen des deutschen Kommunismus im 20. Jahrhundert.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
EAN:9783498001230

Rezensionen zu "Metropol"

  1. Warten in vordergründigem Luxus

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Apr 2021 

    Bei seiner Arbeit zu dem Erfolgsroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ ist Eugen Ruge auf eine Episode im Leben seiner Großmutter aufmerksam geworden, die ihn seitdem nicht losgelassen hat und die er zu einem weiteren Roman zu seiner Familiengeschichte verarbeitet hat. Es handelt sich dabei um den Roman „Metropol“, in dem seine Großmutter mit ihrem Partner auf der Flucht vor den Nazis in der jungen Sowjetunion untergekommen ist und ins Räderwerk der Verfolgungen des Stalin-Regimes gerät. Für ca. eineinhalb Jahre wohnt sie dabei im luxuriösen Hotel Metropol, immer in Warteposition, was weiter mit ihr und ihrem Partner, beides verdiente kommunistische Aktivisten, geschehen wird, und umgeben von Schicksalsgenossen, die nach und nach alle irgendwie abgeholt werden und verschwinden.
    Mit diesem Buch war ich in diesem Jahr schon zum zweiten Mal lesend intensiv in diesem zentralen, historischen Gebäude in Moskau unterwegs, in dem auch „Ein Gentleman in Moskau“ (aus dem Roman von Amor Towles) vom Sowjetregime an die Seite geschoben jahrelang ausharren musste. Die erneute Lektürereise in dieses Haus brachte sehr erhellende zusätzliche Aspekte zur Geschichte eines Hausarrests, die ich in dem ersten Buch deutlich vermisst habe. Denn Angst und Sorge um die Zukunft spielte bei Towles für mich erstaunlicherweise gar keine Rolle, wo doch in unmittelbarer Nähe um den „Gentleman“ herum und zu Millionen in der Sowjetunion unter Stalin Menschen in Lager und den Tod geschickt wurden. Angst und Sorge sind dafür dann in „Metropol“ zentrale Gefühlslagen der Menschen, die die luxuriösen Flure des Hotels bevölkern (historisch zeitgleich mit dem „Gentleman“), für diese Art von Luxus aber so gar nichts übrighaben. Wonach sie streben, ist eine für sie sinnvolle Arbeit/Aufgabe und staatliche Anerkennung ihrer Rolle beim Aufbau eines revolutionär neuen Staates und einer ebensolchen Gesellschaft.
    Eugen Ruge schildert das permanente Warten und die tiefe Verunsicherung darüber, was und wer falsch oder richtig ist in diesen Zeiten, an was und wen kann man sich halten?, um was und wen macht man besser einen riesenhaften Bogen? auf sehr ruhige, unaufgeregte, dabei aber auch sehr ergreifende Art. Die dem Naziregime entkommenen Flüchtlinge finden sich hier in einer anderen Art von Verfolgungsstaat wieder, der vorgibt, ganz den von den Geflüchteten aufopferungsvoll verfolgten Idealen zu dienen. Ein entnervender, nervenzerreißender Widerspruch der einfach nicht aufzulösen ist.
    Charlotte, Ruges Großmutter, überlebt diese Situation und Zeit weil sie – genauso unverständlich wie andere in sibirische Arbeitslager gebracht wurden – eine Ausreise nach Paris erhält. Warum gerade sie? Warum gerade Frankreich? Ruge kann dazu nach langen Recherchen im Roman genauso wenig eine Antwort geben, wie sie wohl auch seine Großmutter finden konnte, die auch nach Rückkehr in die DDR zeitlebens über diese Phase ihres Lebens nicht zu sprechen bereit war.
    Ein Lebensschicksal, dem Eugen Ruge mit diesem Buch ein für mich überzeugendes Denkmal gesetzt hat. Ich gebe dafür gern 5 Sterne.

  1. Auf dem Abstellgleis

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Mär 2021 

    In dem Roman „Metropol“ verarbeitet der Autor mehr oder weniger eine Teilbiografie seiner Großeltern, Charlotte und Wilhelm.

    Während der sogenannten Großen Säuberung (1936 bis 38) durch das Regime Stalins wird das Ehepaar, das sich bedingungslos der kommunistischen Partei angeschlossen hat und auch einige revolutionäre „Missionen“ ausgeführt hat und schließlich nach Russland, in das Mutterland der Revolution ausgewandert ist, in das Hotel Metropol/Moskau verbannt. Sie sind von ihren jeweiligen Aufgaben entbunden. Sie wissen nicht, wie es weitergeht und leben in ärmlichen und für sie demütigenden Umständen im Luxushotel. Der Luxus ist vorhanden, aber nicht für sie. Sie bekommen das Dienstbotenessen in einem Nebenraum des Hotels. Wer warmes Wasser und eine eigene Toilette hat, genießt schon riesigen Luxus.

