Long Bright River: Roman

Rezensionen zu "Long Bright River: Roman"

  1. Zwei Schwestern

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Mai 2020 

    Jetzt hatte ich wieder ein Knallerbuch in meinen Händen/vor meinen Augen. Eines von der Sorte, welches man nicht wieder weglegen kann, welches einen absolut fesselt. Ein Buch von der Sorte, wo man sich zwingen muss um 3:00 Uhr die Nachttischlampe auszumachen, obwohl man am nächsten Tag früh raus muss. Gerade jetzt ein Must Have, wie ich finde!

    In "Long Bright River" geht es um die Schwestern Mickey und Kacey aus einem etwas herunter gekommenen Viertel von Philadelphia, höchst unterschiedliche Frauen, die aber eines vereint, eine mit vielen Traumata behaftete Familiengeschichte, nun haben aber beide verschieden darauf reagiert, die eine, Mickey, wurde Streifenpolizistin und die andere, Kacey, rutschte ab. Drogen und Prostitution bilden den Rahmen für Kaceys weiteres Leben. Mickey hingegen versucht ein auf festen Pfeilern ruhendes Leben zu führen, aber einige Pfeiler sind nicht ganz so solide und bröckeln und nach und nach entsteht ein Bild einer zerrütteten Familie. Hier gibt es keine guten und keine schlechten Menschen, jeder trägt verschiedenes in sich und gerade diese Betrachtungsweise macht dieses Buch sehr authentisch. Dieses Buch ist einerseits eine wendungsreiche Kriminalgeschichte um die Morde an jungen Frauen und gleichzeitig eine absolut berührende Familiengeschichte und genauso ist dieses Buch eine Gesellschaftskritik, ein Blick auf die Drogenprobleme vieler Menschen in den USA. Etwas, was sehr mitnimmt, gerade wenn man den Titel des Buches und seine Erklärung im Text findet. Das ist etwas, was große Problematiken für dieses Land und seine Bewohner mitbringt, etwas, wo man sich gerade jetzt fragt, was passiert mit diesen Menschen in der Corona-Zeit? Und wo man hofft, dass der Großteil der Menschen in den USA endlich wach wird und dementsprechend wählt. Aber wenn man sich hierzulande umschaut, bekommt man es auch mit der Angst zu tun und fragt sich, wo der gesunde Menschenverstand mancher Mitmenschen abgeblieben ist! Die Spannung und der Sog des Buches waren riesig! Liz Moore ist definitiv ein Ausnahmetalent und ich bin sehr neugierig, was noch alles von dieser genialen Autorin zu uns kommt!

    Also, bitte unbedingt lesen!!!

  1. Spannender Pageturner vor realistischem Hintergrund

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Apr 2020 

    Mickey und Kacey sind Schwestern, die sich sehr auseinander entwickelt haben. Ihre Mutter ist relativ früh verstorben – an einer Überdosis. Laut Aussage der Großmutter gibt es auch den Vater nicht mehr. Die Großmutter hat die beiden Mädchen aus Verantwortungsgefühl übernommen und groß gezogen. Sie tat, was nötig war. Liebe, Fürsorge und Wärme gab es aber wenig, man lebte in bescheidenen Verhältnissen.

    Mickey schafft es, diesen zu entkommen. Sie ist eine fleißige Schülerin, absolviert eine Ausbildung zur Polizistin mit dem Ziel eines Tages Detective zu werden. Kacey ist der soziale Aufstieg nicht gelungen. Sie ist mittlerweile drogenabhängig und besorgt sich die notwendigen Mittel durch Prostitution. Obwohl die beiden Schwestern seit mehreren Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben, überwacht Mickey den Straßenstrich und die Stellen, wo sich Kacey normalerweise aufhält. Als jedoch Mordfälle an jungen Frauen die Stadt erschüttern und zeitgleich Kacey nicht mehr zu finden ist, wird die Schwester unruhig und forscht nach, eine Aufgabe, die sie in dunkle Kreise führt.

