Malnata: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Malnata: Roman' von Beatrice Salvioni
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3 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Malnata: Roman"

Unter der sengenden Sonne der Lombardei im Jahr 1935 begegnet Francesca zum ersten Mal Maddalena, die von allen im Ort nur »Malnata« genannt wird: »Die Unheilbringende«. Francesca – zu Konformität und Gehorsam erzogen – ist sofort fasziniert von dem barfüßigen Mädchen, dessen Hände immer schmutzig sind, die Augen voller Trotz. Entgegen allen Warnungen freundet sich Francesca mit Maddalena an und lernt mit der Zeit, den Lügen der Erwachsenen zu misstrauen. Doch in einer Gesellschaft, die keinen Platz hat für weibliches Freiheitsdenken, ist jedes falsche Wort und jede unfolgsame Tat eine Gefahr … Ein aufsehenerregender, vom Feuilleton hochgelobter Roman über die Macht weiblicher Selbstbestimmung und eine Hymne an die Kraft der Freundschaft. Beatrice Salvionis Debüt sorgte nicht nur in Italien für große Aufmerksamkeit, wo es wochenlang auf der Bestsellerliste stand: »Malnata« wird in 35 Sprachen übersetzt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
EAN:9783328602712

Rezensionen zu "Malnata: Roman"

  1. Geschichte zweier Mädchen, die gegen den Strom schwimmen wollen

    Italien 1935: Mussolini und die Faschisten sind an der Macht. Die 11jährige Francesca wächst in einer italienischen Kleinstadt auf. Nach dem Tod ihres Bruders bleibt sie allein zurück in einer kleinbürgerlichen Familie, die streng nach den Regeln des Faschismus und den Vorgaben der katholischen Kirche lebt. Von kleinauf wurde sie vor den Versuchungen des Teufels und den strengen Strafen Gottes gewarnt. Ihr wurde eingebleut, bloß nicht mit der Malnata herumzuziehen, die im Dorf als Unheilbringerin gilt. Doch für Francesca ist das Leben des barfüßigen Mädchens, das in schmutzigen Klamotten und mit trotzigem Gesichtsausdruck umherzieht sehr verlockend. Erst noch nähert sie sich Maddalena, wie das Mädchen richtig heißt, zögerlich und vorsichtig. Doch sie wird mutiger, als sie merkt, dass die angedrohten Strafen Gottes ausbleiben. Schon bald wird sie sehr einfallsreich, wenn es darum geht, sich von zu Hause loszustehlen, um verbotenerweise mit Maddalena und den Jungs Zeit verbringen zu können. Für sie ist es ein Abenteuer, Francesca dürstet es nach Leben. Nach und nach löst sich Francesca von den starren Ansichten ihrer Familie. Wie Maddalena erkennt sie die bröckelnde Fassade der Erwachsenenwelt und widersetzt sich zunehmend. Maddalena bringt kein Unheil, sondern hilft Francesaca mutiger zu werden.

    Beatrice Salvioni erzählt in ihrem gefeierten und in viele Sprachen übersetzten Roman von der Kraft dieser Mädchenfreundschaft. Zu Beginn des Romans fand ich das durchaus faszinierend und fühlte mich von Maddalena an Pippi Langstrumpf erinnert. Was sich in der ersten Hälfte sehr angenehm liest und fesselt, schwacht in der zweiten Hälfte des Buches leider deutlich ab. Hier nimmt die Geschichte eine Wendung, die mir persönlich als sehr konstruiert und unglaubwürdig erschien. Der Schluss hat es mir dann am Ende so richtig vermiest, so dass ich die Begeisterung für diesen Roman insgesamt gesehen leider nicht teilen kann.

    Die Thematik der Selbstermächtigung der beiden Mädchen finde ich zwar wichtig und lesenswert, allerdings in der konkreten Umsetzung leider misslungen. Das Buch wird sicher trotzdem seine Leserschaft finden.

  1. Ein Unterhaltungsroman in Schwarz und Weiß

    Italien präsentiert sich im Oktober 2024 als Gastland der Frankfurter Buchmesse, weshalb nun verstärkt Bücher aus diesem Land auf Deutsch erscheinen. "Malnata", der Debütroman der 1995 geborenen Beatrice Salvioni, erhielt in Italien große Aufmerksamkeit, wurde in viele Ländern verkauft, darunter Japan, die USA und Deutschland, wird als Fernsehserie verfilmt und soll fortgesetzt werden.

    Ein furioser Beginn
    Mit einem Paukenschlag eröffnet Beatrice Salvioni den Roman: In Monza, einer lombardischen Kleinstadt 20 Kilometer nordöstlich von Mailand, liegt am Ufer des Lambro ein toter junger Mann im Schlamm, darunter die zunächst namenlose 12-jährige Ich-Erzählerin, blutverschmiert und mit zerrissener Unterhose. Ein weiteres Mädchen, Maddalena, übernimmt beim Verstecken der Leiche das Kommando und schließt dem jungen Faschisten, der die Anstecknadel mit Trikolore und Rutenbündel am Revers trägt, die Augen. Es ist das Jahr 1936, Benito Mussolini (1883 – 1945) regiert seit 1922, seit Oktober 1935 führt das faschistische Italien einen völkerrechtswidrigen kolonialen Eroberungskrieg gegen das Kaiserreich Abessinien, das heutige Äthiopien.

