Maifliegenzeit: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Maifliegenzeit: Roman' von Matthias Jügler
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5 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Maifliegenzeit: Roman"

Für Katrin und Hans wird der Alptraum aller Eltern wahr: Nach der Geburt verlieren sie noch im Krankenhaus unweit von Leipzig ihr erstes Kind – und kurz darauf auch sich als Paar. Denn Katrin quälen Zweifel an der Darstellung der Ärzte, Zweifel, von denen Hans nichts wissen will. Als Katrin Jahre später stirbt, wird klar, dass sie mit ihren Befürchtungen womöglich Recht hatte. Bei seinen Recherchen, die ihn tief in die Geschichte der DDR führen, stößt Hans auf Ungereimtheiten und eine Mauer des Schweigens. Klären kann er all seine Fragen in Zusammenhang mit dem Tod des Säuglings nicht, doch der Gedanke daran, in einem entscheidenden Moment seines Lebens versagt, etwas versäumt, einen Fehler begangen zu haben, lässt ihn künftig nicht mehr los. Da klingelt eines Tages das Telefon und sein Sohn ist am Apparat. Aufgewachsen in einer Adoptivfamilie, unterscheidet sich seine Vorstellung von der Vergangenheit grundlegend von dem, was Hans ihm erzählt. Wird sich die Kluft, die das Leben in einem Unrechtsstaat und vierzig fehlende gemeinsame Jahre gerissen haben, wieder schließen lassen? Matthias Jügler zeichnet das bewegende Porträt eines traumatischen Verlustes, erzählt von folgenschweren Zweifeln, von der Kraft des Neubeginns und dem heilsamen Erleben der Natur. Ein feinsinniger Familienroman über ein dunkles Kapitel ostdeutscher Geschichte.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
EAN:9783328602897

Rezensionen zu "Maifliegenzeit: Roman"

  1. Eine umstrittene Rekonstruktion

    ..., der Versuch ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte anzusprechen, die Fiktionalisierung von Verdachtsmomenten, macht dieses schmale Büchlein zu einem wahren Schwergewicht und ruft die Geister der Literaturpolizei auf den Plan. Eine Besprechnung seines Romans im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2024 sollte nur unter der Bedingung der Vorlage von Belegen zur Wahrhaftigkeit von Jüglers Aussagen stattfinden. Ein Roman ist keine eidesstattliche Aussage, Herr Jügler fühlte sich nicht verpflichtet und so kam es zu keiner Lesung. Stattdessen muss sich Jügler des Vorwurfs, der Retraumatisierung von sich als Opfer fühlenden Eltern durch die ehemalige Beauftrage des Landes Sachen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, stellen... ei der Daus, was ist denn da los?

    Und um was geht es eigentlich?

    Hans und Katrin sind ein glückliches Paar und erwarten ihr erstes gemeinsames Kind. Es kommt 1978 zur Maifliegenzeit in Naumburg an der Saale zur Welt. Doch einen Tag später wird den Eltern mitgeteilt, dass der Säugling auf dem Transport in ein Kinderkrankenhaus verstorben sei. Es hätte ein zu schwaches Herz gehabt. Katrin ist zutiefst verstört, hat sie ihr Baby doch kräftig schreien hören. Sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Hans hingegen ergibt sich still in seine Trauer und kann sich nicht mit Katrins unruhigem, fragenden Verhalten abfinden. Die Beziehung zerbricht. Hans bleibt im elterlichen Haus nah der Unstrut in Sachsen-Anhalt. Er ist passionierter Angler, wie schon sein Vater. Er findet am Wasser Trost. Katrin erliegt 1987 einem Krebsleiden, nimmt Hans aber noch das Verprechen ab, den Tod des gemeinsamen Sohnes Daniel zu recherchieren, sollte dies jemals möglich werden. 2 Jahre später ist es soweit, die Mauer fällt, Krankenakten werden zur Einsicht freigegeben. Doch auch jetzt stößt Hans auf Mauern. Erst 2018 verkündet seine neue Lebensgefährtin Anne, dass Daniel angerufen habe!

    Was anfänglich wie ein Anglerroman anmutet und den Leser auf eine spannende Reise in die heimische Fischwelt entführt, entpuppt sich aber bald zu einer dramatischen Geschichte um einen vorgetäuschten Säuglingstod. Das lebenslange Trauma der leiblichen Eltern, das "geraubte" Kind, dem plötzlich der Boden seiner festgefügten Wahrheiten entzogen wird... da scheint eine Annäherung schwierig, gar eine behördliche Hilfestellung, wegen Verleugnung solcherart Vorkommnisse, nicht in Sicht.

