Linden Hills: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Linden Hills: Roman' von Gloria Naylor
4.2
4.2 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Linden Hills: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag: Unionsverlag
EAN:9783293005853

Rezensionen zu "Linden Hills: Roman"

  1. Eine interessante neue Stimme afro-amerikanischer Literatur

    Immernoch gibt es zahlreiche blinde Flecken gerade was die afroamerikanische Literatur betrifft. Einige Stimmen konnten sich Gehör verschaffen, wie beispielsweise James Baldwin, Toni Morrison, Zora Neale Hurston und Alice Walker. Diese Literaturen geben Einblick in die Lebenswelten von Menschen mit schwarzer Hautfarbe und tragen zur Erweiterung des vorherrschenden Tunnelblickes bei. Aus erster Hand erfahren LeserInnen mehr über Rassismus sowie über damit verbundene Aspekte wie Unterdrückung, Armut, Gewalt und gesellschaftiche Marginalisierung.

    Gloria Naylor schrieb ihren Roman "Linden Hills" bereits im Jahr 1985, wurde jedoch erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Es ist das große Verdienst des Unionsverlages, hier eine sehr interessante Autorin entdeckt zu haben, deren Werk nun einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht werden kann. Gloria Naylor verdient es, endlich eine Stimme zu bekommen, von der ich hoffe, dass sie viel Gehör finden wird. Warum? Ich denke, dass diese Autorin mit ihrem stark gesellschaftskritischen Blick in "Linden Hills" gängige und weit verbreitete Denkstrukturen und vor allem Dualismen hinterfragt und so einen differenzierten Blick ermöglicht, der über schwarz-weiß Logiken hinaus geht.

    Worum geht es also in "Linden Hills"? Als Kernthema kann man sicherlich die Dynamik des Strebens nach gesellschaftlichen Aufschwung bezeichnen - jedoch eben in einer Welt, wo Schwarze unter sich bleiben und die Möglichkeit dazu haben. Seit 1920 sorgten unterschiedliche Generationen der Nedeeds mit dem Erwerb eines Stückes Land und ausgefeilten Pachtverträgen dafür, Schwarzen nicht nur eine Heimat zu geben, sondern einen Ort zu schaffen, der ihnen Aufstiegsmöglichkeiten eröffnen sollte, die ihnen anderenorts verwehrt blieben. Linden Hills ist ein Hügel, von dem diverse Straßen ausgehen, die ausschließlich von Schwarzen bewohnt werden. Nach dem Vorbild der Weißen gibt es durchaus auch dort eine gewisse Rangordnung, die auf die Schattenseiten einer angestrebten paradiesischen Welt verweist, denn dieses scheint nicht jedermann offen zu stehen.

    All dies erfahren wir durch die Perspektive zweier jugendlicher Männer, Willie und Lester, die kurz vor Weihnachten auf der Suche nach Gelegenheitsjobs sind, um Geschenke kaufen zu können. Sie arbeiten für die verschiedenen Bewohner von Linden Hills, halten deren Einfahrten sauber und lassen uns an ihren Beobachtungen zu den Bewohnern teil haben. Sie sind die beiden Hauptprotagonisten des Romans.

    Zentral ist aber auch die Figur des aktuellen Luther Nedeeds, der das Werk der Vorgänger-Generationen auf "Linden Hils" weiter führt und so seinen Stempel aufdrückt. Dennoch setzt er die Traditionslinie der Familie fort, indem auch er als Bestatter tätig ist und sich an patriachalen Vorstellungen orientiert, denen zufolge die Ehefrau weiß zu sein und einen Sohn zu schenken hat. Mehr möchte ich eigentlich an dieser Stelle nicht über den Roman verraten, um dem interessierten Leser das Vergnügen seiner literarischen Entdeckungsreise nicht zu schmälern.

    Zugegeben, ich brauchte meine Zeit um in diesen Roman hineinzufinden. Zum einen lernt man zunächst eine ganze Reihe von Personen kennen und muss sich erst mal zurechtfinden. Zum anderen gibt es aber auch keine stringente Handlung, die schrittweise entfaltet wird. Als ich mich jedoch etwas eingelesen hatte, war ich von Linden Hills und dem Leben dort sehr angesprochen. Sehr gut gefällt mir, wie Naylor mit gängigen Klischees über Schwarze und Weiße bricht und stattdessen Differenzen in der schwarzen Community selbst thematisiert. Einen solchen Roman habe ich zuvor noch nicht gelesen. Es macht für mich den besonderen Reiz des Romans aus und verleiht dem Ganzen eine gehörige Portion Gesellschaftskritik. Auch die Verpackung ist sehr ansprechend, denn die Sprache der Autorin ist sehr ausdrucksstark.

