Lil: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Lil: Roman' von Markus Gasser
4.5
4.5 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lil: Roman"

Die brillante Unternehmerin Lillian Cutting ist so erfolgreich und unabhängig, wie es eine Frau um 1880 nur sein kann. Auf ihrem eigensinnigen Weg nach oben hat sie gegen alle gesellschaftlichen Konventionen verstoßen und ganz New York gegen sich aufgebracht. Dort ist man sich einig: Diese Frau muss verschwinden. Ein für alle Mal. Koste es, was es wolle. Dabei hätten alle damit rechnen können, dass Lil ihre Freiheit, ihre Würde und ihr Vermögen niemals opfern würde. Und als es so weit kommt, dass es um ihr nacktes Überleben geht, dreht "Lil the Kill" den Spieß um. Sie ist eine Ausnahmeerscheinung im New York um 1880, nicht nur unter den herrschenden Familien der Stadt, den Belmorals und Vandermeers: Lange Zeit hat die Eisenbahnmagnatin Lillian Cutting, an der Seite ihres loyalen Mannes Chev, mit ihrem exzentrischen Führungsstil noch die kühnsten Spekulanten überflügelt. Und sich mächtige Feinde gemacht. So scheint es ihrem Sohn Robert nach Chevs Tod ein Leichtes, Lillian mit Hilfe eines sendungsbewussten Psychiaters zu entmündigen und in eine geschlossene Anstalt wegsperren zu lassen. Aber Lil nimmt den Kampf auf - gegen eine Gesellschaft, die Eigensinn als Krankheit denunziert. Rasant, komisch und unerschrocken schildert Markus Gasser, wie eine furchtlose Frau an ihren hochmütigen Peinigern fantasievoll Rache nimmt. «Lil» ist eine universelle Geschichte voller Zorn und Trost über die Jagd nach dem großen Geld, listige Söhne und unversöhnliche Töchter, das Recht auf den eigenen Lebensentwurf und über Machtkämpfe, wie wir sie heute noch führen - erzählt von Lils Nachfahrin Sarah, die mit den verfänglichen Methoden der Psychiatrie noch eine ganz persönliche Rechnung offen hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406813757

Rezensionen zu "Lil: Roman"

  1. Gesammelte Widerwärtigkeiten

    Selten habe ich ein Buch in der Hand gehabt, wo das Cover so super zum Inhalt passt. Und schön gestaltet ist es auch. Das kommt ja m. E. neuerdings nicht so oft vor.

    Zum Inhalt: Wir springen hier von etwa 1880 bis in die Gegenwart – mehr oder weniger. Ein Fundstück im Bauschutt bringt Sarah, die Nachfahrin der Protagonistin, zum Erzählen. Dabei tauscht sie sich oft – etwas gewöhnungsbedürftig zu Anfang – mit ihrer Dobermann-Hündin Miss Brontë aus.

    Aber hauptsächlich geht es hier um Sarahs Großmutter, mit vierfachem „Ur-“ vorneweg (S. 12). Diese geschäftlich sehr, sehr erfolgreiche Vorfahrin heißt Lilian Cutting und wir erfahren von den gesammelten Widerwärtigkeiten, die ihr im Verlauf dieser Geschichte angetan werden. Und wie sie es schafft, das Ungemach elegant wieder abzuwenden.

    Als Lils geliebter Ehemann Chev stirbt – und möglicherweise wurde er von seinem eigenen Sohn Robert vergiftet – ist Lil auf sich allein gestellt. Mehr oder weniger jedenfalls, denn Freunde hat sie nicht viele, von Jay und Colby Sandberg einmal abgesehen. Feinde hat sie dafür umso mehr und ihr größter Feind ist ihr eigener Sohn Robert. Denn Robert ist gierig und unfähig dazu und will an Lils Vermögen und dafür ist er zu jeder Schandtat fähig, sogar zum Mord. Aber zunächst wird Lil bei einem freiwilligen Besuch in der Nervenheilsanstalt Hops Island überrumpelt und gleich dabehalten. Der tonangebende Psychiater Matthew Fairwell nimmt sich unglaubliche Freiheiten heraus, um Lil zu demütigen und mit Morphium zu destabilisieren. (Ab S. 64) Lils schriftlicher Hilferuf per Brief an ihre Freundin Colby Sandberg fällt der Fairwellschen Zensur zum Opfer und landet irgendwo im Keller von Hops Island. Dort wird er dann etwa 140 Jahre später aufgefunden und gelangt in Sarahs Hände.

    Die Dekadenz der reichen und mächtigen Belmorals und Vandermeers im historischen New York wird hier allerfeinst beschrieben. Aber eben auch, wie souverän Lil es schafft ihren eigenen Sohn zu besiegen und schon allein rhetorisch regelrecht platt zu walzen.

    Es geistern noch andere Figuren durchs historische NY: So etwa Cora, Roberts Ehefrau, deren gemeinsame Tochter Libby und ein Asiate, Patenkind Zhu Cheng. Wichtige Rollen spielen noch Emma Golding und der Richter Stamford Brook.

    Wir können vermuten, dass der Verfasser der Flach-Erde-Theorie zugeneigt ist und auch vom Gendern nicht viel hält. „Noch hielt sich ein kitschgelber Mond stur an dem Wirrwarr der Telegraphendrähte fest, einfach, weil er es satthatte, schon wieder unter die Erdscheibe gedrängelt zu werden.“ (S. 120)

    Oder im privaten Zuhause überlegt der Richter mit seiner Frau, wie er mit der Anwältin Colby Sandberg umgehen soll: „Soll ich sie wie eine Frau behandeln oder wie einen Mann? Oder ist in letzter Zeit etwas Drittes hinzugekommen?“ (S. 125)

    Fazit: Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten in den Roman herein zu finden, durch den etwas überambitionierten Schreibstil. Fand dann aber zunehmend mehr Vergnügen daran. Wer gerne einmal Ungewöhnliches liest, der ist hier – fern vom Einheitsbrei – genau richtig. 4 Sterne.

  1. Wer zuletzt lacht...

    Markus Gasser war mir als Literaturkritiker schon längst ein Begriff insbesondere aucdhie Ausführungen Sarahs aufgrund des überaus ansprechenden youtube Kanals "Literatur ist alles". Voller Vorfreude began ich seinen neuesten Roman "Lil" zu lesen. Es handelt sich um einen recht schmalen Roman, der im 19. Jahrhundert spielt und die Geschichte Lilian Cuttings erzählt - einer überaus erfolgreichen Unternehmerin, die sich gerade deswegen auch sehr viele Feinde gemacht hat. Schnell wurde mir klar, dass ich ein sehr besonderes Buch las, denn u.a. kommt der Hund Bronte zu Wort, der die Ausführungen Sarahs zu Lils Geschichte klug kommentiert. Ich wollte das Buch von Anfang an mögen, tat mich aber unglaublich schwer, in das Buch hineinzufinden und mich ganz darauf einzulassen. Dies ist jedoch primär auf ungünstige Leseumstände zurückzuführen.