    Denn wer im Hotel Metropol auf den Entscheid seiner Angelegenheit durch die Partei wartet, ist von der Partei kaltgestellt geworden. Kaltgestellt und möglicherweise bald kaltgemacht. Jeder hat Angst, dass es auch für ihn darauf hinausläuft. Man liest in der Zeitung von der Vollstreckung der Urteile. Arbeitslager. Erschießungen. Einige aber wurden von der Partei auch rehabilitiert und kamen zurück in Amt und Würden. Man schreibt also Briefe der schleimerischen Art. Jeder Genosse ist ein Denunziant. Oder könnte einer sein.

    Der Kommentar:
    Der Autor versteht es, die bedrückende Atmosphäre lebendig werden zu lassen, die immer dort herrscht, wo jeder jeden verdächtigt und denunziert. Wo man wie bei Kafkas Prozeß nicht einmal weiß, wessen man beschuldigt wird, ja, wessen man verdächtigt wird.

    Das alles ist sehr dicht und nachvollziehbar. Und doch fehlt „Metropol“ die Leichtigkeit des Vorgängerbands „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“, in dem der Autor zwar auch Familiengeschichte aufarbeitet, aber fließender und thematisch umfänglicher erzählt, dennoch verdichteter.

    Fazit: Eindrücklich - jedoch auch eintönig und nervig.

    Kategorie: Belletristik. Historischer Roman
    Verlag: Rowohlt, 3. Aufl. 2019

  1. Uns kann nichts passieren, denn wir haben nichts getan. ...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Jul 2020 

    Irgendwie zieht es mich literarisch dieses Jahr immer wieder in die ehemalige Sowjetunion. Bei diesem Werk schaut der Autor auf seine Großmutter und ihre Zeit in den Dreißigern in Russland, eine Zeit des Großen Terrors, eine widerwärtige und schreckliche Zeit, in der der Mensch zeigt, wie er tickt und eine Zeit, in der ein Einzelner ein ganzes Land ins Chaos schickt. Und das Land macht mit! Der Autor hat eine Akte angefordert, eine Akte über seine Großmutter, über Charlotte, Deckname Lotte Germaine. Und er bekommt diese Akte mit dem Vermerk "Streng geheim" kopiert ausgehändigt, zwei Stapel Papier, zweihundertsechsundvierzig Blätter. Blätter voller Grauen! Und aus dieser Akte baut Eugen Ruge dieses Buch. Ein Roman, der einen Blick in eine vergangene Zeit beinhaltet, eine grauenvolle Zeit. Und eine Zeit, in der der Mensch wieder einmal beweist, der Mensch ist dem Menschen sein Wolf. Ein Roman, der zeigt, wie schmal der Grat zwischen Verdächtigung und Verrat ist, was Überzeugung, Loyalität und Gehorsam anrichten können und wie wenig die Moral dagegen halten kann. Dieses Buch ist ein Blick auf ein Land, welches sich selbst zerstört und es nicht einmal merkt. Bzw. werden diejenigen, die es merken und etwas dazu von sich geben, ebenfalls von ihrem eigenen Land zerstört. Dieses Buch ist ein Blick auf eine Zeit, in der zwischen September 1936 und Dezember 1938 schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen umgebracht wurden, die Zeit des Großen Terrors. Darüber sollte man einmal nachdenken! 1,5 Millionen Tote, durch das eigene Land. Etwa zwei Drittel der Parteigenossen, die vom 26. Januar bis zum 10. Februar 1934 in Moskau am Parteitag der Sieger als Delegierte teilgenommen hatten, wurden teils in öffentlichen Schauprozessen, den Moskauer Prozessen zum Tode verurteilt. Da lässt jemand etwaige Gegner eliminieren. Stalin allein entschied, wer nicht mehr hinter seiner Politik stand und die Geheimpolizei handelte dementsprechend. Gib einem Menschen Macht und ... Das Volk wurde aufgerufen mitzumachen und das Land von Volksverrätern zu säubern. Und das Volk beteiligte sich. ... Ein Blick auf ein unfassbares Grauen. Und wieder mal ein Buch, wo ich mich frage, wie kann so etwas geschehen?

    In meinen Augen ist dieses Buch ein Kandidat für den Deutschen Buchpreis. Es bekommt dennoch nur 4 Sterne von mir, weil mir schlussendlich das Buch zu distanziert und zu kühl vorkam. Aber dies ist nur eine subjektive Einschätzung. Denn vielleicht kann man so ein Grauen nur distanziert formulieren. Thematisch und auch vom Aufbau her ist es ein Buch für den Deutschen Buchpreis.