Lied der Weite

Buchseite und Rezensionen zu 'Lied der Weite' von Kent Haruf
4.65
4.7 von 5 (11 Bewertungen)

Victoria, siebzehn und schwanger, wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst widerwilliger Akt der Güte, der das Leben von sieben Menschen in der Kleinstadt Holt in Colorado umkrempelt und verwandelt. Vom Autor des Bestsellers ›Unsere Seelen bei Nacht‹.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070170

Rezensionen zu "Lied der Weite"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mai 2018 

    Lied der Weite

    In Kent Harufs Roman „Lied der Weite“ ist die Kleinstadt Holt in Colorado Mittelpunkt und Hauptperson gleichzeitig. Die Geschichte spielt in einer ungenannten Zeit, auf Grund der Beschreibung von Technik würde ich die frühen 60iger Jahre annehmen. Es sind wenige Figuren die dieses Buch prägen, in einzelnen den einzelnen Kapiteln werden sie jeweils in den Vordergrund gestellt um dann zum Ende doch zu einem Ganzen zu werden.

    Da ist die 17jährige Victoria, die ungewollt schwanger wurde und von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt wird. Sie vertraut sich ihrer Lehrerin Maggie Jones an. Die bringt Victoria bei zwei alten Farmerbrüdern, den MacPhersons unter, die unbeeindruckt vom Lauf der Jahre ihr Land bestellen. Sie sind ein wenig eigenbrötlerisch und kauzig, aber von einer anrührenden Menschlichkeit.

    Dann gibt es noch Tom Guthrie, Lehrerkollege von Maggie, der mit seinen zwei Söhnen allein lebt. Seine Frau litt schon sehr lange unter Depressionen und hat die Familie verlassen um bei ihrer Schwester zu leben. Tom hilft ab und zu auf der Farm der MacPherson, dort halten sich auch seine zwei Söhne gerne auf. In der Schule hat Tom ziemlich Probleme, denn einer seiner Schüler, der verwöhnte Sohn der Beckmans, spielt gedeckt von seinen einflussreichen Eltern und einer konfliktscheuen Schulleitung übel auf. Mit Maggie verbindet ihn wohl mehr, als nur der gemeinsame Arbeitgeber.
    Sicher sind die MacPhersons die Personen, die mir am stärksten im Gedächtnis bleiben werden. Unbeirrt, gütig und wortkarg nehmen sie sich des jungen Mädchens an und verändern sich zu ihrer eigenen Überraschung zu einer Art liebevoller Ersatzonkels für Victoria, der Wohl ihnen bald sehr wichtig wird.

    Es gibt keine großen Spannungsbögen in diesem Buch, die Stadt und ihre Menschen mit allen ihren zwischenmenschlichen Problemen werden wie in einer Chronik erzählt. Sehr ruhig, sehr zurückgenommen und immer sehr einfühlsam. Wenn es auf den ersten Blick auch wie eine schlichte Erzählung wirkt, steckt doch so viel Weisheit und Menschenliebe in den Zeilen, dass es mir noch lange im Gedächtnis blieb. Vielleicht hat mich das Buch deshalb so beeindruckt, weil es wie aus der Zeit gefallen scheint und doch zeitlos aktuell ist.

    Kent Haruf ist leider schon verstorben, sein Werk deshalb auch überschaubar, aber nicht zu übersehen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2018 

    Menschlich, eindringlich, berührend...

    Holt, eine Kleinstadt in Colorado, ist der Schauplatz des Geschehens, das Kent Haruf hier vor den Augen des Lesers ausbreitet. Ländlich die Umgebung, karg die Landschaft, spielend etwa in den 60er oder 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, agieren hier nur ein paar wenige Figuren.

    Victoria beispielsweise, eine 17jährige Schülerin, wird von ihrer Mutter rausgeschmissen, als diese bemerkt, dass ihre Tochter schwanger ist. Weil ihr nichts anderes einfällt, sucht Victoria in ihrer Not ihre Lehrerin Maggie Jones auf, die das Mädchen zunächst bei sich schlafen lässt. Doch Maggie betreut auch ihren dementen Vater, der durch die ihm fremde Schülerin sehr in Aufregung gerät. Und so kommt Victoria schließlich auf einer Kuhfarm abseits der Stadt unter, bei den zwei alten McPheron-Brüdern. Die beiden leben seit dem Tod ihrer Eltern alleine auf der Farm und wissen nicht so recht, wie sie mit der veränderten Situation umgehen sollen. Doch schwangere Mädchen und trächtige Kühe - ist das nicht irgendwie ähnlich?

    Maggie Jones Kollege Tom Guthrie hat seine ganz eigenen Probleme. Seine schwer depressive Frau verlässt die Familie und lässt ihn mit ihren beiden Söhnen Ike und Bobby allein zurück. In der Schule gibt es Schwierigkeiten mit einem aufsässigen Schüler, und so ganz nebenher muss Guthrie nun den Haushalt alleine schmeißen und für die beiden Kinder da sein. Die beiden 9- und 10-jährigen Jungen sind nun oft auf sich alleine gestellt und machen dabei nicht nur angenehme Erfahrungen...

    Durch einen stetigen Wechsel der Perspektiven bringt Kent Haruf dem Leser behutsam die Charaktere näher, verflicht ihre Geschichten miteinander und webt daraus eine leise Geschichte der Begegnungen. Der Schreibstil ist dabei eher sachlich und fast nüchtern, so dass die Erzählung nie ins Kitschige oder Dramatische abzugleiten droht. Und doch wuchsen mir die Figuren beim Lesen zusehends ans Herz, und von Anfang an hatte ich das Gefühl, als sei die Szenerie von einem goldenen Licht durchflutet, das selbst Schrecknisse warm zu beleuchten vermochte.