    Es brauchte mehere Anläufe, doch am Ende konnte ich die Geschichte mit ihrem spitzen, teils von Satire getränkten Tonfall endlich stärker genießen und wertschätzen. Denn der Autor Markus Gasser überzeugt mir viel Sachkenntnis, Schreibkunst und überbordender Phantasie. Man kann dem Roman soo viel entnehmen, wenn man ausreichend Muße hat, sich voll und ganz hineinziehen zu lassen. Gut gefallen hat mir die bissige Gesellschaftskritik der New Yorker high society zur Jahrhundertwende. Erfolgreich zu sein, hat seinen Preis. Das erfährt Lilian Cutting am eigenem Leib. Nach dem Tod ihres Mannes scheint die Stunde derer zu schlagen, für die sie ein Dorn im Auge war: Es ist ihr eigener Sohn Robert, der vorgibt, sie könne sich in einer Klinik vom Trauerschmerz erholen und wieder zu Kräften kommen. In Wahrheit jedoch lässt er seine Mutter mit der Hilfe eines Psychiaters entmündigen. Allerdings macht er diese Rechnung ohne seine Mutter, die noch genug Kraft und Durschlagkraft hat, sich zur Wehr zu setzen. Und so beginnt ihr groß angelegter Rachefeldzug, bei dem jeder sein Fett weg bekommt.

    Der Roman ist alles andere als eine leichte Kost. Es steckt so viel drin, dass man Zeit und Muße braucht, die vielen Impulse und Anspielungen auch verarbeiten zu können. Dahinter versteckt sich jedoch eine große schriftstellerische Kunst. Eine Fundgrube für alle, die anspruchsvolle Literatur lieben und ein Buch, zu dem es sich lohnt, sogar des öfteren wederzukehren. In jedem Fall eine Lesefreude undein Buch, das ich gerne weiter empfehle.

  1. 5
    03. Mär 2024 

    Lil - die Geschichte einer eigensinnigen Frau

    In eine Welt der höheren Gesellschaft in New York im Jahre 1880 überführt uns Markus Gasser in seinen neuesten Roman „Lil“.

    Es war nicht leicht den Gepflogenheiten der damaligen Reichen und Schönen zu entsprechen. Lil Cutting, selbst vermögend und als Unternehmerin sehr erfolgreich, bekam dies auf eigenem Leibe zu spüren. Mit ihrem exzentrischen Führungsstil und fortschriftlichen Ansichten hat sie die in New York herrschenden Familien gegen sich aufgebracht.

    Zu ihren erbittertsten Feinden gehörte auch ihr einziger Sohn Robert, der nach dem Tod seines Vaters das gesamte Erbe übernehmen wollte. Dem hinterlistigen Robert gelang es leicht Lil in eine psychiatrische Klinik einsperren zu lassen und alles in die Wege zu leiten, um sie zu entmündigen.
    Das Aufgeben kam für Lil jedoch nicht in Frage; ein Kampf ums Überleben begann.

    Im Sommer 2017 findet man Lils letzten Brief – ein Hilferuf, die Verwaltung der psychiatrischen Klinik beschlagnahmt und nie abgeschickt hat. Der Brief ist für die Journalistin Sarah, eine Nachfahrin von Lil, ein Anlass um die ganze Geschichte zu erzählen.

    Ein lebendiges Bild der erlauchten Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts präsentiert Markus Gassner in seinem Roman. Die edlen Damen und Herren der vornehmen Gesellschaft waren jedoch alles andere als fein. Es herrschte ein Kampf um Macht und Geld, ein Kampf voller Missgunst, Neid und Heimtücke. Eine Frau wurde nur dann als ebenbürtig akzeptiert, wenn an ihrer Seite ein starker Mann stand. Unter dem Mantel der Barmherzigkeit und Wohltätigkeit verbargen sich die Respektlosigkeit gegenüber den Bedürftigen und das Streben nach Anerkennung der eigenen Überlegenheit.

    Auch die eigene Familie bat oft keine Unterstützung. Das beste Beispiel dafür ist Robert, der - ohne Geld - keine Liebe für seine Mutter empfinden konnte. Jedes Mittel war ihm recht, um an das Vermögen seiner Eltern zu kommen.

    Einen wichtigen Part der Geschichte nimmt die psychiatrische Behandlung der Frauen in der Klinik von Doktor Fairwell. Diese Passagen sind meistens schwer zu ertragen, sie wecken starke Emotionen, das ganze Leid der misshandelten Lil berührt sehr.

    Eine Genugtuung bieten dann die Worte, die sie an ihren Psychiater richtet: „Irrenhäuser werden gebaut, (…) weil sich ein paar Dilettanten mit drei Semestern Medizinstudium im Rücken einbilden, sie wüssten, was in den Köpfen anderer vorgeht. Und da die Irrenhäuser nun einmal da sind, muss man sie eben auch mit Irren fühlen, obwohl keiner dieser sogenannten Irrenärzte mit Sicherheit sagen kann, wer irre ist und wer nicht.“ (49)

    Scharfsinnig und humorvoll sind Sarahs Gespräche mit ihrer Hündin Miss Brontë, der sie die ganze Geschichte erzählt. Die Hündin spendet der krebskranken Sarah Trost und Unterstützung, ihre pfiffigen Kommentare sind einfach genial und lockern das schwierige Thema auf.

    Die Geschichte über Lil Cutting ist fiktional, doch genauso wie damals, gibt es auch heute viele Frauen, die das ähnliche Schicksal erleiden müssen. „Lil“ ist ein vielschichtiger, kluger Roman, über viele wichtigen Themen, die immer noch brisant sind. Dank der lebendigen und anschaulichen Erzählweise des Autors ist der Roman ein wahrer Lesegenuss, den ich wärmstens empfehlen kann.

