Mädchen, Frau etc.: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Mädchen, Frau etc.: Roman' von Bernardine Evaristo
3
3 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mädchen, Frau etc.: Roman"

»Ein beeindruckender, leidenschaftlicher Roman über das Leben schwarzer britischer Familien, ihre Kämpfe, Schmerzen, ihr Lachen, ihre Sehnsüchte und Lieben.« Jury des Booker-Preises Einst musste sich Amma ihre Anerkennung als schwarze, lesbische Dramatikerin in Londons Theaterszene hart erkämpfen, nun steht ihre Premiere am National Theatre kurz bevor. Ihre neunzehnjährige Tochter Yazz hofft nur, dass die Reaktionen auf das provokante Stück für sie nicht zu peinlich werden. Ammas älteste Freundin Shirley hat früher für Yazz die Babysitterin gespielt. Inzwischen ist sie nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Schulen ausgebrannt. Ihr größter Verdienst ist Carole, eine ehemalige Problemschülerin, die es bis nach Oxford geschafft hat. Doch Dankbarkeit hat sie dafür nie von Carole erfahren, die als Investmentbankerin nun mit den feinen Unterschieden der Upperclass konfrontiert ist. Caroles Mutter Bummi, die aus Nigeria stammt, kann mit der Britishness ihrer Tochter nichts anfangen, auch wenn sie ihr wohlweislich einen englischen Namen gegeben hat. So verschieden die Frauen und ihre Lebensgeschichten in diesem Roman sind, sind sie doch eng miteinander verbunden. Ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen erschaffen ein einzigartiges, vielstimmiges Panorama unserer Zeit.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
Verlag: Tropen
EAN:9783608504842

Rezensionen zu "Mädchen, Frau etc.: Roman"

  1. Kratzt an der Oberfläche

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Feb 2021 

    Das Booker Prize Gewinnerbuch 2019, das lässt aufmerken, uns zum Buch greifen und dann mal wieder feststellen, dass Geschmäcker verschieden sind.

    Es ist ein Episodenroman, der sich viel vorgenommen hat. Man blickt in das Leben von zahlreichen schwarzen Frauen, deren Geschichten locker miteinander verknüpft sind und die einen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung bilden.

    An Dramatik wird dabei nicht gespart, es ist ein Buch mit vielen Extras. So reicht es zum Beispiel nicht, wenn Winsome ihren Mann verliert. Das Drama wird zur Tragödie, indem sie sich anschließend mit ihrem Schwiegersohn tröstet.

    Wir erleben Rassismus in allen Spielarten, beschäftigen uns mit feministischen Problemen oder auch mit sexuellen Identitäten, ein bisschen von allem. Lauter wichtige Themen werden hier angekratzt, aber nicht verarbeitet. Das Buch ist planvoll komponiert, wirkt aber eher aufzählend als erzählend. Ein Lebenslauf nach dem anderen wird präsentiert, ein Problem nach dem anderen aufgezeigt, in die Tiefe geht es nicht. Es ist ein Potpourri angesagter Themen, ein bisschen was zum Probleme naschen, bei dem man trotz zahlreichem Personal niemandem nahekommt.

    Ein Plus ist der Erzählstil, originell, kunstvoll, frech, wenn auch oft mit recht prätentiösen Spitzen.

    „Ich bin die Hohepriesterin des beruflichen Durchhaltens geworden, in der Kapelle der gesellschaftlichen Veränderung predige ich von der Kanzel der Politisch Unsichtbaren zur Gemeinde der An-den-Rand-Gedrängten und Längst-Bekehrten“

    Der rote Faden des Ganzen soll eine Theaterpremiere sein, bei der sich dann letztendlich alle treffen, aber auch das ist eine schöne Idee, die nicht zündet.
    Dieses Buch will viel, kratzt aber eigentlich nur an der Oberfläche des eigenen Anspruchs. Ich hätte deutlich mehr von einem preisgekrönten Buch erwartet.

  1. Für den Man Booker Preis: zu wenig.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Feb 2021 

    Kurzmeinung: Was soll ich sagen? Ich habe definitiv Großes erwartet und Polemik, Übertreibung und Durchschnitt bekommen.

    Als Rahmenhandlung des Romans dient die Theaterpremiere des Stücks „Die letzte Amazone von Dahomey“, von der schon älteren Regisseurin Amma Bonsu. Ihr Stück, in dem nur schwarze Frauen auftreten und in dem es um Amazonen geht, klar, der Titel suggeriert es, und um Lesbierinnen, nicht ganz so klar, bekommt gute Kritiken. Denn es scheint eine Art Skandal auszulösen. Ausgehend davon lässt Bernadine Evaristo zwölf Frauenporträts an der Leserschaft vorüberziehen.

    Mehr als Porträts sind es allerdings nicht. Es sind Skizzen von zwölf schwarzen Frauenleben. Die alle lose miteinander zusammenhängen. Die eine kennt die andere. Oder ist mit ihr verwandt. Befreundet. Verschwägert. Whatsoever.

    Amma hat sich durchgesetzt. Ist promiskuitiv, politisch links, kreativ. Ihre Tochter Yazz, als Samenspende vom schwulen Roland, der sich nach ihrer Geburt ins Zeug legte, um was Bedeutendes zu erreichen, ist vor allem unverschämt und undankbar.

