Matou

Rezensionen zu "Matou"

  1. Ein Roman, der aus dem Gleichgewicht bringt

    Kurzmeinung: Mit zeitlicher Entfernung kann ich die Genialität des Romanciers würdigen, eine Leseempfehlung kann ich dennoch nicht aussprechen

    Es gibt nur wenige Bücher/Romane, die einen aus dem Gleichgewicht bringen. Matou ist so ein Buch/Roman für mich gewesen.
    Worum geht es? Vordergründig geht es um den Kater „Matou“, der im 18. Jahrhundert in Paris geboren wurde, als Babykatze aus dem Fenster geworfen wird und in einen Hundehaufen fällt, so dass seine Augen verklebten, und er jämmerlich erstickt wäre an der Hundekacke, wenn nicht … das Schicksal in Form von Camille Desmoulins, - oder Michael Köhlmeier himself ihm zu Hilfe gekommen wäre.

    Matou hat sieben Leben nach dem Mythos, der diese wundervollen Tiere umgibt, natürlich sind diese Mythen allesamt totaler Humbug, aber Michael Köhlmeier greift alle geläufigen Mythen über Katzen auf und bringt sie in seinem Roman unter. In Übersee haben die Katzen übrigens neun Leben, sagt das Sprichwort, aber unserer Kater ist Franzose und hat nur sieben Leben. Das findet Matou bedauerlich, aber er muss sich am Ende mit seinem Schicksal abfinden wie wir alle.

    Das Jenseits, in dem sich Matou jeweils nach Beendigung eines seiner Leben wiederfindet, spielt eine große Rolle in dem Roman. Köhlmeier macht sich seine Gedanken über den Tod, das Leben danach. Überhaupt philosophiert er gern. „Matou“ ist nicht nur ein Roman über „Matou“, sondern auch ein Roman über Köhlmeier. Jeder Roman, der geschrieben wird, ist auch ein Roman über dessen Autor, aber in „Matou“ ist diese Aussage weit mehr als eine Platitüde. Gefühlt hat Köhlmeier jedes werte Werk, das ihm je untergekommen ist, oft Sachbücher über Sprache und Kunst, Philosophie und Psychologie, untergebracht und wenn diese Werke nur in einer Aufzählung oder einem Aphorismus erscheinen. Man könnte dadurch eine Leseliste gutbürgerlicher, äußerst gediegener Bildung bekommen, wenn man denn wollte.

    Nein, langweilig ist das nicht, aber ausschweifend.

    Köhlmeier philosophiert also ausgiebig über Sprache und Sprachbilder. Matou-Michael ist ein Gelehrter. Das bekommt der Leser herbe zu spüren. (lange) Lieder, (lange) Märchen, die Erzählung in der Erzählung in der Erzählung, afrikanische Legenden, die zum Speien ekelig sind, alles kommt auf den Tisch. Die eingewobenen Wiederholungen, die eigentlich mündlicher Sprache eigen sind, sorgen dafür, dass man weder entkommt noch so schnell vergisst.

    Die geneigte Leserin konsumierte das Hörbuch über mehrere Monate hinweg beim Spazierengehen. Mindestens zweimal riss sie sich die Kopfhörer vom Kopf und ließ einige Stellen „leerlaufen“, weil sie sich sonst auf offener Straße übergeben hätte.

    Ein Buch/Roman über die Menschen, über die menschliche Natur?

    Ein Buch/Roman über die Grausamkeit von Menschen auf alle Fälle, über deren Aberglauben, ihre Vorurteile, entstanden aus Unwissenheit, über menschliche Dummheit und Brutalität. Matou ahmt die Menschen nach als er auf Hydra eine Katzen-Autokratie errichtet, die auf Lügen und Intrigen, gründet. Natürlich sind Matous Erlebnisse eine Parodie oder Satire auf herrschende Zustände; das ändert nichts daran, dass die Beschreibung der Katzenautokratie auf Hydra so ziemlich das Ekelhafteste ist, was ich in den letzten zehn Jahren gelesen habe!

    Matou schreibt in seinem letzten Leben seine Memoiren und die Leser durchschreiten im Nachgang seine Leben.

    Matou lebte eine Weile mit dem ebenso versoffenen wie genialen E.T.A. Hoffmann. Nun wissen wir diese Initialen zu deuten, Ernst Theodor Amadeus, Matou zog als wiedergeborener Leopard mit dem verkrüppelten blinden Mädchen auf dem Rädchen durch Afrika und machte einen Abstecher in die Unterwelt, er wohnte mit dem skrupellosen und egozentrischen Andy Warhol zusammen und beschließt seinen allerletzten Lebensabend auf dem Land bei Dame Nowak.

    Der Kommentar:
    Gerne, so hatte es sich die geneigte Leserin vorgestellt, durchzieht man mit dem Kater Matou die Jahrhunderte, die Historie, und lernt dabei allerhand. Im Ansatz ist das auch so, aber Köhlmeier fokussiert sich nicht auf die Historie, vor allem nicht auf vergnügliche, sondern auf Anekdoten und Anekdötchen und feinsinnige Betrachtungen, die jedoch allesamt darin münden, dass die Welt brutal ist. „Matou“ ist ein Roman, der genial ist, doch, das ist er, denn der Autor verheddert sich niemals in seinen gefühlt tausend gesponnenen Fäden, aber es ist auch ein Roman, der nichts auslässt an Grausamkeit. Es ist ein Roman, der die geneigte Leserin buchstäblich folterte.

    Fazit: Ein Lesevergnügen ist dieser Roman nicht (gewesen), aber irgendwie genial ist er schon.

    Das Hörbuch wird von Köhlmeier selbst gelesen, das macht er sehr gut, wenn man sich erst einmal an seine manierierten Sprechpausen gewöhnt hat.

    Kategorie: Anspruchsvolle Literatur
    Der Hörverlag, 2021

    Teilen