Luzies Erbe

Rezensionen zu "Luzies Erbe"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jan 2020 

    Eindringliche Familiengeschichte

    Helga Bürster verarbeitet in diesem Roman die Geschichte ihrer Großeltern.
    Das Buch beginnt mit dem Tod der beinahe 100jährigen Luzie Mazur. Ihre Enkelin Johanna, eine Frau Mitte 50 und Alter Ego der Autorin, sitzt an ihrem Totenbett und erinnert sich. Es gab so viele Leerstellen in Luzies Leben, so viele Tabuthemen, über die geschwiegen wurde. Vielleicht würde der Koffer, den Luzie in ihrem Zimmer aufbewahrt und bewacht hatte, Aufschluss geben?
    Helga Bürster erzählt ihre Geschichte in zwei Handlungssträngen. Der eine beschreibt die Tage nach Luzies Tod bis zu ihrer Beerdigung. Die Familie trifft sich im Elternhaus. Das sind Luzies Töchter Thea und Helene, letztere mit Ehemann, Helenes Sohn und Johannas Tochter. Schon bald brechen alte Konflikte wieder auf; die Risse innerhalb der Familie sind deutlich spürbar.
    Der andere Erzählstrang führt zurück in Luzies Jugend, in die Zeit während des Zweiten Weltkriegs. Luzie wächst auf in einem kleinen Dorf in der Nähe von Bremen. Der Vater ist der örtliche Briefträger, der immer öfter zum Überbringer schlimmer Nachrichten wird. Der ältere Bruder schickt regelmäßig Briefe von der Front. Gefährlich wird es für Luzie, als sie sich in den polnischen Zwangsarbeiter Jurek Mazur verliebt. Eine verbotene und gefährliche Liebe, denn auf „Rassenschande“ steht die Todesstrafe. Doch trotz dieser tödlichen Bedrohung treffen sich die beiden immer wieder. Als Luzie schwanger wird, muss sie sich verstecken.
    Obwohl Luzie und Jurek nach Kriegsende endlich heiraten können, bleiben sie Außenseiter im Dorf. Und eines Tages kommt Jurek einfach nicht mehr nach Hause und Luzie muss die zwei Töchter allein durchbringen.
    Nach und nach wird die Familiengeschichte aufgedeckt, trotzdem bleibt manches nach der Lektüre offen. Der Inhalt des Koffers erklärt wenig und ein Besuch Johannas bei ihrem Großvater Jurek verläuft enttäuschend.
    Helga Bürster schildert eindringlich, wie die dunklen Schatten der Nazi-Zeit Familien über Generationen hinweg belasten. Vor allem das Schweigen über das Geschehene verhindert das Verständnis füreinander.
    Sehr gut wird auch die Atmosphäre im Dorf während und nach dem Krieg eingefangen. Die Sprache ist z.T. schnörkellos, z.T. poetisch; die dazwischen gestreuten plattdeutschen Dialoge machen die Erzählung noch lebendiger. Die Charaktere sind nicht eindimensional, sondern wirken authentisch.
    „Luzies Erbe“ ist ein eindringlicher, gänzlich unsentimentaler Roman über eine „ unmögliche“ Liebe, über das Schweigen in Familien und über schwierige Mütter-Töchter- Verhältnisse.
    Einfühlsam und berührend- ein Roman, den ich unbedingt empfehlen möchte.

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 10. Sep 2019 

    Ein Familiengeheimnis, über das niemand spricht

    „Die Blechdose blieb Johanne die Antwort schuldig, so wie Luzie sie ihr schuldig geblieben war.“ (Zitat Seite 247)

    Inhalt

    Als Luzie Mazur stirbt, ist sie beinahe hundert Jahre alt. Doch für Johanne, ihre Enkelin, ist es dennoch zu früh, denn viele offene Fragen, die Geschichte der Mazur-Frauen betreffend, bleiben unbeantwortet. Johannes Großvater Jurek Mazur, der Vater von Johannes Mutter Thea und deren Schwester Helene, war im zweiten Weltkrieg als polnischer Zwangsarbeiter ins deutsche Dorf gekommen und diese Liebe war ein Verstoß gegen die strengen Rassengesetze und damit lebensgefährlich. Nach dem Krieg können sie endlich heiraten, doch im Dorf bleiben sie Außenseiter. Jurek arbeitet in der Kaserne für die Engländer, das Wochenende verbringt er mit seiner Familie. Bis er eines Tages nicht mehr kommt. Luzie schweigt und spricht nie mehr über ihn. Auch in den zu Lebzeiten streng gehüteten Unterlagen ihrer Großmutter findet Johanne weniger Hinweise, als erhofft, doch sie gibt die Suche nicht auf.

    Thema und Genre
    Dieser Generationenroman mit zeitgeschichtlichem Hintergrund basiert auf wahren Begebenheiten aus der Familie der Autorin. Im Mittelpunkt stehen die Frauen, vier Generationen von starken Frauen, es geht um Liebe, Mut, Familiengeheimnisse, unerfüllte Träume und schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen. Ein wichtiges Thema ist auch das belastende, starre Schweigen einer ganzen Generation.

    Charaktere
    Luzie ist die Matriarchin der Familie. Gewohnt, hart zu arbeiten, sichert sie damit das Überleben ihrer Familie. Für ihre Töchter bleibt da kaum Zeit. Das Leben hat sie ernst und schweigsam gemacht. Die vielen unbeantworteten Fragen belasten vor allem auch Thea und Johanne, wobei Johanne nicht aufhört, nach Antworten zu suchen.

    Handlung und Schreibstil
    Es sind zwei Geschichten, die abwechselnd erzählt werden, die von Luzie und Jurek und die der Familie nach Luzies Tod. Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder ergänzen die Hintergründe. Die Trennung in Kapitel vereinfacht den Überblick. Sehr spannend sind die Schilderungen aus den Kriegsjahren. Der flüssig zu lesende Schreibstil legt auch die Gefühle der einzelnen Charaktere offen und erzählt eine lebendige, nachvollziehbare Geschichte von Konflikten und Entscheidungen, die sich aus den Ereignissen ergeben, unvermeidbar sind und dennoch tiefe Auswirkungen haben.

    Fazit
    Ein spannender Generationenroman, getragen von starken Frauen und eine von Schweigen und unbeantworteten Fragen geprägte Familiengeschichte. Ein Buch, das noch lange nachklingt.