Menschen neben dem Leben: Roman

Rezensionen zu "Menschen neben dem Leben: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jan 2020 

    Von Ulrich Alexander

    Von Ulrich Alexander Boschwitz habe ich bereits „Der Reisende“ gelesen und war beeindruckt. Aber schon mit seinem 1937 erschienenen Debütroman „Menschen neben dem Leben“ beweist der Autor sein Können.
    Hier beschreibt er zwei Tage im Leben verschiedener Protagonisten im Berlin der 1920er Jahre. Da gibt es den alten Bettler Fundholz, der einst bessere Tage gesehen hat. Doch die sind lange vorbei und er hat mittlerweile resigniert. Trotzdem kümmert er sich noch um den geistig behinderten Tönnchen. Auch der war mal ein ganz normaler Junge, bis ihn ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit so verstörte, dass sein Geist nur noch an Essen denken kann. Der dreißigjährige Grissmann, schon seit langer Zeit arbeitslos, hat nun keine Hemmungen mehr, kriminell zu werden und eine unbändige Wut im Leib.
    Dann gibt es den kriegsversehrten Sonnenberg. Seit er im Krieg sein Augenlicht verloren hat, ist er noch cholerischer geworden. Seine Wut auf die Welt muss oft seine Begleiterin ertragen. Deren Angst, wieder auf der Straße anschaffen zu müssen, lässt sie vieles ertragen. Minchen Lindner geht es da schon besser. Die junge, hübsche Frau war früher Verkäuferin, bis ihr Geschäft bankrott ging. Nun kommt ein älterer, gut situierter Herr für ihren Lebensunterhalt auf. Dafür besucht er sie mehrmals in der Woche in ihrem kleinen rosa Salon. Frau Fliebusch ist eine tragische Figur, eine „ Frau von gestern“. Ihr Geist ist verwirrt, seit ihr Mann nicht mehr aus dem Krieg heimkehrte. Nun irrt sie auf der Suche nach ihrem „ schönen Wilhelm“ durch die Straßen der Stadt.
    All diese Figuren und noch einige mehr treffen sich am Abend im „ Fröhlichen Waidmann“ , wo sie mit viel Alkohol und Ablenkung ihr elendes Leben für kurze Zeit vergessen möchten.
    Ulrich Alexander Boschwitz entwirft verschiedene Biographien und führt die einzelnen Handlungsstränge gekonnt zusammen. Es sind die „ kleinen Leute“, die ihm am Herzen liegen. Alle kämpfen ums tägliche Überleben, um ein bisschen Freude und Würde, ohne viel Hoffnung auf bessere Zeiten. Sie sind nicht unbedingt sympathisch, doch der Autor weckt Mitleid oder Verständnis für sie. Dabei gelingt ihm ein authentisches Bild von der dunklen Seite der Stadt Berlin in der Zwischenkriegszeit. Ohne explizit politisch zu werden, hat er doch einen klaren Blick für die Verhältnisse. Dieses Buch zeigt erneut, dass das tragische Schicksal von Boschnitz ein Verlust für die deutsche Literatur ist. Lesenswert ist auch das informative Nachwort des Herausgebers, der den Autor in eine Reihe stellt mit Fallada, Kästner, Keun und Tergit.