Manja: Ein Roman um fünf Kinder

Buchseite und Rezensionen zu 'Manja: Ein Roman um fünf Kinder' von Anna Gmeyner
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5 von 5 (3 Bewertungen)

„Einer der eindrucksvollsten Romane der dreißiger Jahre.“ Klaus Harpprecht Poetisch und berührend erzählt Anna Gmeyner die Geschichte von fünf Kindern, die in derselben Nacht im Frühjahr 1920 gezeugt werden, aber in ganz unterschiedlichen Milieus aufwachsen. Eigentlich trennen sie Welten, und dennoch sind sie Freunde geworden, verbunden durch eine innige Zuneigung zu Manja – dem Mädchen aus armen ostjüdischen Verhältnissen. Für diese Freundschaft müssen sie immer wieder kämpfen: zu Hause, in der Schule und in ihrer Freizeit. Doch letztlich bleiben sie Gefangene ihrer Zeit, an der Manja zerbricht und mit ihr die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:544
Verlag: Aufbau Verlag
EAN:9783351034153

Rezensionen zu "Manja: Ein Roman um fünf Kinder"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Sep 2016 

    Eine berührende Geschichte um fünf Kinder

    Prolog - das Ende (1934)
    Vier Kinder warten auf Manja - Karl, Franz, Heini und Harry. Sie sitzen auf einer Mauer, ihrem geheimen Treffpunkt und warten auf ihre Freundin, die sie alle verbindet und die den Kern ihrer seltsamen Gemeinschaft bildet. Ohne Manja ist ihre Freundschaft zerbrechlich und wird die schwierige Zeit nicht überdauern.

    Inhalt
    Im ersten Teil wird zunächst erzählt, unter welchen Umständen die fünf Kinder gezeugt werden - alle in der gleichen Nacht im Jahre 1922 - und wer ihre Eltern sind.

    Heini Heidemanns Vater Ernst Heidemann ist ein Kriegsheimkehrer und Arzt, der auf dem Schlachtfeld einen Lungenschuss erlitten hat. Fast möchte er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit seine Geliebte Hanna Heidemann verlassen, die darüber tief unglücklich ist. Doch auf dem Weg zum Bahnhof kehrt er um, und die beiden feiern eine glückliche Vereinigung. Ihre liebevolle Zuneigung überdauert die Zeit und Heini wächst in einem humanistischen Elternhaus auf, sich der Liebe der Eltern gewiss. Als Ernst im Krankenhaus aufgrund seiner gesundheitlichen Verfassung einen Zusammenbruch erleidet, bittet Hanna den reichen Bankier Hartung um Geld für den Aufenthalt in einem Luftkurort. Hartung gerührt von solch einer Liebe gewährt ihr eine großzügige Summe. Im Gegenzug verlangt er allerdings, dass Hanna nach der Genesung ihres Mannes Heini zu seinem Sohn Harry mitbringt, so lernen sich die beiden Jungen kennen.

    Harry Hartung ist ein zartes Kind, dessen Mutter Hilde ihrer Aufgabe nur unzureichend nachkommen kann. Sie liebt ihren geschäftstüchtigen Ehemann, den Kommerzienrat Max Hartung nicht, hat regelrecht Angst vor ihm, genau wie Harry, der keine Beziehung zu seinem strengen Vater aufbauen kann. Hartung ist ein assimilierter Jude, der im Namen der nationalen Sache illegal mit Waffen handelt und gut dabei verdient . So gut, dass er das Anwesen Bucheneck des mittellosen Adligen Adrian erwirbt, in den sich wiederum seine Frau verliebt. Hartungs Portier in der Bank ist der faschistische Meißner, mit dessen Sohn Franz sich Harry anfreundet.

    Franz Meißners Zeugung offenbart das ganze Elend einer unglücklichen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Familie, in der Frieda Meißner ebenfalls Angst vor ihrem zornigen Ehemann Anton hat. So hält sie in dieser einen Nacht still und wehrt die Annäherungsversuche ihres Mannes nicht ab, obwohl sie es gerne würde. Meißner, der seine vorherige Stellung verloren hat, hasst seine Portierstätigkeit beim reichen "Juden" und verachtet die Roten. Nichtsdestotrotz freundet sich sein Sohn mit dem Klassenkameraden Karl an, dessen Vater ein Kommunist ist.

