Mein verkorkstes Sommersemester 79

Rezensionen zu "Mein verkorkstes Sommersemester 79"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Feb 2020 

    Die Leiden des jungen S.

    Siebert Siemer (alter ego des Verfassers Bert Sieverding?) hofft nach 38 Jahren auf die Frau, Anna, zu treffen, die ihm einstmals im Sommersemester 1979 nach einer vermeintlich intensiven Liaison den Laufpass gegeben hat. Damals hat sie ihn verlassen, weil sie von Sigis Freund Didi geschwängert worden war. Der junge Maschinenbaustudent Sigi steht nun in der Öffentlichkeit als gefühlskalter Macho da. Tatsächlich ist er jedoch genau das Gegenteil, ein schüchterner junger Mann, der nach dieser brachialen Trennung sogar an Selbstmord denkt.

    Zum Treffen 38 Jahre später erscheint jedoch nicht Anna, sondern deren Enkeltochter. Sie drückt Sigi das Tagebuch ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter incl. 500 DM zur Begleichung einer Schuld in die Hand, verbunden mit dem Auftrag, seine Sicht der Dinge niederzuschreiben. Das tut Sigi denn auch, und nach und nach wird klar, dass Anna, selbst ein Opfer ihres damaligen Jugendfreundes Matze und Didis, ihn eigentlich nur ausgenutzt hat und es wiederholt erneut versucht, so, indem sie Sigi bittet, sie zur (letztlich gescheiterten)Abtreibung nach Amsterdam (plus finanzieller Unterstützung, s.o.) zu begleiten. Und, wie es der Zufall will, ist es auch Sigi, der Anna zur Geburt ins Krankenhaus bringt und für seine vermeintliche Schandtat von Anna Vater verprügelt wird. Als Leser ist man bisweilen über die Naivität Sigis erstaunt, der sich immer wieder von Anna um den Finger wickeln lässt. Dabei erkennt Sigi, der im Übrigen nicht nur durch die Liebesgeschichte, sondern auch Studien- und Geldprobleme in ein "verkorkstes" Semester rutscht, nicht, dass er durchaus Alternativen zu Anna hätte.

    Insgesamt hat mir der Roman mit kleinen Einschränkungen recht gut gefallen. Neben den Seelennöten, die ausgiebig beschrieben werden, verliert sich der Autor manchmal in technischen Details, etwa bei der Beschreibung der Reparatur einer defekten Lichtmaschine. Gut gelungen ist die Darstellung dessen, was man gern mit dem Begriff "Zeitgeist" beschreibt. Das beginnt mit den damals aktuellen Musiktiteln, der beginnenden Anti-Atomkraft-Bewegung im Wendland ("Gorleben soll leben", falls das jüngeren Lesern noch etwas sagt), dem Aufkommen der Grünen sowie den Umtrieben übereifriger Verfassungsschützer, die damals die Atomkraftgegner als feindliche Objekte ausersehen hatten. Schade finde ich, dass die Tagebucheinträge Annas nur sehr dürftig sind, so dass diese eigentlich nur wenig Profil entwickeln kann. Außerdem hätte man als Leser auch gern erfahren, wie es ihr in den vergangenen 38 Jahren gegangen ist.