    Jügler lässt sein tendenziell postives Ende offen, doch hinterlässt er zumindest ein dickes Ausrufezeichen beim geneigten Leser. Es darf und muss diese Art der Literatur geben, zumal wenn sie so behutsam, ohne Anklage und Schlagzeilen auskommt. Aber den Klägern sei gedankt, das Wichtige wurde somit unterstrichen, das Interesse gesteigert.

    In einer Nachbemerkung stellt Jügler klar, dass es inzwischen 3 bestätigte Fälle von vorgetäuschtem Säuglingstod zwecks Weitergabe an fremde Eltern gibt. 2000 Verdachtsfälle harren ihrer Aufklärung und der Nachfolger von Frau Neumann-Becker, Johannes Beleites, sagt allen Betroffenen die Hilfe seiner Behörde zu. Eine Gratwanderung krempelt sich zu einer Kehrtwende um. Wozu Bücher doch alles gut sein können! Bitte lesen!

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  1. Sag mir, wo die Kinder sind

    Als der 65-jährige Hans einen Anruf erhält, glaubt er, seinen Ohren nicht zu trauen. Es ist Daniel, sein Sohn, der kurz nach dessen Geburt vor 40 Jahren im Krankenhaus von Naumburg an der Saale für tot erklärt wurde. Ohne vorherige Warnung, ohne irgendwelche Anzeichen von Krankheiten. Seine Frau Katrin hatte von Beginn an Zweifel an dieser Geschichte, doch mittlerweile ist auch Katrin seit langer Zeit tot. Wie geht ein Vater damit um, wenn er erkennt, dass er nicht genug getan hat, um das Schicksal seines Kindes zu verfolgen? Und wie reagiert ein Sohn, wenn er nach so langer Zeit eine ganz neue Identität aufgezwängt bekommt? Davon und von so viel mehr erzählt Matthias Jügler in seinem neuen Roman "Maifliegenzeit", der jüngst im Penguin Verlag erschienen ist.

    Ursprünglich wollte Jügler über das Thema "Zwangsadoptionen in der DDR" schreiben, über Eltern, die vom Unrechtsstaat aus verschiedensten Gründen als untauglich eingestuft wurden, ein Kind zu erziehen. Ohne es gegeneinander aufwiegen zu wollen, wirkt das Sujet von "Maifliegenzeit" ungleich dramatischer. Es geht um Eltern, deren Kinder unmittelbar nach der Geburt für tot erklärt wurden, um offenbar linientreue Elternpaare mit deren Erziehung zu beauftragen. Es geht aber auch um Väter und ihre Söhne, um ihre komplizierten Beziehungen und um verschiedene Generationen von Eltern. Und es geht um die Liebe zur Natur und zur Region und nicht zuletzt um das Angeln.

    Denn "Maifliegenzeit" ist auch eine warmherzige Liebeserklärung an die Unstrut, einen Nebenfluss der Saale, und ihre Bewohner: die Fische. Detailliert und voller Respekt erzählt Jügler von diesen Tieren. Von der Barbe, die sich am liebsten ihr Leben lang versteckt hält, von der goldschimmernden Rotfeder und vom Karpfen, der aus Mitleid vom jungen Hans kurzerhand mal eben zurück ins Wasser geworfen wird. Und tatsächlich sind diese Naturbeschreibungen, die liebevollen Details, das große Plus dieses Romans. Jüglers Sprache ist einfach bezaubernd. Wer gedacht hat, dass ein Roman über das Angeln langweilig sein muss, der möge dieses gerade einmal 150 Seiten umfassende kleine Werk vorurteilsfrei zur Hand nehmen und sich eines Besseren belehren lassen.