    Karl Müller stammt genau wie Franz aus ärmlichen Verhältnissen, aufgrund seiner kommunistischen Einstellung ist sein Vater Eduard ständig arbeitslos und seine Mutter verdingt sich als Wäscherin. Doch im Gegensatz zu den Meißners herrscht ein liebevoller Umgang in der Familie. Anna Müller ist im Gegensatz zu Frieda eine zupackende, warmherzige Frau, die ihrem Mann zur Seite steht und sich im Krankenhaus der kleinen Manja annimmt, da deren Mutter zu wenig Milch hat.

    Manja wird gezeugt von zwei Menschen, die sich in einer verzweifelten Nacht aneinander klammern. Doch während die Ostjüdin Lea, Manjas Mutter, am Leben bleibt, erschießt sich Manjas Vater, da er den Bildern des Krieges nicht entkommen kann. In ihrer Verzweiflung heiratet Manjas Mutter den polnischen und jüdischen Kaufmann Leo Meirowitz, der schon lange um ihre Hand anhält. Gemeinsam ziehen sie nach Berlin. Als Leo, der ahnt, dass Manja nicht seine Tochter ist, Gewissheit erhält, verlässt er Lea mit ihren drei Kindern, die daraufhin in das gleiche Haus zieht, in dem auch die Müllers leben. Aber Lea hat nichts von Annas zupackender Art, so muss Manja mit für ihre Mutter und ihre Geschwister sorgen.

    Manja lernt Karl beim Einzug kennen und über ihn auch die anderen drei Jungen. Fortan treffen sie sich immer mittwochs und samstags an der Mauer und verbringen gemeinsam unbeschwerte Stunden der Kindheit. Nur an diesem Ort können sie unabhängig von ihrem sozialen und politischen Umfeld, Freunde sein, füreinander da sein und ihre Träume ausleben.

    Doch ihre gemeinsame Zeit erfährt eine Bedrohung durch den aufkommenden Nationalsozialismus, der die Lebensbedingungen der Kinder und deren Familien grundlegend verändert. Während Kommerzienrat Hartung sich Anfeindungen und Schikanen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ausgesetzt sieht, ist diese für den Faschisten Anton Meißner das Sprungbrett für den Aufstieg aus seinem bisherigen sozialen Milieu. Nun kann er sich ein Dienstmädchen leisten und eifrig sammelt er Material gegen Hartung und Heidemann, der ihm mit seiner humanistischen Haltung ein Dorn im Auge ist. Karls Vater hingegen wird als Kommunist verhaftet, während Manja als Ostjüdin ebenfalls den Schmähungen ausgesetzt ist. Die Freundschaft der Kinder wird auf eine harte Probe gestellt. Plötzlich stehen sie auf verschiedenen Seiten, Franz, der im Jungvolk ist, der Viertel-Jude Harry, Karl und Heini, die Manja beide heiraten möchten, sie alle werden noch von ihr zusammen gehalten. Aber wie lange können die Kinder die sozialen und politischen Umstände ausblenden?
    Die Lage eskaliert, als ein Schulkamerad von Franz und Karl, Martin mit zum geheimen Treffpunkt der Freunde will. Er ist von Manja angetan, doch sie weist ihn zurück. Etwas, dass Martin nicht ertragen kann und so startet er einen erneuten Anlauf und passt Manja eines Abends ab - mit fatalen Folgen für das junge Mädchen und die Freundschaft der Kinder.

    Bewertung
    Obwohl es so viele Romane gegen das Vergessen gibt, auch aus der Anfangszeit des Nationalsozialismus, bietet dieser einen tiefen Einblick in das Alltagsleben ganz unterschiedlicher Familien, die den Kommunismus und den Faschismus, aber auch eine humanistische, pazifistische Einstellung repräsentieren. Obwohl die Familien und deren einzelnen Mitglieder so verschieden sind: arm und reich, gebildet und sozial benachteiligt, naiv und weltgewandt, überwinden die fünf Kinder in ihrer Unschuld all diese Gegensätze und knüpfen unbeeindruckt von den Erwachsenen ihr Band der Freundschaft. Bis diese Unschuld angegriffen wird und auch sie in dieser unmenschlichen Zeit kapitulieren muss.