    Innerhalb der Leserunde, in der ich das Buch las, wurde ich auf weitere Aspekte aufmerksam gemacht, die ich selbst mangels Vorwissen nicht entdeckt hätte, so etwa der Bedeutung von Dantes Inferno. Dennoch bin ich auf der Aufassung, dass man diesen Roman auch gewinnbringend ohne eine solche Vorkenntnis lesen kann. Ich empfehle "Linden Hills" mit Nachdruck und freue mich darauf, weitere Werke der Autorin für mich zu entdecken.

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  1. 5
    02. Nov 2022 

    Teuflisch gut

    Einst hatte Luther Nedeed den Traum von einem schwarzen Ort für Schwarze. Zu welcher Realität dieser Traum geworden ist, erzählt der Roman „Linden Hills" von Gloria Naylor.
    Die Nedeeds herrschen bereits seit mehreren Generationen über Linden Hills. Der erste Luther in einer Reihe nachfolgender Luther Nedeeds legte den Grundstein für die Umsetzung der Idee, einen Ort für Schwarze zu schaffen. Er muss in einer Zeit gelebt haben, als es in anderen Teilen Amerikas noch Sklaverei gab. Denn Luther kauft sich eine Ehefrau, bekommt mit ihr einen Sohn, Luther junior. Weitere Kinder wird es nicht geben. Dieses Familienkonstrukt wird über die nächsten Generationen beibehalten. Aus den Juniors werden Seniors, der Name Luther Nedeed wird fortbestehen, die Luthers herrschen und wachen über Linden Hills, das sich mittlerweile zu einer reichen Wohlgegend entwickelt hat. Wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann, möchte hier wohnen. Doch Luther Nedeed, als Vorsitzender der Verpachtungsgesellschaft, entscheidet darüber, wer zu den Auserwählten gehört.
    In Linden Hills leben ausschließlich Schwarze. Auf den ersten Blick ist Luthers Plan also aufgegangen. Doch die Bewohner Linden Hills haben über die Jahre ihre Identität verloren, indem sie sich zu einer Gesellschaft entwickelt haben, für die es das Wichtigste ist, ihren Wohlstand sowie ihr gesellschaftliches Ansehen zu wahren. Sie orientieren sich dabei an weißen Amerikanern und entwickeln sich auf Linden Hills zu besseren Weißen. Die schwarze Hautfarbe wird zum Makel, den der Reichtum überdecken soll.
    Die Handlung von „Linden Hills" findet über einen Zeitraum von nur wenigen Tagen statt, mit Rückblicken in die Vergangenheit. Wir begegnen einigen Bewohnern von Linden Hills in der Woche vor Weihnachten. Erzählt wird dabei aus den Perspektiven verschiedener Personen. Viele tauchen in diesem Roman einmalig auf, andere wiederum immer wieder, allen voran Willie und Lester, Anfang 20, beste Freunde seit der Schulzeit, auch wenn sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten kommen. Lester lebt zwar mit seiner Familie am Rande von Linden Hills, gehört aber immer noch zur gehobenen Gesellschaft. Willie hingegen kommt aus dem Armenviertel am Fuße von Linden Hills. Im Verlauf der Handlung werden sie sich als Beobachter der Geschehnisse in Linden Hills erweisen und sich ihre Gedanken über die Menschen und einem Leben in den Hills machen. Insbesondere Willie zeigt sich dabei als empathischer Mensch mit einem Gewissen - Eigenschaften, die den meisten Bewohnern von Linden Hills abhandengekommen sind.
    Der aktuelle Luther Nedeed ist diejenige Figur in diesem Roman, um die sich alles und alle drehen. Er ist ein skrupelloser Zyniker mit einer bedrohlichen und unheimlichen Aura. Dort, wo er auftaucht, sind die Menschen eingeschüchtert oder buhlen um seine Gunst, mit der er allerdings sehr knauserig ist. Der Mann hat eine dunkle Seele und hütet ein dunkles Geheimnis, das die Leser schnell erkennen - womit sie den Bewohnern von Linden Hills einiges voraushaben.
    Lester und Willie sind während der Tage vor Weihnachten in Linden Hills unterwegs und erledigen Gelegenheitsjobs für ein paar Bewohner. Am Ende werden sie auch für Luther Nedeed arbeiten und dabei sein Geheimnis aufdecken.
    „Linden Hills“ ist ein Roman, der durchgängig gegen die Erwartungshaltung des Lesers ankämpft. Eine schwarze Autorin schreibt eine Geschichte über eine schwarze Gesellschaft. Da liegt doch auf der Hand, dass es sich hierbei um einen Roman handelt, der das Thema „Rassismus“ im Fokus hat. Doch ganz so ist es nicht, in Linden Hills wird zwar diskriminiert, doch sicher nicht wegen der Hautfarbe. Es reicht aus, das falsche Geschlecht zu haben oder der falschen Gesellschaftsschicht anzugehören. Je tiefer man in die Handlung dieses Romans einsteigt, umso mehr festigt sich der Gedanken, dass Gloria Naylor das Wohlstands- und Statusdenken der Gesellschaft von Linden Hills vorführt und den egoistischen Kampf dieser Gesellschaft, diesen Wohlstand mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln zu wahren. Dabei ist der Roman „Linden Hills“ unglaublich spannend und hat mich mit seinen überraschenden Wendungen und verblüffenden Cliffhangern gefesselt. Auch diese Überraschungsmomente laufen entgegen der Erwartungshaltung des Lesers, gerade weil sie der Handlung Wendungen geben, die völlig abwegig und kaum vorstellbar sind.
    Dabei ergeben sich viele Ungereimtheiten und Fragen, wobei Gloria Naylor dem Leser nicht den Gefallen tut und Antworten liefert. So sieht sich der Leser in der Situation, eigene Antworten entwickeln zu müssen, indem er reflektiert und spekuliert. Für den einen Leser mag dies unbequem sein, und er fühlt sich mit diesem Roman nicht wohl. Andere Leser wiederum werden diese Eigenart des Romans als Bereicherung empfinden. Ich zähle mich zu letzteren!
    Daher lautet mein Fazit: „Linden Hills“ – ein Roman, der gegen die Erwartungen des Lesers ankämpft und gewinnt!

