Mahlstrom: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mahlstrom: Roman' von Yael Inokai
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Am Anfang steht Barbara. Barbara, die sich mit zweiundzwanzig im Fluss ertränkt. Ihr Tod, der im ganzen Dorf die Telefone schellen lässt, bringt die anderen zum Reden: ihren Bruder Adam, ihre Freundin Nora und Yann, den Eindringling, der aus der Stadt neu zugezogen war. Sie alle sind mit der Verstorbenen und den falschen Zwillingen Annemarie und Hans zur Schule gegangen. Es waren kinderreiche Zeiten, und die Enge im Elternhaus trieb die Kinder nach draußen. Doch unter den Erinnerungen an das Jagen über die Felder oder jenes Streichholzspiel auf dem Pausenhof liegt etwas anderes, Unausgesprochenes begraben: In einer unbeobachteten Nacht verübten sie ein Gewaltverbrechen an einem von ihnen. Einen starken Sog auslösend, erzählt Mahlstrom die Geschichte sechs junger Menschen, die in einer dicht verwobenen Dorfgemeinschaft herangewachsen sind. Zugleich geschützt und bedroht von den engen Banden, sind sie im Erwachsenenleben angekommen und stecken doch noch knietief in ihrer Kindheit. Erst Barbaras Selbstmord bringt den Stein ins Rollen und zwingt die Übriggebliebenen, sich mehr als zehn Jahre nach dem Verbrechen dem Geschehenen zu stellen.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:180
EAN:9783858697608

Rezensionen zu "Mahlstrom: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Jan 2018 

    Erzeugt einen Sog!

    Worum geht es?
    In einem Dorf im Tal entwendet eine junge Frau - Barbara - den dicken Wollmantel ihres Bruders und geht in den Fluss. Im "Mahlstrom" wird sie hinunter gerissen und ertrinkt. Warum hat sie ihrem Leben ein Ende gesetzt? Die Lösung des Rätsels liegt in der Vergangenheit, in ihrer Kindheit verborgen - teilweise.

    Abwechselnd aus drei Sichtweisen - ihres Bruders Adam, ihrer Freundin Nora und dem Jungen Yann - wird die Geschichte jeweils in der Ich-Perspektive erzählt. Wie ein Puzzle setzen sich die vergangenen Ereignisse zusammen, bis am Ende ein vollständiges Bild entsteht.

    Im Dorf herrscht eine Kultur des Schweigens, Wahrheiten werden nur heimlich geflüstert, das zeigt sich auch auf der Beerdigung Barbaras.

    "Während der Predigt saht ich von meinem Platz aus Münder Dutzende von Mündern, die zu Ohren geführt wurden. Ich sah, wie sich die Münder bewegten, dun auch die Ohren, die das Gesagte aufnahmen. Ich sah, wie aus einem Ohr ein Mund wurde und er sich auf das nächste Ohr richtete, das wiederum zu einem Mund wurde, und wie der Pfarrer vorne seinen Mund weit und weiter aufsperrte beim Reden und doch nicht gegen das Wiederfinden der Worte ankam." (S.9)

    Die christliche Botschaft vermag nichts gegen die Gerüchte auszurichten, denn Barbara passt nicht in das dörfliche Bild. Ein Mädchen, das geht wie ein Junge, sich hartnäckig im Architektenbüro des Vaters einen Platz erobert hat, obwohl ihm der Besuch des Gymnasiums verweigert wurde. Eine junge Frau, die sich mit der ihr zugedachten Rolle nicht zufrieden geben will, die Stille sucht und Einsamkeit sucht, sich zurückzieht.

    Nora beschreibt die ihre Beziehung zu Barbara und die der anderen Dorfbewohner untereinander mit treffenden Worten:

    "Manche hätten gesagt, wir sein Freundinnen gewesen. In einem Dorf von dieser Größe gibt es nicht viele Möglichkeiten: Entweder man mag sich, oder man hasst sich, oder man ist sich gleichgültig. Meist empfindet man das eine und handelt nach dem anderen." (S.15)

    Schwächere werden gnadenlos in der Schule unterdrückt, "[k]einer war zu junge, getriezt zu werden, und kein Plärren und Betteln konnte das Gegenüber in seinem Angriff besänftigen." (S.16)

    Barbara, die sehr groß ist und zu allem schweigt, entgeht diesen Demütigungen. Im Gegensatz zu Yann, dessen Familie von der Stadt ins Dorf zieht, in das Haus, das gegenüber von Noras steht. Klein und schmächtig hat er in der Schule keine Chance, in der Clique von Barbara, Adam, Nora sowie den Geschwistern Hans und Annemarie aufgenommen zu werden.

