Löwen wecken

Buchseite und Rezensionen zu 'Löwen wecken' von Ayelet Gundar-Goshen
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Als Neurochirurg Etan Grien mitten in der Nacht einen illegalen Einwanderer überfährt und erkennt, dass der Mann sterben wird, trifft er eine folgenschwere Entscheidung: Er lässt den Mann liegen und meldet den Unfall nicht. Doch am nächsten Morgen steht die Frau des Opfers vor seiner Haustür und macht Etan einen ungewöhnlichen Vorschlag, der sein Leben komplett umkrempelt. Löwen wecken ist die Geschichte eines Mannes, der einen falschen Schritt tut und diesen Weg dann weiterverfolgen muss. Ein stürmischer Roman, der sich
in der stark umkämpften Grauzone zwischen Liebe und Hass, Schuld und Vergebung, Gut und Böse bewegt, und der zeigt, wie zerbrechlich unser geordnetes Leben eigentlich ist.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
Verlag: Kein & Aber
EAN:9783036957142

Rezensionen zu "Löwen wecken"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jan 2019 

    Wie hätten wir gehandelt?

    Etan Grien ist eigentlich kein schlechter Mensch. Doch als er entdeckt, dass sein Vorgesetzter und Mentor korrupt ist, lässt sich der Neurochirurg lieber versetzen, als die unlauteren Vorgänge anzuzeigen. Unzufrieden ist er in Beer Sheva, das Kleinstädtische, Provinzielle engt ihn ein. Doch bei einem halbherzigen Versuch, abenteuerlustig zu sein, überfährt er mit seinem Jeep einen Mann in der Wüste. Etan fühlt sich unbeobachtet, weiß als Arzt, dem Mann, einem eritreischen Einwanderer, ist nicht mehr zu helfen und so verlässt er den Tatort. Doch am nächsten Tag steht die Witwe des Toten vor Etans Tür und Etans geordnetes Leben beginnt von nun an völlig aus den Fugen zu geraten.

    Welchen Wert, welchen Rang haben Menschen in unserer Zeit, die weiße Ober- und Mittelschicht gegenüber den entrechteten illegalen Einwanderern. Welchen Unterschied hätte es wohl für Etan gemacht, wäre es ein weißes Kind und nicht ein schwarzer Illegaler gewesen, den er überfahren hätte.

    Sind wir bereit die Konsequenzen für unser Tun in vollem Umfang zu tragen? Können gute Taten eine schlechte aufwiegen. Juristisch gesehen eventuell sogar ja, tätige Reue, ein tadelloser Lebenswandel vor und nach der Tat kann sich durchaus schuldmindernd auswirken. Aber Moralisch? Wenn aus einer unbewussten Fehlleistung eine bewusste Entscheidung gegen Recht und Moral folgt, bleibt nicht doch das Unvermögen mit dieser Entscheidung zu leben, so viel Wiedergutmachung auch zu leisten versucht wird? Etan muss mit seiner Entscheidung bis zur physischen und psychischen Erschöpfung leben. Wahrscheinlich hat er in seinem Leben noch nie zuvor so viel Gutes bewirkt, wenn man die Ursache seiner Beweggründe wegdenkt. Kann man die Frage nicht noch weiterspinnen: Wie viele gute Taten entstehen denn aus rein altruistischen Gründen? Oder sind es nicht oft Versuche, sich von einer seelischen Last, kleineren und größeren, zu befreien, das Gewissen wegen eigener Unzulänglichkeiten zu beruhigen, sich freizukaufen durch Spenden und Ehrenamt?

    Und die bedeutendste Frage, die die Autorin sich uns stellen lässt: Wie hätten wir gehandelt? „Wir“, das moralische Kollektiv, wir würden wohl alle sagen: Nein, wir sind integer, wir hätten uns gestellt, wir hätten doch so nicht leben können. Und wie viele hätten sich dann doch sehr wohl wie Etan entschieden. Denn Etan ist nicht anders wie wir. Er ist gut situiert, gebildet, familiär. Karriere, Familie, gutes Auskommen, Ansehen sind ihm wichtig. Sein gutes Leben will er, kann er gar nicht aufs Spiel setzen, zu viel hinge daran, nicht nur sein Leben, auch das seiner Frau, seiner Kinder. Seine Entscheidung, so falsch sie auch ist, kann er gar nicht anders treffen. Und weil Etan ist wie wir, würden auch wir so leben, auch wenn wir nicht damit leben könnten, weil der Teufelskreis aus Schuld, dem Verlangen nach Vergebung, Angst vor der Entlarvung und dem Wunsch, weiterhin gut zu leben uns, so wie Etan, immer mehr durcheinander wirbeln würde. Und wenn wir den Ausgang des Buches kennen würden uns vielleicht sogar in unserer Entscheidung bestätigt fühlen. Heilfroh bin, ich dass ich diese Überlegungen alle nur theoretisch anstellen muss.