    Anja Gmeyner gelingt ein sensibel gezeichnetes Bild der Kinder, ihrer Familien und der tiefgreifenden Veränderungen, die sich aufgrund der politischen Verhältnisse und des staatliche verordneten Antisemitismus ergeben.
    Dabei bedient sie sich einer bilderreichen, fast schon poetischen Sprache, die vor allem die Zwischentöne in den vielen Gesprächen innerhalb des Romans beleuchtet. Ihr Affinität zum Bildbereich der Musik ist dabei unüberhörbar. Getragen wird das Hörbuch von der wunderbaren Vorleserin Iris Berben, die die Ungeheuerlichkeiten der Ereignisse mit ihrer Stimme unterstreicht.

    Ein wichtiger Roman, der glücklicherweise wieder entdeckt worden ist, und hoffentlich noch viele Leser/innen oder Zuhörer/innen erreichen kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Mai 2016 

    Eindrucksvoll, poetisch, berührend, aktuell ...

    Ein Roman über fünf Kinder und ihre ganz besondere Freundschaft. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, in der sich Deutschland für den Nationalsozialismus und gegen Vernunft und Menschlichkeit entschieden hat. Dadurch weist dieser eindrucksvolle Roman erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft auf.

    Worum geht es in diesem Roman?
    Poetisch und berührend erzählt Anna Gmeyner die Geschichte von fünf Kindern, die in derselben Nacht im Frühjahr 1920 gezeugt werden, aber in ganz unterschiedlichen Milieus aufwachsen. Eigentlich trennen sie Welten, und dennoch sind sie zu Freunden geworden, verbunden durch eine innige Zuneigung zu Manja – dem Mädchen aus armen ostjüdischen Verhältnissen. Für ihre Freundschaft nehmen die fünf Konflikte in Kauf, mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben sie Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft. (Quelle: Aufbau Verlag)

    Die fünf Kinder, deren Geschichte hier erzählt wird, kommen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Doch für Kinder spielt so etwas keine Rolle - zumindest, wenn die Kinder klein sind. Da interessiert nicht, was der Vater von Beruf ist oder welcher Religion man angehört. Mit den fünf Familien präsentiert die Autorin Anna Gmeyner einen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich.

    "Trommeln, gellende Rufe, Sprechchor, Blasinstrumente, Fahnen und Stiefel, Stiefel über das ganze Land. Bricht ein Krieg aus, oder feiert man einen seltsamen Karneval? Männer und Frauen werfen sich aus der abgelaufenen Spur ihres Lebens in den Tumult dieser Nacht. Arme sollen reich werden, Müde kräftig, vertrocknete Weiber begehrt. Blinde werden sehen und Lahme gehen. Alles wird anders, nichts ist vorüber. Jahrmarkt und Erlösung. Sie jubeln und winken. 'Heil Hitler! Juda verrecke! Deutschland ist erwacht!'" (S. 255)