    Der Roman wird von Ich-Erzählerin Mickey erzählt. In der Gegenwart nimmt man Anteil an ihrem Leben als alleinerziehende Mutter, die zwischen Muttersein und Berufsalltag aufgerieben wird, zumal sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst hat. Erschwerend hinzu kommt, dass sie in einer chauvinistischen Männerdomäne arbeitet und ihr Chef ihr nicht wohlgesonnen ist. Als Streifenpolizistin hat sie zudem ihren langjährigen Partner Truman verloren, mit dem sie vertrauensvoll zusammengearbeitet hat. In diesen Erzählstrang wird nun die spannende Suche nach dem Frauenmörder eingebettet. Es ist für Mickey offensichtlich, dass ihre Schwester ihm entweder schon in die Fänge geraten oder zumindest einer starken Gefährdung ausgesetzt ist. Sie ermittelt auf eigene Faust, geht Gefahren nicht aus dem Weg.

    Auf einer anderen Erzählebene erfahren wir immer mehr über die Kindheit und Jugend der beiden Schwestern. Wir bekommen Einblick in die Familienbande, die prekären Lebensumstände ohne Perspektiven. Der Roman ist sehr authentisch in Kensington, einem sozialen Brennpunkt der Stadt Philadelphia, angesiedelt. Dadurch bekommt man einen intensiven Blick auf das arme Amerika, auf die sozialen Nöte, die geringe staatliche Unterstützung. Der Weg Kaceys ins Drogenmilieu ist tragisch und doch schlüssig nachvollziehbar.

    Ich konnte diesen Roman kaum aus der Hand legen. Die Erzählebenen wechseln sich ab in „Damals“ und „Jetzt“, sie enden gerne mit einem Cliffhanger, so dass man wissen will, wie es weiter geht. Der Sprachstil hat mir sehr gut gefallen. Charaktere werden klar ausgearbeitet, ohne sich in gängigen Klischees zu verlieren, wie es häufiger bei amerikanischen Romanen der Fall ist. Der Verlag übertreibt nicht, wenn er das Buch als Kriminalroman und Sozialstudie zugleich bewirbt. Die Kombination ist wunderbar gelungen, man hat gleichermaßen Anspruch wie spannende Unterhaltung.

    Empfehlen möchte ich sowohl Buch als auch Hörbuch, das von Victoria Schätzle wunderbar gelesen wird. Mit Long Bright River habe ich meine übliche Lese-Komfort-Zone verlassen – mit großem Erfolg. Mit Überzeugung vergebe ich 5/5 Lesesterne.

  1. Ein Buch, das man nicht mehr weglegt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Feb 2020 

    Schade, vorbei, denke ich gerade und das denkt man nur bei den richtig guten Büchern. Das hier ist eins, ein Krimi mit Mehrwert, der eine Mordserie aufklärt, aber auch eine fesselnde Milieustudie bietet und dazu noch die anrührende Geschichte zweier Schwestern.

    Während Kacey, wie schon ihren Eltern, tief im Drogenmilieu landet, hat es Mickey geschafft. Sie ist Polizistin geworden und kontrolliert die Straßen Kensingtons, wo Junkies in abbruchreifen Häusern im Müll leben. Gelegentlich treffen sie aufeinander und benehmen sich wie Fremde, dabei waren sie als Kinder ein Herz und eine Seele.
    Als plötzlich mehrere junge Prostituierte tot aufgefunden werden, macht Mikey sich Sorgen. Kacey scheint verschwunden zu sein.

    Neben den aktuellen Geschehnissen blickt man immer wieder in die Kindheit der beiden Schwestern, ist dabei, wie sie sich auseinandergelebt haben und beide Schicksalsschläge hinnehmen mussten. Nach und nach klären sich die Rätsel. Wie kommt Mickey zu einem Sohn? Wer ist der Vater? Was hat die beiden auseinandergebracht? Und über allem schwebt die verhängnisvolle Frage: Wo ist Kacey? Lebt sie noch?

    Ich kann gar nicht genau den Finger darauf legen, was dieses Buch richtig macht, aber man fängt an und hört nicht mehr auf, obwohl gar nicht so sehr viel passiert.
    Die Sprache ist schön, ohne zu anspruchsvoll zu sein und schafft direkt Atmosphäre. Man ist nah dran an den Figuren, leidet mit und rätselt, wie denn wohl alles zusammenpassen mag. Zum Ende hin wird es sogar noch nervenzerfetzend.

    Meistens bin ich skeptisch, wenn ein Buch so durch die Bank gelobt wird, aber hier kann ich nur zustimmen: Es ist ein toll erzählter Pageturner, der ohne große Action fesselt und berührt. Dicke Empfehlung.