    Kent Haruf zeichnet hier beileibe keine heile Welt - hier hat jeder sein Päckchen zu tragen und kommt mit den Widrigkeiten des Lebens in Berührung. Doch ist die Erzählung durchdrungen von etwas Hoffnungsvollen, das hinter den Schrecknissen einen neuen Weg ahnen lässt und das in den Begegnungen auch der Einsamkeit im Leben entgegentritt.

    Für mich meine erste Begegnung mit einem Roman des leider bereits verstorbenen Kent Haruf - aber ganz sicher nicht die letzte. Dieses Buch gehört in jedem Fall zu meinen Lesehighlights in diesem Jahr!

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Apr 2018 

    Wie alles zusammenhängt: Nächstenliebe in den Great Plains

    Dieser Roman von Kent Haruf (1943 – 2014) erschien bereits 2001 bei btb unter dem Titel „Flüchtiges Glück“. Offensichtlich war ihm damals nur mäßiger Erfolg beschieden, so dass jetzt, im Jahr 2018, im renommierten Diogenes-Verlag eine Neuauflage erfolgte. Den Weg dazu bereitet hat sicherlich Harufs letzter Roman „Unsere Seelen bei Nacht“, der im vergangenen Jahr auch in Deutschland zum Erfolg mutierte sowie bereits verfilmt wurde.

    Rein optisch fügt sich der 377-Seiten starke Roman wunderbar in das Diogenes-Erscheinungsbild ein: Das Covermotiv besteht aus einem weiten Feld, an dessen Ende ein kleines Farmhaus steht, das durchaus in Beziehung zum Roman gesetzt werden kann. Der Hintergrund des Motives ist die bekannte schlicht-beige Diogenes Gestaltung. Unter dem Schutzumschlag ist das Buch mit edel dunkelblauem Leineneinband versehen. Ein kleines Schmuckstück.

    Alle Romane Kent Harufs spielen in der fiktiven Kleinstadt Holt im Staat Colorado. Diese Stadt muss in der Nähe der Landeshauptstadt Denver liegen, da letztere mehrfach im Roman erwähnt wird. Holt ist relativ ländlich geprägt.

    Der Autor verknüpft in seinem Roman vier Handlungsstränge, die einzelnen Kapitel sind mit der oder den Hauptpersonen überschrieben. Einer davon ist Lehrer Guthrie, der offensichtlich von seiner kranken Frau getrennt lebt und seine beiden Söhne allein erzieht. Jene heißen Ike und Bobby, ihnen ist ein weiterer Erzählstrang gewidmet.
    Zunächst hat Victoria Rubideaux (weitere Kapitel-Überschrift) überhaupt nichts mit dieser Familie zu tun. Die vierten Protagonisten sind die McPherons, zwei betagte Brüder, die alleine ihre kleine Rinderfarm bewirtschaften.
    Darüber hinaus spielt Maggie, eine Lehrerin und Kollegin von Guthrie, eine wichtige Rolle. Ihr ist zwar keine Kapitelüberschrift gewidmet, sie steht aber zu allen anderen Genannten in Verbindung.

    Wir lernen die Familie Guthrie in alltäglichen Situationen kennen. Der Vater managt das Morgenritual. Die Söhne sind an Pflichten gewöhnt und tragen bereits vor Schulbeginn Zeitungen aus. Dadurch kommen sie herum und lernen interessante wie auch einsame Menschen kennen. Selbstverständlich vermissen die beiden ihre Mutter Ella, die zunächst in der Nachbarschaft, später aber bei ihrer Schwester in Denver lebt. Sie bleibt eine recht blasse Person, die an Depressionen zu leiden scheint. Vater Tom ist als Lehrer tätig, auch über seinen beruflichen Alltag, insbesondere über aufkeimende Probleme mit dem schwierigen Schüler Russell Beckman, erfahren wir viel
    .
    Victoria Rubideaux ist eine 17-jährige Schülerin an Tom Guthries Schule. Sie ist schwanger und wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Zunächst findet sie Unterschlupf bei ihrer Lehrerin Maggie. Als es in deren Wohnung aber Schwierigkeiten mit dem dementen Vater gibt, setzt sich die Lehrerin dafür ein, dass die beiden McPheron-Brüder das Mädchen auf ihrer Farm aufnehmen, was die beiden schweigsamen alten Herren enorm fordert. Irgendwann taucht auch der Kindsvater in Holt auf und sorgt für Turbulenzen…

    Es sind diese völlig alltäglichen Schicksale, die sich so tatsächlich ereignet haben könnten. Der Autor führt die Menschen zusammen, erzählt ihre Geschichten und verzahnt die verschiedenen Handlungsstränge miteinander, so dass am Ende das eine mit dem anderen in Verbindung steht. Das tut er auf zutiefst unnachahmliche, menschliche Weise. Hier in Holt begegnet man sich, man hilft sich, man hört einander zu. Der Nachbar ist einem nicht egal. Das lernen schon die Kinder Ike und Bobby. Natürlich sind nicht alle gut, schlechte Menschen gibt es auch. So wird der Leser auch mit Gewalt und Unmoral konfrontiert, die überwiegend in der Familie Beckman beheimatet sind. Das Böse lauert und steigert die Spannung.

    Insgesamt habe ich den Roman aber als Wohlfühlroman empfunden. Haruf erzählt in einer wunderbar ruhigen, unaufgeregten Sprache, die herrlich entspannend wirkt. Er beschreibt Orte und Begebenheiten unglaublich plastisch, man sieht den Ort von großer Weite umgeben vor sich. Besonderes Augenmerk legt der Autor dabei auf die Beschreibung des Landlebens an sich. Bei der Darstellung des Umgangs mit Tieren geht er nicht zimperlich mit seinen Lesern um, sondern zeigt die Praxis sehr realistisch. Dabei kann man vermuten, dass der Autor hier eigene Erfahrungen verarbeitet hat.

