Lied der Weite

Buchseite und Rezensionen zu 'Lied der Weite' von Kent Haruf
4.35
4.4 von 5 (6 Bewertungen)

Victoria, siebzehn und schwanger, wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst widerwilliger Akt der Güte, der das Leben von sieben Menschen in der Kleinstadt Holt in Colorado umkrempelt und verwandelt. Vom Autor des Bestsellers ›Unsere Seelen bei Nacht‹.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070170

Rezensionen zu "Lied der Weite"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Apr 2018 

    Weites Land und gute Menschen in Holt/Colorado

    Kent Haruf hat (wenn ich richtig zähle) mit „Lied der Weite“ seit 1999 nun seinen siebten Roman herausgebracht. Und mit all diesen Romanen entführt er den Leser in eine konkret anmutende, aber vollkommen fiktive Gemeinde namens Holt in Colorado.
    Es ist mein erstes Haruf-Buch. Deshalb fällt es mir schwer zu beurteilen, inwieweit die Romane außer dem Handlungsort noch durch weitere Elemente miteinander verbunden sind und vielleicht auch über Romangrenzen hinweg gehende Geschichten erzählen und Handlungsstränge weiterentwickeln. Ich konzentriere mich deshalb vollkommen auf den Roman „Lied der Weite“ und die darin entwickelten Handlungsstränge.
    Worum geht es?
    Der Roman erzählt uns die Geschichte einer Handvoll von Figuren aus diesem Ort, die von sehr unterschiedlicher Intensität, Erzähltiefe und Bedeutung für den Gesamtroman sind. Die verschiedenen Figuren stellen auch die Kapitelüberschriften, was bezeugt, wie sehr sie und ihre Schicksale im Zentrum des Autoreninteresses stehen.
    Da ist vor allem:
    • Viktoria Roubideaux, eine 17-jährige Highsschool-Schülerin, die schwanger wird und von ihrer Mutter aus diesem Grund rausgeschmissen wird. Sie wendet sich an eine ihrer Lehrerinnen um Hilfe – Maggie Jones, und findet sie auch dort.
    • Die McPheron-Brüder Raymond und Harold, die weit ab des Ortes eine Rinderfarm betreiben und die Viktoria in ihrer Notlage auf sehr verschrobene, aber auch liebevolle Weise aufnehmen.
    • Tom Guthrie und seine Söhne Ike und Bobby, die gerade lernen, ohne ihre Ehefrau bzw Mutter ihr Leben zu meistern, da diese sich - von Depressionen geplagt - zunächst in die Einsamkeit einer eigenen Wohnung und dann in die Obhut ihrer Schwester in Denver begeben hat.
    Um nur die wichtigsten zu nennen.
    Zu Beginn des Buches gerät der Leser zunächst mit jedem Kapitel wieder an eine neue Romanfigur, ohne dass es zunächst gelingt, Verbindungslinien und Zusammenhänge zu erkennen. Es ist wie eine ruhige, aber auch ereignisreiche Fahrt mit einem Hop on-Hop off-Bus durch die kleine Gemeinde. Und bei jedem Stopp wartet ein neuer Charakter, ein neues Schicksal, eine neue Geschichte. Es dauert einige Kapitel und viele Seiten, bis der Leser diese einzelnen Puzzleteile sinnvoll zueinander positionieren kann und die Geschichten erkennt, die mit den Figuren verbunden sind und sich entwickeln. Diese Geschichten bieten dabei keine Sensationen, vielmehr schildert Haruf das ganz normale Leben in dieser Kleinstadt im Westen der USA. Der Leser taucht immer mehr ein in diesen normalen Alltag in Holt und beginnt ihn immer mehr zu verstehen und – wenn ich von mir spreche – auch immer mehr zu lieben. Es ist eine Wohlfühlgesellschaft, die Haruf hier entwirft, auch wenn nicht alles ohne Probleme abläuft. Ganz im Gegenteil: es gibt eine jugendliche Schwangere (Viktoria), einsame Alte (Mrs Stearns), auseinanderbrechende Familien und Ehen (Guthrie) mobbende Jugendliche (Russell). Und doch hat Haruf in seiner geschaffenen Romanwelt in der Regel schnell und effektiv Lösungen für die aufgezeigten Probleme parat. Die Gesellschaft in Holt ist so gut funktionierend, dass private Probleme aufgefangen und zumindest gemildert werden können.
    Bei allen Horror- und Skandalmeldungen, die uns derzeit tagtäglich aus den USA erreichen, ist das eine sehr beruhigende Botschaft und ein beruhigendes Bild, das dieser Roman abgibt und vermittelt. Ich habe mich beim Lesen hineinversinken lassen und es immer wieder geglaubt und/oder glauben wollen. Zweifel aber bleiben! Ist diese Wohlfühlwelt das wirkliche Amerika, oder wird uns hier etwas vorgegaukelt? Der Ort Holt wird extra von Haruf aus der Taufe gehoben und erfunden für seine Gesellschaftsromane. Es ist also kein realer Ort. Deshalb ist das hier vielleicht gar nicht das reale Amerika?!? So kann ich das nicht sehen! Denn: Gerade weil Haruf extra einen Ort erschafft und nicht auf einen existierenden zurückgreift, macht er ihn zum Musterort für ein Land und muss deshalb auch damit rechnen, dass die Leser hier Ableitungen auf das wirkliche Amerika erwarten. Und da habe ich eben dann doch bei aller Freude an der Lektüre meine Fragezeichen im Gehirn. Bin ich hier dem Autor auf den Leim gegangen? Gern wünsche ich mir diese Wohlfühlwelt, in der für Probleme in der Regel eine menschliche Lösung vorhanden ist und in die Tat umgesetzt wird. Aber kann ich wirklich darauf bauen? Ich setze da einige Fragezeichen ?????
    Und dennoch war es eine schöne, lohnende Lektüre, für die ich 4 Sterne vergebe.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Feb 2018 

