Loyalitäten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Loyalitäten: Roman' von Delphine de Vigan
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Loyalitäten: Roman"

Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Um ihren Sohn müssen sie sich keine Sorgen machen. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, wie aber soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, allerdings ist Théo sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch demjenigen in den Rücken fallen, der den Minderjährigen den Alkohol besorgt. Und der ist es, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt. Wer möchte nicht denen gegenüber loyal sein, die er liebt? In ihrem neuen Roman erzählt Delphine de Vigan von der manchmal gefährlichen Komplexität unserer Beziehungen. Dabei erweist sie sich einmal mehr als unbestechliche Chronistin zwischenmenschlicher Missstände.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
EAN:9783832183592

Rezensionen zu "Loyalitäten: Roman"

  1. 5
    20. Mai 2022 

    Flucht

    Und wieder gelingt Delphine de Vigan ein absolut berührendes, ein richtig intensives und ein psychologisch dichtes Buch! Ein trauriges und erschütterndes Buch! Denn Delphine de Vigan gelingt es wie kaum einer anderen Autorin in ihren wunderbaren Büchern Menschen so authentisch, so lebendig und auch so intensiv zu zeichnen. Und auch ihr besonderes Augenmerk auf menschliche Dramen und ihre sehr eindringliche Zeichnung von menschlichen Höllen ist einzigartig. Delphine de Vigan ist eine Autorin, die sich in mein Herz schreibt, deren Bücher die wichtigsten Plätze in meinen heiligen Bücherhallen erhalten und Delphine de Vigan ist eine Lieblingsautorin geworden. Schon mit "Das Lächeln meiner Mutter" hat sich die französische Autorin in mein Herz geschrieben und auch die weiteren Romane von ihr treffen mich tief. 5 Bücher kenne ich bisher von ihr und alle 5 Bücher sind 5-Sterne-Bücher für mich. Was eine deutliche Ansage ist!

    Hier in diesem Buch widmet sich Delphine de Vigan dem 12-jährigen Théo, einem Scheidungskind. Durch die Trennung der Eltern und dem folgenden Verhalten der beiden Elternteile, dem kalten und herzlosen Verhalten der traumatisierten und verletzten Mutter und dem Verfall des Vaters ist das dazwischenstehende Kind ebenso schwer traumatisiert. Das Kind sieht in seinem hoffnungslosen Leben keinen Anker, keine Liebe und möchte am liebsten verschwinden, nichts mehr spüren, sucht Hilfe beim Tröster Alkohol. Nach außen versucht der Junge den Schein zu wahren und das gelingt ihm gut. Nur sein Freund Mathis weiß von dem Alkohol und bemerkt teilweise den familiären Hintergrund. Nur ist Mathis ein Kind und schlägt auch aus einer Kameradschaft zu Théo keinen Alarm, ist loyal. Wie auch Théo loyal zu seinem Vater und seiner Mutter ist. Eine zerstörerische Loyalität! Nur die Lehrerin Hélène schöpft Verdacht, irgendetwas stimmt in ihren Augen hier nicht, sie fühlt sich an eigenen Traumata erinnert und sie ruht trotz Misserfolgen nicht, sie versucht zu helfen.

    In diesem doch recht kurzen Buch eröffnet sich der Leserschaft ein immenses Grauen, von dem man hofft, dass es unreal ist! Aber wer mit offenen Augen durch seine Umgebung geht, wird bemerken, dass es überall unglückliche Familienkonstellationen gibt und oft zufriedenstellende Hilfestellungen aus den verschiedensten Gründen fehlen. Ein Buch mit einer schwerwiegenden Gesellschaftskritik! Ob dieses Buch etwas ändert? Wer weiß!

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  1. 5
    21. Nov 2019 

    Lesetipp

    Schon der Beginn des Romans ist wunderbar: Eine äußerst differenzierte, bewegende und zum Nachdenken anregende Definition des Begriffs Loyalitäten. Sie war es wert, mehrmals gelesen und sogar vorgelesen zu werden. Sie regte zum Gedankenaustausch an, noch bevor das Buch überhaupt richtig begonnen hat.