    In Löwen wecken prallen Welten aufeinander, Gut und Böse, Opfer und Täter werden vermischt. Dieser Roman ist großartig in seiner Eindringlichkeit und zutiefst menschlich. Ayelet Gundar-Goshen hat einen Roman von Brisanz und allgemeiner Gültigkeit vorgelegt. Es ist eine universelle Geschichte, die jeden von uns treffen könnte.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Mär 2015 

    Grauzonen...

    Es ist ein einziger Moment, der das Leben des israelischen Neurochirurgen Etan Grien von Grund auf verändert: der Moment, in dem er nachts auf einer einsamen Straße einen illegalen Einwanderer überfährt. Um Karriere und Familie zu schützen, entscheidet sich Etan, den Mann nach dem tödlichen Aufprall liegen zu lassen und den Unfall nicht zu melden. Doch dann kontaktiert ihn plötzlich die Ehefrau des Opfers. Sie habe den Unfall beobachtet, und für ihr Schweigen solle er ab sofort Nacht für Nacht den übrigen Einwanderern medizinische Hilfe leisten.
    Etan geht darauf ein, doch der gravierenden Auswirkungen dieses Paktes auf sein Leben wird er sich erst bewusst, als er wirklich alles zu verlieren droht...

    Und er dachte sich gerade, dies sei der schönste Mond, den er je gesehen habe, als er diesen Mann umfuhr. Und als er ihn umfuhr, dachte er im ersten Moment immer noch an den Mond, dachte weiter an den Mond und hörte dann mit einem Schlag auf, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. Er hört die Tür des Jeeps aufgehen und weiß, er ist derjenige, der sie öffnet, er derjenige, der nun aussteigt. Aber dieses Wissen ist nur lose mit seinem Körper verbunden (...) Seine Füße treten auf den groben Wüstensand, er hört ein Knirschen bei jedem Schritt, und dieser Laut beweist ihm, dass er tatsächlich geht. Und irgendwo am Ende des nächsten Schrittes erwartet ihn der Mann, den er umgefahren hat... (S. 7)

    Ein falscher Schritt, eine falsche Entscheidung - und das Leben gerät aus der Bahn. Langsam, allmählich, doch unaufhaltsam.

    Der israelische Neurochirurg Etan Grien lebt mit seiner Frau Liat und seinen zwei kleinen Söhnen in einem schönen Haus in der Wüstenstadt Beer Scheva. Nach einem anstrengenden Tag in der Klinik fährt er nicht gleich nach Hause, sondern in die entgegengesetzte Richtung, in die Wüste, auf eine Piste, wo er den Jeep voll ausfahren kann, das Radio laut gedreht, den Mond über sich - lebendig!
    Doch plötzlich: eine dunkle Gestalt vor dem Auto, keine Möglichkeit zu reagieren, der Aufprall. Als Etan aussteigt, erkennt er, dass er einen Flüchtling überfahren hat, einen Eritreer, und dass dieser so schwere Verletzungen aufweist, dass es keine Überlebenschance gibt. Ein Abwägen: sterben wird der Flüchtling sowieso; wenn Etan die Polizei ruft, wird das Auswirkungen haben, auf seinen Ruf, vielleicht auf seine Karriere, in jedem Fall auf das Bild, das seine Frau von ihm hat. Dann die Entscheidung: liegenlassen und weiterfahren. Am Jeep gibt es keinerlei Spuren, weshalb also nicht weitermachen, als sei nichts geschehen?