    Das, was er zu erzählen hat, ist von der ersten Seite an fesselnd und niemals kitschig. Man nimmt starken Anteil an den Protagonisten. Das Ende kommt einer schlüssigen Entwicklung gleich. Es werden nicht alle Fragen final beantwortet, aber gerade das hat mir gut gefallen: Es fordert uns heraus, weiterzudenken und Möglichkeiten auszuloten. Es bleibt ehrlich.

    Wieder ein ganz starkes Buch aus dem Diogenes-Verlag, dem ich gerne starke 5 Sterne gebe!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Apr 2018 

    unaufgeregt und tiefenentspannt

    Holt, Great Plains, Colorado - eine fiktive Kleinstadt mit allen Bosheiten, Antipathien und Auseinandersetzungen, aber auch Freundschaften, Nettigkeiten und Geborgenheit, die das Zusammenleben von Menschen mit sich bringt. Holt ist der Schauplatz des Romanes "Lied der Weite" von Kent Haruf, erstmalig erschienen im Jahr 1999 und jetzt von Diogenes wieder entdeckt.

    Die Geschichte spielt in den 60er Jahren und wird in mehreren Handlungssträngen erzählt. Zum Einen ist da die 17-jährige Victoria Roubideaux. Das Mädchen ist schwanger und wird daher von ihrer lieblosen Mutter vor die Tür gesetzt wird. Victoria will das Kind behalten und sucht Hilfe bei der Lehrerin Maggie Jones. Sie bringt Victoria bei den beiden Mc Pheron-Brüdern unter. Die Brüder haben ihr ganzes langes Leben miteinander verbracht. Sie betreiben eine Rinderfarm, sind am liebsten gemeinsam einsam und leben zusammen wie ein altes Ehepaar. Sie sind nicht gewohnt, Fremde um sich zu haben. Nach anfänglichen Bedenken, eine schwangere 17-Jährige bei sich wohnen zu lassen, willigen sie schließlich doch ein. Victoria zieht bei den Männern ein, und die Drei raufen sich mit der Zeit zusammen, gewöhnen sich aneinander, so dass sie am Ende das Zusammenleben nicht mehr missen wollen.

    "Die beiden sind so gutherzig, wie Männer überhaupt nur sein können. Sie sind vielleicht schroff und ungehobelt, aber das hat nichts zu bedeuten, es liegt nur daran, dass sie schon so lange allein sind. Stell dir vor, du müsstest ein halbes Jahrhundert allein leben, so wie sie. Das würde nicht spurlos an dir vorübergehen. Lass dich also von ihrer rauhbeinigen Art nicht abschrecken. Ja, sie haben ihre Ecken und Kanten. Die sind eben nie geglättet worden." (S. 156)

    Maggie ist die Kollegin von Tom Guthrie, der mit seinen beiden Jungs, 9 und 10 Jahre, ebenfalls in Holt lebt. Seine Ehefrau, die man anfangs als seelisch angeschlagene Person kennenlernt, verlässt ihre Familie und zieht nach Denver. Das Zusammenleben zwischen den beiden Eheleuten scheint nicht zu funktionieren. Kent Haruf rückt leider nicht mit den Hintergründen zu den Problemen der Eheleute heraus. Die beiden Jungs halten zusammen wie Pech und Schwefel. Auch wenn sie ihre Mutter vermissen, versuchen sie an den Alltagsroutinen festzuhalten. Jeden Morgen Zeitungen austragen, danach Schule, nachmittags die Tiere zuhause füttern. Kindsein in Holt scheint nicht leicht zu sein. Es gibt Erwachsene, die behandeln die Kinder sehr verächtlich und spielen ihre angebliche Überlegenheit aus. Den beiden Jungs steht ihre gute Erziehung im Weg, um sich gegen diese Erwachsenen zur Wehr zu setzen. Glücklicherweise gibt es auch Mitbewohner in Holt, die den Kindern sehr wohlwollend begegnen und sie ernst nehmen.
    Der Vater Tom hat neben den Mühen, seinen Kindern ein ansprechendes Zuhause zu bieten, Probleme an seiner Arbeitsstätte. Er gerät mit einem Schüler aneinander, der die schwangere Victoria (hier schließt sich der Kreis wieder) gemobbt hat. Am Ende erntet der Schüler einen Schulverweis, was wiederum dessen Eltern auf den Plan ruft, die im Übrigen ein identisches asoziales Verhalten zeigen wie ihr Sproß. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

    "Sie sah sich um. Häuser und kahle Bäume. Sie ließ sich in der Kälte auf den Verandaboden sinken, lehnte den Rücken an die kalten Bretter der Hauswand. Ihr war, als verflüchtigte sie sich, als wanderte sie ziellos umher in kummervoller, ungläubiger Benommenheit. Sie schluchzte ein wenig. Sie starrte zu den stillen Bäumen hinaus, auf die dunkle Straße, zu den Häusern gegenüber, in denen sich Menschen in den hellen Zimmern ganz normal bewegten, und wenn der Wind seufzte, wanderte ihr Blick hinauf in die schwankenden Bäume. Sie saß da, schaute hinaus, rührte sich nicht." (S. 41)

    Auch wenn es sich durch die gerade geschilderten Schicksale vielleicht nicht so anhören mag, aber das Leben in Holt ist unaufgeregt. Wahrscheinlich sind die persönlichen Dramen, das Einzige, was in Holt für Abwechslung sorgt. Ein unaufgeregtes Kleinstadtleben wird von Kent Haruf auch in einem unaufgeregten Sprachstil geschildert. Seine Sprache strahlt sehr viel Ruhe aus - keine einschläfernde Ruhe, sondern eine wohlige Ruhe, die einen melancholisch macht und ganz warm ums Herz werden lässt.