    Die Familien
    Familie Müller - linksorientiert, aus dem Arbeitermilieu. Der Vater setzt sich für die Rechte der Arbeiter ein und wird aufgrund seiner "falschen" politischen Gesinnung im Nazi-Deutschland verfolgt.
    Familie Meissner - spießig und kleinbürgerlich. Der Vater ist ein Neider und Opportunist. Er missgönnt seinen besser gestellten Zeitgenossen ihren Wohlstand, biedert sich aber gern an und buhlt um deren Anerkennung. Für ihn kommt der Nationalsozialismus gerade recht. Verlierer werden zu Gewinnern. Und er ist somit bei der Machtverteilung der Nazis ganz vorne dabei. Endlich kann er Rache nehmen für die vermeintliche Ungerechtigkeit, die er in seinem bisherigen Leben erdulden musste.
    Familie Hartung - wohlhabend, mächtig und angesehen, jüdisch. Kommerzienrat Hartung hatte bisher ein Händchen, wenn es um Geldangelegenheiten ging. Kaum ein Geschäft, bei dem er nicht mitgemischt und verdient hat. Die Familie ist jüdischer Abstammung. Aber Jude scheint nicht gleich Jude zu sein. Herr Hartung unterstützt die arische Bewegung und ihre Rassengesetze. Denn er sieht sich nicht als Jude - dafür ist er zu einflussreich und wohlhabend. Die Juden, das sind die Anderen. Ein fataler Irrtum, wie sich für ihn herausstellen wird.
    Familie Heidemann - intellektuell und humanistisch. Ernst Heidemann ist Arzt und Menschenfreund. Herkunft, politische und religiöse Gesinnung eines Menschen sind ihm egal. Gewalt ist ihm zuwider. Er setzt sich bedingungslos für jene ein, die Hilfe brauchen. Dabei ist er kein mutiger Mensch. Aber sein Gerechtigkeitsempfinden lässt es nicht zu, sich von der politischen Rechtsbewegung in Deutschland vereinnahmen zu lassen. Dadurch bringt er sich und seine Familie in Gefahr. Denn die Nazis lassen keine anders Denkenden zu.
    Manjas Familie - ostjüdisch, arm, die Mutter alleinerziehend. Manja muss die Erwachsenenrolle in ihrer Familie übernehmen. Sie kümmert sich um ihre jüngeren Brüder .... und um ihre Mutter. Denn Lea Meirowitz ist psychisch labil und trinkt. Als jüdische alleinerziehende Mutter ist sie der Willkür der von Männern dominierten Gesellschaft ausgeliefert. Sie droht, an der Verantwortung für ihre Familie zu zerbrechen.

    "Wenn man ihn gefragt hätte, warum er sich der Gefahr der Entdeckung und der Grausamkeit von Strafen aussetze, um zweimal in der Woche an der Mauer, wie seine neuen Freunde sich ausgedrückt hätten, den Sohn eines Schiebers und eines Kulturbolschewisten, eine schmierige kleine Ostjüdin und seinen roten Schulkameraden zu treffen, hätte er darauf keine Antwort gewusst. Eine ihm sonst unbekannte Treue zwang ihn, daran festzuhalten. In der Kameradschaft der Hitlerjungen, die seine sonstige freie Zeit füllte und seinen Sprachschatz mit neuen Worten, blieb der Raum, den diese Abende einnahmen, unbesetzt, und die Zärtlichkeit, die er für Manja wie für keinen anderen Menschen fühlte, war wie eine kleine Insel, über die, ohne sie zu zerstören, die neuen Worte hinspritzten." (S. 362)

    Wenn ich auf das Cover des Buches blicke und dieses kleine Mädchen mit ihrem unbeschwerten Lachen betrachte, sehe ich tatsächlich Manja vor mir. Ihre Unbeschwertheit ist ihre Stärke. Trotz aller Sorgen zuhause und der Verantwortung, die sie von der Mutter aufgebürdet bekommt, schafft sie es, sich ihre Kindlichkeit zu bewahren. Sie ist ein Sonnenschein, voller Fantasie und Träumen. Ihre Begeisterung für das Leben hat etwas Ansteckendes. Mit ihrem Elan reißt sie ihre Freund mit, die sie nahezu anbeten. Es macht Spaß, die fünf Freunde in ihrer Kindlichkeit und Unbeschwertheit zu erleben. Man möchte ihnen ewig beim Spielen in ihrer kleinen idyllischen Welt zusehen und wünscht sich so sehr, dass hier Freundschaften entstanden sind, die ein Leben lang andauern werden. Man ahnt jedoch, dass dieses Glück nicht von Dauer ist.

    Die Kinder haben ein gemeinsames Versteck - "die Mauer". Hier haben sie sich eine eigene sichere Welt geschaffen, in der Erwachsene keinen Zugang haben und das, was in der Gesellschaft passiert, keine Rolle spielt. Ihre Freundschaft liefert ihnen die Kraft, mit dem Alltag zurechtzukommen. Denn jedes der Kinder hat seine Sorgen, ob es nun die Angst vor dem überstrengen und brutalen Vater ist, ... oder die Suche nach Anerkennung bei dem Vater, der sich lieber einen anderen Sohn gewünscht hätte, ... oder die Angst um den verschleppten Vater ... oder einfach das Problem, jüdisch zu sein.