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  1. Urteile nicht nach dem äußeren Schein

    Acht Ringstraßen winden sich am Wohnhügel Linden Hills hinunter. Je weiter man nach unten kommt, desto attraktiver ist die Wohnlage, desto exquisiter die Nachbarschaft. In Linden Hills dürfen nur Schwarze wohnen. Dafür hat der erste Luther Nedeed vor rund 200 Jahren gesorgt, als er sich den Hügel sicherte und mit einem ausgeklügelten System dafür sorgte, dass die Grundstücke nur an ausgesuchte schwarze Familien für eine nahezu unendliche Mietdauer vergeben wurden. Was mit viel gutem Willen anfing, hat sich im Laufe der Zeit fast ins Gegenteil gewandelt: Der aktuelle Luther Nedeed (in jeder Generation gibt es genau einen Träger dieses Namens) ist nämlich ein machtbesessener Despot, der nicht nur seine Ehefrau unterdrückt und seinen Sohn verleugnet, sondern auch den gesamten Wohnhügel mit eiserner Hand regiert. Vergleiche mit dem Leibhaftigen kommen nicht von ungefähr. Wer es in Linden Hills zu etwas bringen will, muss sich den dortigen Gepflogenheiten anpassen und der Nedeed´schen Doktrin unterwerfen.

    Was das im Einzelnen bedeutet, bekommt der Leser auf seiner Reise durch diesen Roman eindrücklich gezeigt. Zeremonienmeister sind dabei Willie und Lester, zwei sympathische junge Tunichtgute, die ihre Ausbildung vernachlässigen, Gedichte lieben und sich in den Vorweihnachtstagen ein paar Dollar verdienen wollen. Was liegt näher, als ihre Arbeitskraft in den Dienst der gut betuchten Bewohner von Linden Hills zu stellen? Die beiden netten Kerle finden die ein oder andere Aufgabe, bleiben dabei aber meist im Hintergrund, von wo aus sie einen guten Blick auf das Geschehen haben. Egal ob Hochzeit, Trauerfeier, Gartenarbeit oder Weihnachtsvorbereitungen – Willie und Lester packen an und bekommen dabei tiefe Einblicke in die Gesellschaft. Insbesondere Willie ist ein nachdenklicher Beobachter, der mit seiner guten Menschenkenntnis stets hinter die Kulissen schaut, Geheimnisse lüftet und Fassaden demaskiert. Zum Glück lässt er uns, die Leser, an seinen Überlegungen teilhaben, so dass wir einen dezidierten Eindruck der verdrehten Welt von Linden Hills bekommen, in der Farbschattierungen über Aufstieg und Status entscheiden und in der es ähnliche Vorurteile und Diskriminierungen gibt wie in der weißen Community. Die einzelnen Erlebnisse der beiden Protagonisten stehen nur vordergründig für sich und im Zusammenhang.

    Während der Lektüre wandert man gemeinsam mit den zwei Helden den Hügel hinunter. So rückt man immer näher an den Regenten Luther Nedeed heran, der in der untersten Ringstraße lebt, wo er selbst dunkle Geheimnisse hütet. Spannend verzahnt sich dessen Schauergeschichte mit dem Arbeitsalltag von Lester und Willie. Alles steuert auf einen Showdown zu, gekonnt gesetzte Cliffhanger steigern den Spannungsbogen in Richtung Heiligabend erheblich…

    Gloria Naylor sprüht dabei vor Ideenreichtum. Über zu wenig Handlung kann man sich in diesem Roman nicht beklagen, ständig gibt es überraschende Wendungen. Naylor beschreibt ihre Schauplätze bildhaft. Man begegnet Figuren, die sie mit großer Hingabe konzipiert. Verschiedene Perspektiven liefern dabei einen Blick auf die komplexen Charaktere. In den dichten Text sind kluge, humorvolle Dialoge eingebunden, immer wieder blitzen poetische Sätze oder zeitlose Weisheiten auf. Man kann diesen außergewöhnlichen Sprachstil nur bewundern, der das gründliche Lesen und Hinschauen belohnt. Wie viele Literaten hat auch Naylor literarische Bezüge in den Roman eingeflochten. Besonders erwähnenswert ist die Parallele zum Inferno aus der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Ich möchte aber betonen, dass die Kenntnis des Stückes lediglich eine weitere Deutungsebene eröffnet und keinesfalls Voraussetzung für das Verständnis des Romans ist.