  1. 5
    26. Feb 2024 

    Lil - eine Frau, erfunden aber sehr real

    Markus Gassner erzählt in “Lil” die Geschichte einer fiktionalen Amerikanerin, und er tut das so authentisch und lebendig, dass man als Leser eigentlich davon ausgehen muss, dass diese Person doch wirklich gelebt hat.
    Lil ist Lillian Cutting, deren reicher, erfolgreicher Ehemann Chev vor einiger Zeit verstorben ist. Mit ihm gemeinsam konnte sie – sich wohl immer ein wenig im Hintergrund haltend – ein ausgefülltes Leben in der New Yorker Business-Welt leben. Nun fehlen die versteckenden männlichen Schultern und sie steht im vollen Rampenlicht der Business-Bühne, tough, erfolgreich, unerschrocken. Doch kann das sein? Ist sie doch eine Frau und sollte – so die Erwartung der Gesellschaft - das Heim hüten und die Kinder unterstützen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der einzige Sohn – natürlicher Nachfolger in den Fußstapfen seines Vaters – wird enterbt und an die Seite gedrängt. Sie selbst stellt sich ins Rampenlicht und eckt damit allüberall an.
    Die Geschichte der Lil erzählt in Gassners Roman Sarah, eine späte Nachfahrin von Lil, die diesen Teil der Familiengeschichte schreibend aufarbeiten möchte. Mit ihr streift der Leser immer wieder durch die Gegenwart New Yorks auf den Spuren nach Lil und ihrem Leben, in dem sie für die Zeit, in der sie lebte, einfach zu wenig Frau war und deren „männliche“ Lebensweise nur als abwegig und widernatürlich gelten konnte.
    ‚Die naturgegebenen und damit moralischen Gegensätze zwischen Männern und Frauen‘, spann Fairwell seine Gedanken weiter, ‚sind in ihrem Gehirn pathologisch aus den Fugen geraten. Eine Frau will sie, gegen ihre Natur, nicht sein. Ein Mann ist sie von Natur aus sicherlich nicht‘
    So schafft es der liederliche und geschäftlich erfolglose Sohn irgendwann, sie in die Fänge eines obskuren Psychiaters (Fairwell) und schließlich in die geschlossenen Räume einer Klinik zu verbannen. Dort wird sie ruhiggestellt, um ihrem männlichen Aktivismus den Garaus zu machen. Den nämlich sollen die richtigen, nämlich männlichen Protagonisten ausleben, bei denen es im Geschäftsleben nicht rau und rücksichtslos genug zugehen kann.
    Doch die Rache folgt auf den Fuß. Es gibt auch aufgeklärte und progressiv denkende New Yorker, die Lil zu ihrem rechtmäßigen Platz zurückverhelfen wollen. Ein Juristenehepaar, bei dem die Rollenverteilung der von Lil und Chev gleicht. Der eigentlich helle und aktive – weibliche - Kopf stellt sich in den Hintergrund, um von dort aus die richtigen Fäden zu ziehen und Dinge zu bewegen. So auch die Befreiung von Lil aus den Fängen der Psychiatrie über einen Aufsehen erregenden Prozess. Lil – wieder in Freiheit – nimmt ihre Aktivitäten wieder auf und übt auf geschickte Art und Weise Rache an allen, die ihr Böses wollten. Und ist dabei gewohnt erfolgreich.
    Fazit: Ein Buch, dass den Leser mit seinem ganzen Denken in eine Zeit und Gesellschaft entführt, die moralische Begründungen für unmoralische Denkungsarten finden konnte und sich dabei wohl fühlte. Dass dieses Handeln die Gesellschaft aber auch in eine Sackgasse zu führen drohte, wären da nicht Frauen wie Lil, die diesem unmoralischen Moralspiel die Maske vom Gesicht reißen konnten, wissen heute die meisten Menschen. Zum Glück also ist Lil selbst zwar Fiktion, sie hatte aber, glücklicherweise reale Vorbilder, an denen der Autor sich orientieren und sie als Vorbilder für seine literarische Figur nutzen konnte.
    Ein Lesevergnügen mit 5 Sternen.

  1. Der Emanzipation Widersacher...

    ...lauern im eigenen Nest und haben starke Verbündete.

    Lillian Cutting ist in New York der 1880er eine Ausnahmeerscheinung. Die kommenden Goldenen Zwanziger des nächsten Jahrhunderts vorwegnehmend, brilliert Lil mit Unternehmergeist und ist erfolgreiche Eisenbahnmagnatin. Die High Society akzeptiert leidlich ihre emanzipierte Position an der Seite ihres Mannes Chev. Doch als Chev verstirbt, wittert ihr Sohn Robert seine Chance zur Aufnahme in die Erlauchten Vierhundert der New Yorker Gesellschaft. Er will den Weg freimachen, an das vollständige Erbe seiner Eltern gelangen und Lil ruhigstellen. Die Gesellschaft sieht einer Wiederherstellung der alten, patriarchalischen Ordnung wohlwollend entgegen.
    Mit einer List gelingt es Robert, seine Mutter in die Manhattener Klinik von Doktor Matthew Fairwell einzuliefern. Diese Anstalt widmet sich explizit den angegriffenen Nerven von Frauen. Frauen, die sich vom harten Luxusleben erholen wollen, aber auch Frauen, die sich ganz und gar nicht den Normen entsprechend benehmen, zu laut geworden sind, sich nicht mehr unterordnen wollen. Eine erfolgreiche Behandlung, davon ist die Koryphäe Fairwell überzeugt, kann nur durch Ruhigstellung mit Drogen, in schweren Fällen aber auch mit einer Hysterek-, oder Lobo-tomie erfolgen.
    Nach einiger Zeit dämmert es Lil, dass sie ohne Hilfe dieses Sanatorium wohl nicht verlassen wird. Sie ahnt nicht, dass ihr Sohn Robert eng mit Fairwell zusammenarbeitet.
    Doch nicht nur der Feind sitzt in den eigenen Reihen, sondern auch Freund. So hat die freundliche Gesinnung wohl eine Generation übersprungen und eine emanzipierte Frau gibt es auch beim Anwaltsehepaar Sandberg, die ähnlich aus der Reihe tanzen, wie einst Chev und Lil.

    Eine spannende Befreiungsaktion beginnt, gefolgt von einem ausgeklügelten Rachefeldzug einer neu erstarkten Frau, die ihren Kampfgeist der übernächsten Generation vererbt. Dieser Geist lebt fortan in der Familie und reicht sich durch bis zur Ur-...Urenkelin Sarah, die diese Geschichte heuer niederschreibt, sich dadurch selbst den Mut zuschreibt, einer Fehldiagnose und einer vielleicht zu spät erfolgten Behandlung zu trotzen. Ihr zur Seite steht die Dobermann Hündin Miss Brontë, ihr spöttisch, mutig ins Wort fallend, aber auch die Geschichte selbst in eine fauna- und floraberedeten Dimension hebt und sie zu einer kraftspendenden, für Sarah überlebenswichtigen Katharsis verhilft.

    Markus Gasser ist eine anspielungsreiche, die Literatur spiegelnde, schelmische Fiktion gelungen, die mit spitzer Feder knallharte Emanzipations- und Medizingeschichte im Realen skizziert. Lil bildet dabei das Schlüsselloch, durch das wir auf einen erlauchten, erdachten (oder doch tatsächlichen?) Kreis blicken können, aber sogleich die großen Dimensionen des Wahrhaftigen mit Erschauern erahnen lässt. Eine (noch) viktorianische Kulisse, die ihre Arme ausstreckt, in eine Zeit, in der die Haare kürzer, die Kleidung zwangloser wird, wie es das Buchcover aus dem C.H.Beck Verlag offenbart.

    Wer mag, darf sich mit den ernsten Themen auseinandersetzen, nach Parallelen in Namen und Orten fahnden, sich über vergangene Entsetzlichkeiten aufregen. Aber man kann das Buch auch einfach nur genießen und sich an ausgeklügelte Formulierungen erfreuen, die einen "Spaß-"Leser, wie mich, aufjuchzen lassen, wenn ich im Seymour Floyd einen Sigmund Freud entdecke und Miss Brontë mit mir schon Bekanntschaft über Jane Eyer geschlossen hat.

    Spannend, kurzweilig und sehr, sehr gehaltvoll in viele Richtungen. Bravo!

  1. "I vowed revenge" - weibliche Rache, Eleganz und Leseglück

    „Lil“ hat einfach alles, was ein Roman braucht: eine humorvoll-ironische Erzählerfigur, eine packende Geschichte, die höchst elegant in den historischen Kontext eingebettet wird, sprachlich überraschende Formulierungen und eine äußerst fein eingewobene Intertextualität.

    Sarah, die Erzählerfigur, berichtet ihrer Hündin, die auf den überaus passenden Namen Miss Brontë hört, von den reiferen Jahren ihrer Vorfahrin Lil Cutting, einer Unternehmerin im New York des Gilded Age, also der 1880er Jahre. Lil, deren Beschreibung zu Beginn so authentisch wirkt, dass man auf Google nach einer realen Lil Cutting zu suchen beginnt, wird auf Betreiben ihres Sohnes Robert in ein Erholungsheim eingeliefert, welches sich bei genauerer Betrachtung als Anstalt zum „Wegsperren“ von Damen der Oberschicht, die sich nicht gesellschaftskonform verhalten, entpuppt. Nach ihrer Entlassung beschließt Lil sich an den Personen zu rächen, die ihr ihre Selbstbestimmung streitig machen wollten.