    Da sich während der Lektüre viele Fragen zu den Charakteren auftun, die jedoch nur selten beantwortet werden, verlangt dieses Buch nach einer Fortsetzung, in der die Unklarheiten hoffentlich bereinigt werden. Und siehe da, die Fortsetzung ist vom Verlag bereits für Januar 2019 angekündigt. Ich bin gespannt.

    Eine Anmerkung noch zum Titel: Ich habe mich gefragt, wie man solch ein wundervolles Buch mit einem kitschigen Titel versehen kann und habe ein wenig recherchiert: "Lied der Weite" kommt in die Nähe der Übersetzung des Original-Titels "Plainsong" (wenn man die wortwörtliche Übersetzung zugrunde legt), wobei "plain" als Substantiv "Ebene" oder "Flachland" bedeutet. "Plainsong" ist jedoch auch ein musikalisch-religiöser Begriff und bedeutet "Cantus Planus" (= ebener Gesang, lat.), was im Zusammenhang mit diesem Buch passender erscheint. Ein Cantus Planus ist ein gregorianischer einstimmiger Choral, der rhythmisch gleichförmig vorgetragen wird; Gleichförmigkeit bedeutet Unaufgeregtheit - genau das Merkmal, welches ich in diesem Buch so genossen habe, und welches sich hoffentlich auch im kommenden Roman um die Bewohner des Städtchens Holt wiederfinden wird.

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Apr 2018 

    Eine Geschichte (fast) aus dem Leben gegriffen

    Eine Geschichte (fast) aus dem Leben gegriffen

    Kent Haruf beschreibt in seinem Roman "Lied der Weite" sehr eindrucksvoll das Leben einiger Menschen in dem Städtchen Holt in Colorado. Er schafft es den Leser in das Leben dieser Menschen einzubinden, erzählt deren Geschichte ruhig aber dennoch so, dass man sich dem Sog nicht entziehen kann.

    Victoria Roubideaux ist 17 Jahre alt, sie geht noch zur Schule, als sie u gewollt schwanger wird. Das Mädchen wendet sich an ihre Lehrerin Maggie Jones, da ihre Mutter kein Verständnis aufbringt, sondern sie einfach nicht mehr ins Haus lässt. Bei Maggie kann sie aber nicht bleiben, da deren an Demenz erkrankter Vater in dem Mädchen eine Fremde sieht. Maggie beschließt einen unkonventionellen Weg zu gehen und fragt zwei ältere Brüder, die ihr ganzes Leben allein auf ihrer Farm gelebt haben, ob Sie Victoria aufnehmen können. Nach kurzem Zögern stimmen die McPherons zu, und eine einfühlsam erzählte Geschichte beginnt.

    In Holt leben noch andere Menschen, deren Leben mehr oder weniger eng mit Victoria, Maggie und den McPherons verbunden ist. Auch deren Schicksal erzählt Kent Haruf uns hier auf seine Art und Weise.
    Da wäre Guthrie, ein Kollege von Maggie, der von seiner depressiven Frau mit den beiden Söhnen Ike und Bobby verlassen worden ist. Die Mutter selbst bleibt relativ blass, was aber wohl dem weiteren Verlauf der Geschichte geschuldet ist. Guthrie muss sich nicht nur um die Erziehung der Kinder sorgen, er steht beruflich stark unter Druck, da er Probleme mit einem Schüler hat.
    Eine einsame alte Frau in Form von Mrs Stearns ist für Ike und Bobby so etwas wie eine Kummertante, sie versucht den Jungen ein wenig Halt zu geben, backt mit ihnen Plätzchen.

    Das ist das Grundgerüst um das Kent Haruf seinen Roman verfasst hat. Ein Roman der mich sehr gut unterhalten hat. Ich fühlte mich vom Erzählstil gefangen genommen, verfolgte mit Spannung was in dem kleinen Städtchen passiert und wie deren Bewohner mit ihren Sorgen und Ängsten umgehen.
    Wie im wahren Leben gibt es von allem etwas, auch Glück und Humor trifft man hier an. Es gibt nicht auf alles eine Antwort, aber wer hat die schon, genau das machte den Roman für mich wie aus dem Leben gegriffen.

    Für mich war es ein tolles Leseerlebnis. Ich habe mich wohl gefühlt als stiller Beobachter dieses kleinen Städtchens.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Apr 2018 