    Doch auch auf der Handlungsebene weiß der Roman zu überzeugen. Wie Ich-Erzähler Hans nicht nur in seine Kindheit zurückblickt, sondern auch, wie er sich auf die langjährige Suche nach seinem Sohn und nach der Wahrheit begibt, liest sich für ein so stilles Buch bemerkenswert spannend. Zwischenzeitlich wähnt man sich fast in einem Krimi. Dabei gelingt es Jügler hervorragend, die Bilder der Fische mit den skandalösen Ereignissen rund um die Suche nach Daniel kongenial zu verknüpfen. Scheinbar spielend umgeht er dabei sogar eine möglicherweise drohende Kitschgefahr. Wenn beispielsweise Hans in einer unglaublich anmutenden Szene dazu gezwungen wird, eigenhändig das Grab seines Sohnes zu schaufeln. Oder wenn mehrere Seiten lang die titelgebende Maifliegenzeit hinreißend schön erklärt wird. Jügler erzählt poetisch und bildhaft, aber niemals übertrieben. "Maifliegenzeit" ist von vorn bis hinten anrührend, aber niemals rührselig.

    Da stört es letztlich auch nicht, dass man nach dem Zuschlagen des Buches ein wenig das Gefühl hat, dass das Finale im Vergleich zu den vorangegangenen 140 Seiten vielleicht nicht der Höhepunkt des Romans ist und dass einige Fragen offen bleiben. Schließlich setzt der Autor auf durchaus mündige Leser:innen - anders als es das DDR-Regime mit seinen Bürger:innen tat.

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  1. 5
    14. Mär 2024 

    Sehr eindringliche Aufarbeitung

    Katrin und Hans haben ihren Sohn, wenige Tage nach seiner Geburt, verloren. Jetzt liegt Katrin in ihrem Bett und weint. Die Suppe, die Hans ihr brachte, hat sie nicht angerührt, den Tee nicht getrunken. Er weiß, dass er mit Katrin reden muss, ihr Trost schenken, sie festhalten, aber er verlässt das Haus, geht zügig runter zum Fluss.

    Am siebten Mai 1978 begräbt Hans seinen Sohn. Der Feuerwehrmann, dessen Aufgabe das eigentlich war, ist in Urlaub. Der Einfall des Sonnenlichts setzt alles ihn Umgebende grell in Szene. Die weißen Blüten des Apfelbaums, die pastelgelbe Kirche, den roten Traktor. Nachdem er auf die Erde eingehackt hat, mit der ganzen Kraft des fünfundzwanzigjährigen, bricht er zusammen und weint.

    Der Tod eines Neugeborenen gehört zu den Dingen, die am äußersten Rand unserer Vorstellungskraft liegen. Er widerspricht dem natürlichen Ablauf des Lebens auf so ungeheuerliche Weise, dass mich auch heute noch, der leiseste Gedanke daran aus dem Gleichgewicht bringen kann. S. 22

    Katrin wollte nicht wahrhaben, dass unser Sohn verstorben war. Sie hielt Monologe darüber, wie er laut geschrien hatte, als sie ihn von ihr fortbrachten, dass er nicht geklungen habe, wie ein Säugling mit schweren Herzproblemen. Der Arzt, der uns habe die Papiere unterschreiben lassen, habe ihr nicht in die Augen gesehen. Hans kann es nicht mehr hören, er schreit Katrin an, sie solle ihn endlich ruhen lassen und dann schüttelt er sie, wie man ein unwilliges Kind schütteln möchte. Danach ist Katrin weg, sie hat ihn verlassen.

    Vierzig Jahre später bringt seine Lebensgefährtin Anna ihm einen Zettel.

    Daniel hat angerufen, sagt sie, mit trockener und brüchiger Stimme. S. 15

    Daniel, mein einziges Kind, das seit vierzig Jahren tot ist.

    Fazit: Der Autor drückt sich sehr präzise aus. Er weiß genau, was er sagen will und das macht er, nicht mehr, nicht weniger und damit erzielt er die Essenz von Trauer, der Unfähigkeit zu Trösten, des Weglaufens, der Angst vor der eigenen Erschütterung und des Kontrollverlusts, wie sie Männern zuzutrauen ist. Seine Sprache ist eindringlich, durchzogen von Erinnerungen an den eigenen Vater, der als manisch-depressiver Mann, die Flucht nach vorn antrat, um seinen Dämonen zu entkommen. Er saß die meiste Zeit am Fluss, und angelte. Die Geschichte spricht über die Verletzlichkeit durch einen Verlust, der einen ein Leben lang begleitet. Wundervoll verbindend, eine solche Geschichte aus Sicht eines Mannes zu lesen. Und eine gelungene Aufarbeitung eines der dunkelsten Kapitel in der Vergangenheit Ostdeutschlands. So war die Geschichte von Karin S. aus Sachsen-Anhalt Grundlage für dieses Buch. Sie sucht noch heute nach ihrem Kind.

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