    Der Racheroman ist allein erzähltechnisch schon eine große Freude. Der locker-leichte Ton, den Sarah anschlägt, sorgt ebenso wie die oft kritisch-trockenen Repliken der Hundedame (ja, der Hund kann sprechen – ich mag so etwas eigentlich nicht, hier ist es aber absolut passend und ein Riesenspaß) für hinreichenden comic relief, sodass die Geschichte trotz der thematisch durchaus gegebenen Schwere nie in eine Düsternis oder allzu große Schwere abrutscht. Natürlich sind einige Szenen durchaus unangenehm, aber die Einbettung in die entspannte Rahmenhandlung von Sarah im Verbund mit der gewählten Darstellungsweise sorgen für gute Erträglichkeit.

    Der Fokus des Romans ruht auf der Rolle der Frau bzw. den Erwartungen, die man an Frauen stellt. Wesentlich ist hierbei der Umgang mit Frauen, die sich nicht an die herrschenden Gender-Konzepte anpassen oder sich diesen unterwerfen wollen; sie wurden im 19. Jahrhundert (und nicht nur da), wie in „Lil“ eindrucksvoll und auf vielen Ebenen dargestellt, für ihr Verhalten bestraft. Allein von seiner Ausrichtung und seiner Figurenauswahl kann man „Lil“ deshalb getrost als feministischen Roman bezeichnen, eine Tatsache, die durch viele der erzählten Szenen und vor allem auch zahlreiche literarische Verweise untermauert wird. So schwingen bei der Lektüre einige Texte des 19. Jahrhunderts mit, in denen Frauen übel mitgespielt wurde. Abgesehen vom Feminismus ist Rache das zentrale Motiv des Romans und auch da verweist der Autor mit vielen kleinen Anspielungen auf andere Texte. So wird der Roman zur Schnitzeljagd für Literaturbegeisterte, die sich über jede Referenz diebisch freuen dürfen. Aber auch für Leser, denen sich die Hinweise nicht erschließen, ist der Roman ein Genuss, denn „Lil“ macht zwar auf jeder Seite das äußerst umfassende Hintergrundwissen des Autors deutlich, wirkt dabei aber nie überladen oder belehrend. Es ist einfach ein ganz, ganz großer Lesespaß zu einem überaus wichtigen Themenkomplex, welcher durch seine Erzählweise und seine Bezüge zu weiteren wesentlichen Aspekten wie Rassismus aus einem historischen Inhalt einen sehr aktuellen Kommentar zu unserer Gegenwart macht.

    Für mich ist „Lil“ schon jetzt ein Jahreshighlight, ein absolut gelungener Roman, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, dabei aber seinen Leser wertschätzt. Ein Text, der durch Eleganz und Hintergrundwissen glänzt, aber niemals von seiner eigenen Cleverness begeistert ist. Eine ganz große Leseempfehlung für alle Leser, die anspruchsvoll und gut unterhalten werden wollen. Es lohnt sich sehr!

  1. 5
    15. Feb 2024 

    Vergnügliche Lektüre trotz ernsten Themas

    2017 stößt Sarah Cutting auf einen bis dahin verschollenen Brief ihrer Vorfahrin aus dem Jahr 1880. Dieser Brief ist ein Hilferuf der millionenschweren Eisenbahnmagnatin Lillian Cutting, genannt Lil, aus der geschlossenen psychiatrischen Klinik, in die sie nach dem Tod ihres geliebten Gatten Chev von ihrem Sohn Robert abgeschoben wurde. Ziel dieser Abschiebung ist die Entmündigung der äußerst klugen und geschäftlich enorm erfolgreichen Lil, denn Chev, wie seine Gattin steinreich, hatte den charakterlich verkommenen, verlogenen und intriganten Sohn Robert enterbt.

    Der Aufenthalt Lils in der Hops Island genannten Luxusklinik ist ein einziges Martyrium. Der leitende Psychiater diagnostiziert bei Lil eine schwere psychische Störung, sie wird sediert, ihrer Freiheit beraubt und schweren, entwürdigenden Mißhandlungen ausgesetzt.

    Soviel zur ernsten Thematik des Romans. Lils Geschichte wird anhand des wiedergefundenen Briefs durch Sarah aufgerollt. Und das auf sehr vergnügliche Weise, indem Sarah ihrer Dobermannhündin Miss Bronte davon berichtet und Miss Bronte dies teils humorvoll, teils sarkastisch kommentiert. Mir hat dieses Zwiegespräch zwischen Sarah und ihrer Hündin sehr gefallen. Welcher Tierfreund wünscht sich nicht, dass sein Gefährte, sei es Hund, Katze oder sonstiges Getier, ihm in menschlicher Sprache antwortet ? Zudem ist auch Sarah u. a. durch beruflichen Unbill psychisch angeschlagen und an einem Tumor erkrankt und erfährt durch die Gesellschaft ihrer Hündin seelische Linderung.

    Deutlich wird, dass die zu Lils Zeiten männerdominierte Gesellschaft die Intelligenz und Furchtlosigkeit und den daraus resultierenden geschäftlichen Erfolg von Frauen als Bedrohung wahrgenommen hat. Der Autor entlarvt zudem am Beispiel der "erlauchten oberen vierhundert" der New Yorker Gesellschaft der Jahre 1880 ff. die Dekadenz, Exaltiertheit, Arroganz und Heuchelei dieser unvorstellbar reichen, im Luxus schwelgenden Clique. Diese Gesellschaftskritik hat deutliche Bezüge zur heutigen Zeit, unwillkürlich zieht der Leser Parallelen zur Welt der Reichen und Schönen, der Finanzspekulanten, des Hochadels unserer Tage.

    Die Handlung des Romans entwickelt sich schließlich zu einem Rachefeldzug der befreiten, aufgrund eines gerechten Richterspruchs doch nicht entmündigten Lil. Lils Rache ist grausam. Sie richtet sich mit ganzer Härte gegen ihren eigenen Sohn Robert und seine willfährige Entourage und ich habe Genugtuung für das Lil angetane Unrecht empfunden. Geradezu märchenhaft mutet das endgültige Schicksal des missratenen Sohnes und des Peinigers Lils in der Gestalt des Leiters der psychiatrischen Klinik an, so grausam, wie eben auch Märchen sind.

    Das alles wird in einer teils altertümlich gediegenen, teils sehr poetischen und teils humorvoll anmutenden Sprache erzählt. Sehr gefallen haben mir trotz aller damit assoziierten Dekadenz die Beschreibungen der erlesenen Speisen und Getränke. "Frikadelle vom Seehecht mit Petersilie, Kreuzkümmel und Koriander in blubbernder Tomatensauce" war noch eines der einfacheren Gerichte ! Genauso genossen habe ich Sätze wie den folgenden, der den Wendepunkt in Lils Geschichte nach dem Richterspruch und den Beginn ihres Rachefeldzugs markiert: "...und ein Bussard schnitt bei seinem letzten Flug den glücklich aufgehenden Vollmond jenes dritten Mai 1880 mitten entzwei."

    Ich vergebe 5 Sterne für diesen sehr lesenswerten Roman.