    Weites Land und gute Menschen in Holt/Colorado

    Kent Haruf hat (wenn ich richtig zähle) mit „Lied der Weite“ seit 1999 nun seinen siebten Roman herausgebracht. Und mit all diesen Romanen entführt er den Leser in eine konkret anmutende, aber vollkommen fiktive Gemeinde namens Holt in Colorado.
    Es ist mein erstes Haruf-Buch. Deshalb fällt es mir schwer zu beurteilen, inwieweit die Romane außer dem Handlungsort noch durch weitere Elemente miteinander verbunden sind und vielleicht auch über Romangrenzen hinweg gehende Geschichten erzählen und Handlungsstränge weiterentwickeln. Ich konzentriere mich deshalb vollkommen auf den Roman „Lied der Weite“ und die darin entwickelten Handlungsstränge.
    Worum geht es?
    Der Roman erzählt uns die Geschichte einer Handvoll von Figuren aus diesem Ort, die von sehr unterschiedlicher Intensität, Erzähltiefe und Bedeutung für den Gesamtroman sind. Die verschiedenen Figuren stellen auch die Kapitelüberschriften, was bezeugt, wie sehr sie und ihre Schicksale im Zentrum des Autoreninteresses stehen.
    Da ist vor allem:
    • Viktoria Roubideaux, eine 17-jährige Highsschool-Schülerin, die schwanger wird und von ihrer Mutter aus diesem Grund rausgeschmissen wird. Sie wendet sich an eine ihrer Lehrerinnen um Hilfe – Maggie Jones, und findet sie auch dort.
    • Die McPheron-Brüder Raymond und Harold, die weit ab des Ortes eine Rinderfarm betreiben und die Viktoria in ihrer Notlage auf sehr verschrobene, aber auch liebevolle Weise aufnehmen.
    • Tom Guthrie und seine Söhne Ike und Bobby, die gerade lernen, ohne ihre Ehefrau bzw Mutter ihr Leben zu meistern, da diese sich - von Depressionen geplagt - zunächst in die Einsamkeit einer eigenen Wohnung und dann in die Obhut ihrer Schwester in Denver begeben hat.
    Um nur die wichtigsten zu nennen.
    Zu Beginn des Buches gerät der Leser zunächst mit jedem Kapitel wieder an eine neue Romanfigur, ohne dass es zunächst gelingt, Verbindungslinien und Zusammenhänge zu erkennen. Es ist wie eine ruhige, aber auch ereignisreiche Fahrt mit einem Hop on-Hop off-Bus durch die kleine Gemeinde. Und bei jedem Stopp wartet ein neuer Charakter, ein neues Schicksal, eine neue Geschichte. Es dauert einige Kapitel und viele Seiten, bis der Leser diese einzelnen Puzzleteile sinnvoll zueinander positionieren kann und die Geschichten erkennt, die mit den Figuren verbunden sind und sich entwickeln. Diese Geschichten bieten dabei keine Sensationen, vielmehr schildert Haruf das ganz normale Leben in dieser Kleinstadt im Westen der USA. Der Leser taucht immer mehr ein in diesen normalen Alltag in Holt und beginnt ihn immer mehr zu verstehen und – wenn ich von mir spreche – auch immer mehr zu lieben. Es ist eine Wohlfühlgesellschaft, die Haruf hier entwirft, auch wenn nicht alles ohne Probleme abläuft. Ganz im Gegenteil: es gibt eine jugendliche Schwangere (Viktoria), einsame Alte (Mrs Stearns), auseinanderbrechende Familien und Ehen (Guthrie) mobbende Jugendliche (Russell). Und doch hat Haruf in seiner geschaffenen Romanwelt in der Regel schnell und effektiv Lösungen für die aufgezeigten Probleme parat. Die Gesellschaft in Holt ist so gut funktionierend, dass private Probleme aufgefangen und zumindest gemildert werden können.
    Bei allen Horror- und Skandalmeldungen, die uns derzeit tagtäglich aus den USA erreichen, ist das eine sehr beruhigende Botschaft und ein beruhigendes Bild, das dieser Roman abgibt und vermittelt. Ich habe mich beim Lesen hineinversinken lassen und es immer wieder geglaubt und/oder glauben wollen. Zweifel aber bleiben! Ist diese Wohlfühlwelt das wirkliche Amerika, oder wird uns hier etwas vorgegaukelt? Der Ort Holt wird extra von Haruf aus der Taufe gehoben und erfunden für seine Gesellschaftsromane. Es ist also kein realer Ort. Deshalb ist das hier vielleicht gar nicht das reale Amerika?!? So kann ich das nicht sehen! Denn: Gerade weil Haruf extra einen Ort erschafft und nicht auf einen existierenden zurückgreift, macht er ihn zum Musterort für ein Land und muss deshalb auch damit rechnen, dass die Leser hier Ableitungen auf das wirkliche Amerika erwarten. Und da habe ich eben dann doch bei aller Freude an der Lektüre meine Fragezeichen im Gehirn. Bin ich hier dem Autor auf den Leim gegangen? Gern wünsche ich mir diese Wohlfühlwelt, in der für Probleme in der Regel eine menschliche Lösung vorhanden ist und in die Tat umgesetzt wird. Aber kann ich wirklich darauf bauen? Ich setze da einige Fragezeichen ?????
    Und dennoch war es eine schöne, lohnende Lektüre, für die ich 4 Sterne vergebe.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Feb 2018 

    Sieben Menschen in einer kleinen Stadt

    „Plainsong“ heißt das Buch im Original: Choralgesang. Ein sehr passender Titel, in zweierlei Hinsicht.

    Der Autor lässt den Leser teilhaben am Leben grundverschiedener Menschen, die sich zwar kennen, weil in der Kleinstadt jeder jeden kennt, die aber ansonsten auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben. Er gibt ihnen authentische Stimmen, die sich zunächst nur wenig harmonisch zusammenfügen, als ihre Leben sich auf einmal überschneiden – jeder bringt seine eigenen Missklänge ein in diesen Choral: Einsamkeit. Depression. Das unerfüllte Bedürfnis nach Akzeptanz und Liebe.

    Die Annäherung beginnt nur vorsichtig, manchmal misstrauisch, aber man spürt sofort: da ist Resonanz. Da bringt einer im Leben des anderen etwas zum Schwingen.

    Die Missklänge verstummen zwar nicht über Nacht, am Ende wird das „Lied der Weite“ jedoch zu einem Choral der Hoffnung und des gegenseitigen Respekts.

    Die Schlüsselfigur des Romans ist in meinen Augen die schwangere 17-jährige Victoria, die von ihrer Mutter verstoßen wurde. Das setzt in der Kleinstadt einiges in Bewegung, vor allem unerwartete Hilfsbereitschaft: aufgenommen wird das Mädchen letztendlich ausgerechnet von den Brüdern McPheron, zwei alten Viehzüchtern, die ihr ganzes Leben lang Junggesellen waren und nicht die geringste Ahnung davon haben, wie sie mit einem Teenager umgehen sollen.

