Melnitz: Roman

Rezensionen zu "Melnitz: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Apr 2019 

    Grandios erzählte Geschichte einer jüdischen Familie

    Mal richtig schwärmen möchte ich von diesem Roman.
    Ganz unaufgeregt erzählt der Autor die Geschichte einer Endinger Familie jüdischen Glaubens. Endingen ist in der Schweiz gelegen.

    Eingesetzt wird 1879: der jüdische Schächter Meijer bekommt des Abends Besuch von einem entfernten Verwandten, der im Kriege bei der Schlacht von Sedan vor Ort war und offensichtlich verletzt wurde. Man nimmt sich des jungen Mannes an, der vor dem Krieg in Paris bei einem Stoffhändler arbeitete (es ist herrlich erquicklich immer wieder zu hören, wie dieser "berühmte" Franzose "Monsieur Delorme" in seiner Gestik und Mimik über Jahre kopiert wird).

    Die Tochter des Hauses (Mimi) verliebt sich ebenso wie die Adoptivtochter (Chanele) in diesen Stoffhändler (Janki).
    Kurze Zeit später findet eine Doppelhochzeit statt.

    Eines der Ehepaare bekommt drei Kinder, das andere bleibt lange kinderlos. Der Nachwuchs hat wiederum seine eigenen Sorgen. Der Roman erstreckt sich über drei Generationen und bietet einen hervorragenden Einblick in Gesellschaft und Politik dieses Zeitraumes.

    Der Leser wird unaufdringlich in die jüdischen Bräuche eingeweiht. Auch die vielen Vorurteile, unter denen die Juden schon damals (auch in der Schweiz!) zu leiden hatten, werden deutlich. Ebenso sehen die Juden "die Goi" kritisch. Durch kluges Agieren kann so mancher Skandal verhindert werden...

    Es ist die Mischung aus Wortwitz, zuweilen Komik, aber auch großer Ernsthaftigkeit, die die Geschichte prägt. Die Tragik um das jüdische Schicksal, das der Leser ja schon kennt, lässt bei aller Alltäglichkeit auch die tiefere Bedeutung mancher Szene im Raum stehen. Spannend auch die Figur des "Onkel Melnitz", der immer mal wieder genannt wird und schließlich Namenspatron des Romanes ist.

    Lewinsky hat seinen Fokus auf das ganz normale Leben gelegt. Er hat durchweg glaubwürdige, realistische Figuren geschaffen. Es gibt Juden und Nicht-Juden, gute und weniger gute. Der Schrecken des Nationalsozialismus wird am Ende nur angedeutet, obwohl die Zeitspanne bis 1945 reicht. Gerade das lässt einen innehalten, das Ungesagte wiegt manchmal schwerer als das Gesagte.

    Lewinskys Roman ist eine großartige Familiengeschichte. Man lebt, liebt und leidet mit den Schicksalen der einzelnen Figuren und ist ein bisschen traurig, sobald die Geschichte zu Ende ist.

    Ich habe das Hörbuch gehört, vom Autor selbst eingelesen. Lewinsky hat viel Ausdruck in seiner Sprache. Er kann herausragend formulieren und hat zahlreiche Sätze/Weisheiten, die man herausnotieren möchte.

    Eigentlich reichen 5 Sterne nicht für diesen großartigen Roman. Dringende Lese-Empfehlung von mir!