  1. Ein bewegendes Bild einer starken Frau

    Lillian Cutting, eine bewundernswerte Frau, die um 1880 enorm erfolgreich war, wird zum Mittelpunkt dieses Romans, der aus der Sicht der Ahnin Sarah Cutting erzählt wird, die in der heutigen Zeit anzusiedeln ist. Der Leser erfährt direkt zu Beginn, dass Sarah sich von einer Krebserkrankung erholen muss, doch es ist ihr wichtig über das Leben ihrer Verwandten zu berichten. Ein lange verschollener Brief ist der Auftakt zu einer ergreifenden Geschichte, in der erzählt wird wie Lil von ihrem eigenen Sohn Robert in eine Anstalt verklappt wird, um sie zu entmündigen, um an ihr Geld zu kommen. Sein Vater hat seinen Charakter richtig erkannt, und vor seinem Tod alles geregelt, damit sein Sohn nicht über das gesamte Vermögen verfügen kann. So bleibt ihm nur dieser Ausweg, und es wird ihm sehr leicht gemacht, denn der Anstaltsleiter spielt mit, und hat obendrein für heutige Zeiten schreckliche Thesen und Methoden parat.
    Lil scheint für viele Männer der damaligen Zeit eine Bedrohung darzustellen, sie ist klug und erfolgreich, was sich mit ihrer eigentlichen Bestimmung als Mutter in deren Augen nicht vereinbaren lässt. Ein Frauenbild, dass der Zeit sicher angemessen ist.
    Doch es kommt anders. Robert wird in seine Schranken gewiesen und Lil kann auftrumpfen.

    Dieser Roman spielt mit vielen Facetten der damaligen Zeit, einige Personen ähneln realen Vorbildern, vieles regt zum nachdenken an. Es hat Spaß gemacht dieser starken Frau zu folgen. Hervorgehend aus den Eindrücken von Sarah, die mit Miss Brontë, ihrem Hund, alles sehr auflockert, und ein fundiertes Bild der Geschehnisse liefert.
    Die Willkür, die Lil in der Anstalt widerfahren ist, spiegelt sich auch in Sarahs Vita wieder, etwas was diese beiden Frauen verbindet. Folglich wird eben dieses System von Sarah in Frage gestellt, wer sollte es ihr verdenken.
    Das Ende versöhnt, mehr möchte ich nicht dazu sagen, schließlich soll jeder Leser sich selbst ein Bild von diesem eindrucksvollen Werk machen können.

  1. Ein intelligentes, spannungsreiches Lesevergnügen

    Die erfolgreiche Journalistin Sarah Cutting hat nach Krebsdiagnose und -therapie den Lebensmut fast verloren, als sie die Nachricht erhält, dass ein verloren geglaubter Brief ihrer Vorfahrin Lillian Cutting endlich aufgetaucht ist. Er bildet das letzte Puzzlesteinchen, das es Sarah ermöglicht, Lils Geschichte aufzuschreiben, die universell ist, die in jener Zeit um 1880 aber überall genau so hätte stattfinden können. „Ich grabe sie aus, um sie für mich zu begraben. Ich blicke zurück, um nicht nach vorne blicken zu müssen. Danach muss ich weit, weit weg…“ (S. 10) Sarah ist versehrt, noch immer wird sie von quälenden Kopfschmerzen geplagt, die sie nachts durch die Straßen New Yorks streifen lassen. Stets wird sie begleitet von ihrer Dobermannhündin Miss Bronte. Sie ist Sarahs Sparringspartnerin und Reflexionsfläche, mit der sie im lebhaften Austausch steht. An Sarahs Tonfall muss man sich zunächst gewöhnen, er ist bissig, sarkastisch und ironisch. Sarah erzählt Lils Geschichte aus einem inneren Bedürfnis heraus, so dass man sofort spürt, dass beide Frauen ein ähnliches Schicksal verbinden könnte.

    Millionenerbin Lillian Cutting war zu ihrer Zeit eine Legende. Gemeinsam mit Ehemann Chev herrschte sie über ein Firmenimperium. Sie war kluge Geschäftsfrau. Ihr Wort hatte Gewicht, sie ließ sich nicht einschüchtern und agierte selbstbewusst. Genau das stand ihr aber nach der landläufigen Meinung nicht zu. Frauen hatten sich in ihre gottgegebene Rolle als zurückhaltende Ehefrau und Mutter zu fügen. Die New Yorker High Society schaute nur verächtlich auf Lil herab. Nach dem Tod von Lillians geliebtem Gatten Chev, der noch zu Lebzeiten die Enterbung des gemeinsamen Sohns Roberts verfügte, wird Lil mit Hilfe einer Intrige ins psychiatrische Sanatorium von Dr. Matthew Fairwell eingewiesen. Was ihr hier widerfährt, ist an Würdelosigkeit kaum zu überbieten. Es ist erschreckend und doch symptomatisch für die Zeit: Frauen, die nicht der männlich definierten Norm entsprachen, die eigenwillig waren, die sich nicht mit ihrer vorgesehenen Rolle abfinden konnten, landeten mit Verdacht auf „Hysterie“ im Irrenhaus. Lillian wird unter Medikamente gesetzt. Robert möchte sie mit Handlanger Fairwell brechen und entmündigen lassen, um Macht über das Familienvermögen zu bekommen. Zum Glück gibt es jedoch das Anwaltsehepaar Jay und Colby Sandberg, die den Kampf für die Gerechtigkeit aufnehmen.

    Markus Gasser zündet über seine Erzählerin Sarah ein regelrechtes Ideenfeuerwerk, indem er einen rasanten, furchtlosen Rachefeldzug eröffnet, der seinesgleichen sucht. Stets in sarkastischem Ton gehalten, werden die Seilschaften des Geldes ebenso wie familiäre, rassistische oder misogyne Verstrickungen aufgedeckt. Die Verantwortlichen aus der dekadenten Oberschicht – und damit das System der Unterdrückung - werden auf höchst fantasievolle und unterhaltsame Weise bestraft.

    Die einzelnen Szenen mögen zwar märchenhaft oder überspitzt bis grotesk wirken, doch sind sie der Stimmung Sarahs geschuldet. Genau diese Rachefantasien geben ihr den Lebensmut zurück und spenden ihr Trost. Die historischen Figuren bleiben dabei vergleichsweise blass. Sie benötigen aber auch nicht allzu viele Facetten, denn es geht darum, ein universelles, in Teilen bis heute funktionierendes System zu entlarven, Paradoxien aufzudecken und überkommene Regeln ad absurdum zu führen. Die beiden Zeitebenen wechseln sich gut erkennbar ab. Man bekommt im Verlauf tiefe Einsichten in Sarahs schwierige Situation, so dass man immer mehr Verständnis für die sensible Erzählerin aufbringt.

    Auf der Handlungsebene funktioniert das ganz hervorragend. „Lil“ kann man wunderbar wegschmökern. Der flotte Plot hält kontinuierlich die Spannung und unterhält aufs Beste. Schaut man aber genauer hin, findet man in dem dichten Text einen bunten Reigen an sprachlichen Feinheiten, an Spiegelungen, Wortspielen, Analogien, Metaphern, an raffiniert ausgearbeiteten Szenen, die angefüllt sind mit unzähligen literarischen Anspielungen. Das Buch ist eine Fundgrube für Kenner der angloamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Dabei sind diese Andeutungen so dezent gesetzt, dass sie für das reine Textverständnis keine Rolle spielen. Man darf sie als reine Zugabe für diejenigen betrachten, die sie erkennen können und sich daran erfreuen. Sprachliche Vielfalt und Formulierungskunst sind faszinierend. Das gilt auch für die pointierten Dialoge, die jeder Figur eine eigene Stimme verleihen.