    Für diese beiden Charaktere allein hätte es sich schon gelohnt, das Buch zu lesen! Sie fühlen sich erst heillos überfordert von ihrer neuen Aufgabe, stürzen sich aber dennoch mit einer so schroffen wie herzzerreißenden Liebenswürdigkeit hinein – als hätten sie genau das ihr Leben lang vermisst. Dabei entbehren ihre Szenen nicht einer gewissen Komik, wenn sie versuchen, sich ihre neue Situation mit Dingen zu erklären, die sie kennen und von denen sie etwas verstehen. Einmal vergleicht Harold das Verhalten Victorias mit dem einer schwangeren Kuh:

    "Was redest du da?, sagte Raymond. Was ist denn das für ein Vergleich?
    Neulich hab ich drüber nachgedacht. Über die Ähnlichkeiten. Beide sind jung. Beide sind hier draußen auf dem Land, wo nur wir sind, um auf sie aufzupassen. Beide haben zum ersten Mal im Leben ein Baby im Bauch. Überleg doch mal.
    Raymond sah seinen Bruder entgeistert an. Sie waren vor dem Haus angekommen und hielten vor dem Drahtzaun auf der hartgefrorenen, zerfurchten Zufahrt. Herrgott noch mal, sagte er, das ist eine Kuh. Du redest von Kühen.
    Ich mein ja nur, sagte Harold. Denk doch mal drüber nach.
    Du sagst praktisch, dass sie eine Kuh ist, das sagst du doch.
    Das will ich damit überhaupt nicht sagen.
    Sie ist ein Mädchen, um Himmels willen. Keine Kuh. Du kannst doch nicht Mädchen und Kühe in einen Topf werfen.
    Ich hab ja nur gemeint, sagte Harold. Machst du dir eigentlich nie Gedanken?
    Doch. Ich denk auch manchmal nach.
    Na also.
    Aber ich muss nicht gleich drüber reden.
    Na gut. Ich hab geredet, bevor ich nachgedacht hab. Willst du mich gleich erschießen, oder wartest du, bis es finster ist?"

    Auch die anderen Charaktere erweckt Kent Haruf zum Leben, mit all ihren Marotten, Wünschen, Stärken und Schwächen – und das, ohne dem Leser jemals unmittelbar ihre Gedanken zu verraten. Man beobachtet ihr Verhalten sozusagen von außen, aber das beschreibt der Autor so prägnant, dass man schnell ein Gefühl für sie bekommt.

    Plainsong – plain song – plain

    „plain“ kann vieles bedeuten, schlicht, gewöhnlich, klar, pur... Und dies ist der zweite Grund, warum der Titel so passend ist: über lange Strecken erzählt das Buch vom ganz gewöhnlichen Alltag in einer ländlich gelegenen Kleinstadt, ruhig und mit sorgsamer Langsamkeit. Hundert Seiten ziehen am Leser vorbei, ohne dass viel passiert, ohne nennenswerten Spannungsbogen.

    Aber das ist nicht trivial, das ist das Leben.

    Die Geschichte entwickelt ihre ganz eigene Art von Spannung, denn es ist alles so echt, so lebendig, so berührend.Ich habe in jeder Szene mit den Charakteren mitgefiebert – auch wenn sie nur dabei waren, Zeitungen auszutragen.

    Schlicht, klar, pur… Das sind alles Attribute, die auf den Schreibstil von Kent Haruf zutreffen.

    Er erzählt in einfachen, bedächtigen Sätzen, die dennoch ihre ganz eigene Poesie entfalten. Sie treffen den Kern der Dinge, das Wesen der Menschen, die der Autor so liebevoll beschreibt.

    Am Schluss bleiben einige Dinge offen, nicht alle Fragen werden beantwortet. Wir haben die Charaktere ein Stück ihres Weges begleitet, aber im Leben gibt es nur wenige endgültige Enden… Und so kann man als Leser höchstens erahnen, wohin sie die Reise noch führen wird.

    Ich hoffe darauf, dass der Verlag auch „Eventide“ noch übersetzen wird, in dem einige der Charaktere aus diesem Buch, wie die McPherons, wieder eine wichtige Rolle spielen. Es ist aber gut möglich, „Lied der Weite“ als alleinstehendes Werk zu lesen.

    Fazit:
    In einer ländlich gelegenen Kleinstadt wird die schwangere Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Durch einen Akt der Hilfsbereitschaft verändert sich daraufhin das Leben von sieben verschiedenen Menschen – vor allem das der beiden alten Viehzüchter, die das Mädchen bei sich aufnehmen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang alleine gelebt haben und sie diese neue Aufgabe in hilflose Panik versetzt.

    Man könnte sagen, dass in diesem Buch strenggenommen nicht viel passiert. Der Autor lässt sich viel Zeit, den ganz normalen Alltag seiner Charaktere zu beschreiben, bis ins Detail und ohne Drama. Aber die Klarheit der Sprache und die Komplexität der Charaktere haben mich dennoch an das Buch gefesselt.

    Es hat diese Neuauflage auf jeden Fall verdient. (Das Buch ist 2001 schon einmal unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ im btb-Verlag herausgebracht worden.)

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 08. Feb 2018 

    Kleinstadtleben

    In einer Kleinstadt wird die 17 jährige Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt, weil sie schwanger ist. Damit das Mädchen nicht auf der Straße leben muss, überredet die Lehrerin des Mädchens zwei alte Viehzüchter, Victoria bei sich aufzunehmen. Die McPherons sind freundlich, aber wortkarg und leben schon sehr lange alleine. Sie machen ihre Arbeit immer gemeinsam und verstehen sich ohne Worte hervorragend. Sie gehen darauf ein, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Damit verändert sich Einiges auf der Farm der Alten.

    Kent Haruf beschreibt das Leben in einer fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der Nähe von Denver. Die Einwohner sind teilweise verschroben und haben noch nie viele Worte verloren. Er beschreibt seine Romanhelden mit knappen Worten und so Manches bleibt dem Leser verborgen. Alleine durch die Handlungen seiner Figuren, versteht man diese am Ende, oder kann seine Gedanken hinein interpretieren. Als Leser schwebt man förmlich über den Protagonisten.

