Lichtspiel

Buchseite und Rezensionen zu 'Lichtspiel' von Daniel Kehlmann
4.65
4.7 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lichtspiel"

Einer der Größten des Kinos, vielleicht der größte Regisseur seiner Epoche: Zur Machtergreifung dreht G. W. Pabst in Frankreich; vor den Gräueln des neuen Deutschlands flieht er nach Hollywood. Aber unter der blendenden Sonne Kaliforniens sieht der weltberühmte Regisseur mit einem Mal aus wie ein Zwerg. Nicht einmal Greta Garbo, die er unsterblich gemacht hat, kann ihm helfen. Und so findet Pabst sich, fast wie ohne eigenes Zutun, in seiner Heimat Österreich wieder, die nun Ostmark heißt. Die barbarische Natur des Regimes spürt die heimgekehrte Familie mit aller Deutlichkeit. Doch der Propagandaminister in Berlin will das Filmgenie haben, er kennt keinen Widerspruch, und er verspricht viel. Während Pabst noch glaubt, dass er dem Werben widerstehen, dass er sich keiner Diktatur als der der Kunst fügen wird, ist er schon den ersten Schritt in die rettungslose Verstrickung gegangen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
EAN:9783498003876

Rezensionen zu "Lichtspiel"

  1. Großartig

    Ich bin ja in der Regel immer sehr vorsichtig, wenn Bücher so sehr beworben oder gefeiert werden und sich gefühlt die halbe Welt einig ist, dass es sich um DAS Buch der Stunde handelt. Deshalb bin ich auch recht lange um das neue Buch von Daniel Kehlmann herumgeschlichen. Am Ende war ich dann aber doch einfach zu neugierig, um es nicht doch zu lesen. Am Ende hat mich das Buch sehr begeistert und es hat sich zu einem meiner Jahreshighlights entwickelt.
    Wie genau allerdings die historischen Details sind vermag ich nicht zu beurteilen. Dazu sind meine Kenntnisse über Filmgeschichte einfach zu gering.
    Mir haben die verschiedenen Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird, sehr gut gefallen. Dadurch ergaben sich für mich immer wieder neue Blickwinkel. Ein wirklich toller Erzählstil. Prägnante Szenen, die auf den ersten Blick unglaublich leicht erscheinen. Und hinter aufgesetzter und natürlich gekünstelter Heiterkeit verbergen sich menschliche Abgründe, NS-Ideologie, Macht und blanker Hass. Da ist zum Beispiel die schon vorab häufig besprochene Szene in Goebbels Büro. Jeder wird beim Lesen unweigerlich Goebbels' Gesicht vor Augen haben und seine fanatischen Reden. Und dieses skurrile Gespräch, in dem nicht einmal explizit gedroht wird. Und doch spürt man sofort mit welchen Machtbefugnissen Pabst' Gegenüber ausgestattet ist, kleine Machtspielchen werden vor seinen Augen durchgeführt und man weiß als Leser sofort, welche Konsequenzen es jetzt hätte, würde Pabst an dieser Stelle ablehnen.
    Szenen wie diese finden sich immer wieder im Buch und ich finde sie unheimlich gut geschrieben, ich musste mehrfach tief durchatmen. Manchmal sind diese Momente auch eher subtil untergebracht und fast überliest man sie. Aber irgendwie bleibt man dann doch dran hängen, hält Inne und wird sich dann erst der ganzen Bedeutung einzelner Sätze bewusst.

    Am Ende kann ich die Hauptfigur des G.W. Pabst für mich persönlich noch immer nicht einordnen. Er verlässt Hollywood vordergründig aufgrund seiner Erfolglosigkeit. Aber ist das wirklich alles? Ist die Sorge um seine Mutter wirklich so groß, wie er es überall verlauten lässt? Oder ist nicht doch das angekratzte Ego des großen und genialen Regisseurs ausschlaggebend, der Wunsch als große Persönlichkeit gesehen zu werden? Er ist für mich eine ambivalente Figur, schwer zu erfassen und manchmal auch schwer zu verstehen. Wenn er seine Umgebung in Kameraeinstellungen wahrnimmt, habe ich mich schon gefragt, ob neben seinen Filmen noch Platz ist für andere Dinge oder Menschen. Eine Mischung, die mich immer wieder dazu gebracht hat meine Sicht auf Pabst und sein Handeln zu überdenken.

