Marianengraben: Roman

Rezensionen zu "Marianengraben: Roman"

  1. Unglaublich bewegend

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mai 2020 

    Seit dem Tod ihres geliebten kleinen Bruders Tim leidet Paula unter einer Depression. Als sie auf dem Friedhof Helmut kennen lernt, einen schrulligen alten Herrn, erwacht ihr Lebenswille wieder. Und dann begeben sich die beiden auf eine abenteuerliche Reise - und finden wieder zu sich selbst zurück.

    Die Beschreibung hat mich wahnsinnig neugierig auf dieses Buch gemacht, so dass ich voller Vorfreude mit dem Lesen begonnen hatte.
    Der Schreibstil war mitreißend, aber auch einfühlsam und bewegend. Die Beschreibungen waren lebendig und bildhaft, so dass ich alles richtig gut miterleben konnte.
    Sowohl Paula als auch Helmut habe ich sofort ins Herz geschlossen. Ich habe jede Minute mit ihnen genossen und konnte sämtliche Gefühle und Gedanken verstehen und nachempfinden. Die Beziehung zwischen ihnen war absolut besonders und wertvoll. Sie waren beide sehr unterschiedlich, konnten dem anderen dennoch Halt und Kraft geben.
    Die Geschichte hat mich mit ihrer Emotionalität und ihrer Tiefe unglaublich berührt. Das Thema Trauer und deren Bewältigung war ein Hauptkern dieser Story. Die Gespräche der beiden sind mir wahrlich unter die Haut gegangen. Doch das Buch war nicht schwer, sondern bot auch diverse humorvolle Szenen, die auflockern wirkten.
    Das Ende war stimmig und rundete die tolle Geschichte perfekt ab.

    Ein unglaublich toller Roman, der unter die Haut geht. Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

  1. Tim-Fisch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Apr 2020 

    Die Studentin Paula trauert um ihren kleinen Bruder Tim. Er wollte immer einen Tim-Fisch entdecken, er war naseweis und neugierig und nun ist er nicht mehr am Leben. Häufig besucht Paula sein Grab, auch Nachts. Und bei einem dieser Besuche trifft sie den alten Helmut, der gerade dabei ist seine verstorbene Helga mitsamt ihrer Urne vom Friedhof zu entführen. Helmut hatte Helga versprochen, mit ihr in die Berge zu fahren und sie ist ihm einfach weggestorben bevor er sein Versprechen einlösen konnte. Paula, die in ihrer Trauer gefangen ist, fragt Helmut, ob sie ihn nicht begleiten kann, erstmal nur bis Frankfurt.

    Den Tod ihres Bruders hat Paula noch lange nicht überwunden, sie vermisst ihn in jeder Minute. Sie ist sich nicht einmal sicher, ob sie selbst ohne ihn weiterleben möchte. Helmut, der wesentlich älter ist, ist da schon abgeklärter. Allerdings hadert er damit, dass er sein Versprechen nicht erfüllen konnte. Und deshalb will er eben nach Helgas Tod mit ihr auf die Reise gehen. Mit Paula, seinem Hund Judy und dem Wohnmobil bildet sich ein ungewöhnliches Reisegespann. Obwohl Paula ihren Bruder so sehr geliebt hat wie der Marianengraben tief ist und zurück, muss sie nun ohne ihn auskommen.

    In diesem gefühlvollen Roman ist die Trauer allgegenwärtig. Es ist eben nicht leicht, mit dem Verlust geliebter Menschen zurechtzukommen. Zwischen Paula und Helmut entsteht eine besondere Freundschaft, denn so unterschiedlich sie sind, sie teilen doch die gemeinsame Erfahrung ihres schweren Verlustes. Obwohl immer ein wenig Wehmut über das Verlorene mitschwingt, kommen zum Glück auch Witz und Humor nicht zu kurz. Dadurch wird die Lektüre nicht allzu schwer. Und jeder, der schon mal jemanden verloren hat und denkt, das Lachen irgendwie nicht richtig ist, erfährt, dass auch das und die schönen Erinnerungen zur Trauer gehören. Es macht das Leseerlebnis trotz der traurigen Momente von Abschied geprägten Momente zu einer sehr schönen Erfahrung.

  1. Auftauchen aus der Depression

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Apr 2020 

    Nach dem Tod ihres kleinen Bruders Tim stürzt Protagonistin Paula in die Depression. Wie im 11.000 Meter tiefen Marianengraben, so fühlt sie sich, wo jeder Kubikzentimeter unter enormem Druck steht. Und so besucht sie, auf Anraten ihres Therapeuten, zum ersten Mal Tims Grab - nachts, um sich vor all den Blicken zu schützen. In dieser seltsamen Situation trifft sie auf Rentner Herbert, der auf ganz eigener Mission im Schutze der Dunkelheit auf dem Friedhof unterwegs ist. Und so starten die beiden ungleichen Charaktere auf einen skurrilen Roadtrip, begleitet von einem Hund, einem Huhn und mit jeder Menge seelischem Balast im Gepäck.