    Haruf schreibt, zart, humorvoll und unaufdringlich. Ich hatte ständig das Gefühl, über der Geschichte zu schweben. Immer wieder musste ich schmunzeln, vor allem über die McPherons-Brüder. Nie hatte ich das Gefühl, dieses Buch aus den Händen legen zu wollen. Die unaufgeregte Schreibweise, deutet auf einen Sturm hin, der aber niemals auftaucht. Trotzdem ist es auf keinen Fall langweilig und zieht einen magisch in diese Kleinstadt, mit dem Verlangen, mehr über seine Bewohner zu erfahren. Die Wortlosigkeit, die Stille und Weite spricht aus den Seiten.

    Ein wunderbares Buch, mit der Erkenntnis, dass mit Worten und Taten Vieles geschaffen und verändert werden kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Feb 2018 

    Ein Akt der Güte

    "Lied der Weite" ist vor "Unsere Seelen bei Nacht" entstanden und spielt ebenfalls in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, wie alle der 6 Romane des verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf (1943-2014).

    Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen mehrere Figuren, die am Ende in einer Gemeinschaft zueinander finden.

    Da ist zunächst der Lehrer Tom Guthrie, der an der High School unterrichtet und dessen Frau unter Depressionen leidet.

    "Drinnen war es fast völlig dunkel, der Raum wirkte abweisend und Ruhe gebietend wie der Altarraum einer leeren Kirche nach der Beerdigung einer zu früh verstorbenen Frau-" (S.10).

    Ihre beiden Jungen Ike (10) und Bobby (9) sind mit der Situation überfordert und wünschen sich, die Mutter würde wieder aufstehen. Gemeinsam tragen sie jeden Tag die Zeitung aus und beim wöchentlichen Kassieren treffen sie auf die einsame, alte Mrs Stearns, deren Sohn im 2.Weltkrieg gefallen ist. Als sie erfährt, dass die Mutter der Jungen ausgezogen ist, äußert sie ihr Mitleid:

    "Ihr müsst sehr einsam sein" (S.59),

    und bringt den beiden jenes freundliche, gütige Verhalten entgegen, dass uns mehrfach in dieser Geschichte begegnet.

    Victoria Roubideaux ist eine weitere Hauptfigur, sie steht im Zentrum des Romans. Gerade erst 17 Jahre alt ist sie schwanger von einem Jungen aus einer anderen Stadt, der sie verlassen hat. Ihre Mutter weigert sich ihr zu helfen und weist sie mit grausamer Kälte zurück.

    "Dem Mädchen kamen die Tränen. Hilf mir, Mama. Ich brauch dich, du musst mir helfen. Zu spät, sagte die Frau. Du hast dir die Suppe eingebrockt, jetzt löffel sie auch aus." (S.15)

    Allein gelassen wendet sich Victoria an die Lehrerin Maggie Jones, die ebenfalls an der High School unterrichtet. Maggie nimmt sie zwar auf, doch wegen ihres dementen Vaters kann Victoria dort nicht bleiben. Der Vater des Kindes scheint keine Verantwortung tragen zu wollen, trotzdem will Victoria das Kind behalten.

    "Maggie Jones betrachtete eine Zeitlang ihr Gesicht. Das Mädchen sah müde und traurig aus, sie hatte die Decke um die Schultern gewickelt wie jemand, der ein Zugunglück oder eine Überschwemmung überlebt hat, trauriges Überbleibsel einer Katastrophe, die ihren Schaden angerichtet hat." (S.46)

    Maggie hat die Idee, sie bei den Brüdern McPherons unterzubringen. Raymond und Harold führen seit dem frühen Tod ihrer Eltern eine Farm, 17 Meilen außerhalb von Holt, und züchten Rinder. Sie kennen auch Tom, der ihnen ab und an hilft, wenn es gilt zu überprüfen, ob die Kühe trächtig sind.

    Ausgerechnet dort soll Victoria leben, bei diesen beiden Männern, die zu schweigen gewohnt sind und nicht wissen, was sie mit einem jungen Mädchen reden sollen.

    "Zwei alte Männer, allein. Klapprige alte Junggesellen hier draußen auf dem Land, siebzehn Meilen von der nächsten Stadt, und auch die macht nicht viel her, wenn man hinfährt Schau uns an. Verschroben und ungebildet. Einsam. An Unabhängigkeit gewöhnt. Mit eingefahrenen Gewohnheiten. Wie willst du das alles in unserem Alter noch ändern? (S.143)

    Sie sind nicht die einzige, deren Leben in Holt sich ändern wird.

    Bewertung
    Die Szene, in der der alte Arzt Victoria zum ersten Mal untersucht, zeugt von jener zwischenmenschlichen Güte, der meines Erachtens im Mittelpunkt des Romans steht. Behutsam erklärt er jeden seiner Schritte und behandelt sie respektvoll und freundlich.
    Doch auch grausames Verhalten, wie Victorias Mutter es an den Tag legt, und Vorurteile herrschen in der Stadt. Der Junge Russell Beckmann demütigt Victoria vor der Klasse und gerät in einen heftigen Streit mit Tom Guthrie - ein Konflikt, in den auch die seine beiden Kinder hineingezogen werden. Während die Beckmanns die Beschränktheit und asoziales Verhalten verkörpern, stehen die McPherons für Güte und Humanität. Aber auch die beiden "profitieren" von der Anwesenheit Victorias, denn nun müssen sie sich um jemanden kümmern, sich sorgen, sind "gezwungen" zwischenmenschlich zu agieren. Zuerst legen sie die Decke nachts über sie, dann kaufen sie ein Kinderbettchen und bringen sie zur Entbindung in die Stadt - berührende Szenen, ohne rührselig zu sein.
    Haruf verdeutlicht an kleinsten Veränderungen, wie sich das Verhalten der beiden alten Männer gegenüber Victoria ändert. Zunächst gelingt es ihnen nicht, sie anzuschauen.