    Konzeptionell ist dieser Text wunderbar ausbalanciert. Lils Geschichte verknüpft sich stimmig mit der Rahmenhandlung, Anfang und Ende greifen perfekt ineinander. Das feministische Ansinnen ist unüberhörbar. Doch das Thema geht meiner Meinung nach weit über die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts hinaus. „Lil“ ist ein Roman, der sich generell gegen Ausgrenzung und Intoleranz auf allen Ebenen wendet. Egal, ob Gender, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität, körperliche Beeinträchtigung oder vieles mehr: Niemand hat das Recht, sich über Menschen zu erheben, die nicht ins vermeintliche Raster passen. „Lil“ ist ein überzeugtes Manifest zu Gunsten von Diversität und Vielfalt.

    Äußerst geschickt gelingt es Markus Gasser, dieses äußerst aktuelle Anliegen ohne störende oder belehrende Botschaften in einen historischen Kontext zu setzen. Je länger man sich mit dem Roman beschäftigt, umso mehr feine Formulierungen und Zusammenhänge wird man finden. Chapeau!

    Riesige Leseempfehlung für diesen ambitionierten, umfassend recherchierten und überzeugenden Roman, der ein breites Publikum begeistern sollte!

  1. "Mein ist die Rache", spricht der Herr

    "Mein ist die Rache, ..., spricht der Herr".

    Dieser alttestamentarische Satz wird hier umgewandelt zu

    "Mein ist die Rache, ... spricht die Frau."

    Und in alttestamentarischer Härte geht es weiter: Aug um Auge, Zahn um Zahn.

    Drei Frauen in zwei Generationen üben Rache, und zwar jeweils mit den Mitteln, die sie am besten beherrschen.

    Lil – 1880 - rächt sich an ihrem Sohn für dessen Versuch, sie um ihre Lebensleistung, ihr Vermögen und ihre Freiheit zu betrügen. Sie ist ein wirtschaftlich-finanzielles Ausnahmetalent, und diese Mittel setzt sie ein: sie ruiniert ihren Sohn, gnadenlos und frei von jeder Empathie.
    Cora, Lils Schwiegertochter, rächt sich ebenfalls an Lils Sohn, und zwar emotional.

    Viele Generationen später und in der Jetzt-Zeit ist es Sarah, die Rache nimmt, und ihr Mittel ist die Literatur. Sie schreibt diesen Roman über ihre Ur-Ahnin, in deren Schicksal sie sich gespiegelt sieht. Beiden gemein sind die üblen Erfahrungen mit der Psychiatrie; in Lils Fall ist ein Psychiater der diagnoseflinke Helfershelfer für die Entmündigung, und in Sarahs Fall sind Psychiater verantwortlich für eine gravierende Fehldiagnose, die ihr Leben bedroht.

    Sarahs literarisierte Rache an Psychiatern und ihre große Wut zeigen sich in ironisch-sarkastischen Wendungen und vor allem einer karikaturesken Zeichnung von Lils Psychiater Fairwell. Dieser sarkastische Tonfall ist für sie offensichtlich die einzige Möglichkeit, mit ihrer Situation und ihrer Verzweiflung klarzukommen. Damit ist es nicht genug: sie nutzt die Möglichkeiten der Fiktion und lässt ihn auf höchst skurrile und unwürdige Weise enden. Ihre Freude an Fairwells üblem Ende ist unüberhörbar.

    Dass Sarah schreiben kann - diesen Beweis tritt der Autor auf jeder Seite an. Ein klarer Aufbau, witzige Bilder, temporeiche Passagen, sehr originelle Parallelszenen mit sprachlichen Verknüpfungen, gelungene Metaphern, Spannungsaufbau etc.: all das macht das Lesen zum Vergnügen. Dazu kommt eine Masse an literarischen Anspielungen, die dem kundigen Leser Spaß machen, aber den unkundigen Leser auch nicht im Regen stehen lassen. Der Autor führt seine Figur daher nicht nur als Schreibtalent vor, sondern ebenfalls als sehr belesene junge Frau, und ich hatte immer wieder den Eindruck, dass der Autor via Sarah mit seiner eigenen Belesenheit spielt.

    Insgesamt haben die Figuren wenig Tiefe, von Sarah abgesehen; die anderen Figuren wirken eher wie schablonierte Typen, die sich dem Ziel der Rache unterordnen.

    Der Roman überzeugt durch eine sichtlich intensive Recherche-Arbeit. Daher wird die Arbeit eines Psychiaters im ausgehenden 19. Jhdt dem Leser in plakativen Szenen präsentiert. Sarah aber lebt in unserer Zeit, und hier hätte ich mir eine stärkere Differenzierung gewünscht, um Sarahs Erfahrungen als singulär zu vermitteln und landläufige Vorurteile zu vermeiden.

  1. 3
    10. Feb 2024 

    Karikaturesk

    „Lil“, der neue Roman von Markus Gasser, hat ein Anliegen. Er ist nicht, wie man vermuten könnte, das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, sondern in erster Linie eine Abrechnung mit den misogynen Auswüchsen der Psychiatrie, wie sie im Handbuch der Diagnosen vor über 100 Jahren formuliert worden und offenbar noch bis heute im DSM zu lesen sind. Psychologen, Psychiater, Schulmediziner – niemand aus der Zunft der Heiler kommt gut weg in diesem Roman.

    Erzählerin der Geschichte Lils ist ihre Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin Sarah, von der bald klar wird, dass sie eine persönliche Rechnung mit dem patriarchalen Gesundheitssystem offen hat. Lils Geschichte einer erfolgreichen Rache an ebendiesem System zu erzählen, ist für Sarah ein Akt der Selbstermächtigung. Der Roman verbindet somit geschickt Historie mit Gegenwart. Die Art, wie sie erzählt wird, konnte mich allerdings nicht begeistern.

    Der Roman stellt quasi die Mitschrift der Unterhaltungen zwischen Sarah und ihrer Dobermannhündin Miss Brontë dar. Die Hündin hört nicht einfach stumm zu, sie fragt, sie antwortet und hat oft eine abweichende Meinung – der Roman steht hier in der Tradition vieler Geschichten um sprechende Tiere. Ein bisschen zu viel wurde es mir, wenn auch Rosen ihr Beschnittenwerden beklagten – wenn auch vielleicht nachvollziehbar, denn für die moribunde Sarah ist die ganze Welt beseelt. Sarahs Erzählton ist ironisch bis sarkastisch und hält eine schräge Balance zwischen Aneignung und Distanz; oft auch flapsig, was für mich mit den ernsten Themen einen Misston ergab. So manches Adjektiv empfand ich als schief oder gewaltsam originell, etwa wenn von „aufgebrachtem Verkehr“ oder „vergrämtem Stuck“ die Rede ist. Insgesamt waren mir Ton und Humor zu grell, was sich aus meiner Sicht auch ungünstig auf die Glaubwürdigkeit der geschilderten Übergriffe auswirkt.