    Carol wurde Bänkerin. Ihr bedeutendstes Erlebnis im Leben war furchtbar, aber sie hat es ohne Probleme hinter sich gelassen (wers glaubt), Shirley wurde ständig hinter ihren Brüdern zurückgesetzt und hat lange Zeit gar nichts begriffen, Bummi hat sich, desillusioniert wie sie ist, dennoch ein Geschäft aufgebaut, LaTisha war meistens naiv, störrisch und hat sich ausnutzen lassen, Winsome lebt endlich wieder in der Karibik, Dominique fiel in die Hände einer gewaltbereiten Lesbierin (das einzige Porträt, das mich überzeugte), Penelope feiert ihren achtzigsten Geburtstag und erinnert sich an dumme Entscheidungen, Megan kam mit ihrem weiblichen Körper nicht zurecht, Hattie bewirtschaftete als einziges überlebendes Kind ihrer Eltern den großen Hof und Grace erstes Baby wurde von ihrem Vater weggebracht oder umgebracht.

    Eigentlich sollte ich überwältigt sein von so viel Schicksal. Bin ich aber nicht.

    Der Kommentar:

    Bernardine Evaristo hat in der Tat zwölf außergewöhnliche Schicksale erfunden. Sie hat dabei mächtig auf die Pauke gehauen! Soll man betroffen sein, weil diese Schicksale zwar gnadenlos überzeichnet und auch überfrachtet sind, aber durchaus eine Teilrealität und Teilwahrheit beinhalten? Aber ja. Wenn es nur möglich wäre.

    Alle zwölf Porträts zeigen auf, wie ungerecht die Welt ist. (Überraschung). Und wie sehr auf das Maß dieser normalen Ungerechtigkeit noch mal eine oder zwei Schippen daraufgelegt werden, wenn man eine andere als die weiße Hautfarbe hat. (Überraschung). Ja, das ist das Thema der Zeit, wenn man an die polizeilichen Übergriffe gegen schwarze Menschen in den USA denkt. Aber.

    Wenn man nämlich von der Betroffenheitschiene abrückt, was ist erzählerisch vorhanden?

    Sehr wenig, meiner Meinung nach. Wahrscheinlich werde ich mit meiner Meinung alleine stehen (das wird man ja sehen), aber ich halte „Mädchen, Frau, etc.“ leider nicht für einen großen oder gar einen großartigen Roman. Was hat sich die BookerPreisJury dabei gedacht? Dass es an der Zeit ist, einen Sieger aus der Reihe schwarzer Frauen zu küren? Gut, soweit kann ich mitgehen. Aber es wäre doch ein Armutszeugnis, wenn das alles wäre.

    Was gefällt mir:

    Mir gefällt die Fantasie der Autorin. Die Porträts lassen sich flüssig lesen, fluffig sogar, sprachlich gibt es nichts nach unten oder oben Ausschlagendes, jedes Porträt hat einen ungewöhnlichen Moment, ja, fast einen Effekt. Ja, das Buch ist auf Effekt geschrieben. Die Betroffenheitsschiene zieht nicht so richtig, weil der Effekt das Gefühl wegdrängt. Jedenfalls ist das bei mir so.

    Was gefällt mir nicht:

    Mir gefällt gar nicht, dass die Autorin "nur" ein Gedicht schreibt. Ein sehr ausuferndes Gedicht natürlich von 500 Seiten. Lyrisch schön. Aber inhaltlich ist dieses Gedicht dünn. Da geht keine Person in eine innere Aufarbeitung eines Geschehens. Die Mädchen, Frauen, etc. fallen hin und stehen auf. Basta. Nichts hat mich angerührt. Weniger als das: nichts rührt mich auch nur im Geringsten. Aussage: Die Welt ist böse. Und zu schwarzen Menschen ist sie noch böser. Und zu schwarzen weiblichen Menschen am bösesten.

    Kann sein, dass man dies noch und noch und noch einmal sagen muss. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Welt es hören will. Aber wenn ich Evaristo mit James Baldwin vergleiche, etc., da liegen literarische Galaxien dazwischen. Und das ist doch sehr sehr schade!

    Die Form ist ähnlich wie bei Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos" eine Art loser Vers. Das ist nicht schlecht, weil darin verborgen die Schlichtheit des Inhalts trefflich verborgen bleiben kann. Der aufzählende Stil kommt, wie gesagt, oft der Lyrik nahe und dies hat ja durchaus seinen Reiz. Jedoch. Mir war schnell langweilig. Und mir bleib langweilig. Alles ist so überkonstruiert. Während Anne Webers Epos inhaltlich überzeugte!

    "Mädchen, Frau, etc". ist keine Erzählung. Und das ist der springende Punkt. Ich liebe Erzählungen. Ich liebe einen gediegenen Erzähler. Auch einen herausfordernden. Auch einen schwarzen. Auch einen weiblichen. Einen grünen. Gelben. Aber bitte Erzählung statt Aufzählung!

    Außerdem ist die Idee von zwölfen, schwarzen Porträts nicht einmal neu. Ayana Mathis hat sich mit dem Roman „Zwölf Leben“ im Jahr 2014 eindrücklicher in mein Herz geschrieben.

    Fazit: "Mädchen, Frau, etc." ist mir erzählerisch einfach zu platt und überkonstruiert. Zum Teil auch zu tendenziös. Aber letztlich sind diese 12 Porträts Geschmacksache. Der Roman ist auch kein schlechtes Buch, nicht falsch verstehen, aber eben auch kein herausragendes.

    Kategorie: Belletristik.
    Verlag: Tropen, 2021. Im Hause Klett-Cotta.

    Preisträger des Man Booker Prizes, 2019.