    Ich lese den Roman als einen Appell an die Mitmenschlichkeit. Im Mittelpunkt steht immer das Individuum, das Entscheidungen trifft. Nicht Schwarz oder Weiß sind entscheidend, sondern der individuelle Charakter als solcher. Jeder kann zur Überwindung der bestehenden Grenzen beitragen, indem er genau hinschaut, Maskeraden entlarvt und als Vorbild agiert.

    Die Vielschichtigkeit und Außergewöhnlichkeit dieses Romans haben mich von Beginn an begeistert. (Man möge sich nicht von den ersten 25 Seiten abschrecken lassen, die mancher etwas verwirrend finden könnte.) Als schwarze Autorin hat Naylor einen Plot konstruiert, der sich mit vielen Facetten der Themen Rassismus, Misogynie und Klassenzugehörigkeit beschäftigt. Auf subtile, durchdringende Weise wird daran Kritik geübt - erfreulicherweise gänzlich ohne störende Didaktik. Die Wertung überlässt die Autorin vollständig dem Leser. Linden Hills ist ein Roman, der fordert, nachdenklich macht, spannend ist und dabei bestens unterhält. Für mich ein Highlight des Bücherherbstes 2022.

    Das Original dieses zeitlosen Romans ist bereits 1985 erschienen. Dankbar darf man dem schweizerischen Unionsverlag auch für die großartige Übersetzung von Angelika Kaps sein, die Linden Hills nun dem deutschen Publikum zugänglich gemacht hat. Gloria Naylor, die leider schon 2016 verstarb, war eine herausragende Literatin, deren weiteres Werk neugierig macht.

    Dringende Lese-Empfehlung!

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  1. Eine beispielhafte Höllenfahrt

    Linden Hills ist ein spezieller Ort, ein Hügel, an dem sich acht Ringstraßen hinunterschlängeln. Hier leben nur Schwarze, Menschen, die es zu etwas gebracht haben. In der gesellschaftlichen Hierarchie ganz oben angelangt zu sein bedeutet hier allerdings in verkehrter Weise, sich am untersten Ring anzusiedeln.

    James Baldwin sollte man kennen, Toni Morrison auch: Die afroamerikanische Autorin Gloria Naylor hat den Roman Linden Hills schon 1985 veröffentlicht. Nach und nach werden schwarze Autor*innen immer mehr in deutscher Sprache ersichtlich gemacht.

    Gloria Naylor wagt ein literarisches Kunststück. Inspiriert von Dantes Inferno schickt die Autorin zwei jugendliche Erzähler, Willie und Lester, auf eine Höllenfahrt. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen werden die beiden zu diversen Handlangerdiensten angeheuert. So arbeiten sie sich den Hügel ganz hinunter.
    Der Eigentümer der gesamten Liegenschaft Linden Hills ist Luther Nedeed, Nachfolger vieler Luther Nedeeds früherer Generationen, ein Machthaber mit geradezu teuflischen Charakterzügen.
    Was ist das nur für ein Buch? Ein Schauerroman, ein sozialer Aufschrei, eine literarische Allegorie auf eine Allegorie?

    Gloria Naylor zeigt hier Menschen auf der Suche nach einem Paradies, auch wenn sie dafür dem Teufel ihre Seele verkaufen müssen. Gespickt mit religiösen Anspielungen und vergleichenden Bildern zu Dantes Klassiker hätte ich mir oft ein Editorial gewünscht und das Buch schreit geradezu nach einem erneuten Lesen mit aufgeladenem Vorwissen. Die schauerliche Entwicklung lässt sich immerhin auch ohne erahnen.

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  1. Gesellschaftsporträt mit Teufel