    Eine Freundschaft über Gesellschaftsgrenzen hinweg
    Kein Jahr vor der dramatischen Szene am Lambro hatte die Freundschaft der beiden ungleichen Mädchen begonnen. Die Ich-Erzählerin Francesca ist das einziges Kind eines durch die amerikanische Bankenkrise gebeutelten Hutfabrikanten aus der Mittelschicht, einem politischen Mitläufer aus wirtschaftlichem Interesse, und einer vom Leben enttäuschten Mutter, die gute Manieren über Bildung und Schein über Sein stellt. Ihre Warnung vor „Gesindel“ wie Maddalena schreckt Francesca nicht. Sie fühlt sich magisch angezogen vom rebellischen, scheinbar angstfreien und respektlosen Verhalten des um ein Jahr älteren Mädchens aus der Arbeiter-Vorstadt, das Unglück bringen soll und daher nur Malnata, „die Unheilbringende“, genannt wird. Sehnsuchtsvoll beobachtet Francesca Maddalena und deren beiden Freunde, einen Faschisten- und einen Kommunistensohn, bei ihren wilden, unkonventionellen Spielen:

    "Ich beobachtete ihre Welt vom Rand aus. Und ich konnte es kaum erwarten, mich ganz hineinfallen zu lassen." (S. 62)

    Gegen alle Widerstände wird Francesca Maddalenas Freundin, stiehlt sich trickreich aus der strengen häuslichen Enge, begünstigt durch die Unaufmerksamkeit der mit sich selbst beschäftigten Eltern. Im Zusammensein mit Maddalena und ihrer Familie beginnt sie, die Scheinheiligkeit ihrer eigenen Welt zu begreifen, religiöse Heuchelei, patriarchale Strukturen und politische Verlogenheit.

    Fehlende Grautöne
    Das mitreißende erste Kapitel und der politische Hintergrund haben mich zunächst sehr für den Roman eingenommen. Ein wenig fühlte ich mich an Elena Ferrante und "Meine geniale Freundin" erinnert, doch bleibt "Malnata" mit seinen größtenteils statischen Charakteren ohne Grautöne leider wesentlich oberflächlicher, zu eindeutig verortet die Autorin ihre Figuren im Spektrum von Gut und Böse. Verlässt eine Figur trotzdem ihren vorgezeichneten Raum, wie der Obsthändler Tresoldi, wirkt die abrupte Verwandlung eher kurios als glaubhaft. Auch der spannende politische Kontext verblasst zusehends und wird zu einem immer bedeutungsloseren Hintergrundrauschen. Die im Vordergrund stehende Mädchenfreundschaft mit ihrem Aufnahmeritual, den Mutproben und kindlichen, oft jedoch keineswegs harmlosen Streichen taugt eher für einen Jugendroman, die altklugen Weisheiten aus Maddalenas Mund wirken aufgesetzt, die Handlung wird immer klischeehafter. Spätestens ab der Mitte hat mich das Buch daher verloren und mit dem melodramatischen Finale enttäuscht.

    Für mich ist "Malnata" Opfer der großen Worte seiner Werbekampagne, die einen feministischen Roman über die „Macht weiblicher Selbstbestimmung“ ankündigt, ein Versprechen, für dessen Einlösung es der Autorin an Mut fehlt. Wer einen nicht zu tiefschürfenden Unterhaltungsroman über eine ungleiche Mädchenfreundschaft sucht, könnte dagegen an "Malnata" Freude haben.