    Es wimmelt nur so von Namen anderer Regisseure, Drehbuchautoren und Schauspielern. Und ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß dabei, nebenher Personen und deren historische Einordnung nachzuschlagen. Für mich ist "Lichtspiel" ein rundum gelungenes Buch.

  1. 5
    25. Nov 2023 

    Im Namen der Kunst

    Zur Zeit der großen Stummfilme hat er sich einen Namen gemacht, der österreichische Filmregisseur G. W. Pabst. Während der Machtergreifung der Nazis hatten er und seine Familie das Glück, gerade in Frankreich zu drehen. Sie schafften es von dort nach Los Angeles. Doch die Stadt der Engel und der Filmschaffenden in Amerika verlangten etwas, dem sich Pabst nicht fügen konnte. Auf einen Hilferuf der Mutter reist die Familie zurück nach Österreich, zwar mit dem Plan wieder auszureisen, aber mit dem Pech wegen eines Unfalls nicht sofort wegzukönnen und dann vom Krieg überrascht zu werden. Als dann das Propaganda-Ministerium seine Klauen nach Pabst ausstreckt, sieht Pabst keinen anderen Weg als sich mit dem System zu arrangieren.

    Wenn vor dem Krieg einer der rote Pabst genannt wurde, erstaunt so ein Sinneswandel schon. Doch wie geraten der Regisseur und seine Familie in die Fänge der Nazis? Gerade er, der die Garbo zum Ruhm gebracht hat, der mit vielen bekannten Schauspielern gedreht hat. Die Familie hatte es doch nach Amerika geschafft. Doch Pabst tut sich schwer. Das ewige Lächeln in Amerika, hinter dem doch eine knallharte Geschäftstüchtigkeit steckt. Den Einfluss, den er zu haben glaubt, müsste er sich erst erarbeiten. Der einzige Film, den er machen darf, ist ein Flop. Pabst sieht keine Chance im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Insgeheim hofft er, in Europa an alte Erfolge anknüpfen zu können.

    Die Beschreibung des Lebensweges des Regisseurs G. W. Pabst, der zeitweilig in einem Atemzug mit Lubitsch, Lang und ähnlichen Größen genannt wurde, wird hier von Daniel Kehlmann herausragend zu einem Roman komponiert. Sein Scheitern in Amerika, der Wunsch der Mutter zu helfen, führen geradewegs in die Arme der Nazis. Kann man aus heutiger Sicht nachvollziehen, wie sich ein Roter mit den Nazis arrangieren kann? Man spürt die Beklemmung, das Kafkaeske, und traut doch seinen Augen kaum. Ein Mensch hängt jedoch am Leben, nach der Rückkehr in eine andere Heimat, bestand wohl kaum eine Chance, wieder zu entkommen. Also blieb wohl nur, sich zu beugen und dennoch eigene Filme zu drehen. Wie weit geht er dabei? Man kann diesen Roman nicht einfach so durchlesen, man muss das eine oder andere Mal absetzen. Und doch kann man nicht von dem Buch lassen und liest weiter mit Schrecken über dieses üble System, dass das Unterste zu Oberst kehrte. So wie schon erwähnt kafkaesk agierende Menschen sollten wirklich nie wieder an die Macht kommen. Es schüttelt einen und aufgerüttelt legt man diesen besonderen Roman beiseite, mit der Empfehlung, ihn unbedingt zu lesen.

  1. Was darf Kunst?

    Mein Hör-Eindruck:

    Darf Kunst alles?

    Welche Möglichkeiten hatte ein Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus? Er konnte sich anpassen wie der Bildhauer Arnold Breker. Er konnte freiwillig oder unfreiwillig ins Exil gehen wie so viele. Oder aber er konnte ins sog. innere Exil gehen, d. h. der Künstler war weiterhin tätig, aber ohne die Partei und das Regime zu unterstützen. Zu dieser Gruppe Künstler gehören z. B. der Maler Otto Dix oder der Schriftsteller Hans Fallada.