    Zum Inhalt möchte ich nicht allzu viel verraten. Es geht um den Jungen Théo, der zu einer letztendlich lebensbedrohlichen Strategie greift, um die ihn überfordernden und unter extremen Druck setzenden familiäre Probleme zu ertragen und es geht um eine Ehefrau und Mutter, die mit dem Doppelleben ihres Mannes konfrontiert wird. Beide Stränge sind raffiniert miteinander verknüpft, wobei die aufgrund eigener schmerzlicher Erfahrungen besonders aufmerksame Lehrerin von Théo eine wichtige Rolle spielt.

    Delphine de Vigan verwendet eine einfache, leicht verständliche und gleichzeitig schöne Sprache, sowie Bilder und Metaphern, die ein lebendiges und buntes Szenario vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Den allfreitäglichen Pflicht-Umzug Théos von der Mutter zum Vater beschreibt sie z. B. als Umzug von einer Welt in die andere, als Reise vom einen Ufer zum anderen - ohne Brücke und ohne Fährmann.

    Durch die kurzen Kapitel, in denen jeweils die Sicht einer anderen Person im Mittelpunkt steht und die jeweils aus einer anderen Erzählperspektive geschrieben sind, wird der kurze Roman sehr abwechslungsreich und kurzweilig. Das schmale Buch ist ein packender Page Turner, der gegen Ende noch einmal mächtig an Fahrt aufnimmt. Die Spannung steigert sich. Ich fragte mich bis zuletzt: wie endet das bloß?!

    Delphin de Vigan zeigt anschaulich, wie sehr Loyalitäts- und Solidaritätsgefühle hemmen können und wie unerträglich und gefährlich innere Konflikte sein können, die sich daraus ergeben.

    Einen Kritikpunkt sehe ich darin, dass die Autorin diese kurze Geschichte mit dramatischen Themen überfrachtet. Sie packt sämtliche aktuelle und brisante Themen hinein, angefangen von der problematischen Seite des Hausfrauendaseins und der Schwierigkeit kinderloser Frauen über Schwierigkeiten von Kindern von getrennten Eltern bishin zu Gewalt, Alkohol und Rassismus.
    Die Geschichte ist gespickt mit schweren Themen und trotzdem gelang es der Autorin, mich zu fesseln, so dass ich kaum so schnell blättern konnte, wie ich lesen wollte.

    Man sollte sich in einer emotional stabilen und ausgeglichenen Lage befinden, um die ernste und schwere Thematik zu ertragen und man sollte Lust haben und Interesse verspüren, sich mit eben diesen Themen zu eben diesem Zeitpunkt zu beschäftigen.
    Wenn beides gegeben ist, dann ist es eine, meines Erachtens, interessante, fesselnde und zum nachdenken anregende, wichtige Lektüre.
    Ich empfehle sie gern weiter.

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  1. 5
    21. Nov 2019 

    Lesetipp

    Schon der Beginn des Romans ist wunderbar: Eine äußerst differenzierte, bewegende und zum Nachdenken anregende Definition des Begriffs Loyalitäten. Sie war es wert, mehrmals gelesen und sogar vorgelesen zu werden. Sie regte zum Gedankenaustausch an, noch bevor das Buch überhaupt richtig begonnen hat.

    Zum Inhalt möchte ich nicht allzu viel verraten. Es geht um den Jungen Théo, der zu einer letztendlich lebensbedrohlichen Strategie greift, um die ihn überfordernden und unter extremen Druck setzenden familiäre Probleme zu ertragen und es geht um eine Ehefrau und Mutter, die mit dem Doppelleben ihres Mannes konfrontiert wird. Beide Stränge sind raffiniert miteinander verknüpft, wobei die aufgrund eigener schmerzlicher Erfahrungen besonders aufmerksame Lehrerin von Théo eine wichtige Rolle spielt.

