Liebe ist die beste Therapie

Buchseite und Rezensionen zu 'Liebe ist die beste Therapie' von John Jay Osborn
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5 von 5 (4 Bewertungen)

Alles spielt sich in einem Raum mit vier Stühlen ab. Auf denen sitzen: eine Frau und ein Mann Mitte 30 sowie eine Paartherapeutin mit unorthodoxen Methoden. Der vierte Stuhl bleibt leer, er steht für die Ehe, die die beiden aufgebaut haben. Und von der die Therapeutin zu Anfang sagt, die Chance, sie zu retten, sei höchstens 1:1000.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
Verlag: Diogenes
EAN:9783257070439

Rezensionen zu "Liebe ist die beste Therapie"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2018 

    Listen to the Marriage - Hört, was eure Ehe zu euch sagt

    Ich lese keine gefühlsduseligen Liebesromane. Dieser Roman ist - ungeachtet seines verunglückten deutschen Titels - auch keiner. Der Roman ist ein Augenöffner.

    Die Geschichte spielt sich fast ausschließlich im Besprechungszimmer der Therapeutin Sandy ab. Dort erscheinen Charlotte und Steve. Die beiden sind verheiratet und haben zwei Kinder. Sie leben allerdings getrennt und die Ehe scheint zerrüttet. Charlotte und Steve haben sich im Laufe der Jahre offenbar voneinander entfremdet. Steve ist dem beruflichen Erfolg hinterher gejagt und hat seinem Job und der Karriere Vorrang vor seiner Familie eingeräumt. Charlotte fühlte sich mit dem Alltag und ihrem Job allein gelassen. Als sie entdeckt, dass Steve fremdgeht, läuft das Fass über.

    Die Paartherapie bei Sandy ist der letzte Versuch, die Ehe zu retten. Steve scheint reumütig und bemüht sich. Charlotte scheint dagegen froh, sich von Steve befreit zu haben und macht die Therapie offenbar nur der Kinder zuliebe. Die gemeinsamen Kinder sind dann auch das erste zarte Bindeglied, über das Charlotte und Steve einen halbwegs normalen Umgang als getrenntes Paar aufbauen.

    Steve macht im Verlauf der Geschichte eine große Veränderung durch. Die Trennung von Charlotte und den Kindern rüttelt ihn wach. Er verringert seine Arbeitszeiten, verkauft sein Angeberauto und kauft stattdessen einen familientauglichen Wagen und mietet ein Haus. Er möchte mehr Kontakt zu seinen Kindern und erhält ihn schließlich auch. Doch Charlotte ist nicht so leicht zu erweichen. Ihre Gefühle wurden verletzt und sie scheut neue Verletzungen.

    Charlotte und Steve haben also eine weiten Weg zu gehen, wenn sie ihre Ehe retten wollen. Sie müssen lernen, einander zuzuhören und miteinander zu kommunizieren. Verlorenes Vertrauen muss neu aufgebaut, die eigenen Gefühle ergründet werden. Das ist anspruchsvolle Arbeit, bei der ihnen Sandy eine große Hilfe ist. Sandy lehrt ihnen auch, sich selbst und die eigenen Probleme nicht überzubewerten, sondern sich vor Augen zu führen, was sie zusammen in ihrer Ehe aufgebaut und erreicht haben. Die Ehe von Charlotte und Steve wird als vierte Person durch einen grünen Sessel im Besprechungsraum verkörpert. Der Sessel ist von Anfang an gegenwärtig und die Ehe wird im Laufe des Romans immer präsenter. Sie bekommt über Sandy eine eigene Stimme. Doch Charlotte und Steve müssen lernen, auf sie zu hören.

