Maestra: Roman

Rezensionen zu "Maestra: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jun 2016 

    Mit Gerissenheit und Zielstrebigkeit zum Erfolg

    Judith Rashleigh hat es schon als Kind nicht leicht. Sie wird gemobbt, ihre Mutter beachtet sie nicht. Das macht sie hart, sie kann das Mobbing gut ausblenden. Schon frühzeitig steht ihr Entschluss fest, sie muss raus aus dieser Welt in die bessere Welt, egal wie. Inspiriert wird sie als Kind frühzeitig von der Kunst. Nach ihrem Studium gelingt es ihr in einer renommierten Galerie anzufangen. Jedoch wird sie auch hier nur für Botengänge und niedere Arbeiten missbraucht. Als sie ihr erstes eigenes Gutachten zu einem "Stubbs" abgibt, wird sie Wochen später belächelt. Nach ihrem Gutachten war der Stubbs eine Fälschung und soll nun echt sein und für viel Geld verkauft werden. Schon bei der ersten Verdachtsäußerung verliert sie ihren Job. Über Wasser hält sie sich mit Besuchen in ihrem Stammlokal, bei denen sie Männer zum Trinken animiert und ordentlich Trinkgeld kassiert. Und hier bekommt sie dann den Fuß in die höheren Kreise und fängt an das Luxusleben zu genießen.
    Dann verliert sie jedoch ihren Weg und lässt sich treiben. Sie bewegt sich gekonnt in der High Society und versucht so durchs Leben zu kommen. Sex ist dabei ein geeignetes Mittel um ihr Ziel zu erreichen. Als es dann den ersten Toten gibt, bekommt das Buch einen ersten kriminalistischen Zug.
    Wie und auch ob Judith ihr Ziel erreicht, dass muss man schon selbst lesen.
    Ich fand das Buch ausgesprochen spannend. Viele vergleichen es mit "Fifty Shades of Grey", aber meiner Meinung nach, ist in diesem Buch viel mehr Handlung. Sicher sind auch die vielen wichtigen und unwichtigen Details zu getätigten Einkäufen von Markenklamotten nicht jedermanns Sache. Aber letztlich gehörte auch das zum Buch. Denn wer sich in der Welt der High Society bewegt, hat ja meist nicht mehr zu tun, als shoppen zu gehen. Auch die Protagonistin Judith wird sehr deutlich dargestellt. Sie ist eine willensstarke Persönlichkeit, die in jeder Hinsicht versucht ihre ureigensten Bedürfnisse zu befriedigen.
    Dem Autor gelingt es in den Handlungsabläufen neben den vielen Sexszenen auch noch genügend Spannung und Überraschungen einzubauen. Interessant ist auch, wie sich Judith weiterentwickelt. Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr kann man ihre Gerissenheit und Zielstrebigkeit erkennen.
    Ich habe dieses Buch gelesen, weil ich mir unbedingt eine eigene Meinung zu diesem Buch bilden wollte. Ich bin nicht enttäuscht worden.
    Von mir eine Leseempfehlung an alle und verdiente vier Lesesterne.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Mai 2016 

    Abstieg in Dekadenz und Gewalt

    "Maestra" wird oft verglichen mit so unterschiedlichen Büchern wie "Gone Girl" von Gillian Flynn, "Fifty Shades of Grey" von E.L. James oder der "Millennium"-Trilogie von Stieg Larsson, und dabei polarisiert das Buch ungemein. Man muss sich nur die internationale Resonanz anschauen: für jede begeisterte 5-Sterne-Bewertung gibt es mindestens einen totalen Verriss. Das hat mich sehr neugierig gemacht! Ich wollte mir meine eigene Meinung bilden - und das habe ich jetzt auch getan.

    Um das Buch mal kurz und knapp zusammenzufassen:

    Eine junge Frau aus der untersten Unterschicht erkämpft sich eine gute Schulbildung und einen Universitätsabschluss, wird als Kunstexpertin in einem renommierten Auktionshaus angestellt, vom korrupten Chef rausgeschmissen, weil der, von ihr ungestört, Geldwäsche per Kunstbetrug durchziehen will, beginnt daraufhin eine Gratwanderung zwischen Escort-Service und Nobel-Prostitution und bringt schließlich aus Versehen jemanden um. Danach brennen alle Sicherungen durch und sie beginnt einen gnadenlosen (und gelegentlich blutigen) Feldzug, um sich die Macht, das Geld und das Ansehen zu holen, die ihr ihrer Meinung nach zustehen.

    Diese Grundidee finde ich immer noch grandios, sehr originell und mit enormem Spannungspotential. Die Umsetzung hat mich nicht vollends überzeugt, aber einfallsreich ist das Ganze auf jeden Fall.