    Denn was Gasser seine weiblichen Figuren erleiden lässt, ist so monströs, dass es an sich schon schwer zu glauben ist. Manche Schilderungen sind in ihrer Drastik schwer auszuhalten. Vor allem Leser:innen, die neu im Thema sind, macht es der expressive Stil womöglich zusätzlich schwer, den Realismus hinter den schrillen Szenen zu erkennen.

    Gassers Figuren wirken bis ins Schablonenhafte übersteigert; sie sind Platzhalter für bestimmte Typen. Vor allem die männlichen Antagonisten sind nur böse, die Frauen bis zur Lächerlichkeit angepasst. Lils Psychiater Fairwell mit seiner jovialen Misogynie ist ein Lex Luthor der Psychiatrie, nur nicht so genial. Lils Sohn Robert bleibt ähnlich flach: Den ganzen Roman hindurch habe ich mich gefragt, wie er so missraten konnte, aber der Text liefert hierfür keine Erklärung. Auch von Lil hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht, jenseits des Racheszenarios bleibt sie blass. Viele Szenen des Romans – auch die Gerichtsszene im Zentrum der Story – erinnerten mich an die Stilistik von Graphic Novels - viel Chiaroscuro, viel Drama, griffige Dialoge. Das hat hohen Unterhaltungswert, aber Grautöne sucht man vergebens.

    Es gibt eine Fülle oft witziger Bezüge, sowohl literarisch wie auch historisch, die sich vor allem in der Namensgebung der Figuren ausdrücken. Das verleiht dem Roman zusätzliche Resonanz. Hut ab zudem vor dem Wissen und der Rechercheleistung des Autors. All die unfassbaren medizinischen Kunstfehler und Übergriffe des Romans wurden belegbar begangen und werden es teilweise noch. Ein Weckruf, der uns hier entgegenschallt, die Arbeit ist noch nicht getan. Auf der Ebene funktionierte der Text für mich am besten.

    Selten bin ich mit einem Roman so ambivalent gewesen. Inhaltlich war er genau mein Ding, aber die allzu knallige und effektverliebte Umsetzung - stellenweise hatte es etwas von Slapstick – mochte ich gar nicht. Bei der Medizinerschelte hätte ich mir ebenfalls mehr gegenwartsbezogene Differenziertheit gewünscht. Aber wer saftige Rachegeschichten liebt, in denen die Bösen sämtlich ihr Fett wegkriegen und die Guten triumphieren, der/die wird diesen Roman vermutlich mögen.

  1. 3
    10. Feb 2024 

    Unterhaltsam trotz nur schwer erträglichem Thema

    In seinem nur 240 Seiten kurzen Roman verarbeitet Markus Gasser auf eine rasante und überraschend unterhaltsame Weise die Geschichte zweier - aber natürlich vieler - Frauen, die eigentlich kaum auszuhalten ist ob ihrer Scheußlichkeit und doch aushaltbar literarisch umgesetzt ist.

    Sarah, eine Frau aus der heutigen Zeit, Journalistin beim Wall Street Journal, selbstständig, modern, mit Hund und Apartment in Greenich Village, erzählt uns - oder vielmehr ihrer Hündin Miss Brontë - die Geschichte ihrer Ururururgroßmutter Lillian Cutting, kurz Lil, die im ausgehenden 19. Jahrhundert als Eisenbahnmagnatin zu den „Oberen 400“ der New Yorker High Society und des Geldadels gehörte, deren Selbstständigkeit allerdings nicht gern gesehen wurde und sie daher einer infamen Intrige zum Opfer fiel. Lil ist eine taffe Frau, die sich nur zwei Sachen hat zuschulden kommen lassen: Sie trauert über drei Jahre um ihren geliebten verstorbenen Ehemann und sie hat einem Sohn das leben geschenkt, der ein besonders abscheuliches männliches Exemplar ist. Natürlich hat sie sich auch ganz grundsätzlich vielerlei andere Dinge aus Sicht ihrer Zeitgenossen zuschulden kommen lassen, die allesamt mit der unerwünschten Selbstständigkeit einer Frau zu tun haben. Die Intrige führt zu einer unfreiwilligen Hospitalisierung in einer der ersten psychiatrischen Heime seiner Zeit und wir folgen nun Sarah in ihrer Erzählung der märchenhaften Geschichte ihrer Ur-Ahnin um Emanzipation, Gerechtigkeit und Rache und erfahrend dabei auch einiges über Sarah selbst.

    Musste ich mich zunächst in den Erzählstil dieses Romans hineinfinden, packte mich doch die Geschichte der Frauen mit Haut und Haaren. Auf den ersten Blick erzählt hier Sarah mit einem recht flapsigen, sarkastisch-humoristischen Ton (besonders im ersten Drittel des Buches) die Geschichte von Lil. Dabei spricht sie nicht nur direkt ihre Hündin Miss Brontë direkt an, sondern diese antwortet ihr sogar! Was sich zunächst etwas merkwürdig anfühlt, wird im Verlauf aber immer natürlicher und hat literarisch auch durchaus eine Funktion. Damit muss man erst einmal klarkommen, aber hier fühlt es sich letztlich gut so an. Dieser sarkastisch-humoristische Ton wirkt zu Beginn erst einmal nicht passend zu den knallharten Schilderungen aus Lils Leben und vor allem ihrer Zeit in dem psychiatrischen Heim. Denn der behandelnde Arzt ist nett formuliert durchaus kein Sympathieträger, nein, er tut seinen Patientinnen so ziemlich jede vorstellbare Scheußlichkeit an. Der Ton von Sarah erklärt sich gegen Ende des Romans, wenn sie den Blick ausführlicher auf ihre eigene Geschichte richtet.

    Der Roman strotzt nur so vor literaturgeschichtlichen Zitaten und Verweisen, ebenso wie vor Querverweisen in unsere heutige Zeit hinein. Behandelt nicht nur das Thema der schreienden Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen, sondern streift auch das Thema der Diskriminierung aufgrund von Herkunft. Man muss jedoch nicht jede Anspielung verstehen und die literaturgeschichtlichen Hintergründe kennen, um den Roman mit Freude und Gewinn lesen zu können.

    Zu einem großen Teil habe ich den Roman „Lil“ wirklich sehr gern gelesen. Überraschenderweise muss man sagen, dass er unterhaltsam daherkommt. Richtiggehend mitgefiebert habe ich mit Lil, eine fast diebische Freude hatte ich an Szenen der sich erfüllenden Gerechtigkeit, hingegen nicht an allen Schilderungen der Rache. Missfallen ist mir indes der Ton bzw. eine ganz bestimmte Szene gegen Ende der Geschichte, die wie ein Rundumschlag gegen nicht nur die vergangene, unheilvolle Historie der Psychiatrie sondern auch den heutigen Zustand der Psychiatrie und Psychologie daherkommt. Da werden mir die Vorkommnisse in Sarahs Leben, die vollkommen nachvollziehbar erschütternd und wichtig dafür sind zu verstehen, warum sie Lils Geschichte so erzählt, wie sie sie erzählt, und vor allem aber die Aussage eines Mediziners aus einem somatischen Bereich nicht in einen ausreichend differenzierten Kontext gesetzt, den ich mir an dieser Stelle gewünscht hätte. Das finde ich leider nicht gut gelungen, wir so doch pauschal nicht nur die vergangene sondern auch die moderne Psychiatrie und Psychologie scheinbar undifferenziert verteufelt und verstärkt damit ungewollt Vorurteile gegen ebenendiese.