    Der Roman wirkt wie ein Kammerstück. Er ist ausschließlich aus der Perspektive der Therapeutin Sandy erzählt und spielt sich fast nur in ihrem Besprechungszimmer ab. Als Leser schlüpft man daher automatisch selbst in die Rolle des Therapeuten, erfährt erst nach und nach die Einzelheiten, die zur Trennung von Charlotte und Steve geführt haben und geht auf Ursachenforschung. Da die Erforschung der Vergangenheit sowie die parallel laufende Gegenwart ausschließlich in den Therapiesitzungen erzählt wird, entwickelt sich die Story außerdem unheimlich schnell und zieht in den Bann. Mir fiel es schwer, das Buch wegzulegen.

    Die Geschichte drückt zu keiner Zeit auf die Tränendrüse, sondern konzentriert sich auf allzu menschliche Verhaltensmuster, die uns oft die falschen Dinge aus den falschen Gründen tun lassen. Ein analytischer Roman, den ich guten Gewissens empfehlen kann.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Nov 2018 

    1:1000

    1:1000

    Bei einem Lottogewinn wäre eine Chance von 1:1000 eine sehr gute Prognose. Doch was ist, wenn eine Paartherapeutin dies anwendet, um die Chancen ihrer Ehe darzustellen?
    Steve und Charlotte müssen sich genau damit auseinandersetzen, denn Sandy, ihre gemeinsame Therapeutin, spricht dies so in den ersten Sitzungen an.
    Steve und Charlotte leben getrennt, die Scheidung steht im Raum, und doch suchen sie Hilfe. Hilfe wobei? Die Formalitäten einer Trennung ohne Streit zu regeln? Den Umgang für die Kinder bestmöglich zu regeln? Oder erhofft sich einer, oder gar beide den Fortbestand der Ehe?

    Dies alles waren Fragen,die ich mir zu Beginn des Buches gestellt habe. Durch die Gespräche der beiden mit Sandy gewinnt man einen guten Einblick, wie es zur Zeit in deren Leben aussieht.
    Charlotte hat sich auf den Dozenten Bill eingelassen. Sie genießt es, dass er ihr zuhört, da er bereits geschieden ist, kann er nützliche Tipps geben. Manko, er ist verheiratet, von Trennung keine Rede. Geschickt lotet Sandy diese Situation aus, zeigt auch Steve, der eifersüchtig ist, wie er damit umgehen soll. Sie macht ihm einiges klar. Er muss lernen zwischen den Zeilen zu lesen, denn Charlotte meint nicht immer was sie sagt.

    Steve ändert seinen gesamten Lebensstil. Er schraubt die beruflichen Verpflichtungen zurück. Kümmert sich rührend um die Kinder. Besucht einen Kochkurs. All das was Charlotte früher vermisst hat, scheint Steve nun zu verkörpern. Liegt es an der Lehrerin des Kurses?

    Schnell wird klar, dass die Ehe von beiden noch nicht aufs Abstellgleis geschoben wurde. Aber wie schafft man es die Diskrepanzen aufzuarbeiten? Sandy selbst zweifelt an diesem Unterfangen, tut aber alles um den beiden zu zeigen, worauf es wirklich ankommt.

    John Jay Osborn hat mit Liebe ist die beste Therapie einen eindrucksvollen Roman erschaffen. Er lässt drei Leute in einem Raum Platz nehmen. Streut Diskussionen in die Handlung. Und, etwas sehr unkonventionelles! Er schickt eine Instanz ins Rennen, die zwar eigentlich auf der Hand liegt, aber von niemandem erwartet wird. Ich werde hier an dieser Stelle bewusst nichts verraten, denn potentielle Leser dieses Romans müssen diesen Prozess selbst durchlaufen. Die Idee des ganzen hat mich wirklich begeistert. Ich hätte nie gedacht, dass ich ein komplettes Buch, gespickt mit Eheproblemen und die Lösung derer, als so interessant und unterhaltsam empfinden könnte.
    Lesen Sie diesen Roman! Unbedingt!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Nov 2018 

    Eine Therapeutin, die man sich wünscht

    Gerne lasse ich mich auf neue Bücher aus dem Hause Diogenes ein. Dieses Buch erscheint wie üblich in (rotem) Leinen gebunden und der bekannten beige-weißen Farbe mit quadratischer Illustration auf dem Cover, die einen Mann und eine Frau zeigen, die voneinander weg gehen. Ganz Diogenes. Aber der Titel: „Liebe ist die beste Therapie“… Das weckt Assoziationen zu einfachen Liebes- und Urlaubsromanen, die ich eigentlich nicht lesen möchte. Was hat es damit wohl auf sich?