  1. 3
    03. Jun 2024 

    Starker Einstieg, schwach im Abgang

    Italien ist Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und deshalb erscheinen vermehrt Übersetzungen aus diesem Land. So auch der Debutroman der 29jährigen Autorin Beatrice Salvioni, der in seiner Heimat vom Feuilleton gefeiert wird.
    Die Geschichte spielt in der Lombardei Mitte der 1930er Jahre. Hier wächst die elfjährige Ich- Erzählerin Francesca als Einzelkind in einer gut bürgerlichen Familie auf. Die Atmosphäre im Haus ist frostig, der Vater oft abwesend und schweigend, die Mutter mit sich selbst beschäftigt. Francesca steckt in einem Korsett aus Regeln und Verboten.
    Da wundert es wenig, dass sie sich von der ein Jahr älteren Maddalena angezogen fühlt. Ein wildes, eigensinniges Mädchen, das sich oft am Fluss herumtreibt. In ihrem Gefolge zwei Jungs, die ihr bedingungslos gehorchen; der eine Sohn eines Kommunisten, der andere der Sohn des hochrangigen Faschisten am Ort.
    Francesca tut alles, um von Maddalena akzeptiert und anerkannt zu werden. Und das, obwohl alle vor ihr warnen. Denn Malnata, „ die Unheilbringende“, wie sie genannt wird, geht der Ruf voraus, dass sie Schuld trägt an seltsamen Unglücksfällen in ihrem Umfeld. Die frommen Frauen schlagen bei ihrem Anblick das Kreuzzeichen, Männer spucken vor ihr aus.
    Maddalena scheint das angeblich nicht zu berühren. Sie steht über dem Geschwätz der Leute und behauptet stolz, vor nichts und niemand Angst zu haben.
    Die beiden ungleichen Mädchen freunden sich an, entgegen gesellschaftlicher Unterschiede. Während Francescas Eltern sich trotz wirtschaftlicher Krise noch eine schöne Wohnung mit Dienstmädchen leisten können, teilt sich Maddalena ihr Zimmer im sechsten Stock eines Mietshauses mit ihren älteren Geschwistern.
    Maddalena verkörpert all die Eigenschaften, die Francesca haben möchte. Sie will nicht weiter „ als stilles und wohlerzogenes Mädchen“ gelten. Sie will so selbstbewusst und selbstbestimmt durchs Leben gehen wie die Freundin. Durch Maddalena beginnt sie die bisherigen Grundsätze in Frage zu stellen, Grundsätze, die Elternhaus, Kirche und der faschistische Staat vorgeben.
    Der Roman ist in erster Linie die Geschichte einer Mädchenfreundschaft, mit allem, was dazugehört, Misstrauen, Eifersucht, Mutproben usw. Doch aus den z.T. kindischen Streichen wird irgendwann blutiger Ernst.
    Davon erfährt der Leser schon in der Eingangsszene, die ein Jahr später verortet ist. Francesca liegt blutverschmiert am Ufer des Lambro, über ihr ein toter Mann. Gemeinsam mit Maddalena verstecken sie die Leiche unter Zweigen.
    Ein wahrhaft drastischer Einstieg, der die Neugier des Lesers weckt. Was ist hier tatsächlich passiert und wie konnte es dazu kommen?
    Über weite Strecken kann die Autorin die Spannung halten.
    Ebenso gelingt es ihr, gerade zu Anfang, die Stimmung und Atmosphäre der Stadt einzufangen, die verschiedenen Gesellschaftsschichten, das Gerede der Leute, der zur Schau getragene Katholizismus.
    Im Hintergrund ist auch die angespannte politische Lage spürbar. Es ist das Jahr 1935, in dem italienische Truppen in Abessinien einmarschieren. Während die einen diesen Eroberungskrieg bejubeln, fürchten andere die Folgen des Krieges. Anders als der Sohn eines hochrangigen Parteimitglieds erhält Maddalenas Bruder den Einberufungsbefehl. Frauen spenden ihre goldenen Eheringe für den Sieg. Es gibt in der Stadt begeisterte Mussolini-Anhänger, opportunistische Mitläufer wie Francescas Vater und Widerständler.
    Da wir aber alles nur aus dem Blickwinkel einer Heranwachsenden sehen, kann die Autorin bei diesem Thema nicht in die Tiefe gehen.
    Doch vor allem kann sie nicht die Versprechungen der Eingangsszenen einhalten. In der Beziehung zwischen den Mädchen war wenig Entwicklung zu beobachten. Francescas Gefühle grenzen an Hörigkeit, bis fast zum Ende bleibt sie in der unterlegenen Position. Öfter legt die Autorin den Mädchen Sätze in den Mund, die unmöglich von Zwölfjährigen sein können.
    Beatrice Salvioni wollte augenscheinlich einen feministischen Roman schreiben über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbestimmung, gegen männerdominierende Strukturen. Die Protagonistinnen wehren sich gegen ein Rollenbild, das ihnen vorgelebt wird, gegen sexuelle Übergriffe, die alltäglich sind. „ Eine erwachsene Frau zu sein, bedeutete, einem Mann, wenn er sagte: „ Du gehörst mir“, in die Augen zu sehen und ihm zu antworten: „ Ich gehöre niemandem.“ Das sind die Überlegungen Francescas und das ist die „ Botschaft“ des Romans.
    Allerdings wird dieses Statement in eine etwas platte und unglaubwürdige Geschichte gepackt. Die Nebenfiguren sind beinahe allesamt sehr eindimensional; hier gibt es kaum Grautöne.
    Und das Ende des Romans war ärgerlich. Fährten, die anfangs gelegt wurden, verliefen in eine ganz andere Richtung, Figuren machten plötzlich und ohne ersichtlichen Grund eine radikale Kehrtwende und das melodramatische Ende wurde ziemlich schnell abgehandelt.
    Wer bei Literatur Wert legt auf differenzierte Figurenzeichnung und eine in sich schlüssige Geschichte, wird das Buch enttäuscht beiseite legen.
    Ich würde den Roman auch nicht Jugendlichen zur Lektüre empfehlen, obwohl er sich vom Sujet her anbieten würde. Denn zum einen sollten im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur die gleichen Kriterien für Qualität gelten, zum anderen eignen sich die beiden Hauptfiguren nicht zur Identifikation.

  1. 2
    03. Jun 2024 

    Der Roman kann nicht überzeugen.

    Malnata, ein junges Mädchen aus der Via Marsala, hat den Ruf, Unglück zu bringen. Wer sie bei ihrem richtigen Namen Maddalena ruft, dem bringt sie Unheil, denn sie hat den Teufel im Leib.
    Mit ihren tiefschwarzen Haaren, ihren leuchtenden dunklen Augen und ihren schlanken, flinken, nackten Beinen, stets in Lumpen gekleidet und mit abgetragenen Schuhen, ist sie das exakte Gegenteil von Francesca. Kaum ein Jahr jünger als Maddalena, stammt sie aus gutem Haus, ihr Vater, ein Geschäftsmann und die Mutter, ein ehemaliger neapolitanischer Bühnenstar, und besticht durch ihre Schönheit und ihrem stets tadellosen Auftreten. Es sind schwierige Zeiten in Italien, der Duce und die Faschisten regieren und der Afrikakrieg steht vor der Tür.
    Die unterschiedlichen Mädchen freunden sich an, trotz des Widerstandes von Francescas Mutter. Schnell entwickelt sich eine Abhängigkeit zwischen beiden, besonders Francesca bindet sich an Maddalena, die so viel mehr Stärke und Durchsetzungsvermögen zeigt.