    „Linden Hills“ wurde bereits 1985 veröffentlicht, aber erst jetzt ins Deutsche übersetzt. Zum Glück - denn Gloria Naylor hat mit ihrem Roman ein sehr dichtes, zeitloses Gesellschaftsportrait geschaffen, bei dem ich mir eine wiederholte Lektüre gut vorstellen kann.
    Die Struktur des Romans ist ungewöhnlich, einen stringenten Handlungsverlauf sucht man vergeblich. Trotz allem wird der Roman durch eine Art Rahmenerzählung und zwei Hauptfiguren zusammengehalten.
    Linden Hills ist eine Wohngegend exklusiv für Menschen schwarzer Hautfarbe, die es zu etwas gebracht haben, die einer aufsteigenden Klasse angehören.
    Die Erfolgsgeschichte Linden Hills beginnt 1820 mit dem Kauf eines Stück Lands durch Luther Nedeed. Die Weißen machen sich zunächst lustig über ihn, reiben sich die Hände, weil sie viel Geld für das unbrauchbare Land, das direkt an den Friedhof grenzt, erhalten haben. Luther baut ein Haus, bietet seine Dienste als Bestatter an und verdient gut mit seiner Geschäftsidee. Die Zeit vergeht - in jeder Generation gibt es einen männlichen Nachkommen, der den Namen Luther Nedeed erhält. Jeder prägt Linden Hills auf seine Weise, bleibt aber dem Beruf des Bestatters ebenso treu wie der Sitte, eine möglichst hellhäutige (zu 1/8 schwarze) Frau zu ehelichen und genau einen Sohn zu zeugen. Meilensteine in der Entwicklung von Linden Hills sind der Bau von Hütten, die an ausgesuchte Schwarze vermietet werden und ein ausgeklügelter Pachtvertrag, der sicher stellt, dass über die kommenden 1001 Jahre alle Häuser in Linden Hills von Schwarzen bewohnt werden, die zudem Luthers moralischen Kriterien entsprechen müssen.
    Wichtig zu erwähnen ist noch, dass Naylor zahlreiche Bezüge zu Dantes Inferno herstellt: einige Hinweise sind in ihrer Bedeutung verdreht, andere sind offensichtlich wie z.B. die acht Ringstraßen, die es in Linden Hills gibt, und die mit den Höllenkreisen korrespondieren. Dabei sind die Häuser in Linden Hills luxuriöser je weiter man nach unten gelangt in Richtung der achten Ringstraße und damit in die Nähe von Luther Nedeeds Haus. Für das grundlegende Verständnis des Romans ist die Kenntnis von Dantes Inferno nicht notwendig, allerdings eröffnen sich eine Fülle weiterer Deutungsebenen, wenn der Text bekannt ist.
    Willie Mason und Lester Tilson, zwei junge Männer, die beide Gedichte schreiben und lieben, sind die zwei Hauptcharaktere, die uns in den 1980er Jahren durch Linden Hills führen. Lester wohnt mit seiner Mutter und Schwester ganz oben in Linden Hills, während Willie außerhalb im angrenzenden, ärmeren Stadtteil wohnt. Beide benötigen dringend Geld für den Kauf von Weihnachtsgeschenken. Deshalb bieten sie in den Tagen vor Weihnachten, ihre Dienste in den Häusern der Reichen an. Sie erhalten unterschiedliche Gelegenheitsjobs und erleben viel Denkwürdiges in diesen Tagen. In einem Haus wird z.B. eine pompöse Trauerfeier inszeniert oder ein junger Mann geht eine Scheinhochzeit zugunsten seiner Karriere und seines gesellschaftlichen Ansehens ein. Naylor zeigt Menschen, die ihren innersten Bedürfnissen zuwiderhandeln, es aber in ihrer Verblendung nicht merken. Die Themen Rassismus, Klassismus, Sexismus sind immer im Hintergrund präsent, spielen eine Rolle - aber Naylor geht einen Schritt weiter: Ich lese ihren Roman als Plädoyer sich nicht in solchen Oberflächlichkeiten zu verlieren, sondern sich daran zu erinnern, was Menschsein bedeutet und seine Menschlichkeit sich selbst und anderen gegenüber nicht zu verlieren.
    Naylor bricht mehr als einmal mit der Erwartungshaltung ihrer Leser:innen. Da es viele Brüche gibt, ist konzentriertes Lesen erforderlich, um die Zusammenhänge der einzelnen Geschichten zu begreifen. Es bleibt viel Raum für eigene Gedanken. Die Autorin liefert keine einfachen Antworten, sondern zeigt Situationen und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Einige Andeutungen verlieren sich und werden nicht wieder aufgegriffen. Die Geschichte rund um Luther Nedeed ist eigenwillig, hat etwas Gruseliges und bringt eine weitere, symbolische Ebene in die Geschichte, die ein reines Gesellschaftsdrama so nicht hätte. Wenn der Teufel persönlich auftritt, darf natürlich eine Lichtgestalt nicht fehlen. In Linden Hills wird diese durch einen Priester repräsentiert, der seine ganz eigenen Probleme hat.
    Mir gefallen Naylors Sprache, ihre detaillierten, ambivalenten Figurenzeichnungen, ihre Klarsicht und ihre Fähigkeit, eine ungewöhnliche Geschichte zu schreiben, in der so viel zeitlose Gesellschaftskritik steckt. Die Spannung, die die Geschichte durch die finstere Gestalt des Luther Nedeed erhält, fand ich persönlich schaurig großartig. Ich bin glücklich, diese Autorin entdeckt zu haben. Für mich ist Linden Hills ein Stück dichte, anspruchsvolle Weltliteratur.