    Die Geschichte um Manja und ihre Freunde hat mich sehr betroffen gemacht. Anfangs genießt man die Unbeschwertheit der Kinder. Mit der Zeit wird diese jedoch durch die braune Stimmung in der Gesellschaft überschattet. Man spürt, dass sich Schreckliches anbahnt und die Kinder nur noch als Verlierer aus ihrem Alltagskampf hervorgehen können. Die Entwicklung der damaligen Gesellschaft weist erschreckend viele Parallelen zu unserer heutigen Zeit auf. Damals wie heute braucht es nur ein paar, die das "braune" Gedankengut verbreiten, und damals wie heute gibt es leider zuviele Dumme, die sich von diesem Gedankengut vereinnahmen lassen.

    "'Wir schwören, dass wir uns nie verlassen', sagte Manja. 'Wir sind nicht allein, wir sind fünf. Wir schwören, dass wir nicht auseinandergehen, auch wenn wir groß sind, auch wenn etwas geschieht, auch wenn alles anders wird, auch wenn es die Großen haben wollen.' Sie zögerte einen Augenblick, suchte nach Worten. 'Wir schwören, dass wir uns helfen werden, mehr als allen anderen Menschen, dass nichts, nichts und nichts uns auseinanderbringt, wir schwören ...', schloss sie leise mit der sinnlosen, ewigen Formel aller Eide, 'dass alles immer so bleiben wird wie jetzt.'" (S. 248)

    Die Sprache von Anna Gmeyner ist sehr kontrastreich. Sie wirkt fantasievoll und bildhaft. Und doch gibt es ganze Textpassagen, in der Anna Gmeyner dazu übergeht, mit Teilsätzen und Aufzählungen zu arbeiten, die den Lesefluss zum Stocken bringen. Dies wirkt oft verstörend und macht sprach- und atemlos, wird jedoch den traurigen und bedrückenden Passagen in diesem Roman mehr als gerecht.

    Fazit:
    Anhand der Geschichte von 5 Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft präsentiert Anna Gmeyner einen eindrucksvollen Querschnitt durch die Gesellschaft in der Zeit vor dem Dritten Reich. Die hier erzählte Geschichte hat leider nichts an Aktualität eingebüßt. Selten hat mich in letzter Zeit ein Buch so tief berührt wie dieses. Klare Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Dez 2015 

    Eindringlich und poetisch - ein Buch, das unter die Haut geht...

    Eines der wichtigsten Werke der Exilliteratur erzählt so berührend wie poetisch die Geschichte von fünf Kindern, die 1920 in derselben Nacht gezeugt werden, aber in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aufwachsen. Die fünf verbindet eine innige Freundschaft, die aufgrund der politischen Ansichten ihrer Eltern in Feindschaft umzuschlagen droht. Heini, Franz, Harry, Karl und Manja sind in derselben Stadt geboren und leben doch in unterschiedlichen Welten. Die Väter der Jungen sind ein klassenbewusster Arbeiter, ein kleinbürgerlicher Faschist, ein liberal-intellektueller Arzt und ein großbürgerlich-jüdischer Kommerzienrat. Manja, deren Mutter aus armen ostjüdischen Verhältnissen stammt, steht im Zentrum der Freundschaft: Die Zuneigung zu ihr bestärkt die vier, Konflikte in Kauf zu nehmen - mit den Eltern, der Schule, der Hitlerjugend. Letztlich aber bleiben die fünf Gefangene ihrer Zeit, an der Manja tragisch zerbricht und mit ihr die Hoffnung der Jungen auf eine menschenwürdige Zukunft.

    Dieses Buch gehört zu denjenigen, bei denen mir das Verfassen einer Rezension nicht leicht fällt. Zu groß der Eindruck, den das Geschriebene hinterlassen hat, zu gewaltig das Werk, als dass eine Rezension dem wirklich gerecht werden könnte. Und doch will ich versuchen zu vermitteln, weshalb dies ein Buch ist, das unbedingt entdeckt werden will, sollte, muss.