    Steve und Charlotte sind seit Jahren verheiratet. Sie sind beide berufstätig, leben in gutbürgerlichen Verhältnissen und haben zwei Kinder. Wir lernen die beiden im Besprechungszimmer der Ehetherapeutin Sandy kennen, denn sie haben sich getrennt, möchten ihrer Ehe aber durch die Therapie eine letzte Chance geben.
    Der gesamte Roman findet in diesem Zimmer statt, in dem drei rote und ein grüner Sessel zur Ausstattung gehören. Die meisten Gespräche führt Sandy mit beiden Eheleuten, es kommen aber auf Wunsch auch Einzeltermine zustande.

    Vordergründiger Trennungsgrund ist der Lebenswandel von Steve: Er arbeitete sehr viel, hat es durch viel Fleiß zum Partner in seiner Firma gebracht. Er hatte wenig Zeit für die Familie und hat sich um die Kinder gar nicht gekümmert. Zu allem Überfluss hat er seine Frau auch betrogen. Gerade der letzte Punkt brachte das Fass für Charlotte zum Überlaufen, fühlte sie sich entsetzlich hintergangen und verletzt.

    Mittlerweile ist sie eine neue Beziehung mit Bill, einem ebenfalls verheirateten Mann, eingegangen, der seiner Frau jedoch noch nichts über das Verhältnis gesagt hat.
    Steve trifft sich ebenfalls mit anderen Frauen, eine Tatsache, die Charlotte zwar stört, über was sie aber nicht weiter nachdenken möchte. Von Anfang an bemüht sich Steve ernsthaft, Dinge jetzt besser zu machen und sich zu verändern. Er möchte seine Frau zurückgewinnen.

    Das Buch besteht zu einem großen Teil aus Dialogen, es ist spannend und kurzweilig zu lesen. Hinzu kommt, dass der Leser auch die Gedanken der Therapeutin erfährt, die das Verhalten und die Aussagen ihrer Klienten blitzschnell auswertet und interpretiert. Sandy scheint fast allwissend, wenn sie Einfluss auf die Eheleute ausübt, in Gespräche interveniert und positiv manipuliert. Sie ist eine ungemein erfahrene Moderatorin, die Sachlichkeit in die Emotionen bringt und Hilfestellung leistet, um zum Kern der Grundprobleme vorzudringen. Sie ist eine zutiefst menschliche Therapeutin, die selbst auch schon Brüche im Leben erlebt hat und mit ihrer Mutter hadert.

    Im Verlauf des Buches nähern sich die Ehepartner mal aneinander an, mal entfernen sie sich wieder. Man wünscht den beiden, dass sie eine Chance für einen Neuanfang bekommen. Die Handlung erscheint mir sehr glaubwürdig. Die Therapeutin sucht nicht nach einer schnellen Versöhnung, sondern nach tragfähigen Lösungen, die beide Partner gleichberechtigt mittragen können. Das macht das Buch so interessant: Bis zum Ende scheint alles möglich zu sein.

    Insofern finde ich den deutschen Titel viel zu seicht, er impliziert, dass die Liebe allein alles heilen kann. Das greift für diese komplexe Ehetherapie, deren Zeuge wir werden, viel zu kurz. Der Originaltitel: „Listen to the marriage“ erhält seinen Sinn beim Lesen – ob er wirklich besser ist, vermag ich nicht zu entscheiden.