    Meine persönlichen Leseeindrücke
    Das Buch erinnert mich an „Arminuta“, wenngleich es sich inhaltlich und vor allem stilistisch beachtlich unterscheidet. Mit Vorschusslorbeeren begrüßt, habe ich mich auf dieses Buch richtig gefreut und wurde sehr enttäuscht. Die Geschichte, vielleicht als Jugendbuch geeignet, entpuppt sich als schlecht inszenierter Mailänder Gesellschaftstratsch, voll mit irrsinnigem Aberglauben und Romanfiguren, die von Anfang an steife, vordefinierte und klischeehafte Rollen einnehmen.
    Besonders gestört hat mich der geschichtliche Bezug zum Faschismus, der kaum mehr als eine Randhandlung einnimmt und der eigentlichen Geschichte keine Bedeutung gibt. Es fehlt eine deutlichere Verbindung, eine Bedingung, die den Ablauf der Geschichte nur zu dieser Zeit hätte geschehen lassen können; kurzum, es fehlt an allen Ecken und Enden die Zwangsläufigkeit. Der Versuch, in Malnata eine Widerstandsfigur gegen die gesellschaftlichen Strukturen und den Faschismus darzustellen, ist kläglich gescheitert. Dafür ist ein Mädchen auch die denkbar schlechteste Besetzung.
    Der Roman kann nicht überzeugen. Das Ende mit seiner melodramatischen Abschlussszene wirkt entsetzlich kitschig und unglaubwürdig.

    Fazit
    Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einem Mittelteil, der mich mit Hoffnung füllte, endete die Geschichte einer Mädchenfreundschaft in (leider) typisch italienischer Melodramatik.
    Von Anfang an störten mich die klischeehaften Romanfiguren, der zeitliche Bezug zum Faschismus, der wohl als Aufmacher herhalten musste, und eine Mädchenfreundschaft, mit leicht lesbischen Andeutungen. Eine Jugendliche als Widerstandsfigur zur damaligen Gesellschaft und politischen Führung zu stilisieren, ist der Autorin nicht gelungen. Vielmehr schwappt die Handlung zum Ende hin ins Unrealistische, Obszöne.

  1. 2
    30. Mai 2024 

    Hanni & Nanni in Mussolinis Italien

    Der hochgelobte Erstling von Beatrice Salvioni geht los mit einem Prolog wie ein Paukenschlag, nimmt das Ende des Romans teilweise vorweg und gibt damit ein spannendes Rätsel auf. Und genauso fesselnd geht es zunächst weiter.

    Die rebellische 12jährige Maddalena probt den Aufstand im faschistischen Italien zur Zeit des Abessinienkrieges. Man sagt ihr nach, dass sie den bösen Blick hat und Menschen verhexen kann. Francesca, die gleichaltrige Tochter eines Hutfabrikanten, von Haus aus sehr restriktiv und lieblos erzogen, fühlt sich von der Lebendigkeit der „Malnata“ unwiderstehlich angezogen. Die beiden werden Freundinnen gegen alle Widerstände. Die Familien und gegensätzlichen Milieus der Mädchen werden gut gezeichnet, ebenso das politische Klima, das Anpassung und Mitläufertum fördert.

    Im Lauf des Romans hat mich die Autorin jedoch verloren. Ich habe Grautöne vermisst, Täter- und Opferrollen der Figuren sind klar verteilt. Der kindliche Sound gerät Salvioni zunehmend viel zu erwachsen, ihre Figuren verlieren ihre Glaubwürdigkeit, vor allem, weil die Autorin sie je nach dramaturgischem Bedarf handeln lässt und nicht nach ihrer inneren Logik, die bald auf der Strecke bleibt. Zwei Zwölfjährige sollen mit gedankenlosen Streichen, die in erster Linie denen schaden, die es gut mit ihnen meinen, zu feministischen, gar antifaschistischen Rebellinnen stilisiert werden. Das funktioniert vor allem deshalb nicht, weil sich die Handlung, die aus Francescas Ich-Perspektive heraus geschildert wird, bald nur noch um die innere Dynamik der Mädchenfreundschaft dreht. Der historische Hintergrund wird dadurch zur bloßen Folie – Faschismus light, Zeitgeschichte, die nicht weh tut.

    Und so geht es weiter. Der Abessinienkrieg dient als Kulisse für eine tragische Liebe, der Sohn eines einflussreichen Faschisten gibt den gutaussehenden Bösewicht, ein Autorennen soll das Kolorit der Rennstadt Monza beschwören; das Rennfahreridol Hans Stuck, als mäusegesichtig verleumdet, muss als Sinnbild des hässlichen Deutschen herhalten.

    Der Roman will eine Geschichte über weibliche Selbstermächtigung sein. „ Eine erwachsene Frau zu sein, bedeutete, einem Mann, wenn er sagt: Du gehörst mir, in die Augen zu sehen und ihm zu antworten: Ich gehöre niemandem.“ Eine klare feministische Positionierung – aber traut man diesen Satz in seiner gedanklichen und rhetorischen Klarheit einer Zwölfjährigen zu?