    Hans, der das Dorf verlassen hat, erscheint ebenso wenig auf der Beerdigung wie Yann.

    "Da war ich wesentlich erstaunter, dass der Yann und seine Eltern nicht erschienen sind, auch wenn sie eher zurückgezogen leben. Ein Dorf trauert eigentlich lückenlos." (S.25)

    Nora stellt fest: "Die Abwesenden störten ihn." (S.30)

    Von Hans erfahren wir, dass er eines von 13 Geschwistern gewesen ist und offensichtlich mit Nora eine Beziehung hatte, bis er vor vier Jahren einfach verschwunden ist. Der Tod Barbaras reißt die zurück gebliebenen Freunde aus ihrem mühsam aufrecht erhaltenen Leben und schwemmt jene Erinnerungen an die Oberfläche, die sie zu vergessen suchen.

    Nora denkt an Yanns Eltern zurück, die mit dem beginnenden Frühjahr jedes Jahr ihr Leben nach draußen verlagerten.

    "Den Sommer vor elf Jahren hatten sie ausgelassen. Keine Stimmen, kein Gebell, nicht einmal Wäsche an den Leinen. Leer und tot wie in all den früheren Jahren waren Haus und Garten die warmen Monate durch gewesen." (S.80)

    Was ist in jenem Winter vor elf Jahren geschehen, was haben die fünf Kinder getan? Wie hängen Barbaras Tod und Hans Verschwinden aus dem Dorf und die Tat zusammen?

    Während Nora Rechenschaft über das Geschehen ablegt und Yann sich behutsam an das Vergangene erinnert, verdrängt Adam die offenkundige Wahrheit. Wird es ihm gelingen, sich seinen Erinnerungen zu stellen? Wird er zu seiner Identität finden, die er ebenso erfolgreich verdrängt?

    Bewertung
    Die Erzählung spiegelt das Schweigen, das Verdrängen innerhalb einer Gemeinschaft, in die keiner von außerhalb vorzudringen vermag, authentisch wieder. Nach dem Selbstmord finden die Bewohner keine Worte, das Offensichtliche wird nur geflüstert, hinter dem Rücken weiter getragen. Auch das Verbrechen, das die Kinder begangen haben, wird von ihren Eltern zugedeckt, damit der Schein gewahrt bleibt. Was die Gemeinschaft bedroht, darf nicht sein oder muss weichen.

    Eine Nebenepisode verdeutlicht das besonders gut. Barbaras Tante, unangepasst, da sie keiner Arbeit nachgeht und allein in einem kleine Haus lebt, mit den Kindern spielt, wird von ihrem Bruder gezwungen, das Dorf zu verlassen - sie passt nicht ins Bild, ebenso wenig wie Barbara.

    Yanns Eltern werden gegrüßt, doch niemals aufgenommen, Zugehörigkeit wird verweigert.

    "Hauptsache, man kann sich noch anständig grüßen. Anstand. Wo wären wir ohne Anstand!" (S.171)

    Die Autorin deckt die Doppelmoral und Scheinheiligkeit dieser dörflichen Gemeinschaft schonungslos auf, die keine Abweichungen zulässt.

    Aber sie zeigt auch, dass die Schuldigen mit der Tat letztlich nicht weiter leben können, wie sie Wege suchen, Reue zu zeigen und sich zu entschuldigen. Mut aufbringen, sich dem zu stellen, was sie dem Schwächsten angetan haben. Dafür findet Inokai wunderbare Worte, wie "schwarzer Schnee" für die Depressionen, unter denen das Opfer leidet. Noras Sprache ist wunderbar poetisch, Adam wirkt direkt, flüchtet jedoch vor seinen Erinnerungen und Yanns Stimme ist leise, behutsam, vorsichtig. Die Sprache spiegelt die Eigenschaften und Psyche der Figuren perfekt wider und jede der Figuren berührt auf ihre Weise.

    Klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Dez 2017 

    kein Leben wie in Bullerbü

    "Mahlstrom" - ein treffender Titel für einen Roman, dessen Handlung einen Sog entwickelt, der mich förmlich mitgerissen hat. Für mich ist dieser beeindruckende Roman der Schweizerin Yael Inokai eine meiner Entdeckungen dieses Jahres.

    Die Autorin führt den Leser in ein schweizerisches Bergdorf, in der die Welt alles andere als in Ordnung ist. Die Geschichte beginnt mit dem Selbstmord von Barbara, einer jungen Frau, die von Geburt an hier gelebt hat. Man findet ihre Leiche im Fluss. Natürlich stellt sich die Frage, was Barbara dazu getrieben hat, Selbstmord zu begehen. Erzählt wird die Geschichte aus mehreren Perspektiven. Barbara gehörte zu einer Clique von 6 jungen Menschen, die zusammen in diesem Dorf aufgewachsen sind. Diese Personen erinnern sich an Episoden aus ihrer gemeinsamen Kindheit bis hin zur Gegenwart. Dabei entwickeln sich Bilder von der Dorfgemeinschaft und ihrem Miteinander, die nur schwer zu verdauen sind.

    "Wir dürfen sie beerdigen, stand schließlich auf einem Formular.
    Die Eltern und der Bruder suchten einen Sarg aus.
    Die Gärtnerin fing mit Graben an.
    Der Geistliche begann zu schreiben.
    Wir anderen lagen im Dunkel unserer Häuser und gaben vor zu schlafen." (S. 8)

    Wer davon ausgeht ist, dass die 6 Personen Freunde seit Kindheitstagen sind, wird eines Besseren belehrt. Der "Freundeskreis" wird im Verlauf der Erzählung förmlich seziert. Im Roman taucht der Satz auf: "..., dass man ein ganzes Leben zusammen sein kann, ohne sich je gegenseitig zu sehen und wahrzunehmen." (S. 129). Diese Aussage trifft das Leben der Freunde in diesem Dorf auf den Punkt. Sie geben wenig von sich Preis. Sollte ich die einzelnen Personen charakterisieren, ich könnte es nicht. Selbst wenn sie als Kinder viel Zeit miteinander verbracht haben, sind sie sich doch fremd geblieben.

    Das Leben in diesem Dorf ist kein Zuckerschlecken. Yael Inokai beschreibt eine Dorfgemeinschaft, die herzlich wenig mit dem Idyll eines Bullerbü zu tun hat. Stattdessen trifft man auf Misstrauen, Gehässigkeit und Falschheit. Schwächen und Andersartigkeit werden nicht verziehen. Ganz im Gegenteil. Hier herrscht eine Hackordnung, in der Schwächere bestraft werden. Diese Mentalität findet sich von klein auf in dieser Dorfwelt. "Kinder können grausam sein" - ein Gedanke, der einem bei der Lektüre dieses Romanes mehrfach durch den Kopf schießen wird.

    "Manchmal bist du eben dran, sagte er, nachdem wir uns aufs Bett gesetzt hatten, aber dann sind auch wieder andere dran. Das darfst du nicht persönlich nehmen." (S. 110)

    Mein Highlight in diesem Roman ist der eindringliche Sprachstil der 28-jährigen Autorin, der mich von der ersten Seite an fasziniert hat. Er sorgt für eine Stimmung, die ich zwar als bedrückend empfunden habe, der ich mich aber auf gar keinen Fall entziehen wollte. Denn Yael Inokai spielt mit der Sprache, indem sie ungewöhnliche Vergleiche und Metaphern verwendet. Dadurch wirkt ihr Stil sehr poetisch. Durch geschicktes Platzieren von Andeutungen entwickelt sich eine Spannung in dem Roman, die einen nicht loslässt. Die Frage nach dem Warum von Barbaras Selbstmord, tritt mit der Zeit in den Hintergrund. In den Vordergrund rückt dafür das Miteinander der "Freunde" und ein gemeinsames Geheimnis, das im Verlauf der Geschichte aufgedeckt wird.

    Fazit:
    "Mahlstrom" ist hohe Erzählkunst. Der Roman fasziniert durch seinen poetischen Sprachstil und die Stimmung, die auf den Leser übertragen wird. Yael Inokai ist für mich eine Entdeckung. Ich freue mich schon auf weitere Bücher von ihr.

    © Renie