    Sieben Menschen in einer kleinen Stadt

    „Plainsong“ heißt das Buch im Original: Choralgesang. Ein sehr passender Titel, in zweierlei Hinsicht.

    Der Autor lässt den Leser teilhaben am Leben grundverschiedener Menschen, die sich zwar kennen, weil in der Kleinstadt jeder jeden kennt, die aber ansonsten auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben. Er gibt ihnen authentische Stimmen, die sich zunächst nur wenig harmonisch zusammenfügen, als ihre Leben sich auf einmal überschneiden – jeder bringt seine eigenen Missklänge ein in diesen Choral: Einsamkeit. Depression. Das unerfüllte Bedürfnis nach Akzeptanz und Liebe.

    Die Annäherung beginnt nur vorsichtig, manchmal misstrauisch, aber man spürt sofort: da ist Resonanz. Da bringt einer im Leben des anderen etwas zum Schwingen.

    Die Missklänge verstummen zwar nicht über Nacht, am Ende wird das „Lied der Weite“ jedoch zu einem Choral der Hoffnung und des gegenseitigen Respekts.

    Die Schlüsselfigur des Romans ist in meinen Augen die schwangere 17-jährige Victoria, die von ihrer Mutter verstoßen wurde. Das setzt in der Kleinstadt einiges in Bewegung, vor allem unerwartete Hilfsbereitschaft: aufgenommen wird das Mädchen letztendlich ausgerechnet von den Brüdern McPheron, zwei alten Viehzüchtern, die ihr ganzes Leben lang Junggesellen waren und nicht die geringste Ahnung davon haben, wie sie mit einem Teenager umgehen sollen.

    Für diese beiden Charaktere allein hätte es sich schon gelohnt, das Buch zu lesen! Sie fühlen sich erst heillos überfordert von ihrer neuen Aufgabe, stürzen sich aber dennoch mit einer so schroffen wie herzzerreißenden Liebenswürdigkeit hinein – als hätten sie genau das ihr Leben lang vermisst. Dabei entbehren ihre Szenen nicht einer gewissen Komik, wenn sie versuchen, sich ihre neue Situation mit Dingen zu erklären, die sie kennen und von denen sie etwas verstehen. Einmal vergleicht Harold das Verhalten Victorias mit dem einer schwangeren Kuh:

    "Was redest du da?, sagte Raymond. Was ist denn das für ein Vergleich?
    Neulich hab ich drüber nachgedacht. Über die Ähnlichkeiten. Beide sind jung. Beide sind hier draußen auf dem Land, wo nur wir sind, um auf sie aufzupassen. Beide haben zum ersten Mal im Leben ein Baby im Bauch. Überleg doch mal.
    Raymond sah seinen Bruder entgeistert an. Sie waren vor dem Haus angekommen und hielten vor dem Drahtzaun auf der hartgefrorenen, zerfurchten Zufahrt. Herrgott noch mal, sagte er, das ist eine Kuh. Du redest von Kühen.
    Ich mein ja nur, sagte Harold. Denk doch mal drüber nach.
    Du sagst praktisch, dass sie eine Kuh ist, das sagst du doch.
    Das will ich damit überhaupt nicht sagen.
    Sie ist ein Mädchen, um Himmels willen. Keine Kuh. Du kannst doch nicht Mädchen und Kühe in einen Topf werfen.
    Ich hab ja nur gemeint, sagte Harold. Machst du dir eigentlich nie Gedanken?
    Doch. Ich denk auch manchmal nach.
    Na also.
    Aber ich muss nicht gleich drüber reden.
    Na gut. Ich hab geredet, bevor ich nachgedacht hab. Willst du mich gleich erschießen, oder wartest du, bis es finster ist?"

    Auch die anderen Charaktere erweckt Kent Haruf zum Leben, mit all ihren Marotten, Wünschen, Stärken und Schwächen – und das, ohne dem Leser jemals unmittelbar ihre Gedanken zu verraten. Man beobachtet ihr Verhalten sozusagen von außen, aber das beschreibt der Autor so prägnant, dass man schnell ein Gefühl für sie bekommt.

    Plainsong – plain song – plain

    „plain“ kann vieles bedeuten, schlicht, gewöhnlich, klar, pur... Und dies ist der zweite Grund, warum der Titel so passend ist: über lange Strecken erzählt das Buch vom ganz gewöhnlichen Alltag in einer ländlich gelegenen Kleinstadt, ruhig und mit sorgsamer Langsamkeit. Hundert Seiten ziehen am Leser vorbei, ohne dass viel passiert, ohne nennenswerten Spannungsbogen.

    Aber das ist nicht trivial, das ist das Leben.

    Die Geschichte entwickelt ihre ganz eigene Art von Spannung, denn es ist alles so echt, so lebendig, so berührend.Ich habe in jeder Szene mit den Charakteren mitgefiebert – auch wenn sie nur dabei waren, Zeitungen auszutragen.

    Schlicht, klar, pur… Das sind alles Attribute, die auf den Schreibstil von Kent Haruf zutreffen.

    Er erzählt in einfachen, bedächtigen Sätzen, die dennoch ihre ganz eigene Poesie entfalten. Sie treffen den Kern der Dinge, das Wesen der Menschen, die der Autor so liebevoll beschreibt.

    Am Schluss bleiben einige Dinge offen, nicht alle Fragen werden beantwortet. Wir haben die Charaktere ein Stück ihres Weges begleitet, aber im Leben gibt es nur wenige endgültige Enden… Und so kann man als Leser höchstens erahnen, wohin sie die Reise noch führen wird.

    Ich hoffe darauf, dass der Verlag auch „Eventide“ noch übersetzen wird, in dem einige der Charaktere aus diesem Buch, wie die McPherons, wieder eine wichtige Rolle spielen. Es ist aber gut möglich, „Lied der Weite“ als alleinstehendes Werk zu lesen.

    Fazit:
    In einer ländlich gelegenen Kleinstadt wird die schwangere Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Durch einen Akt der Hilfsbereitschaft verändert sich daraufhin das Leben von sieben verschiedenen Menschen – vor allem das der beiden alten Viehzüchter, die das Mädchen bei sich aufnehmen, obwohl sie ihr ganzes Leben lang alleine gelebt haben und sie diese neue Aufgabe in hilflose Panik versetzt.

    Man könnte sagen, dass in diesem Buch strenggenommen nicht viel passiert. Der Autor lässt sich viel Zeit, den ganz normalen Alltag seiner Charaktere zu beschreiben, bis ins Detail und ohne Drama. Aber die Klarheit der Sprache und die Komplexität der Charaktere haben mich dennoch an das Buch gefesselt.

    Es hat diese Neuauflage auf jeden Fall verdient. (Das Buch ist 2001 schon einmal unter dem Titel „Flüchtiges Glück“ im btb-Verlag herausgebracht worden.)