    Die Lösung des Rätsels, das der Prolog aufgibt, ist allzu bald klar, der Spannungsbogen hängt ab etwa der Mitte des Romans durch. Diesen Mangel des Plots versucht Salvioni auszugleichen, indem sie die Mädchen überflüssige Streiche begehen, die Protagonistin auf frühere Entwicklungsstufen zurückfallen und bisherige Hassfiguren abrupt wie Menschenfreunde handeln lässt. Mangelnde Sachkenntnis lässt eine ganze Szene fragwürdig erscheinen – die, weil funktionslos, ohnehin besser gestrichen worden wäre.

    Zum Ende hin gleitet der Roman in Melodram und Kitsch ab. Die Autorin kann sich offensichtlich nicht entscheiden: Will sie den Aberglauben als Ursache von Maddalenas Ausgrenzung verdammen, oder will sie ihr paranormale Fähigkeiten zuschreiben? Will sie Maddalenas Unschuld bewahren, oder soll sie sie aufgrund der Ereignisse verlieren? Ist Francescas Angepasstheit bedingt durch äußeren Zwang, oder ist sie tatsächlich feige? Die Autorin eiert entschlusslos herum, was dem Roman endgültig den Biss nimmt.

    Wirklich schade - etwas mehr schriftstellerische Courage und Stringenz (und vielleicht ein strikteres Lektorat) hätte aus diesem Jugendroman Literatur machen können.

  1. Eine Mädchenfreundschaft umgeben von Faschismus und Aberglauben

    Fulminant wird die Handlung durch den Prolog eröffnet. Eine (noch) namenlose Ich-Erzählerin wird von ihrer mutigen Freundin aus nahezu auswegloser Lage gerettet. Der Übeltäter ist anschließend tot. Ausgehend von dieser dramatischen Szene wird der Beginn einer ungleichen Mädchenfreundschaft geschildert. Die „Malnata“, was so viel wie „die Unheilbringende“ bedeutet, stammt aus einer bitterarmen, schicksalsgebeutelten Familie. Sie ist etwa zwölf Jahre alt, raubeinig und unangepasst. Sie sagt, was sie denkt, spielt mit Jungen am Fluss und gilt als „enfant terrible“ der italienischen Stadt Monza am Lambro. Die Erwachsenen schreiben dem Mädchen alle üblen Vorurteile zu, inklusive der Fähigkeit, Menschen zu verfluchen oder zu verhexen. Man erzählt sich blutige Schauergeschichten, die Malnata ist der Sündenbock schlechthin.

    Die aus dem Bürgertum stammende, behütet und doch lieblos aufgewachsene Ich-Erzählerin Francesca fühlt sich von diesem Mädchen magisch angezogen. Allen Widerständen zum Trotz freunden sich die beiden Mädchen an, deren Gegensätze offensichtlicher nicht sein können. Die unbändige Malnata, die eigentlich Maddalena heißt, rühmt sich, vor nichts Angst zu haben. Sie ist kritisch, hinterfragt den Aberglauben und die Vorurteile der Erwachsenen, widersetzt sich jedem Rollenbild, das für Mädchen dieser Zeit gilt. Mental unterstützt wird sie von ihrem großen Bruder Ernesto. Dies alles fasziniert Francesca: „Ich beobachtete ihre Welt vom Rande aus. Und ich konnte es kaum erwarten, mich ganz hineinfallen zu lassen.“ (S.62)
    Durch die Augen der Erzählerin lernen wir nicht nur Maddalena mit ihrer Familie, sondern auch die Bewohner des Ortes kennen. Es gibt treue Mussolini-Anhänger, Mitläufer und Widerständler. Die politisch angeheizte Stimmung am Vorabend des Abessinienkrieges 1935 wird zwar transportiert, bildet aber insgesamt nur ein beständiges Hintergrundrauschen. Im Zentrum stehen Maddalena und Francesca. Für letztere eröffnet sich mit der Freundschaft zu der Außenseiterin eine neue, lebendige Welt. Sie genießt Kameradschaft sowie abenteuerliche Unternehmungen.

    Der Roman wird weitgehend chronologisch erzählt. Bis man am dramatischen Ende ankommt, das mit dem Prolog bereits vorweggenommen wurde, haben die beiden Protagonistinnen manches Abenteuer zu bestehen, sich gegen manche Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. Bezeichnend ist, dass alle Erwachsenen böse sind, was auch für deren indoktrinierten Abkömmlinge gilt. Die Bürger leben in einer Welt des Scheins, verurteilen willkürlich und verharren in stereotypen Gesellschaftsbildern. Die beiden Mädchen suchen ihre Freiräume, lehnen sich gegen das misogyne Umfeld auf. Immer wieder wird die Freundschaft auf die Probe gestellt. Francesca kann ihre Erziehung nicht völlig hinter sich lassen, ihre ambivalente Gefühlswelt wird jedoch stellenweise sensibel und einfühlsam geschildert.

