Melancholie

Rezensionen zu "Melancholie"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 02. Feb 2019 

    Melancholische Gedankenströme

    Ich bin mit Jon Fosses Roman „Melancholie“ eingetaucht in die melancholische Welt Norwegens und nie wurde mir ganz klar, ob diese Melancholie nach der Darstellung des Autors nun krankhaft ist oder im Wesen der Menschen (des Nordens?) fest verankert ist. Denn der Roman nimmt in seinem Verlauf die Ich-Perspektive verschiedener Menschen – als krank und als nicht krank bezeichnete - ein, ohne die tief melancholische Betrachtungsweise jemals zu verlassen. Da ist in erster Linie Lars Hertervig, ein berühmter norwegischer Landschaftsmaler,

    dessen Werke man auch heute noch in der Nationalgalerie des Landes bewundern kann. Er befindet sich im Zentrum des Buches und besetzt im ersten Teil des Romans auch die Ich-Erzählposition. Er ist zu Ausbildungszwecken in Düsseldorf, wird getrieben von seinen Wünschen, ein großer Maler zu sein bzw. zu werden und seinen Zweifeln daran, einer sein zu können. Zusätzlich wird er getrieben von seiner Liebe zu der Tochter seiner Wirtsleute, Helene. Die Wirtsleute aber, Mutter und Onkel, wollen diese Liebe nicht zulassen und werfen Lars aus seinem Zimmer heraus. Die Zwiespälte und Gewissensqualen in diesem Gemisch von Gedanken und Gefühlen gibt der Autor in Form eines inneren Monologs wieder, in dem rhythmisches Wiederholen des Immergleichen, das Kreisen um ein und denselben Gedanken eine ganz besondere literarische Ausprägung annimmt. Das ist für den Leser mühsam und quälend, hat aber auch eine Sogwirkung, die ich nur ganz schwer oder auch gar nicht erklären kann. Im weiteren Verlauf der Geschichte erleben wir dann Lars zurück in Norwegen und dort in den Mauern der Irrenanstalt Gaustadt getrieben von seinem Drang, ein Maler zu sein, aber nicht malen zu dürfen. Das stilistische Mittel des Gedankenkreisens bleibt erhalten und erscheint prägend für Lars als an krankhafter Melancholie leidender Person.
    Doch dann macht der Roman einen großen Sprung und wir befinden uns recht nah an der Gegenwart. Hier erfahren wir von dem Erfolg der malerischen Wirkung des Lars Hertervig, denn ein später und entfernter Verwandter von ihm, der Schriftsteller Vidme, hat 1991 in Bergen "das größte Erlebnis seines Lebens" beim Betrachten eines Bildes von Lars und beschließt, ein Buch über ihn zu schreiben. Doch vorher muss er noch sein Verhältnis zur Religion klären und seine Gedanken kreisen um und um dieses Thema verbunden mit einem Besuch bei einer jungen Pfarrerin, wie wir das schon bei Lars erleben konnten. Im weiteren Verlauf des Romans erleben wir Lars auf seiner Heimatinsel Borgoya, die er und seine Familie in Begriff sind zu verlassen, um bitterer Not und Armut entgehen zu können. Wir erfahren, dass seine Familie durch ihre religiöse Ausrichtung (Quäker) zu Randfiguren der norwegischen Gesellschaft der Zeit abgestempelt sind, zu Menschen mit geringen Zukunftsperspektiven und einem großen Maß an gesellschaftlicher Diskriminierung. Die Familie verlässt Borgoya, indem sie das dort erbaute Haus, Teil für Teil auseinanderbaut, um es später an anderem Ort wieder aufzubauen. Der Plan ist: in Stavanger. Aber auch dort, so erfahren wir von Lars und seiner Schwester, wird ihnen die Quäker-Zugehörigkeit bzw. das Nichtgetauftsein bei allen Plänen im Wege stehen. Der Vater aber ist fanatischer Quäker und die Pläne von Bruder und Schwester, sich in Stavanger taufen zu lassen, können nur hinter seinem Rücken wachsen und gedeihen.
    Aber ob es zur Verwirklichung dieser Pläne kommt, erfahren wir nicht, sondern machen wiederum einen großen Zeitsprung und befinden uns 1902 in Stavanger und tauchen dort nun ein in die Gedankenwelt von Oline, der jüngeren Schwester von Lars, die alt geworden mit den körperlichen Mühen und Gebrechen des Alltags zu kämpfen hat und auch bei ihr benutzt der Autor dieses Stilmittel der rhythmischen Wortwiederholungen, um dem Leser ihre graue, melancholische Gedankenwelt nahe zu bringen.
    „Und ich schaue das Bild von den Felsen bei unserem Haus und unserem Boot an und ich kann schon sehen, dass das Bild sehr dem Lars ähnelt, wenn er so ist, natürlich ähnelt es auch den Felsen und unserem Boot, aber eigentlich ähnelt es besonders dem Lars, wenn er so ist wie ab und zu. Ich finde es seltsam, wie sehr das Bild dem Lars ähnelt, wenn es ihm so geht. Es ist genauso schwarz, wie der Lars schwarz ist. Dieselbe Dunkelheit. Eine Dunkelheit, die nicht tot ist, sondern die leuchtet, eine leuchtende Dunkelheit irgendwie.
    Das Bild ähnelt dir, sage ich.“
    Fazit:
    Beim Lesen tritt der Leser durch die vielfachen Wiederholungen im Stil ähnlich auf der Stelle wie die handelnden Figuren, die durch Krankheit, Gemütslage oder Alter in ihrem Drang nach Leben und Freiheit beschränkt werden. Das ist mühsam und quälend, wie ich bereits zu Beginn erwähnte, das übt aber auf der anderen Seite auch einen sehr großen Reiz aus und nimmt den Leser gefangen.
    „Melancholie“ ist ein Buch, das mir Rätsel aufgibt. Selten hat ein Buch, das ich zunächst bereits nach 3 Seiten komplett zur Seite legen wollte, mich hinterher so berühren können. Eine große sprachliche Leistung des Autors Jon Fosse steckt dahinter, der ungemein entschleunigend wirkt und dadurch etwas ganz Besonderes erschafft.
    Für eine Leseempfehlung bin ich mir zu unsicher, ob die Wirkung, die diese Schreibweise auf mich gemacht hat, bei anderen wiederholbar ist. Aber ich bin sehr froh und dankbar, dass ich dieses literarische Kleinod im Rahmen der kleinen Leserunde Norwegen zur Hand genommen habe. Ich vergebe mit Begeisterung und Zweifel gleichermaßen
    3 Sterne mit einem dicken PLUS dazu.