    Von Anfang an schafft Anna Gmeyner hier das Verbindende zwischen den Familien, um deren Kinder es hier geht - die Nacht der Zeugung ist es, mit der dieser Roman beginnt. Und schon hier wird deutlich, wes Geistes Kind die verschiedenen Eltern sind und ob die Kinder zukünftig in einem liebevollen oder aber in einem strengen und angstbesetzten Zuhause aufwachsen werden. Von einem Liebesakt bis hin zur Vergewaltigung reicht das Spektrum der Zeugung - und hier ahnt noch niemand, wie eng das Leben der dabei entstandenen Kinder einmal miteinander verknüpft sein wird.

    1920 ist das Jahr, in dem die Kinder gezeugt werden - und so wachsen sie aus der Weimarer Republik nach Kriegsende langsam in den Nationalsozialismus hinein, wobei der Leser die Möglichkeit erhält, sie vierzehn Jahre lang auf diesem Weg zu begleiten.

    "Nach dem Krieg, verstehst du, als wir wiederkamen, da habe ich geglaubt, was man da erlebt hat, was keiner überlebt hat, das wird nie wiederkommen, das war das letzte Mal (...) eine Zeit sah es aus, als ob das Land anders geworden wäre, weiter, menschlicher. Stimmt nicht. (...) Und jetzt, langsam, von allem Seiten schleicht sich´s wieder ein..."

    Vier Jungen und ein Mädchen - und eine große, tiefe Freundschaft, trotz aller Unterschiede, das ist es, was die fünf Kinder auszeichnet. Anna Gmeyner gelingt es hier gekonnt, gleichzeitig das Trennende und das Verbindende der Einzelschicksale zu präsentieren und dabei einen Einblick in einen Querschnitt der gesellschaftlichen Schichten zu gewähren.

    Heini Heidemann ist der Sohn einer bildungsbürgerlichen, humanistisch gesinnten Arztfamilie und wächst liebevoll und ohne Vorurteile auf. Karli Müller ist das Kind einer Arbeiterfamilie, der Vater aktiver Kommunist und frühzeitig inhaftiert, die Mutter hält die Familie mit viel Energie und Arbeitsamkeit zusammen. Harry ist der Sohn des jüdischen Großindustriellen Hartung und wächst in wohlhabenden Verhältnissen auf, jedoch einsam und ohne die Liebe seiner Eltern. Franz Meißner wächst in einer kleinbürgerlichen Familie auf, in der alle unter dem patriarchalischen und gewaltbereiten Vater leiden, der frühzeitig auf den Zug des Nationalsozialismus aufspringt und so einen sozialen Aufstieg erfährt, der sonst nicht möglich gewesen wäre. Manja schließlich ist das Kind einer ostjüdischen Mutter, alleinerziehend, mittellos und lebensuntüchtig, jedes Kind von einem anderen Vater. Früh muss Manja Verantwortung übernehmen für den Haushalt und ihre Geschwister, und doch ist sie es, die in aller Leben einen Sonnenstrahl zaubert.

    "Wenn man nicht ein bisschen Distanz zu den Dingen hätte, könnte man es manchmal wirklich nicht aushalten. Ich sitze jeden freien Augenblick bei den Büchern. Telefon und Radio abgestellt. Das ist meine Insel."

    Was hier an den geschilderten Familien klischeemäßig und konstruiert wirken könnte - verstärkt noch durch die scharfzüngige und bösartige Hausverwalterin, den verarmten Adligen, den schmierigen und dummdreisten Hitlerjungen - löst Anna Gmeyner geschickt auf, indem sie allen Personen ein wahres Gesicht gibt, eine Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen, individuelle Nuancen, die sie dem Leser greifbar machen.