    Insgesamt ist mir der Romanverlauf zu grob geraten. Insbesondere zum Ende hin kann ich weder die Entwicklung noch die Handlungsweisen einiger Figuren nachvollziehen. Für mein Empfinden gibt es zu viele Brüche und Widersprüche zu vorangegangenen Schilderungen. Die Autorin arbeitet mit Klischee behafteten Charakteren und ebensolchen Szenen. Sie will die Befreiung und den Weg in die Selbstbestimmung der beiden Heldinnen beschreiben. Auf dem Weg dorthin kommt es zu sexuellen Übergriffen und gewalttätigen Konflikten, bei denen es weder an Melodramatik noch an reichlich fließendem Blut fehlt. Hier wird definitiv mehr Wert auf äußeres Geschehen als auf Tiefe gelegt, kuriose Wendungen sollte man nicht hinterfragen.

    Ich halte „Malnata“ für einen einigermaßen Plot getriebenen Unterhaltungsroman, der einer kritischen Analyse schwer standhält. Wer gerne feministisch geprägte Entwicklungsromane liest, sollte hier zugreifen. Der Roman dürfte dann keine Langeweile aufkommen lassen, er liest sich flott. Das Buch könnte auch sehr gut bei jugendlichen Leserinnen ankommen.

    Hohe literarische Ansprüche erfüllt es indessen nicht. Ich bin die falsche Leserin für dieses Buch, das „einen von Feuilleton hoch gelobten Roman“ versprach. Daher nur eine eingeschränkte Leseempfehlung.

  1. Dunkle Pippi Langstrumpf mit Hang zur Melodramatik

    Monza, 1935: Während sich Italien unter der Diktatur Mussolinis in dunklen Zeiten befindet, fühlt sich die elfjährige Francesca unverstanden. Ihre Mutter begegnet ihr mit Lieblosigkeit und Verboten, ihr Vater verfällt in eine fast sprachlose Gleichgültigkeit. Da wirkt es fast wie ein Wunder, dass sich plötzlich dieses wilde Mädchen für sie zu interessieren scheint, das immer mit zwei etwas älteren Jungen am Ufer des Lambro spielt. Der Name des Mädchens ist Maddalena, doch wird sie von allen im Ort nur "Malnata" genannt - die "Unheilbringende". Allen Warnungen der Erwachsenen zum Trotz freundet sich Francesca mit der "Malnata" an. Eine Entscheidung, die ihr junges Leben komplett auf den Kopf stellt...

    "Malnata" ist der Debütroman von Beatrice Salvioni, der jüngst in der deutschen Übersetzung aus dem Italienischen von Anja Nattefort bei Penguin erschienen ist und laut Klappentext in Italien noch vor Erscheinen "zu einem literarischen Ereignis" und mittlerweile in 35 Länder verkauft wurde. Hohe Vorschusslorbeeren, denen der Roman leider nur zu Beginn gerecht wird.

    Denn der Anfang des Buches ist hochdramatisch und berührend. Ich-Erzählerin Francesca wird im Prolog von ihrer Freundin Maddalena offenbar gerade noch vor einer Vergewaltigung gerettet. Im Rückblick erzählt uns Francesca, wie es zu dieser Situation, vor allem aber zu der unerschütterlichen Freundschaft mit der "Malnata" kommen konnte. Salvioni zeichnet in dieser Phase authentisch und zärtlich, wie sich die beiden Mädchen langsam annähern und unter welchen gesellschaftlichen Anfeindungen insbesondere Maddalena zu leiden hat. Die abergläubische Welt der Erwachsenen macht sie für mehrere Unglücksfälle in ihrer unmittelbaren Umgebung verantwortlich. Es ist bezaubernd, wie feinfühlig Salvioni sich den beiden Hauptfiguren widmet. Dabei gelingt ihr der Spagat, die aufgeladene Atmosphäre des Faschismus hintergründig darzustellen, ohne die Perspektive der Kinder zu verlassen. Die "Malnata" selbst wirkt dabei manchmal wie eine dunkle Pippi Langstrumpf, die mit ihren nicht ganz harmlosen Streichen eine Art freiheitlicher Kontrapunkt zur faschistischen Welt der Erwachsenen darstellt. Die kindlichen Szenen am Fluss, die Mischung aus Unschuld und Härte, erinnern in ihren besten Momenten ein wenig an den legendären "Club der Verlierer" aus Stephen Kings "Es".

    Leider gelingt es Salvioni jedoch nicht, diese Szenen zu einem glaubwürdigen Roman weiterzuspinnen. Die Figuren lassen Grautöne vermissen, nahezu alle lassen sich spielend leicht in "Gut und Böse" eingruppieren. Die Erwachsenen sind mit Ausnahme von Francescas Haushaltshilfe Carla menschlich allesamt eine Katastrophe, vor allem die Elternfiguren aller Kinder versagen komplett. Ein regelrechtes Ärgernis ist aber die Glorifizierung der Maddalena. Während die Faszination, die sie auf ihre Freundin aus dem gut-bürgerlichen Haushalt ausübt, zwar authentisch und verständlich wirkt, hat die Figur in ihrer Konzeption so große Schwächen, dass eigentlich nicht einmal Francesca darüber hinwegsehen könnte. So verbreitet die "Malnata" eine erwachsene Weisheit nach der anderen, scheitert aber selbst im zwischenmenschlichen Bereich, indem sie den wenigen ihr wohlgesinnten Menschen großen Schaden zufügt. Beispielsweise durch völlig unsinnige Mutproben, die von der Autorin offenbar nur eingeführt wurden, um den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Oder durch Unstimmigkeiten, in denen Salvioni die Mädchen genau so abergläubisch handeln lässt, wie es die von ihnen verachteten Erwachsenen eigentlich tun würden. Vollends an Glaubwürdigkeit verliert "Malnata", wenn gegen Ende des Buches eine von den Kindern leidlich gepiesackte Figur einen Sinneswandel um 180 Grad vollzieht und sich plötzlich als Hilfsbereitschaft in Person präsentiert.

