Madame Jakublonskis Monstrositäten-Cabinet

Buchseite und Rezensionen zu 'Madame Jakublonskis Monstrositäten-Cabinet' von Michael Braun
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3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Madame Jakublonskis Monstrositäten-Cabinet"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783941757349

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Rezensionen zu "Madame Jakublonskis Monstrositäten-Cabinet"

  1. außergewöhnlich

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 30. Dez 2014 

    Madame Jakublonski ist Inhaberin eines Monstrositätenkabinetts – einer Schaustellertruppe im Deutschland der 20er Jahre. Das Land leidet unter den Folgen des 1. Weltkrieges. Die Inflation bringt die Bevölkerung an ihre Grenzen. Madame Jakublonski gelingt es, ihre Truppe über die Runden zu bringen, wenn auch mit merkwürdigen Methoden ….

    „Die Zeit nach dem Weltkrieg war für Deutschland, für uns alle, eine Zeit tiefster Verzweiflung und Demütigung, der Hysterie, des Zynismus, des ungezügelten Lasters. Wir erschufen die Inflation, ein Monster, das uns nachstellte. Entsetzliche Armut neben großem, neuem Reichtum – und wir bei der Compagnie immer irgendwo dazwischen, mal oben, mal ganz unten.“

    Die Geschichte wird aus Sicht von Rita Estrella de Schmidt erzählt. Sie ist der „leuchtende Stern des Südens“, die Schlangenbeschwörerin der Truppe. Rita mag Madame Jakublonski nicht besonders. Sie respektiert sie als ihre Brötchengeberin und als diejenige, die das Monstrositätenkabinett durch die schweren Zeiten bugsiert.

    „Ich kenne Sie, Madame. Zur Genüge. Wenn Sie es gut mit uns meinen, dann nicht ohne Hintergedanken. Finsterste Gedanken.“

    Auch der Leser kann keine Sympathien für Madame Jakublonski entwickeln. Sie sorgt zwar für ihre Truppe, ist dabei aber skrupellos. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie sich nur deshalb um ihre Leute kümmert, weil diese für sie eine Einnahmequelle bedeuten.
    Die anderen Mitglieder des Monstrositätenkabinetts sind schwer zu beschreiben. Die Charaktere kommen nur im Ansatz durch, so dass man die Truppe zunächst als Einheit sieht. Erst im Verlauf der Geschichte lernt man die einzelnen Mitglieder voneinander zu unterscheiden. Es gibt Mitglieder, die eine körperliche Besonderheit aufweisen und die „echten“ Monstrositäten der Truppe sind: eine Zwergin, eine Elefantenfrau, einen haarigen Raubtiermenschen, einen asiatischen Fakir, siamesische Zwillinge. Sie sind die naiven „Gutmenschen“ der Truppe, für die der Leser langsam Sympathien entwickelt. Sie wirken wie kleine Kinder, die es vor der Welt draußen zu schützen gilt. Alle anderen Truppenmitglieder haben etwas Verschlagenes und Skrupelloses an sich. Man wird den Eindruck nicht los, dass sie etwas zu verbergen haben.

    Das Buch ist in einem altmodischen Sprachstil geschrieben. Irgendwie passt dieser Stil in die Zeit, in der die Geschichte spielt. Man trifft beim Lesen oft auf Redewendungen wie „… wie sie sich auszudrücken belieben“ oder auf Begriffe wie „Schisslaweng“, „larmoyant“, „genant“. Der Autor Michael Braun Alexander schreibt dabei in einem sehr trockenen Humor. Es gibt Szenen in dem Buch, bei denen ich herzhaft gelacht habe. Insbesondere die Alltagssituationen, mit denen die „echten“ Monstrositäten zu kämpfen hatten, waren sehr komisch.

    „Die auffällige Hälfte unserer Compagnie verbringt die längste Zeit der Überfahrt in den Kabinen, die andere ist ….. an Deck seekrank. Madame Jakublonski berichtet, dass die Sudermanns (=siamesische Zwillinge) mit grauen, verschwitzten Gesichtern in ihrer Kabine in der 2. Klasse lägen und spuckten, allerdings nie gleichzeitig, was ein Glück im Unglück sei, denn sie hätten nur einen Eimer.“

    Die Geschichte, die hier erzählt wird ist außergewöhnlich, was für mich auch der Grund war, dieses Buch zu kaufen. Es hat Spaß gemacht, das Buch zu lesen. Leider konnte ich keine Beziehung zu den Charakteren aufbauen bzw. erst sehr spät. Daher gibt es Abzüge in der Wertung.