    Zunehmend verweben sich die Schicksale der Kinder und mit ihnen auch die ihrer Familien. Zunächst unbeeindruckt von dem Geschehen um sie herum, leben die Fünf ihre Freundschaft, schaffen sich ihre Insel, Manja mit ihrem hellen Gemüt und immer das Gute annehmend als Lichtgestalt unter ihnen. Sie lehrt die Jungen mit ihren Augen zu sehen und pflanzt eine tiefe Sehnsucht in ihnen. Doch die gesellschaftlichen Veränderungen hinterlassen allmählich ihre Spuren, graben Gräben, die immer schwieriger zu überwinden sind, die Lawine reißt alle mit und trotz aller Widerstände lässt sich die sich anbahnende Katastrophe nicht aufhalten...

    "Einen Augenblick lang hatte die Kassiopeia deutlich mit ihren fünf strahlenden Endsternen über dem Kirchturm gestanden. Nun verschwand sie sehr schnell unter schwarzen, treibenden Wolken."

    Anna Gmeyner schafft hier sehr eindringliche Bilder, die sie auf eine unglaublich poetische Art und mit einer beeindruckenden Genauigkeit schildert. Oftmals saß ich da mit einem Kopfschütteln, weil das Gelesene derart zart und und gleichzeitig kraftvoll wirkte, so wunderschön konstruiert, dass es mich berührte allein schon durch die Art des Schreibens. Viele Sätze habe ich mehrfach gelesen, einfach um sie wiederholt auf mich wirken zu lassen. Auch die Symbolträchtigkeit der Sprache hat mich beeindrucken und bezaubern können.

    „Ich weiß, was du meinst Manja“, rief er lebhaft. „Bei uns in der Schule, vor langer Zeit, war einmal ein Käfer im auf dem Rücken. Ich habe ihn umgedreht, damit er kriechen kann, und da waren Jungs, die haben ihn immer wieder auf den Rücken gelegt, damit er zappelt. Das waren die anderen." --- „Es gibt viele andere“, sagt sie still. --- „Ja, nicht? Auf einmal schrecklich viele“, gab er zu. --- „Aber Manja, wenn wir feig sind und alle Menschen wie wir, dann müssen alle Käfer auf der Welt auf dem Rücken liegen.“ --- Manja schweigt und drückt seine Hand. „Einen Käfer hast du umgedreht“, sagt sie, „er krabbelt wieder.“

    1984 erschien das Buch erstmals in Deutschland. 1938 jedoch wurde es bereits vom Querido-Verlag in Amsterdam veröffentlicht. Anna Gmeyner schrieb diesen Roman, der es schafft, das schleichende Grauen und das allmähliche und unaufhaltsame Erstarken des Nationalsozialismus so (be-)greifbar werden zu lassen wie kaum etwas anderes, das ich bislang gelesen habe, im Exil in Paris. Der Zeitpunkt des Entstehens dieses Zeitzeugnisses zeigt, dass es sie gab, diejenigen, die das Unheil vorausgeahnt haben, das erst in den Jahren darauf zur vollen Größe wuchs.

    "Jeder Augenblick wächst wie eine Pflanze aus dem dunklen Boden des Gewesenen, das ihn unsichtbar und ungreifbar gestaltet und bestimmt, wächst mit verborgenen und verzweigten Wurzeln in der Erde des Vergangenen. Jedes Wort, jede Tat, jeder Schmerz geht einen langen Weg durch dunkle Schächte, bis er deutlich geformt und sichtbar vor uns steht. Was die Kinder nur erlitten und nicht verstanden, führte weiter zurück als ihr Erinnern, reichte in die Zeit, bevor sie waren und ehe ihr Leben begann. Und auch das war nicht der Anfang."

    Eindringlich und poetisch - ein Buch, das unter die Haut geht. Eine Erzählung, die berührt, durch den Schreibstil sowie durch das eigentiche Geschehen. Nichts, das man einfach so runterliest, sondern etwas, das man miterlebt, mitträgt. Zuweilen unerträglich, so dass man versucht ist zu rufen: 'Bitte nicht!' - und doch in dem Wissen, dass diese geschilderten Schicksale und die Geschichte einer Freundschaft, die von gesellschaftlichen Zwängen zerfleischt zu werden droht, nur für unzählige wahre Schicksale stehen.

    Überaus beeindruckend und für mich eine wahre Entdeckung, die ich noch vielen weiteren Lesern wünsche...

    © Parden