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  1. 3
    20. Okt 2022 

    Eine bessere Welt

    Gloria Naylors Buch "Linden Hills" ist eine tiefsinnige Gesellschaftskritik und ebenso weist das Buch auch Elemente eines Schauerromans in meinen Augen auf. Obwohl die Autorin sehr viel Wert auf den Aufbau des Buches legt und dieses Buch an Dantes "Die Göttliche Komödie" angelehnt ist, wirkt dieses Buch auf mich leider teilweise recht unstrukturiert und wirr.

    Die Familie der Nedeeds kauft in der Vergangenheit in weiser Voraussicht ein größeres Stück Land an einem Hang und möchte dort für eine schwarze Bevölkerung eine bessere Welt erschaffen. Dazu wird ein strenges Regelwerk erarbeitet, welches die Pächter der Grundstücke verpflichtend unterschreiben müssen. Nur leider entwickelt sich diese vermeintlich bessere Welt zu ihrem Gegenteil, wie eigentlich meist die sogenannten besseren Welten der Menschen ihr Gegenteil sind.

    Auch die Gründer dieser "Idylle", die Familie Nedeed, sind einem strengen Regelwerk unterworfen. Und was zeigt dieses strenge Regelwerk, eine hierarchisch patriarchalische Welt für die Nedeeds, wie auch für die Pächter der Grundstücke auf dem Hang.

    Eine bessere Welt für eine schwarze Bevölkerung, die sich an der weißen Welt- und Menschensicht orientiert, wird von einer schwarzen Autorin in ihrem Buch ermöglicht, was einerseits dafürsprechen könnte, dass es dieser Blick Schwarz/Weiß, also einseitig werden könnte. Aber genau dies macht die Autorin nicht. Sondern sie schaut differenzierter und menschlicher, was ein Glücksgriff ist.

    Und es ist eine Autorin, also hat auch der Feminismus in dem Buch seinen Platz. Ein richtig interessantes Konstrukt, aber wirklich kein einfaches Konstrukt. Und deswegen fand ich die Lektüre auch etwas schade. Denn thematisch hätte dieses Buch eine Bombe sein können. Nur war dieses Buch leider keine Bombe für mich. Sondern der Roman war eher ein Verwirrspiel für mich und ebenso konnte ich wenig Bindung zu den Figuren aufbauen, bzw. konnte dieses Buch mich nicht fesseln, was sehr schade ist.

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  1. Schwarz ist nicht gleich schwarz

    Schwarz ist nicht gleich schwarz

    Linden Hills wirkt auf den ersten Blick wie eine Siedlung, in der nur die wohlbetuchten Menschen unterschlüpfen dürfen. Doch es ist viel komplizierter, denn es dürfen nur die Auserwählten dort Fuß fassen die Luther Needed für geeignet hält.
    Neededs Vorfahren siedelten sich damals an diesem Hügel an, direkt neben dem Friedhof, und gründeten dort ein Beerdigungsinstut. Ein Ort, der damals eher verpönt war, gelangt nach kurzer Zeit zu einem Wunschort für viele. Je näher die neuen Bewohner dem Anwesen Nedeeds kommen, um so einflussreicher sind sie. Verkehrte Welt, genau so will es die Autorin, und das aus gutem Grund!

    Zumal es wie ein Sprungbrett für Schwarze erschien, denn wer schwarz ist, hatte diese Chance im Normalfall nicht. Nur wer in Linden Hills wohnt hat es zu was gebracht, heißt es! Doch es wird auch gemunkelt, dass Linden Hills die Menschen verändert. Die Nedeeds verfolgten von Anfang einen Traum, sie wollten die Schwarzen zu ihren Bedingungen an sich binden, sie nach Linden Hills holen. Luther förderte die Kinder, es kamen erfolgreiche Schwarze auf diesem Weg in die Siedlung. Das hört sich im ersten Moment gönnerhaft an, doch er hat auch Prinzipien, die Menschen die ansiedeln möchten, müssen nicht nur schwarz sein, sie müssen einen persönlichen Kodex von ihm erfüllen. Den Menschen wird dies dabei nicht einmal bewusst, doch er zieht im Hintergrund die Fäden, sperrt sogar die eigene Frau und den eigenen Sohn im Keller ein, weil sie nicht so sind wie er sie haben möchte…..Der einzige Gegenspieler der im Roman auftaucht ist dabei der Reverend Hollis, wobei dies nicht allzu offensichtlich geschieht. Vieles lässt sich nur kryptisch ableiten, eine echte Herausforderung an den Leser!

    Willie und Lester sind zwei junge Burschen, die die Handlung so richtig ins Rollen bringen. Die zwei verdingen sich in Linden Hills mit Gelegenheitsjobs und liefern dem Leser durch ihre Erlebnisse einen fundierten Blick hinter die Kulissen. Das interessante an den beiden ist, dass der eine in Linden Hills wohnt und der andere nicht. So werden beide Blickwinkel bedient, und es liegt auf der Hand, dass, wenn man nicht dort wohnt einem vieles komisch erscheint. So kommt man am Ende durch die beiden Freunde hinter die ganze schaurige Geschichte der Nedeeds. Angelehnt an Dantes Göttliche Komödie schließt sich am Ende der Kreis!