    "Marianengraben" wird aus Paulas Sicht erzählt. Oft wendet sie sich dabei direkt an Tim oder denkt an gemeinsame Erlebnisse. Die Geschwister verband vor allem die Liebe zur Unterwasserwelt - umso bitterer ist es, dass Paulas kleiner Bruder ausgerechnet ertrinken musste. Sie fragt sich immer wieder, woran er wohl gedacht haben mag in seinen letzten Augenblicken und hofft, dass es nicht sie selbst war. Denn wie grausam wäre das bitte, wo sie doch nicht da war, um ihn zu retten?

    Die Kapitel sind mit Zahlen überschrieben und starten bei 11000, der Tiefe des Marianengrabens - ein kleines, aber wirkungsvolles schriftstellerisches Detail. Von dort unten wird Paula im Laufe des Romans auftauchen, um wieder ins Leben zurückzufinden: ein anderes Leben, ohne Tim, aber immerhin eines, das sich zu leben lohnt. Wer nun aber glaubt, Jasmin Schreibers Roman sei einfach nur ein Buch übers Sterben, der irrt sich. Denn viel mehr ist es eine Ode an Beziehungen, vor allem eine an Bruder und Schwester. Tim, sehr aufgeweckt, neugierig und achtsam, Paula eher still, grüblerisch, tollpatschig - und dennoch beide ein Herz und eine Seele. Auf ihrer Reise mit Herbert wird Paula lernen, dass so viel Trauer in ihr auch gleichzeitig bedeutet, dass unglaublich viel Liebe vorhanden ist.

    Für einen Roman, in dem oft über den Tod gesprochen wird, ist "Marianengraben" an vielen Stellen sehr witzig. Paulas tollpatschige Art, Herberts trockener Humor, Erlebnisse mit Hund und Huhn - das alles lädt zum Schmunzeln und Lachen ein. Damit ist der Autorin der Spagat zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit wunderbar gelungen. Ein Buch, das schon jetzt zu meinen Jahreshighlights gehört und mich sicher lange nicht loslassen wird.

  1. Wenn dich ein Roman wie ein Bus überfährt...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Mär 2020 

    Eher zufällig bin ich über dieses Buch gestolpert und ich bin froh, dass es diesen Zufall gab, denn ich bin regelrecht überwältigt.

    In der Geschichte geht es um Paula, die ihren Bruder Tim verloren hat und damit so gar nicht umgehen kann. Sie steckt tief in ihrer Depression fest und ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Doch dann trifft sie zufällig auf Helmut und vielleicht ist da doch noch etwas Hoffnung...

    Die Hauptakteurin Paula fungiert als Ich- Erzählerin, weshalb man ihre Gedanken und Gefühle sehr intensiv zu spüren bekommt, was ich sehr mochte. Paula ist eine Figur mit Ecken und Kanten, was sie sehr real erscheinen lässt. Ich konnte mich sehr gut in sie hineinversetzen, da ich vor einigen Jahren ebenfalls einen Verlust durchstehen musste und dadurch auch abgerutscht bin. Ihr vieles Weinen empfand ich als tröstlich, denn oft kann man das in den schweren Phasen ja gar nicht. Die Darstellung der Depressionssymptome spiegelten genau das wieder was ich durchlebt habe und es hat mich sehr aufgemuntert und beruhigt, dass man nicht die Einzige ist, der es so geht.

    Helmut als schrulliger alter Herr hat mich ein ums andere Mal schmunzeln lassen. Trotz seiner grimmigen Art muss man ihn einfach gern haben, denn letztendlich steckt auch in ihm ein weicher Kern.

    Richtig magisch fand ich, dass die beiden Hauptfiguren so viel gemeinsam haben und sich deswegen dann so gut verstehen und sich aus diesem Grund gegenseitig Halt geben können.

    Als tierlieber Mensch konnten mich natürlich auch Judy und Lutz direkt für sich einnehmen.

    Der Road- Trip ist amüsant und spannend dargestellt. Auch hier geht eben nicht alles immer glatt.

    Ich mochte, dass die Kapitelüberschriften die Entfernung vom Marianengraben sind, denn erst steckt Paula richtig tief drin und kommt nur langsam aus dem Schlamassel raus.

    Die Schreibe der Autorin hat sich so angenehm lesen lassen, dass ich den Roman regelrecht inhaliert habe. Ehrlich gesagt hätte ich noch ewig weiterlesen können.

    Das Ende war dann eine kleine Überraschung und hat mich sehr glücklich zurückgelassen.

    Fazit: Selten habe ich so ein perfektes Buch gelesen, dessen Lektüre mich so begeistert und mitgenommen hat. Für mich ein Lesehighlight 2020. Must- Read!