Löwenherz: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Löwenherz: Roman' von Monika Helfer
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Löwenherz: Roman"

Monika Helfer erinnert sich an ihren Bruder Richard. Seit dem Tod der Mutter wachsen sie und ihre Schwestern getrennt vom kleinen Bruder auf. Sie sehen sich selten, verlieren die Verbindung. Es ist die Zeit des Deutschen Herbstes. Richard ist da bereits ein junger Mann, von Beruf Schriftsetzer. Er ist ein Sonderling, das Leben scheint ihm wenig wichtig. Verantwortung übernimmt er nur, wenn sie ihm angetragen wird. So auch, als ihm auf merkwürdige Weise eine verflossene Liebe ein Kind überlässt, von dem er nur den Spitznamen kennt. Die unfreiwillige Vaterrolle gibt ihm neuen Halt, zumindest für eine Zeit. Ein inniges Portrait, eine Geschichte über Fürsorge, Schuldgefühle und Familienbande.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783446272699

Rezensionen zu "Löwenherz: Roman"

  1. 4
    04. Okt 2022 

    Der Bruder...

    Monika Helfer erinnert sich an ihren Bruder Richard. Seit dem Tod der Mutter wachsen sie und ihre Schwestern getrennt vom kleinen Bruder auf. Sie sehen sich selten, verlieren die Verbindung. Es ist die Zeit des Deutschen Herbstes. Richard ist da bereits ein junger Mann, von Beruf Schriftsetzer. Er ist ein Sonderling, das Leben scheint ihm wenig wichtig. Verantwortung übernimmt er nur, wenn sie ihm angetragen wird. So auch, als ihm auf merkwürdige Weise eine verflossene Liebe ein Kind überlässt, von dem er nur den Spitznamen kennt. Die unfreiwillige Vaterrolle gibt ihm neuen Halt, zumindest für eine Zeit. Ein inniges Portrait, eine Geschichte über Fürsorge, Schuldgefühle und Familienbande. (Klappentext)

    Auch in diesem Roman beschäftigt sich Monika Helfer mit ihrer eigenen Familiengeschichte. Während "Die Bagage" die Großeltern mütterlicherseits in den Fokus nahm, und "Vati" die Eltern der Autorin mit Schwerpunkt auf dem Vater beleuchtete, wendet sich dieser dritte Band nun dem Bruder zu. Dem einzigen Bruder, dem Lieblingskind des Vaters, Richard, vom Vater liebevoll Löwenherz genannt.

    „Er hat“, sagt Michael, „nicht besonders gern gelebt.“

    Früh schon verrät der Roman, dass sich Richard mit 30 das Leben nahm, und Monika Helfer bemüht sich, diesem Mann, dem nichts wichtig schien, nachzuspüren. So erzählt sie von dessen früher Kindheit, als sie alle noch eine Familie waren, und die beiden älteren Schwestern häufig auf den kleinen Bub aufpassten. Nach dem Tod der Mutter der seelische Absturz des Vaters mit dem Gang ins Kloster, die Kinder aufgeteilt auf verschiedene Tanten. Jahrelang so gut wie kein Kontakt, erst als Erwachsene gehen sie wieder aufeinander zu, Monika, die Autorin, oftmals mit dem Gefühl, sich kümmern zu müssen.

    Richard lässt sich nicht in einfachen Worten beschreiben, er lebte in seiner eigenen Welt. Anerkannt als Schriftsetzer lebte er ansonsten sein Leben in den Tag hinein, geleitet von seinen ureigenen Bedürfnissen. Er war ein versponnener, dabei liebenswerter Kerl, der in seinem eigenen Universum lebte und sich um gesellschaftliche Normen und Konventionen nicht groß scherte. Häufig träumte er sich in ein anderes Leben, inspiriert durch Bücher und Filme. Selbst durch die Schilderungen der Autorin erscheint Richard nicht wirklich fassbar. Interessanterweise kann der zweite Ehemann von Monika Helfer oft mehr zu Richards Charakterbeschreibung beisteuern als sie selbst, denn er war mit ihrem Bruder eng befreundet und hat so häufig mehr mitbekommen als sie.

    Als ihm eine Frau ihr Kind in Obhut gibt, erst einmal für wenige Wochen, später für mehrere Monate, verändert sich Richard. Ihm ist dieses Kind wichtig, Putzi, ein kleines Mädchen, dessen wirklichen Namen er nicht kennt, und die ihn rasch "Papa" nennt. Zum ersten Mal übernimmt Richard so für etwas Verantwortung und sorgt sich, ein Zug, den seine Schwester so noch nicht an ihm beobachtet hat. Als die Mutter schließlich ihr Kind zurückfordert, bewegt sich alles auf das tragische Ende zu...

