Lieber und verehrter Onkel Heinrich

Buchseite und Rezensionen zu 'Lieber und verehrter Onkel Heinrich' von Klaus Mann
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lieber und verehrter Onkel Heinrich"

Dieses Buch füllt eine Lücke in der Jahrhundertchronik der Manns. Es gibt viele Darstellungen der komplizierten Vater-Sohn-Beziehung zwischen Thomas Mann und seinem ältesten Sohn Klaus, und auch über die ungleichen Brüder Heinrich und Thomas ist schon oft geschrieben worden. Weitgehend unerforscht blieb bisher die Beziehung zwischen Heinrich Mann und seinem Neffen Klaus – obwohl diese beiden eine große politische Nähe verband. Ein Roman wie Klaus Manns «Mephisto» ist ohne Heinrich Manns «Der Untertan» gar nicht zu denken. In gewisser Hinsicht war Onkel Heinrich für Klaus eine Art geistiger Vater, zeitweilig sogar ein Vaterersatz.
Im Zentrum des Buches steht der weitgehend unveröffentlichte Briefwechsel zwischen Klaus und Heinrich Mann, der vollständig abgedruckt und von den Herausgebern ausführlich kommentiert und erläutert wird.
Darüber hinaus werden erstmals sämtliche Tagebucheinträge Klaus Manns über seinen Onkel publiziert sowie alle wichtigen Aufsätze, die Neffe und Onkel übereinander geschrieben haben.

Den zweiten Schwerpunkt des Buches bildet ein ausführliches Doppelporträt von Klaus und Heinrich Mann. Inge Jens und Uwe Naumann schildern darin die Rolle der beiden Schriftsteller in den politischen und literarischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Zugleich wird die verborgene Dreiecksgeschichte Thomas – Heinrich – Klaus Mann zum ersten Mal eingehend dargestellt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag: Rowohlt
EAN:9783498032371

Diskussionen zu "Lieber und verehrter Onkel Heinrich"

Rezensionen zu "Lieber und verehrter Onkel Heinrich"

  1. Der Briefwechsel von Klaus und Heinrich Mann

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jul 2014 

    Wir haben weniger gesprochen, wenn wir in demselben Zimmer saßen. Ein Buch kann gesprächig machen.“
    Die beiden ausgesprochenen Kenner der Familie Mann, Inge Jens vor allem von Thomas und Katja Mann und Uwe Naumann, der sich viel mit Erika und Klaus beschäftigt hat, haben sich zusammen getan, um das Verhältnis von Klaus und Heinrich Mann aus den vorhandenen Texten der beiden zu erschließen. Neben dem wichtigsten Teil des Buches, 68 Briefen der beiden zwischen 1924 – 1948, viele davon zum ersten Mal veröffentlicht, finden sich Ausschnitte aus Klaus Manns Autobiografie „Der Wendepunkt“, Essays, der Nachruf von Heinrich Mann auf seinen Neffen und ein erläuterndes Nachwort der beiden Herausgeber.
    Die Texte sind ein faszinierendes Panorama der Zeitgeschichte. Existentielle Fragen des Exils, politische Diskussionen, aber auch ganz praktische Fragen des täglichen (Über-)lebens zweier Autoren finden sich ebenso wie viele Details aus dem Leben der bekanntesten deutschen Schriftstellerfamilie. Und aus der wissenden Nachschau der heutigen Zeit sind natürlich die Einschätzungen zweier herausragender Intellektueller jener Zeit hoch interessant – auch wenn sie dabei nicht immer richtig lagen. So schreibt Klaus Mann 1938 an seinen Onkel: „Ich habe es so im Gefühl: die Riesen-Sauerei hat ihren Höhepunkt erreicht.“
    Das Nachwort der Herausgeber bietet einen kurzen, aber gut zusammengefassten Überblick über das bisher kaum untersuchte Verhältnis dieser beiden Familienmitglieder, und zeigt damit auch, dass es hier noch einiges zu erforschen gibt. So geben Inge Jens und Uwe Naumann einige Anstöße für den Vergleich bestimmter Bücher der beiden, z.B. die Gemeinsamkeiten des Mephisto mit dem Untertan. Selbstverständlich kann dies im Rahmen eines Nachwortes nur angerissen werden, aber so bietet auch dieser Text viele Denkanstöße. Es gelingt den Herausgebern, in den knapp 40 Seiten die vorangegangenen Texte in die Biografien von Klaus und Heinrich Mann sowie in die äußeren politischen und gesellschaftlichen Umstände einzuordnen und den beim Leser entstehenden Eindruck zu untermauern: Hier schreiben zwei Menschen, die viel verbindet – aber weniger auf emotionaler als auf intellektueller Ebene. „Von Deinen Büchern habe ich viel gehabt, Du aber hast nichts von mir - - auch im vorigen Sommer, in Kalifornien, war ich, was mein Neffentum betrifft, wieder ein rechter Versager.“
    Herausragend ist der Anmerkungsteil zu den Briefen. Wie schon bei den von Inge Jens herausgegebenen Tagebüchern von Thomas Mann (ab Band …) bieten die Anmerkungen nicht nur viel Wissenswertes, Weiterführendes und dienen damit der besseren Einordnung des Gelesenen, sie sind auch stellenweise fast genauso lesenswert wie die Texte, auf die sie sich beziehen.
    Ein Teil des Buches bleibt für den Leser etwas schwer zugänglich: Die Herausgeber haben alle Stellen aus den Tagebüchern Klaus Manns (auch aus den bisher nur in Archiven zugänglichen Teilen) zusammengetragen, die sich mit Heinrich Mann, bzw. dessen Familie befassen. Das führt dann zu „Leseerlebnissen“ wie „Kurz weiter Heinrich gelesen“. Der Wunsch, hier alle entsprechenden Zitate vollständig aufzuführen, hat sicher einen wissenschaftlichen Wert, der Nutzen für alle Nicht-Germanisten bleibt aber gering. Aber neben diesen der Vollständigkeit geschuldeten, wenig gewinnbringenden Stellen, finden sich viele, welche die Briefe besser verstehen helfen. Und die auch zeigen, dass Klaus Mann seinem Onkel in einigen Dingen wesentlich kritischer gegenüberstand als es die Briefe und die weiteren Essays vermuten lassen.
    Ein besonders faszinierender Aspekt dieses Buches liegt aber hinter den eigentlichen Texten: Es ist ein großartiges Beispiel dafür, wie sehr sich die gesamte Familie Mann – und vor allem alle, die selber geschrieben haben – um den einen gruppieren, sich auf ihn beziehen: Der Zauberer, wie ihn vor allem sein Sohn Klaus nannte, ist auch in den Briefen, Tagebucheinträgen und den weiteren Texten immer wiederkehrender Bezugspunkt. Ob als Versuch, sich gegen ihn abzugrenzen, als bewundertes Vorbild, als Person, auf die man bewusst Rücksicht nimmt, um seiner Position nicht zu schaden - immer wieder taucht der Vater und kleine Bruder Thomas aus dem Text auf. Es ist beeindruckend, wie sehr er die Familie prägte und wie viel er auch – trotz aller immer wieder entstehenden Entfremdung – Klaus und Heinrich bedeutete. Damit ist dieses Buch auch für alle Thomas Mann-Interessierten, die bisher mit Klaus und Heinrich wenig anfangen konnten, ein echtes Leseerlebnis.