    Das Ende empfinde ich somit als den schwächsten und eventuell gefährlichsten Teil des Romans, trotzdem konnte mich das Gesamtpaket ansonsten überzeugen, weshalb meine Gesamtbewertung bei 3,5 Sternen liegt und es mir so schwer wie lange nicht fällt, mich für das Auf- oder Abrunden zu einer ganzen Bewertungszahl zu entscheiden. Doch, insgesamt ist es ein "gutes" Buch und für "gut" stehen bei mir die 3 Sterne. Für 4 Sterne stört mich dann doch besagte Darstellung der modernen "Psych..."-Felder zu sehr. Bei einer kritischen Lektüre kann ich den Roman aber durchaus als lesenswert empfehlen.

    3,5/5 Sterne

  1. Die Rache ist mein!

    Am Anfang des Romans war ich sehr verwirrt, sowohl Klappentext als auch Buchrücken und nicht zuletzt das Cover suggerieren, dass es sich bei Lillian Cutting um eine historische Persönlichkeit handelt. Nach erfolglosem Googeln habe ich die
    Ankündigung genauer gelesen und mir ist bewusst geworden, dass sie eher exemplarisch für eine erfolgreiche Frau in einer männerdominierten Welt steht, die von ihrem Sohn schamlos auf Seite geräumt wird.

    Die Handlung beginnt mit der Nachfahrin Lils – Sarah, die eine Hirntumor-Operation und eine Strahlentherapie hinter sich hat und der es so miserabel geht, dass sie mit Selbstmordgedanken spielt. Doch dann meldet sich ihr Chefredakteur freudig bei ihr, dass ein Brief von Lil Cutting gefunden wurde, der sozusagen den Ausschlag dafür gibt, dass Sarah wieder zum Leben erwacht und beginnt die Geschichte ihrer Urahnin niederzuschreiben.

    „Aber dieser eine Brief Lil Cuttings an Colby Sandberg, ein schief beschriebenes Blatt voller Angst und Zorn, war das letzte, erschütternde Dokument, das mir zu dieser Geschichte gefehlt hatte. Jetzt bin ich sie uns schuldig.“ (S.10)

    Und so beginnt Sarah im ständigen Dialog mit ihrer Hündin Miss Brontë die unglaubliche Geschichte Lils niederzuschreiben.
    Die Gespräche mit der Hündin markieren die Gegenwart, die Nachfragen Miss Brontës erhellen die Geschichte und bringen gleichzeitig einen ironischen Ton in die Handlung – ich finde diese Idee wundervoll.

    Wer war Lillian Cutting?
    „Allgemein bekannt ist, dass die Millionenerbin Lillian Cutting um 1880 mit ihren exzentrischen Investitionen ganz New York in besorgtes Erstaunen versetzte. Sie vermehrte ihr Vermögen nach einer Logik, die den Experten verrückt und selbst dem Börsenprofi John D. Rockefeller wie Schwarze Magie vorkam.“ (S.12)
    So erfolgreich darf eine Frau nicht sein, denn sie beleidigt „jeden Sinn für Proportion, Anstand, Geschmack“, sie maßt sich ein Leben an, „das ihr als Frau nicht zustand.“ (S.12)

    Im Mittelpunkt dieses Romans voller Esprit steht für mich das Bestreben, die Geschichte einer Frau zu erzählen, die es gewagt hat, erfolgreicher als die Männer zu sein, die ihren eigenen Weg geht und sich nicht um Konventionen schert - und das muss, nach Meinung der damaligen Gesellschaft bestraft werden, weil sie sich nicht anpassen will.

    Ihrem Sohn, der nach dem Tod des Vaters an das ganze Erbe herankommen möchte, gelingt es, sie mit üblen Tricks in der Nervenheilanstalt „Hops Island“ unterzubringen, in der sie unter Morphium gesetzt wird und dem behandelnden Doktor Matthew Fairwell ausgeliefert ist, ein besonders perfider Vertreter eines „Psychiaters“, dessen unmenschliche Untersuchungsmethoden leider in dieser Zeit üblich sind. Da helfen Miss Brontës Einlassungen und der saloppe Ton, den Sarah anschlägt, sonst könnte man das kaum ertragen.

    Die Anwältin Colby Sandberg, die als gleichberechtigte Partnerin mit ihrem Mann zusammenarbeitet und ebenfalls von der feinen Gesellschaft New Yorks mit Verachtung gestraft wird, wird auf den Fall Lillian Cutting aufmerksam und besucht sie im Sanatorium. Sofort ahnt sie, dass Lil gegen ihren Willen festgesetzt wird. Was folgt ist eine märchenhafte anmutende Geschichte, in der Lil letztlich ihrem Namen "Lil the Kill" alle Ehre macht – doch wie es dazu kommt, möchte ich nicht vorwegnehmen, denn die Lektüre macht unglaublich viel Spaß. Vieles, was man über die Nervenheilanstalt liest, mag man allerdings nicht glauben und doch ist es wissenschaftlich belegt, ebenso das Verhalten der sogenannten höheren Gesellschaft gegenüber einer erfolgreichen Frau.
    Warum Sarah unbedingt die Geschichte ihrer Urahnin erzählen möchte, erschließt sich am Ende des Romans und auch das ist unglaublich, aber nach verlässlicher Aussage des Autors, der die Leserunde mit seinen Kommentaren bereichert hat, tatsächlich so geschehen.
    Für mich ein Roman, der unterhält, aber auch erschüttert - so soll es sein.
    Klare Leseempfehlung!

  1. ‚Wenn ich Dir zu anstrengend bin, bist Du zu schwach für mich!‘

    Mein Motto ist wohl ‚Die beste ‚Rache‘ ist ein zufriedenes Leben‘, aber der Rachefeldzug von Lillian Cutting, Lil genannt, bereitete mir trotzdem großes Vergnügen!

    Erzählt bekommen wir die Geschichte von Sarah, die durch einen im Jahr 2017 gefundenen Brief von Lil - in einer Notsituation 1880 geschrieben - den letzten Anstoß für diesen Roman bekam.

    Und so tauchen wir ab in das Jahr 1880, in dem Lil, seit 3 Jahren verwitwet, von ihrem Sohn übelst mitgespielt wird. Und damit begegnete ich wieder einem Phänomen, dem ich schon öfters begegnet bin, dass harmonische Elternhäuser manchmal Kinder haben, wo ich echt überlege, wie sie zu denen kamen.

    Den geschilderten Rachefeldzug fand ich genial! (Bei den letzten Kapiteln konnte ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen vor lauter Spannung!)

    Ja, der Autor übertreibt bei seinen Schilderungen, karikiert auch die ‚feine Gesellschaft‘ von New York, von der er richtige Namen leicht verfremdet verwendet, und natürlich den Psychiater. Mich amüsierte das köstlich! Parallelen zur Gegenwart gibt es auch immer wieder und Literaturinteressierte erkennen etliche Anspielungen auf Weltliteratur – einfach ein Genuss!

    Mich begeisterte aber auch die Vielseitigkeit: Rache, Ehe- und Familienstrukturen, Umgang mit persönlichen Tiefschlägen, Loyalität, wirtschaftliches Denken…….und vieles mehr. Ich vergebe begeisterte 5 Sterne und spreche eine große Empfehlung aus!