    Eine weitere Schwäche ist die Melodramatik des Textes, die mit fortschreitender Lektüre immer stärkere Züge annimmt und die Kitschgrenze zumindest streift, wenn nicht gar überschreitet. Schicksal reiht sich an Schicksal, die Verehrung Francescas für ihre Freundin nähert sich der Hörigkeit an. Gewalttaten der "Malnata" wie beispielsweise das Blutigschlagen des Kopfes der Sitznachbarin in der Schule auf den Tisch werden als Lappalie abgetan, Tierquälereien als Mittel zum Zweck nicht einmal hinterfragt. Bedauerlich ist auch, dass der Roman kaum noch Überraschungspotenzial hat und sich die Figuren mit Ausnahme der Ich-Erzählerin wenig entwickeln. So ist beispielsweise äußerst früh zu durchschauen, wer hinter der anfangs erzählten versuchten Vergewaltigung steckt.

    Letztlich endet das "literarische Ereignis" eher als halbgare Mischung aus Coming-of-Age- und Jugendroman, die ihr anfängliches Potenzial zunehmend verspielt, indem sie - und damit Autorin Salvioni - falsche Entscheidungen trifft und die letzte Konsequenz vermissen lässt. Schade.

  1. Mädchenfreundschaft – zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung

    Freundschaft zweier ungleicher Mädchen in Monza/Norditalien zur Zeit des italienischen Faschismus unter Mussolini

    Es beginnt dramatisch mit der versuchten Vergewaltigung der zwölfjährigen Francesca, der ihre Freundin Maddalena zu Hilfe kommt und es endet mit einem Toten. Die genauen Umstände erfahren wir später.

    Zuerst tauchen wir in die Geschichte dieser beiden Mädchen ein. Monza, nördlich von Mailand im Jahre 1935 zur Zeit Mussolinis: eine religiös geprägte heuchlerische Spießergesellschaft so wie die Familie von Francesca, die rigide erzogen wird und der ständig vor Augen gehalten wird, was ein Mädchen alles nicht darf. Da wundert es nicht, dass sich Francesca von Maddalena angezogen fühlt, einer Gleichaltrigen, die so ganz anders ist. Sie kommt nicht nur aus einer niedrigeren Gesellschaftsschicht, sondern sie gibt sich auch rebellisch und unabhängig. Ihr Ruf ist schlecht und sie wird von allen 'Die Malnata' genannt (schlecht/böse geboren). Sie gilt als Unheilbringerin, manchen sogar als Hexe, als eine, die anderen Unglück und Tod bringen kann.

    Francesca erkennt in ihr eine Unabhängigkeit und eine Selbstbestimmung, die sie für sich selber auch gerne hätte, so dass Maddalena ihr Vorbild wird. Sie lässt sich von ihr beeinflussen und zu Aktionen überreden, die ihr eigentlich verboten sind.

    Der Hintergrund, der sich bis in den Alltag der Menschen auswirkt, ist interessant: der Personenkult um den 'Duce', die Indoktrination der jungen Menschen, die imperialistischen Kolonialbestrebungen, der Beginn des Abessinienkrieges, der viele junge Männer das Leben kosten wird. Das tritt allerdings im Verlauf der Geschichte mehr und mehr in den Hintergrund; die anfängliche Spannung lässt nach und es findet wenig Entwicklung statt. Das Verhalten der Personen wird zunehmend unglaubwürdiger mit Wechseln in Einstellung und Verhalten, die nicht oder nicht einleuchtend erklärt werden. Auch erscheinen die beiden Mädchen in dem, was sie äußern und denken älter als sie sind, was mit dem tatsächlichen Verhalten kontrastiert. Dazu kommt eine zunehmend melodramatische Ausdrucksweise und eine Personendarstellung, die schablonenhaft wirkt.

    So wird die anfangs vielversprechende Geschichte eher zu einem leicht trivial klingenden Jugendroman, der nicht gehalten hat, was anfangs versprochen wurde. Zumindest wurde die Entwicklung von Francesca für mich nicht glaubhaft und nachvollziehbar dargestellt.

    Dennoch habe ich die Geschichte anfangs ganz gerne gelesen und sie mag ihre LeserInnen finden, denen die Unabhängigkeitsbestrebungen eines jungen Mädchens imponieren.

  1. Gescheiterter Versuch in die Moderne zu kommen.

    Kurzmeinung: Unschuldige Heldinnen sind einfach nicht mein Ding.

    Handlung: Zwei vorpubertäre Mädchen aus unterschiedlichen Schichten stammend, freunden sich gegen den Widerstand ihrer Eltern in den Zeiten von Italiens Faschismus miteinander an.