    Dass das nicht gelingen wird, erkennt Etan spätestens am folgenden Morgen. Vor seiner Haustür eine Eritreerin, die Frau des überfahrenen Flüchtlings. Zeugin des Unfalls - und Überbringerin des Portemonnaies, das Etan unbemerkt am Unfallort verloren hat. Sie, die Rechtlose, die Illegale im Land Israel, sie hat nun Etan in der Hand. Und verlangt von ihm seine Fähigkeiten als Arzt. Für die anderen Rechtlosen, die Flüchtlige, die sich an niemanden wenden können.
    Und so beginnt Etan notgedrungen ein Doppelleben. Tagsüber Beruf und Familie, nachts das heimliche Leben als Arzt in einer heruntergekommenen Werkstatt, die nun zur illegalen Klinik umfunkioniert wird. Bald hinterlässt dieses Doppelleben Spuren, bringt Etan an seine Grenzen, lässt Liat misstrauisch werden, seine Arbeit als Neurochirurg leidet unter der Situation. Wie kann das auf Dauer gut gehen?

    Einundvierzig Jahre gegenüber einer Minute, und doch hatte er das Gefühl, diese eine Minute enthalte viel mehr als sechzig Sekunden, so wie ein DNA-Molekül den ganzen Menschen in sich barg. Und ja, es machte etwas aus, dass es ein Eritreer war. Denn die sahen ihm alle gleich aus. Weil er sie nicht kannte. Weil Menschen von einem anderen Stern notgedrungen etwas weniger menschlich waren. Zugegeben, das klang furchtbar, aber er war nicht der Einzige, der so dachte. Er war nur der, der zufällig einen überfahren hatte.

    Einen vielschichtigen und psychologisch dicht gestrickten Roman präsentiert uns Ayelet Gundar-Goshen hier. Es gelingt ihr gut, die Geschehnisse einschließlich der emotionalen Abläufe glaubhaft und nachvollziehbar darzustellen, dabei aber eine distanzierte Sichtweise beizubehalten - der Leser ist Beobachter der Szenen und benötigt keine Empathie für die Figuren. Über große Phasen empfand ich den Roman, als lägen die Personen vor mir auf dem Seziertisch. Menschen, klar, allerdings eher als Betrachtungsobjekte - und nicht notwendigerweise als Sympathieträger. Aber nicht aufgeklappt, um die inneren Organe zu beschauen, sondern deren Seelenleben.
    Die Autorin lässt hier ihre Kenntnisse als Psychologin voll einfließen und zieht den Leser immer mehr in das Gedankenkonstrukt 'Was wäre wenn' hinein. Die Untiefen der Seele werden ergründet; kein Gefühl, kein noch so widerwärtiger Gedanke wird tabuisiert. Außerdem gewährt der Roman sozusagen 'nebenher' echte Einblicke in das Leben in Israel, eben auch mit überraschenden Sichtweisen (Bsp. Verachtung der in Auschwitz ermordeten Juden), Vorurteilen, denen einzelne Bevölkerungsgruppen ausgesetzt sind oder auch dem Einwanderungsproblem. So etwas dürfte niemand anderes als eben ein israelischer Autor schreiben ohne gleich in die Ecke 'judenfeindlich' gestellt zu werden.

    Die Sache, die da zwischen ihnen steht, hat ja auch eine Mutter, nicht nur einen Vater. Für ein solches Geheimnis braucht es zwei. Einen, der nicht erzählen, und einen, der nicht wirklich hören möchte.

    Ein literarisch anspruchsvoller Roman, der die Grauzonen von Schuld und Sühne, Gut und Böse, Liebe und Hass aufzeigt. Das moralische Spannungsfeld wird im Verlauf immer neu gestaltet, was verdeutlicht, dass es kein einfaches Richtig oder Falsch geben kann. Die Sprache oftmals poetisch, dann wieder derb und vulgär - ebenso gegensätzlich wie die behandelten Themen. Langatmig manchmal und dadurch nicht immer leicht, bei der Stange zu bleiben, letztlich aber beeindruckend.
    Das Verschwimmen von Gut und Böse, Schwarz und Weiß, das Spiel mit der Erwartungshaltung des Lesers, die Ernüchterung, die sich am Ende einstellen mag, der Spiegel, den die Autorin der Gesellschaft gnadenlos vorhält - in meinen Augen einfach nur gelungen!

    Ein beeindruckender Roman, der sich nicht einfach so herunterlesen lässt, sondern seine Zeit beansprucht. Ein interessantes, psychologisch dicht gewebtes Gedankenspiel, das glaubhaft und darum so erschreckend wirkt. Kein Buch, das Erwartungen erfüllt - aber eines, das einen nachdenklich zurücklässt.

    © Parden