  1. 5
    (5 von 5 *)
     - 08. Feb 2018 

    Kleinstadtleben

    In einer Kleinstadt wird die 17 jährige Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt, weil sie schwanger ist. Damit das Mädchen nicht auf der Straße leben muss, überredet die Lehrerin des Mädchens zwei alte Viehzüchter, Victoria bei sich aufzunehmen. Die McPherons sind freundlich, aber wortkarg und leben schon sehr lange alleine. Sie machen ihre Arbeit immer gemeinsam und verstehen sich ohne Worte hervorragend. Sie gehen darauf ein, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Damit verändert sich Einiges auf der Farm der Alten.

    Kent Haruf beschreibt das Leben in einer fiktiven Kleinstadt in Colorado, in der Nähe von Denver. Die Einwohner sind teilweise verschroben und haben noch nie viele Worte verloren. Er beschreibt seine Romanhelden mit knappen Worten und so Manches bleibt dem Leser verborgen. Alleine durch die Handlungen seiner Figuren, versteht man diese am Ende, oder kann seine Gedanken hinein interpretieren. Als Leser schwebt man förmlich über den Protagonisten.

    Haruf schreibt, zart, humorvoll und unaufdringlich. Ich hatte ständig das Gefühl, über der Geschichte zu schweben. Immer wieder musste ich schmunzeln, vor allem über die McPherons-Brüder. Nie hatte ich das Gefühl, dieses Buch aus den Händen legen zu wollen. Die unaufgeregte Schreibweise, deutet auf einen Sturm hin, der aber niemals auftaucht. Trotzdem ist es auf keinen Fall langweilig und zieht einen magisch in diese Kleinstadt, mit dem Verlangen, mehr über seine Bewohner zu erfahren. Die Wortlosigkeit, die Stille und Weite spricht aus den Seiten.

    Ein wunderbares Buch, mit der Erkenntnis, dass mit Worten und Taten Vieles geschaffen und verändert werden kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Feb 2018 

    Ein Akt der Güte

    "Lied der Weite" ist vor "Unsere Seelen bei Nacht" entstanden und spielt ebenfalls in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, wie alle der 6 Romane des verstorbenen amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf (1943-2014).

    Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen mehrere Figuren, die am Ende in einer Gemeinschaft zueinander finden.

    Da ist zunächst der Lehrer Tom Guthrie, der an der High School unterrichtet und dessen Frau unter Depressionen leidet.

    "Drinnen war es fast völlig dunkel, der Raum wirkte abweisend und Ruhe gebietend wie der Altarraum einer leeren Kirche nach der Beerdigung einer zu früh verstorbenen Frau-" (S.10).

    Ihre beiden Jungen Ike (10) und Bobby (9) sind mit der Situation überfordert und wünschen sich, die Mutter würde wieder aufstehen. Gemeinsam tragen sie jeden Tag die Zeitung aus und beim wöchentlichen Kassieren treffen sie auf die einsame, alte Mrs Stearns, deren Sohn im 2.Weltkrieg gefallen ist. Als sie erfährt, dass die Mutter der Jungen ausgezogen ist, äußert sie ihr Mitleid:

    "Ihr müsst sehr einsam sein" (S.59),

    und bringt den beiden jenes freundliche, gütige Verhalten entgegen, dass uns mehrfach in dieser Geschichte begegnet.

    Victoria Roubideaux ist eine weitere Hauptfigur, sie steht im Zentrum des Romans. Gerade erst 17 Jahre alt ist sie schwanger von einem Jungen aus einer anderen Stadt, der sie verlassen hat. Ihre Mutter weigert sich ihr zu helfen und weist sie mit grausamer Kälte zurück.

    "Dem Mädchen kamen die Tränen. Hilf mir, Mama. Ich brauch dich, du musst mir helfen. Zu spät, sagte die Frau. Du hast dir die Suppe eingebrockt, jetzt löffel sie auch aus." (S.15)

    Allein gelassen wendet sich Victoria an die Lehrerin Maggie Jones, die ebenfalls an der High School unterrichtet. Maggie nimmt sie zwar auf, doch wegen ihres dementen Vaters kann Victoria dort nicht bleiben. Der Vater des Kindes scheint keine Verantwortung tragen zu wollen, trotzdem will Victoria das Kind behalten.