    Delphine de Vigan verwendet eine einfache, leicht verständliche und gleichzeitig schöne Sprache, sowie Bilder und Metaphern, die ein lebendiges und buntes Szenario vor dem geistigen Auge entstehen lassen. Den allfreitäglichen Pflicht-Umzug Théos von der Mutter zum Vater beschreibt sie z. B. als Umzug von einer Welt in die andere, als Reise vom einen Ufer zum anderen - ohne Brücke und ohne Fährmann.

    Durch die kurzen Kapitel, in denen jeweils die Sicht einer anderen Person im Mittelpunkt steht und die jeweils aus einer anderen Erzählperspektive geschrieben sind, wird der kurze Roman sehr abwechslungsreich und kurzweilig. Das schmale Buch ist ein packender Page Turner, der gegen Ende noch einmal mächtig an Fahrt aufnimmt. Die Spannung steigert sich. Ich fragte mich bis zuletzt: wie endet das bloß?!

    Delphin de Vigan zeigt anschaulich, wie sehr Loyalitäts- und Solidaritätsgefühle hemmen können und wie unerträglich und gefährlich innere Konflikte sein können, die sich daraus ergeben.

    Einen Kritikpunkt sehe ich darin, dass die Autorin diese kurze Geschichte mit dramatischen Themen überfrachtet. Sie packt sämtliche aktuelle und brisante Themen hinein, angefangen von der problematischen Seite des Hausfrauendaseins und der Schwierigkeit kinderloser Frauen über Schwierigkeiten von Kindern von getrennten Eltern bishin zu Gewalt, Alkohol und Rassismus.
    Die Geschichte ist gespickt mit schweren Themen und trotzdem gelang es der Autorin, mich zu fesseln, so dass ich kaum so schnell blättern konnte, wie ich lesen wollte.

    Man sollte sich in einer emotional stabilen und ausgeglichenen Lage befinden, um die ernste und schwere Thematik zu ertragen und man sollte Lust haben und Interesse verspüren, sich mit eben diesen Themen zu eben diesem Zeitpunkt zu beschäftigen.
    Wenn beides gegeben ist, dann ist es eine, meines Erachtens, interessante, fesselnde und zum nachdenken anregende, wichtige Lektüre.
    Ich empfehle sie gern weiter.

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  1. Kindheitsdrama

    Inhalt:
    Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. In ihren Augen ist also so weit alles gut. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, doch wie soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, aber Théo ist sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch seinem großen Bruder in den Rücken fallen, denn der besorgt den Alkohol für die Minderjährigen. Und er ist es auch, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.

    Fazit:
    Es wird die Gesellschaft mit ihren Abgründen präsentiert - was definitiv zum Nachdenken anregt - somit kein Buch für Zwischendurch, sondern ein Buch mit einer Botschaft. Es sind alltägliche Menschen, denen wir selber begegnen könnten, denen wir zuhören könnten, bei denen wir nicht wegschauen sollten. Wie prägen Erfahrungen die eigene Wahrnehmung? Ist man loyal?

    Mit den Worten und der Botschaft dieses Buches wird man als Leser direkt berührt - der Schreibstil ist flüssig und geht sehr Nahe.