    "Ich fürchte, das ist eine schwere Zeit für dich, sagte Raymond zu dem dem Mädchen. Er sah sie nicht an, sondern an ihr vorbei ins Leere." (S.163)

    Als sie zurückkehrt, hat sich dies geändert.

    "Wir haben uns Sorgen gemacht, sagte Raymond. Er saß neben ihr am Tisch und schaute sie an." (S.307)

    Der Roman zeigt, wie Schlink treffend sagt (Buchrückseite), die Kraft der Liebe, aber auch die Schwächen der Menschen und
    - das Leben selbst. Von trächtigen Kälbern ist zu lesen, von sterbenden Pferden, von der Geburt des kleinen Mädchens und dem Tod der alten Mrs Stearns. Von Sex und Liebe, Demütigung und Güte...

    Ein unaufgeregter Roman, der mich genauso berührt hat, wie "Unsere Seelen bei Nacht" und für den ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen kann.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Jan 2018 

    Plainsong

    Ich muss zugeben, dass mich Kent Harufs im Frühjahr 2017 erschienener und begeistert bejubelter Kurzroman „Unsere Seelen bei Nacht“ enttäuscht hat. Was als Schlichtheit und Dezenz gelobt wurde, war für mich nur Belanglosigkeit und das berührende Thema erreichte mich auch nicht, konnte ich doch gar nicht nachvollziehen, warum sich erwachsene, gestandene Menschen durch ihre Umwelt so in ihrem Leben einschränken lassen. Da Kent Haruf auch in den USA so gelobt wird, wollte ich ihm gerne nochmal eine Chance einräumen (oder auch mir, je wie man es betrachtet). Und um es gleich zu sagen, mit „Lied der Weite“ klappte es besser, auch wenn das Buch ähnlich gestrickt ist.
    „Plainsong“ im Original, weist es sowohl auf die „Great Plains“ Amerikas, die großen Weiten, in denen das kleine Holt/Colorado, in denen Harufs Romane spielen angesiedelt sind, hin, als auch auf die Liedform des Chorals, einfache, einstimmige Melodien aus der Kirchenmusik. Solche einfachen Melodien, von der schwangeren Teenagerin Victoria, der Lehrerin Maggie Jones, dem von seiner Frau verlassenen Tom Guthrie und den McPherons Brüdern setzt Haruf hier zusammen und singt das große Lied von der Vereinzelung und Vereinsamung, vom Elend des Schweigens und von der Hoffnung und Erlösung durch Gemeinschaft und Familie, und sei sie auch eine selbst zusammengestellte. Wie gesagt, die Geschichte überzeugte mich deutlich mehr als das Vorgängerbuch, vielleicht, weil sie sich auch eindeutig mehr Zeit nimmt. Im Fazit ist aber auch sie mir in vielen Passagen zu einfach gestrickt und auch ein wenig rührselig.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Dez 2017 

    Das Leben am Rande der Great Plains

    Victoria Roubideaux ist 17 Jahre alt und schwanger. Von ihrer Mutter kann sie keine Hilfe erwarten, denn diese schmeißt sie raus. Doch ihre Lehrerin Maggie Jones setzt sich für den Teenager ein und überredet die Brüder McPheron, zwei ältere Viehzüchter, das Mädchen bei sich auf einer abgeschiedenen Farm aufzunehmen. Das sorgt dafür, dass sich das Leben von gleich sieben Einwohnern der fiktiven Kleinstadt Holt am Rande der Prärie im US-Bundesstaat Colorado von Grund auf ändert. Alle haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

    „Lied der Weite“ ist die Wiederauflage des Romans „Plainsong“ des verstorbenen US-amerikanischen Autors Kent Haruf.

    Meine Meinung:
    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von fünf Personen beziehungsweise Personenpaaren. Diese wechseln sich kapitelweise ab, wodurch der Leser viele Einblicke erhält.

    Auffällig sind das ruhige Erzähltempo und der besondere Schreibstil, der sehr flüssig und unaufgeregt ist, aber es dennoch schafft, dass mich der Roman sehr bewegen konnte. Die Sprache ist einfach, in Teilen aber fast poetisch. Durch die vielen Bilder, die der Autor entstehen lässt, ist sie zugleich eindringlich. Die tollen Beschreibungen, vor allem der Landschaft, konnten mich begeistern.

    Beleuchtet werden unterschiedliche Facetten des Lebens. Es geht um die großen, alltäglichen Themen wie Krankheit, Tod und Familienprobleme. Dadurch und durch die Darstellung der menschlichen Schicksale erhält der Roman an Tiefe. Die einzelnen Charaktere werden authentisch und lebensnah gezeichnet. Sie werden ausführlich und mit Liebe zum Detail beschrieben und analysiert. Obwohl der Erzähler auf Distanz bleibt, kommt man den Personen nah.

    Es ist eine Geschichte der leisen Töne ohne einen erkennbaren Spannungsbogen, die mich – abgesehen von einigen Längen – trotzdem fesseln und zum Nachdenken animieren konnte.

    Das Cover passt ganz hervorragend zum Inhalt des Romans. Das trifft auch auf den Titel zu, bei dem man sich erfreulicherweise stark am Original angelehnt hat – anders als beim Titel der deutschen Erstauflage („Flüchtiges Glück“). Einen Stern muss ich allerdings abziehen, vor allem weil ich die Preisgestaltung des Verlags für das Hardcover und das Ebook für etwas übertrieben halte.

    Mein Fazit:
    „Lied der Weite“ von Kent Haruf ist ein sehr lesenswerter, anspruchsvoller Roman von besonderer literarischer Qualität.