    Gloria Naylor hat mit diesem Werk etwas geschaffen, bei dem mir schwerfällt es in eine Kategorie zu stecken. Es geht natürlich um Rassismus, doch wird er hier anders durchleuchtet als man es sonst kennt, womit ich wieder bei meinem Eindruck zu Beginn des Romans zurück gelange. Man fühlt sich wirklich wie in einer verkehrten Welt.
    Der Roman hat außerdem sehr schaurige Elemente und vieles ist einfach nicht greifbar, zumindest war es dies für mich nicht. Fasziniert war ich trotzdem, und ich habe mir vorgenommen das Buch bei Gelegenheit noch einmal zu lesen, da ich denke, dass mir dann noch einige Aha-Erlebnisse bevorstehen.

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  1. Der Teufel begeht keine Verbrechen, er lässt sie geschehen.

    Als der erste Luther Nedeed das Land am Nordhang der Linden Hills kauft, lässt ihn die Gemeinde Wayne County gewähren. Es sind die Anfangsjahre des 19. Jahrhunderts und die Diskriminierung von Schwarzen gang und gäbe. Aber Luther hat sich ein unfruchtbares Stück Land erkoren und errichtet seine Hütte ausgerechnet am unteren Ende des Hügels, gleich neben dem städtischen Friedhof.

    Passenderweise gründet Luther ein Bestattungsunternehmen, gestorben wird ja immer, baut aber gleichzeitig Hütten auf seinem Areal und lässt dort seine schwarzen Mitbürger einziehen. Unter genauesten Regeln verpachtet er ihnen Land für 1001 Jahre und diese günstigen Bedingungen lassen Linden Hills über die Jahre prosperieren.

    Auffälig ist nicht nur, dass dem Gründer Luther Nedeed 4 Generationen Luther Nedeeds folgen, sondern auch die Umkehrung der lokalen Verhältnisse. Je weiter die Häuser den Hügel hinunter und in Richtung Luthers abgeschottetem Grundstück kommen, umso größer scheint der Luxus und der Wohlstand seiner Bewohner zu sein. Die Nähe zu Luther Nedeed wird zum Synonym eines erfolgreichen Lebensstils.

    Durch diese Vorgeschichte und dem Hinweis, dass nach 150 Jahren beim letzten Luther Nedeed und seiner Frau etwas furchtbar schief gelaufen ist, steigt das Buch nach wenigen Seiten an einem 19. Dezember der 1980er ein und lässt den Leser die 6 Tage vor Weihnachten mit den zwei Jugendlichen Willie und Lester den Hügel hinab, auf der Suche nach Gelegenheitsjobs, tief in die Abgründe einer Gesellschaft blicken, die dem Vorhof zur Hölle zur Ehre gereichen würden.

    Da, wo ein unbedarfter Leser vielleicht nur Rassismus und Frauenhass sieht, versteht es Gloria Naylor tief zu graben und den Blick hinter eine atemberaubende, skurrile Kulisse zu werfen. Sie kehrt das Unterste nach oben, sie lässt eskalieren und mit Pastor Hollis, die letzte Barriere gegen das Böse, um die Seelen der Verstorbenen kämpfen. Willie und Lester werden mitten hinein gezogen in diesen Sumpf aus Zahlensymbolik und Namensassioziationen. Am 24. Dezember schließt sich der Höllenkreis.

    Das faszinierende an dieser Lektüre sind das gänzliche Fehlen von Unwahrscheinlichkeiten, oder Magie. Mit feinstem Gespür für Spannung und Andeutungen entfaltet Gloria Naylor ein Triptichon von Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Frau gegen Mann, oder Kunst gegen Kommerz, Freiheit gegen Vertrag, Verstand gegen Lifestyle. Es ist egal, denn jeder Leser darf sich selbst entscheiden, ob er zuschaut, oder sich ein Haus auf Linden Hills erbaut.

    Aufbau und Sprache haben mich überzeugt und die Faszination Gloria Naylor hält vor! Von mir gibts eine unbedingte Leseempfehlung.

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  1. Paradiese verkehren sich leicht.

    Kurzmeinung: Jede Menge Stoff für den Grips. Aber auch unvernähte Fäden.

    Eigentlich kenne ich nicht viele schwarze Autoren, von James Baldwin einmal abgesehen, den wohl jeder „kennt“, zumindest ein echter Bibliophiler muss Baldwin wenigstens einmal gelesen haben. Aber darüber hinaus? Ja, ich kenne ein paar schwarze Autoren, aber man kann sie an zwei Händen aufzählen. Schon von daher ist es ein Verdienst des Unionverlags, Gloria Naylor (1950-2016) aufzulegen.