    Wer Freude daran hat, sich auf ein psychologisch forderndes und trotzdem unterhaltsames Kammerspiel einzulassen, dem gebe ich meine volle Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Nov 2018 

    "Listen to the marriage"

    Der englische Titel ist für den vorliegenden Roman viel passender als der etwas kitschig wirkende deutsche Titel, der suggeriert, es handle sich um einen niveaulosen Liebesroman. Und das würde diesem psychologischen Roman in keinster Weise gerecht.

    Worum geht es?
    Die Ehe von Steve und Charlotte steht vor dem Aus. Bevor sie sich endgültig trennen, wollen sie den Kindern zuliebe noch einen Versuch starten. Sie besuchen die ungewöhnliche Paartherapeutin Sandy, in deren psychologischer Praxis der Roman spielt. Steve und Charlotte treffen dort zusammen, um über das zu reden, was zu ihrer Trennung geführt hat.

    Aus der personalen Erzählperspektive Sandys, die fast immer zu wissen scheint, was in den Köpfen ihre Klient*innen vorgeht, erleben wir mit, wie die beiden ihre Beziehung "auseinander nehmen".

    In der ersten Sitzung geht es zunächst um das Finanzielle und da Charlotte sich Sorgen macht, wie lange das Geld noch reichen wird, macht Sandy einen ungewöhnlichen Vorschlag. Sie will, dass Steve Charlotte den gesamten Erlös, den sie mit dem Verkauf ihres Hauses erzielt haben, gibt.

    "Ja, alles", erwiderte Sandy. Charlotte hat ganz schön viel auf sich genommen, indem sie mit den Kindern ausgezogen ist. Soll sie sich jetzt etwas auch noch Sorgen machen, wie sie finanziell über die Runden kommt?" Ganz genau, Steve, dachte Sandy. Sie hat dich verlassen, und ich will trotzdem, dass du ihr die ganzen zweihunderttausend gibst. Verstehst du, warum?" (8)

    Immer wieder provoziert sie Steve oder Charlotte, damit diese ihre eingefahrenen Verhaltensweisen überdenken. Beruflich geht es ihnen beiden gut, denn Steve ist gerade "Teilhaber einer großen Private-Equity-Firma" (10) geworden, während Charlotte englische Literaturwissenschaft an der Universität lehrt und vor kurzem eine Festanstellung erhalten hat.
    Doch Steve hat Charlotte betrogen, worauf sie ein Affäre mit einem verheirateten Mann begonnen hat, der ebenfalls Literaturdozent ist.
    Gibt es eine Chance für die beiden? Sind sie in der Lage sich zu ändern? Lernt Steve Charlottes Äußerungen zu verstehen, wird sie über ihre Gefühle sprechen können?
    Sandy scheint wechselweise auf der Seite des einen oder der anderen zu stehen, doch ihr liegt an der Ehe der beiden, auf sie sollen beide hören - "listen to the marriage"!

    Bewertung
    Obwohl der Roman fast ausschließlich aus den Dialogen in den Therapiesitzungen und Sandys Gedanken währenddessen besteht, ist er überaus spannend zu lesen. Schließlich will man wissen, ob die beiden wieder zueinander finden - gleichzeitig erkennt man, wenn man selbst in einer Ehe lebt und Kinder hat - viele Verhaltensmuster wieder.
    Sandys Reflexionen dazu sind erhellend und sorgen für den ein oder anderen Aha-Effekt. Ein überaus intelligenter Roman, mit einer ungewöhnlichen Protagonistin, bei der man selbst gerne eine Therapiesitzung machen würde. Fraglich, was dann im mysteriösen grünen Sessel sitzen würde, der in seinem viktorianischen Stil nicht zu den Ikea-Sesseln passt, auf dem die Therapeutin und die Klient*innen Platz nehmen.
    Er ist für das reserviert, was die Beteiligten mit in die Sitzung bringen - die Ehe, ein andere Person... - ein sehr interessanter Gedanke, wenn man sich darauf einlässt.

    Kurzweilig, psychologisch interessant und authentisch - klare Lese-Empfehlung!