    Originell ist auch die Protagonistin, denn die passt in keine Schublade. Mit den (Anti-)Heldinnen von Flynn und Larsson hat Judith gemein, dass sie sich aggressiv nimmt, was sie will, und sich nicht im Geringsten daran anpasst, was die Gesellschaft von einer Frau erwartet. Sex ist ihr sehr wichtig, hat für sie aber fast nie etwas mit Liebe zu tun; sie geht regelmäßig auf luxuriöse Swingerparties und mag es dabei so hart, dass "Fifty Shades of Grey" sich dagegen liest wie eine schnulzige Liebesgeschichte aus BILD der Frau.

    Ich liebe starke Frauen in der Literatur, aber Judith konnte ich dennoch nicht lieben. Zwar habe ich ihre Selbstdisziplin, ihr Durchhaltevermögen und ihre Entschlossenheit bewundert, konnte auch nachvollziehen, dass sie sich ein besseres Leben aufbauen will als das, aus dem sie kommt - aber davon abgesehen fand ich sie oberflächlich, egozentrisch und skrupellos. Manchmal kam sie mir geradezu fremdartig vor, fast so, als sei sie gar kein Mensch, sondern ein seltsames Wesen, das sich als Mensch verkleidet.

    Sie hat immer im Blick, was etwas kostet und wie viel Prestige es bringt. Das ganze Buch über werden unzählige Markennamen aufgelistet, und Judith zeigt mehr Emotionen beim Kauf einer Designertasche als beim Ermorden eines Menschen. Sie setzt Menschen ein wie Schachfiguren, und opfert sie auch eiskalt, wenn es sein muss. Manchmal sogar, wenn es nicht hätte sein müssen... Auch sich selbst gegenüber ist sie unnachgiebig: wenn sie, um ihre Ziele zu erreichen, Sex mit einem schmierigen, widerlichen alten Mann haben muss, vor dem sie sich ekelt, dann tut sie das und schluckt auch brav.

    Interessant fand ich sie auf jeden Fall, aber sie weckte in mir beinahe ausschließlich negative Emotionen - da liegt für mich der Unterschied zu den Protagonistinnen von Gillian Flynn, denn mit denen konnte ich immer auf verquere Art mitfühlen, irgendwie.

    Ein paar Worte zu den Erotikszenen: diese sind zahlreich, werden ausführlich und detailliert beschrieben und überschreiten in meinen Augen oft die Grenze zwischen erotisch und ordinär. Zum Teil habe ich mich sogar ein wenig geekelt (wie z.B. bei besagter Szene mit dem widerlichen Sugardaddy). Die Swingerparties, die Judith besucht, strahlen zwar eine Art eleganter und dabei üppiger Dekadenz aus, aber auch hier gab es Szenen, die mich eher abgestoßen haben - das ist jedoch sicher auch eine Frage der persönlichen Präferenz.

    Manchmal hätte ich das Buch beinahe endgültig zugeklappt, aber obwohl ich Judith nicht mochte, obwohl ich die Erotikszenen meist unerotisch fand, wollte ich dennoch wissen, wie es weitergeht. Man schaut Judith dabei zu, wie sie sich Schicht für Schicht ihrer Menschlichkeit entledigt, und das ist auf verstörende Art und Weise spannend. Ich zögere, das Buch unterhaltsam zu nennen - es war für mich mehr eine widerwillige Sogwirkung.

    Der Schreibstil hat mir an sich ganz gut gefallen, nur die vielen Erwähnungen von Markennamen und die immer gleichen Bezeichnungen für Geschlechtsorgane fand ich ermüdend. In vielen Szenen habe ich mir aber gedacht, dass das Buch vom Schreibstil her viel mehr Potential hat, als es tatsächlich ausnutzt...

    Fazit:
    Eine wütende, skrupellose Frau, die von ihrem Chef rausgeschmissen wurde, um sein Verbrechen zu vertuschen, holt sich mit Gewalt, was ihr zusteht - und nebenher hat sie jede Menge Sex. Was auch gelegentlich mit Gewalt zu tun hat.

    Ich fand die Hauptfigur interessant, aber zutiefst unsympathisch, die Erotikszenen explizit, aber oft überhaupt nicht erotisch... (Was natürlich Geschmacksache ist.) Trotzdem kann ich erahnen, warum manche Leser von diesem Buch so fasziniert sind; es hat etwas an sich, was einen nicht mehr loslässt - die Frage ist nur, ob man am Schluss das Gefühl hat, dass es sich gelohnt hat.

    Leider konnte mich das Buch schlussendlich nicht begeistern.