Mercy Seat: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mercy Seat: Roman' von Elizabeth H. Winthrop
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Louisiana, die 1940er-Jahre, ein elektrischer Stuhl wird in die kleine Stadt St. Martinsville gebracht für die geplante Hinrichtung eines jungen Schwarzen namens Will, der ein weißes Mädchen vergewaltigt haben soll. In Wirklichkeit ist sie seine Geliebte gewesen, die sich aus Verzweiflung umgebracht hat und ihm nun nicht mehr helfen kann. Alle wissen, dass das Todesurteil ein Skandal ist, aber sogar Will selbst hat aus Trauer und Schuldgefühlen innerlich eingewilligt, und weiße Wutbürger drohen dem zweifelnden Staatsanwalt mit der Entführung seines Sohnes.
Nach einer wahren Begebenheit, psychologisch fein und in einer an William Faulkner erinnernden multiperspektivischen Intensität erzählt Elizabeth Winthrop die tragischen Ereignisse bis zum überraschenden Ende. Ein meisterhaftes Buch, das man nicht mehr aus der Hand legt und das niemanden kaltlassen wird.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:251
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406719042

Rezensionen zu "Mercy Seat: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Sep 2019 

    Mercy Seat!

    Es ist 1943 in Louisiana. Der junge Will Jones wurde wegen Vergewaltigung zum Tod durch den elektrischen Stuhl verurteilt. Das Urteil ist Unrecht, alle wissen es und niemand spricht es aus. Denn das vermeintliche Opfer war Wills Geliebte Grace, die Will nicht mehr helfen kann, die sich aus Verzweiflung umbrachte.
    In Mercy Seat berichtet Elizabeth H. Winthrop vom Tag vor der Hinrichtung. Dabei hält sich die Autorin an eine wahre Begebenheit, die so oder so ähnlich stattgefunden hat.
    Es ist nicht ungewöhnlich in den USA, auch heute noch, dass schwarze Männer für das gleiche Delikt schärfer bestraft werden, als weiße. Ungewöhnlich war, dass für Vergewaltigung die Todesstrafe verhängt wurde. Aber ungewöhnlich war auch, dass Will ein weißes Mädchen, Grace, liebte. Nicht ungewöhnlich war, dass man ihn dafür büßen ließ.
    Der Rassismus ist allgegenwärtig in dem beeindruckenden Roman, verankert in den Köpfen wie ein umgekehrtes Menschenrecht. Elizabeth H. Winthrop schreibt feinfühlig, völlig ohne Pathos. Es sind viele Stimmen, die sie erzählen lässt. Da sind Dale und Ora, das Ehepaar betreibt eine Tankstelle. „Nur für Weiße“ steht dort, weil es dort schon immer stand. Ora vermisst schmerzlich ihren Sohn, der in den Krieg ziehen musste. Sie will keinen Unterschied mehr machen zwischen den Menschen.
    Das sind der Bundesstaatsanwalt Polly, seine Frau Nell und sein Sohn Gabe. Polly hatte ganz besondere Gründe, das Urteil gegen Will zu erlangen. Da ist Hannigan , der Priester der sich um will kümmert und Gott nichts mehr zu sagen hat.
    Und natürlich ist da Will, der sein Schicksal akzeptiert hat, der sein Leben überdenkt, innerlich mit dem Geschehen abgeschlossen hat.
    Mercy Seat ist auch eine Reise der Dinge. Der elektrische Stuhl, der von Angola nach St. Martinsville transportiert wird. Der Grabstein, den Wills Vater Frank nach St. Martinsville noch vor Mitternacht bringen muss. Jede Reise verändert, Dinge wie Menschen.
    Mercy Seat hat einen ungewöhnlichen Schluss, aufwühlend, emotional nur sehr schwer erträglich. Ein neuer Tag kann beginnen, mit neuen Hoffnungen und Möglichkeiten. Ein neuer Tag mehr, um für Menschlichkeit, gegen Rassismus und gegen die Todesstrafe einzutreten.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Sep 2019 

    Brillantes Plädoyer gegen Rassismus

    Gibt es eigentlich das „Jahr der Perle“ in irgendeinem Kalender? Zumindest scheint es besagtes Jahr im Literaturkalender zu geben. Wie sonst erklärt es sich, dass ich dieses Jahr schon so viele sprachlich und thematisch herausragende Bücher gelesen habe? Okay, „Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop wurde 2018 veröffentlicht, aber erst kürzlich kam die Idee einer gemeinsamen kleinen Leserunde auf, der ich mich recht kurzfristig, aber dafür umso nachhaltiger angeschlossen habe.