    "Maggie Jones betrachtete eine Zeitlang ihr Gesicht. Das Mädchen sah müde und traurig aus, sie hatte die Decke um die Schultern gewickelt wie jemand, der ein Zugunglück oder eine Überschwemmung überlebt hat, trauriges Überbleibsel einer Katastrophe, die ihren Schaden angerichtet hat." (S.46)

    Maggie hat die Idee, sie bei den Brüdern McPherons unterzubringen. Raymond und Harold führen seit dem frühen Tod ihrer Eltern eine Farm, 17 Meilen außerhalb von Holt, und züchten Rinder. Sie kennen auch Tom, der ihnen ab und an hilft, wenn es gilt zu überprüfen, ob die Kühe trächtig sind.

    Ausgerechnet dort soll Victoria leben, bei diesen beiden Männern, die zu schweigen gewohnt sind und nicht wissen, was sie mit einem jungen Mädchen reden sollen.

    "Zwei alte Männer, allein. Klapprige alte Junggesellen hier draußen auf dem Land, siebzehn Meilen von der nächsten Stadt, und auch die macht nicht viel her, wenn man hinfährt Schau uns an. Verschroben und ungebildet. Einsam. An Unabhängigkeit gewöhnt. Mit eingefahrenen Gewohnheiten. Wie willst du das alles in unserem Alter noch ändern? (S.143)

    Sie sind nicht die einzige, deren Leben in Holt sich ändern wird.

    Bewertung
    Die Szene, in der der alte Arzt Victoria zum ersten Mal untersucht, zeugt von jener zwischenmenschlichen Güte, der meines Erachtens im Mittelpunkt des Romans steht. Behutsam erklärt er jeden seiner Schritte und behandelt sie respektvoll und freundlich.
    Doch auch grausames Verhalten, wie Victorias Mutter es an den Tag legt, und Vorurteile herrschen in der Stadt. Der Junge Russell Beckmann demütigt Victoria vor der Klasse und gerät in einen heftigen Streit mit Tom Guthrie - ein Konflikt, in den auch die seine beiden Kinder hineingezogen werden. Während die Beckmanns die Beschränktheit und asoziales Verhalten verkörpern, stehen die McPherons für Güte und Humanität. Aber auch die beiden "profitieren" von der Anwesenheit Victorias, denn nun müssen sie sich um jemanden kümmern, sich sorgen, sind "gezwungen" zwischenmenschlich zu agieren. Zuerst legen sie die Decke nachts über sie, dann kaufen sie ein Kinderbettchen und bringen sie zur Entbindung in die Stadt - berührende Szenen, ohne rührselig zu sein.
    Haruf verdeutlicht an kleinsten Veränderungen, wie sich das Verhalten der beiden alten Männer gegenüber Victoria ändert. Zunächst gelingt es ihnen nicht, sie anzuschauen.

    "Ich fürchte, das ist eine schwere Zeit für dich, sagte Raymond zu dem dem Mädchen. Er sah sie nicht an, sondern an ihr vorbei ins Leere." (S.163)

    Als sie zurückkehrt, hat sich dies geändert.

    "Wir haben uns Sorgen gemacht, sagte Raymond. Er saß neben ihr am Tisch und schaute sie an." (S.307)

    Der Roman zeigt, wie Schlink treffend sagt (Buchrückseite), die Kraft der Liebe, aber auch die Schwächen der Menschen und
    - das Leben selbst. Von trächtigen Kälbern ist zu lesen, von sterbenden Pferden, von der Geburt des kleinen Mädchens und dem Tod der alten Mrs Stearns. Von Sex und Liebe, Demütigung und Güte...