    Der Kommentar und das Leseerlebnis:
    Man fühlt sich mit dem Roman „Malnata“ wohl. Man könnte ihn in der Hängematte lesen. In Italien mit einem Glas Wein in der Nähe. Obwohl „Malnata“ die Dramatik des Lebens nicht verschweigt, ist die Atmosphäre trotz eines ganz anders gearteten Prologs, der hervorragend, gefährlich, bedrohlich und blutig ist, entspannt. Prolog und Rest des Romans klaffen weit auseinander. Der Spannungsbogen, den der Prolog aufbaut, hält nicht bis zum Ende. Ja, das krasse Gegenteil ist der Fall. Bildlich gesprochen, bläst die Autorin einen Luftballon auf und sticht dann mit der Nadel hinein. Wo es dramatisch ist, wird es gleich melodramatisch.

    Der Roman versucht zeitgenössische Linien, zum Beispiel weibliches, sexuelles und politisches Erwachen bis hin zum physischen Widerstand, scheitert aber an mangelndem Wagemut der Autorin, diese Linien auch konsequent bis zu einem bitteren Ende zu führen. Sie lösen sich in Wohlgefallen und reinen Herzen auf. Wobei die reinen Herzen nicht wirklich rein sind, wenn man die Details betrachtet, die Kinder haben durchaus hässliche Gedanken und ergehen sich in kindischen Untaten. Aber im Resultat wird ihre Unschuld bewahrt. Das ist das Problem dieses Romans. Er führt nicht aus, was er im Ansatz verspricht. Stereotype und plakative Figuren erinnern an einen Jugendroman „von früher“. Malnata fungiert nämlich wie ein Jugendroman "mit einem Schuss Faschismus". Dafür ist der Roman ganz nett. Mehr aber eben nicht.

    Fazit: Liest sich leicht und flockig, denn Schreiben kann die Autorin durchaus, es ist der Plot, der zu hinterfragen ist, insgesamt ist das Gebotene aber viel zu brav, zu plakativ und oberflächlich, um moderne oder anspruchsvolle Literatur zu sein. Als Jugendroman immer noch geeignet, den Faschismus wenigstens in Eckdaten ansatzweise abzubilden.

    Kategorie: Leichte Unterhaltung
    Verlag: Penguin, 2024

  1. Was für eine großartige atmosphärische Geschichte

    Schwer lag er auf ihr, die Augen glasig. Er hatte sein Knie zwischen ihre Oberschenkel gerammt. Hinter ihm sah sie Malnata, die wollte, dass er aufhörte und tat, was getan werden musste …

    Die junge Francesca, fast noch ein Kind, lehnt sich jeden Sonntag über die Brüstung und sucht das Flussufer nach ihr ab, sieht, wie sie mit nackten Füßen und schmutzigem Rock mit den beiden Jungs über die Kiesel läuft und wäre so gerne ein Teil von ihr.

    Wenn die Malnata in ihren ausgetretenen Sandalen an ihnen vorbei über das Kopfsteinpflaster von Monza schlurfte, mit erhobenem Kinn und in Begleitung von zwei älteren Jungen, beeilen sich die Frauen das Kreuz zu schlagen und ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken, und die Männer spucken auf den Boden. S.22

    Die Maddalena hat den Teufel im Leib sagt man, man sieht es am Sturm in ihren Augen. Alle nennen sie Malnata, was Unglück bedeutet, denn genau das macht sie, Unglück über die Menschen bringen, die ihr nah sind.

    Als Francescas kleiner Bruder starb war die Mutter unglücklich, aber davor war sie es auch. Sie stand auf der Bühne kurz bevor sie Francescas Vater kennenlernte, glaubte, er würde eine große Schauspielerin aus ihr machen. Nachdem sie ihm zwei Kinder geschenkt, die er sich gewünscht hatte, war ihr Gesicht, der Bauch und die Hüften breiter geworden. Jetzt lässt sie sich vom Signore Colombo tief in die Augen schauen, wenn sie Sonntags die Messe besuchen, der mit dem Automobil und der Parteizugehörigkeit.

    Vater sprach kaum noch mit ihr. Sie lebten stumm beieinanderher und hielten Abstand wie zwei alte Hunde auf dem selben Hof, die schon lange kein Interesse mehr am Duft des anderen haben. S. 43

    In der Schule muss Francesca jeden Morgen den Duce ehren. Sich wie die anderen neben ihren Stuhl stellen, den Arm ausstrecken und die Hand, in Richtung Mussolinis Bild recken. Manche Mädchen haben ein Foto von ihm im Pult, das sie verstohlen anlächeln.

    Fazit: Was für eine gut erzählte atmosphärische Geschichte. Dank Beatrice Salvioni war ich 1935 in Monza, habe die Bewohner kennengelernt, den Zwist, die soziale Ungerechtigkeit, den Hang zu Aberglauben und Verteufeln. Es ist die Zeit der Faschisten, die Zeit in der Männer sich ungestraft nehmen können was sie wollen, weil sie die Krone der Schöpfung sind, als eine elfjährige unbeugsame, charakterstarke und wütende Protagonistin eine Freundin findet. Beide schon jung von ihren Müttern gebeutelt, geben sich gegenseitig Halt und Stärke in einer bösartigen Welt. Die Autorin hat so viele Gefühle in mir geweckt, dass ich das Buch nur als Glanzstück bezeichnen kann. Trotz der schwierigen Themen ist es mit großer Leichtigkeit zu lesen. Chapeau!