    (Nicht nur) im Louisiana der 1940er Jahre war Rassismus an der Tagesordnung; auch heute werden wieder (bzw. immer noch) an allen Ecken und Kanten der Welt Menschen denunziert – sei es wegen ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Gesinnung, ihrer Religion – es gibt genug (bekannte) Beispiele.

    Diesen tief in den Köpfen verankerten Rassismus spürt man auch in jeder Zeile von „Mercy Seat“. Zu der Schwere, der Dunkelheit, der Ausweglosigkeit hinter der Situation (ein junger Schwarzer soll auf dem elektrischen Stuhl für ein vermeintliches Verbrechen hingerichtet werden) gesellen sich aber auch immer wieder kleine Lichtblicke, die den ein oder anderen Charakter im Lauf der (wahren) Geschichte erweichen, um über die von ihm gehegten Vorurteile, über seine Trauer, über seine Verschlossenheit nachzudenken, ins Grübeln zu kommen und schließlich auch sich zu verändern, sich zu öffnen…

    Vieles bleibt am Ende ungesagt und trotzdem bleibt die Leserschaft nicht unbefriedigt zurück; im Gegenteil: in der Summe ergibt die Geschichte mit dem schlichten, dennoch großartigem Cover ein brillantes Plädoyer gegen Rassismus und die Todesstrafe.

    Für mich eines der emotional aufwühlendsten Bücher, die ich jemals gelesen habe und eine absolute Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Jun 2019 

    Will & Grace

    Elizabeth H. Winthrop hat hier in meinen Augen ein wunderbares Werk geschaffen, welches zum Nachdenken anregt. Ich empfand es als einen Aufruf zur Menschlichkeit, und obwohl sich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Besseren verändert hat, ist es in meinen Augen immer noch sehr wichtig, dass Menschen zum Nachdenken bewegt werden. jedes harte Herz, welches hoffentlich durch die Lektüre eines Buches, das Anschauen eines Filmes etc. … erweicht wird, ist ein immenser Gewinn.

    Bei diesem Buch besticht in meinen Augen die Handlung, dieses Schwere und Dunkle im Geschriebenen, die Sichtweisen der verschiedenen Personen zu diesem heftigen Thema, alles erzeugt bei mir einen sehr starken Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Wenn man einmal mit diesem Buch angefangen hat, kann man es nicht mehr weglegen.

    Nun ist dieses Buch ein historischer Roman, es spielt 1943 in Louisiana und behandelt den Rassismus in den Südstaaten der USA. Gleichzeitig ist dieses Buch aber auch in die heutige Zeit übertragbar. Der Rassismus in den Südstaaten existiert vielleicht nicht mehr in dieser offenen Form, ist aber trotzdem weiterhin spürbar. Und genauso nehmen diese rassistischen Umtriebe in der ganzen westlichen Welt wieder zu. Die Angst vor dem Fremden grassiert momentan, leider! Dieses Buch zeigt den Menschen hinter den ganzen Vorurteilen und gleichzeitig zeigt es auch, dass es Menschen gab und gibt, die nicht rassistisch denken und bestehendes Gedankengut hinterfragen. Etwas was Mut macht und optimistisch stimmt. Und deshalb kommt dieses Buch auch zu einem sehr günstigen und richtigen Zeitpunkt und ich wünsche ihm viele Leser!

    Zur Handlung: Der junge schwarze Will und die junge weiße Grace lieben sich, in den 40er Jahren in Louisiana. Eine Liebe die zum Scheitern verurteilt ist. Ein bedeutender Faktor für dieses Scheitern ist auch die Tatsache, dass der Vater von Grace ein Mitglied des Klans ist. Die beiden Liebenden werden vom Vater von Grace entdeckt, daraufhin bringt sich Grace um und Will wird wegen Vergewaltigung zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt. Dieses Situation und die Gedanken zu dieser werden von vielen verschiedenen Personen geschildert, aus vielen Perspektiven beschrieben. Die Mehrzahl der Personen zweifelt an dem Sinn des Urteils und bringt durch deren Überlegungen auch die Menschlichkeit von uns in den Vordergrund. Etwas was mir sehr gefällt, weil wir alle in einer Gesellschaft mit Anderen zusammenleben und empathisch auf unsere Mitmenschen blicken sollten und diese anklagenden Tendenzen klar überdenken sollten. Wie heißt es so schön?: Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! Ein Satz über den nachgedacht werden sollte!

    Der Roman ist nicht gefühlsüberfrachtet geschrieben, ist eher in einer ruhigen und beschreibenden Art verfasst, erzeugt aber gerade dadurch bei mir eine ungeheure Tiefe.

    Ich kann nur sagen, unbedingt lesen!