    Spröde ist der Schreibstil, oft wenig emotional, fast kühl, dann wieder leise, melancholisch, zart. Dieser Roman stellt erneut einen fragmentarisch anmutenden Versuch dar, sich einer Person zu nähern, die zeitlebens unnahbar blieb. Ob Richard wirklich erkannt werden wollte? Mir blieb er hier fremd, aber für die Autorin schließt sich mit diesem dritten Band ihrer Familiengeschichte nun ein Reigen.

    © Parden

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  1. 4
    14. Mär 2022 

    Ein Unangepasster!

    Ein Blick auf den Bruder! Ein Blick auf einen Menschen, der sich schließlich umbringt. Ein Blick auf einen Mann, der unangepasst ist, der aneckt, der ungern Bindungen eingeht, der Entfernung sucht. Dessen Geschichte von der Schwester erzählt wird. Ein Buch, welches mich vom Thema her stark berühren müsste. Das macht es nur nicht. Erst am Ende bin ich getroffen. Was mich sehr verwundert und was eigentlich sehr schade ist! Mich konnte die Autorin leider nicht richtig erreichen. Ich frage mich, woran das lag. Denn ich kann das gar nicht richtig benennen. Ich vermute es lag an der Art der Schreibe. Der Roman kam mir nicht durchgängig genug erzählt vor. Das Geschriebene wirkt etwas abgehackt und zerfasert und unstet. Vielleicht hätte jemand mit mehr Abstand die Geschichte anders erzählen können. Vielleicht ist die Nähe der Autorin zu ihrem Bruder hier der Grund für mein Gefühl. Vielleicht erzeugt das Geschehen noch immer einen Schmerz bei der Schreibenden. Vielleicht wird intuitiv oder auch bewusst ein zu großes Eintauchen in die belastende Vergangenheit verhindert. Vielleicht ist dies auch der Schreibstil der Autorin. Da ich ihre anderen Bücher nicht kenne, habe ich leider keinen Vergleich. Ebenso empfand ich das Erzählte als etwas zu kühl und zu distanziert formuliert. Aber auch das würde durch meine vorangegangenen Gedanken nachvollziehbar sein. Durch dieses Verstehen/dieses Verständnis verlieren meine Kritikpunkte irgendwie ihren negativen Charakter und dadurch und durch das mich dann erreichende und berührende Ende des Buches entstand dann die 4-Sterne-Bewertung in mir. Über etwas zu schreiben, was immer noch weh tut/schmerzhaft ist, gehört in meinen Augen gewürdigt. Denn auch dies ist ja irgendwie eine Verarbeitung/ein Begreifen des Vergangenen/ein Abschluss. So kann man nur hoffen!

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  1. Der Lieblingssohn...

    Ich kann es nicht anders sagen, aber mit ihrer Reihe rund um ihre Familie hat mich Frau Helfer so verzaubert, dass ich nun natürlich auch als eine der Ersten alles über ihren Bruder lesen wollte.

    Der Roman ist in fünf Abschnitte gegliedert, die den Werdegang von Richard schildern vom Kleinkind bis zum Tod.

    Mir hat gefallen, dass es zum Einen die Erzählung rund um den Bruder ist, zum Anderen wie sich Monika Helfer mit ihrem Mann Michael austauscht und man so Teil des Schreibprozesses ist.

    Und immer wieder wird abgeschweift zu anderen Themen, so dass wir auch wieder über alte Bekannte stolpern wie die Tante mit dem großen, blinden Ehemann, Vati und den anderen Geschwistern. Gerade der Verfall vom Vati nach dem Tod seiner Frau hat mich doch sehr berührt.

    Am meisten fasziniert hat mich die Verbindung zwischen Schamasch, Putzi und Richard. Das ist für mich mehr als Freundschaft, sondern eher tief verbundene Liebe.

    Auch mit diesem Buch ist es der Autorin nicht nur gelungen zu unterhalten, sondern auch tief zu berühren. Ich hatte mich die ganze Zeit gewundert, warum der Bruder nicht sehr alt geworden ist und das schockierende Ende des Romans lässt einen dann nochmal kräftig schlucken.

    Fazit: Ich habe mich wieder unglaublich gut unterhalten gefühlt und kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Kann auf jeden Fall auch separat zu den anderen Büchern gelesen werden, aber dann würde man etwas verpassen.

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