    Ein unaufgeregter Roman, der mich genauso berührt hat, wie "Unsere Seelen bei Nacht" und für den ich eine klare Lese-Empfehlung aussprechen kann.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Jan 2018 

    Plainsong

    Ich muss zugeben, dass mich Kent Harufs im Frühjahr 2017 erschienener und begeistert bejubelter Kurzroman „Unsere Seelen bei Nacht“ enttäuscht hat. Was als Schlichtheit und Dezenz gelobt wurde, war für mich nur Belanglosigkeit und das berührende Thema erreichte mich auch nicht, konnte ich doch gar nicht nachvollziehen, warum sich erwachsene, gestandene Menschen durch ihre Umwelt so in ihrem Leben einschränken lassen. Da Kent Haruf auch in den USA so gelobt wird, wollte ich ihm gerne nochmal eine Chance einräumen (oder auch mir, je wie man es betrachtet). Und um es gleich zu sagen, mit „Lied der Weite“ klappte es besser, auch wenn das Buch ähnlich gestrickt ist.
    „Plainsong“ im Original, weist es sowohl auf die „Great Plains“ Amerikas, die großen Weiten, in denen das kleine Holt/Colorado, in denen Harufs Romane spielen angesiedelt sind, hin, als auch auf die Liedform des Chorals, einfache, einstimmige Melodien aus der Kirchenmusik. Solche einfachen Melodien, von der schwangeren Teenagerin Victoria, der Lehrerin Maggie Jones, dem von seiner Frau verlassenen Tom Guthrie und den McPherons Brüdern setzt Haruf hier zusammen und singt das große Lied von der Vereinzelung und Vereinsamung, vom Elend des Schweigens und von der Hoffnung und Erlösung durch Gemeinschaft und Familie, und sei sie auch eine selbst zusammengestellte. Wie gesagt, die Geschichte überzeugte mich deutlich mehr als das Vorgängerbuch, vielleicht, weil sie sich auch eindeutig mehr Zeit nimmt. Im Fazit ist aber auch sie mir in vielen Passagen zu einfach gestrickt und auch ein wenig rührselig.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Dez 2017 

    Das Leben am Rande der Great Plains

    Victoria Roubideaux ist 17 Jahre alt und schwanger. Von ihrer Mutter kann sie keine Hilfe erwarten, denn diese schmeißt sie raus. Doch ihre Lehrerin Maggie Jones setzt sich für den Teenager ein und überredet die Brüder McPheron, zwei ältere Viehzüchter, das Mädchen bei sich auf einer abgeschiedenen Farm aufzunehmen. Das sorgt dafür, dass sich das Leben von gleich sieben Einwohnern der fiktiven Kleinstadt Holt am Rande der Prärie im US-Bundesstaat Colorado von Grund auf ändert. Alle haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen.

    „Lied der Weite“ ist die Wiederauflage des Romans „Plainsong“ des verstorbenen US-amerikanischen Autors Kent Haruf.

    Meine Meinung:
    Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von fünf Personen beziehungsweise Personenpaaren. Diese wechseln sich kapitelweise ab, wodurch der Leser viele Einblicke erhält.

    Auffällig sind das ruhige Erzähltempo und der besondere Schreibstil, der sehr flüssig und unaufgeregt ist, aber es dennoch schafft, dass mich der Roman sehr bewegen konnte. Die Sprache ist einfach, in Teilen aber fast poetisch. Durch die vielen Bilder, die der Autor entstehen lässt, ist sie zugleich eindringlich. Die tollen Beschreibungen, vor allem der Landschaft, konnten mich begeistern.

    Beleuchtet werden unterschiedliche Facetten des Lebens. Es geht um die großen, alltäglichen Themen wie Krankheit, Tod und Familienprobleme. Dadurch und durch die Darstellung der menschlichen Schicksale erhält der Roman an Tiefe. Die einzelnen Charaktere werden authentisch und lebensnah gezeichnet. Sie werden ausführlich und mit Liebe zum Detail beschrieben und analysiert. Obwohl der Erzähler auf Distanz bleibt, kommt man den Personen nah.

    Es ist eine Geschichte der leisen Töne ohne einen erkennbaren Spannungsbogen, die mich – abgesehen von einigen Längen – trotzdem fesseln und zum Nachdenken animieren konnte.

    Das Cover passt ganz hervorragend zum Inhalt des Romans. Das trifft auch auf den Titel zu, bei dem man sich erfreulicherweise stark am Original angelehnt hat – anders als beim Titel der deutschen Erstauflage („Flüchtiges Glück“). Einen Stern muss ich allerdings abziehen, vor allem weil ich die Preisgestaltung des Verlags für das Hardcover und das Ebook für etwas übertrieben halte.

    Mein Fazit:
    „Lied der Weite“ von Kent Haruf ist ein sehr lesenswerter, anspruchsvoller Roman von besonderer literarischer Qualität.