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  1. Drama einer Kindheit

    Theo ist 12 Jahre alt, er ist der Junge, der Alkohol trinkt, als ob er daran sterben möchte. Einsam ist er, aufgerieben zwischen den geschiedenen Eltern, die es nicht mehr schaffen den anderen auch nur beim Namen zu nennen. Sein einziger Freund ist sein Schulkamerad Mathis. In den Schulpausen oder auch nach der Schule trinken sie gemeinsam. Mathis will, kann mit niemanden darüber reden. Er will den Freund nicht verraten. Helene, die Klassenlehrerin erkennt, dass mit Theo etwas ganz und gar nicht stimmt, dringt aber weder zu dem Jungen noch zu dessen Mutter durch.
    Ich liebe Delphine de Vigans Bücher, auch wenn sie stets traurig und schonungslos sind. Gerade, weil sie stets traurig und schonungslos sind. Mit ganz sensiblen Antennen spürt sie der Einsamkeit, der Verletzlichkeit ihrer Figuren nach. Behutsam führt sie uns in dieses Drama einer Kindheit. Die Loyalitäten, die die Beteiligten, gleich ob Kind oder Erwachsener, miteinander verbinden, sind falsch verstandenen Befehle, die sie befolgen, ohne den Befehl jemals gehört zu haben. Die Autorin beschreibt einfühlsam desillusionierte Menschen in ihrer Ausweglosigkeit. Die Kinder, die Mütter, die Lehrerin erhalten eine Stimme, die aber keiner hört oder verstehen will.
    Es sind alltägliche Menschen, denen wir selber begegnen könnten, denen wir zuhören könnten, bei denen wir nicht wegschauen sollten.
    Delphine de Vigan berührt mit wenigen aber dafür eindeutigen und präzise platzierten Worten. Es ist hohe literarische Kunst, auf wenigen Seiten ganz viele Emotionen zu transportieren.

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  1. Unsichtbare Verbindungen

    Théo Lubin ist erst zwölfeinhalb Jahre alt und hat bereits ein Alkoholproblem. Seine Eltern haben sich scheiden lassen. Nun kümmert sich der Junge um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. Théos Lehrerin Hélène bekommt mit, dass etwas mit dem stillen Schüler nicht stimmt. Doch ihre Beobachtungen nimmt niemand so richtig ernst. Auch Thèos Freund Mathis Guillaume weiß nicht, was er tun soll, denn sein eigener älterer Bruder besorgt den Alkohol und plant ein gefährliches Spiel, das Théo das Leben kosten könnte…

    „Loyalitäten“ ist ein berührender Roman von Delphine de Vigan.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus einigen kurzen Abschnitten. Im Wechsel werden die Kapitel aus unterschiedlichen Sichtweisen erzählt: Lehrerin Hélène (Ich-Perspektive), Théo, Mathis und Cécile (ebenfalls Ich-Perspektive). Dieser Aufbau ist gut durchdacht.

    Der besondere Schreibstil ist eindringlich, einfühlsam und gleichzeitig intensiv. In sprachlicher Hinsicht tritt das ganze Können der Autorin zutage. Schnell entfaltet die Geschichte eine Sogwirkung, der ich mich nur schwer entziehen konnte, sodass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe.

    Die Charaktere wirken sehr lebensnah, haben sie doch alle ihre Ecken und Kanten. Durch den Perspektivwechsel kann man sich gut in sie hineindenken und ihr Verhalten nachvollziehen.

    Auch inhaltlich konnte mich der Roman überzeugen, denn trotz der eher wenigen Seiten mangelt es ihm nicht an Tiefgang. Eine Stärke ist es, dass gesellschaftskritische Komponenten nicht fehlen. Dabei geht es nicht nur um die Alkoholkonsum von Minderjährigen. Auch wichtige zwischenmenschliche Aspekte wie Liebe, Treue, Vertrauen, Schuld und andere Verflechtungen werden beleuchtet. Dabei dreht es sich um die Folgen der Loyalitäten, jene unsichtbare Verbindungen, die alle Personen betreffen. Dadurch regt die Geschichte zum Nachdenken an.

    Trotz der ernsten Themen wird die Handlung nicht langweilig, sondern bleibt bis zum Ende spannend und fesselnd. Zudem gelingt es der Autorin, mit der Geschichte zu bewegen und betroffen zu machen.

    Das schlichte, aber ansprechende Cover und der kurze, prägnante Titel, der sich stark am französischen Original („Les loyautés“) orientiert, passen nach meiner Ansicht dazu hervorragend.

    Mein Fazit:
    „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan ist ein gelungener Roman über Themen, die uns alle angehen. Eine empfehlenswerte Lektüre, die nachdenklich macht und noch eine Weile bei mir nachklingen wird.

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