    Gloria Naylors Linden Hills, das bewusst an die Allegorie von Dantes „Die Göttliche Komödie“ angelehnt ist, wofür eigentlich nur der Teil „Inferno“ eine Rolle spielt, ist allerdings keine leichte Kost. Nicht alle Bilder werden vom Leser entschlüsselt werden können und viele teuflische Anspielungen bleiben eben das, reine Anspielungen und finden kein Ziel. Viele Fragen finden keine Antwort. Was fasziniert Gloria Naylor so sehr an der Hölle?

    Um in medias res zu gehen: Linden Hills ist eine verkehrte Welt oder eine Welt, wie sie eigentlich sein sollte. Ansichtssache. Dort wohnen nämlich nur schwarze Menschen. Und zwar die, die es zu etwas gebracht haben. Dafür verantwortlich zeichnen die männlichen Nedeeds, die alle von 1820 bis 1980 in einer Reihe stehen, man kann und soll sie nicht unterscheiden und deren jeweils einziger männlicher Nachkomme den Namen Luther trägt. Ein Luther Nedeed folgt dem nächsten.

    Der erste Nedeed erwirbt ein großes Stück Land, das eigentlich nur aus einem riesigen Hügel besteht, als landwirtschaftliche Fläche völlig nutzlos. Aber die Luthers errichten Wohnstätten, zunächst sind es einfache Holzbauten, kaum mehr als Hütten. Mit dem Aufstieg der schwarzen Bevölkerung, durch Stipendien und Darlehen durch die Nedeeds gefördert, wachsen sie in (Aus)Bildung und Wohlstand und so wandeln sich die Hütten erst zu stattlichen Häusern, dann zu luxuriösen Villen. Jetzt können wir uns diesen Hügel vorstellen! Ein mit Villen bebauter Berg! Gleich denken wir an Los Angeles.

    Dank einer raffinierten Klausel dürfen sowohl Land wie auch Immobilien immer nur an weitere schwarze Menschen verkauft werden, so entsteht inmitten des weißen Wayne County eine Enklave einer schwarzen Elite. Eigentlich ein Paradies. Aber dann entgleitet den Luther Nedeeds ihre Idee und verkehrt sich in ihr Gegenteil. Ist es nicht immer so, wenn Menschen ein Paradies planen, dass es sich alsbald ins Gegenteil verkehrt?

    Der Kommentar:
    Der Roman, der mit einem phantastischen historischen Eingangskapitel glänzt, bekommt bald den Touch eines im Hintergrund ablaufenden Thrillers. Eine gespenstische Atmosphäre baut sich auf. Das Unheimliche lauert im Abgrund. Dort, wo die Luthers wohnen, im letzten Kreis der Hölle, äh, am Fuß des Hügels.

    Gloria Naylor verblüfft in mancherlei Hinsicht. Erstens sind die Bösewichte nicht die Weißen. Sehr richtig beschreibt sie, dass das Böse und das Korrupte in uns allen wohnt. Es ist ein Riesenverdienst, dass sie das Paradies, das sich in sein Gegenteil verkehrt, nicht in einem weißen Milieu spielen lässt, sie widersteht dieser Versuchung, die groß gewesen sein muss. Zweitens kreiert sie eine subtile unheimliche Atmosphäre, man glaubt sich in einer Kurzgeschichte von Edgar Alan Poe wiederzufinden. In den Lebensläufen einiger Bewohner, die sie uns vorstellt, glänzt sie durch Originalität.

    Handlung findet dadurch statt, dass die beiden jungen Schwarzen Lester und Willie sich kurz vor Weihnachten als Handlanger quer durch Linden Hills verdingen. Dadurch kommen sie mit vielen Bewohnern von Linden Hills in Berührung, wodurch auch die Leserschaft sie kennenlernt. Aber nur einer von beiden, Willie, bemerkt, dass mit Luther Nedeed etwas nicht stimmt, denn Willie wohnt nicht in Linden Hill, sondern in einem Bezirk knapp darüber. Wer in Linden Hills wohnt, ist blind für die Geister, die in Linden Hills hausen.

    So gespenstisch echt die Atmosphäre ist, die Gloria Naylor in ihrem Roman aufbaut, so schwierig ist die Deutung ihres Romans insgesamt. Er ist gespickt und aufgeladen mit religiösen Elementen. Reinigendes Feuer bringt Erlösung. Der Roman endet am 24. Dezember. Man denkt an das Christkind.

    Fazit: Die Idee des Romans finde ich faszinierend. Die Mischung zwischen fiktiv- historischem Roman, Gruselgeschichte, Thriller und Mystik ist etwas Neues. Die vielen religiösen Motive machen den Roman jedoch auch schwer greifbar. Vielleicht hat sich Gloria Naylor doch ein bisschen verhoben als sie ihren Roman mit der Göttlichen Komödie in Verbindung brachte. Obwohl, es ist ja tatsächlich eine göttliche Komödie, wenn der Mensch sich imstande glaubt, ein Paradies zu schaffen. Bisher ist das noch immer in die Hose gegangen.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman.
    Unionsverlag, 2022

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