    Kehlmann widmet sich in seinem Roman dieser Frage und dem Regisseur G. W. Pabst, einem der bekanntesten Filmregisseure der Weimarer Republik, der Entdecker Greta Garbos und Regisseur berühmter Filme wie „Die freudlose Gasse“ oder „Die Büchse der Pandora“, mit denen er international bekannt wurde. Wie stand Pabst zum Nationalsozialismus?

    Dieses Thema fächert Kehlmann vielseitig auf. Pabst befand sich zur Zeit der Machtergreifung in Frankreich und plante die Auswanderung in die USA, weil er den Nationalsozialismus ablehnte. Bei einem Besuch seiner Mutter in der Steiermark verhinderte jedoch der Ausbruch des II. Weltkrieges die geplante Auswanderung. Pabst wurde daher einer der Künstler, die blieben, aber unfreiwillig.

    Kehlmann teilt seinen Roman auf in drei große Einheiten: „Draußen“ – „Drinnen“ – „Danach“. Es ist der Block „Drinnen“, der aufzeigt, wie Pabst von Goebbels in die Kulturpolitik des Reichs verstrickt wurde. Pabst lässt sich verstricken, weil er von der Qualität seiner Arbeiten und seinen Fähigkeiten überzeugt ist und nicht anders kann: er muss Filme machen.
    Und dafür nimmt er einiges in Kauf: nicht nur persönliche Verwerfungen mit seiner Frau, sondern auch Zensur, kriegsbedingte Einschränkungen, Drohungen und auch das Zu-Kreuze-Kriechen vor Goebbels und anderen Größen des Reichs. Kehlmann gestaltet seinen Protagonisten aber nicht zum tragischen Helden, sondern stellt seine Mit-Schuld deutlich heraus. Pabst kann sich eines Tages nicht länger der Herstellung von propagandistischen Durchhaltefilmen entziehen und erklärt sich einverstanden, Bücher des fanatischen Nationalsozialisten Karrasch zu inszenieren, darunter „Der Fall Molander“. Der Film entsteht Ende 1944 in Prag, abseits von der bedrohten Hauptstadt. Die Arbeit an diesem Film wird für Pabst zu einer Obsession: dieser Film soll ihn wieder in die Riege der größten Regisseure heben, er wird ihn unsterblich machen, er wird als Kunstwerk das III. Reich überdauern. Dafür ist ihm alles recht, auch der Einsatz von KZ-Insassen als Statisten, wie er es bei Leni Riefenstahl zuvor gesehen hatte – eine grausige Szene, die seinen Assistenten bis ans Ende seiner Tage traumatisiert.

    Kehlmann hat sichtlich genau recherchiert, aber trotzdem bleiben Lücken, die er mit sehr schönen kleinen Szenen füllt – z. B. mit der anrührenden Szene, als er Greta Garbo – von ihm entdeckt, inzwischen weltbekannt – vergeblich um Hilfe bittet. Andere Szenen wiederum sind komisch und man könnte lachen, wenn das Thema nicht so ernst wäre. So nimmt z. B. Papsts Ehefrau gezwungenermaßen an einem Literaturkränzchen teil, und es gelingt Kehlmann, nur mit dem identischen Satzbau und Wiederholungen die Langeweile der besprochenen Nazi-Literatur indirekt zu spiegeln. Ebenso subtil und ironisch-kritisch gestaltet er die Premiere eines Riefenstahl-Films. Da tritt der Humorist P. G. Wodehouse auf, der als britischer Kriegsgefangener zur Teilnahme gezwungen wird, um Internationalität vorzutäuschen – und der beharrlich und süffisant ständig nachfragt, wo denn nur der nackte Speerwerfer sei.

    Wie weit dürfen Kompromisse gehen und wie weit darf Unterwerfung gehen? Wo ist die Grenze zwischen Korrumpierbarkeit und persönlicher Integrität? Wie weit darf man sich anpassen, wo beginnt der Abbau von ethischen Grundsätzen? Kehlmann liefert keine Antworten, er erzählt nur; die Antworten muss sich der Leser selber geben.

    „Lichtspiel“ ist nicht nur ein Film über einen Filmemacher, sondern auch ein überaus packendes Buch über das Spiel von Licht und Dunkel.

    Ich habe das Hörbuch gehört, rundum perfekt eingelesen von Ulrich Noethen. Sein Vorlesen zeigt, dass richtiges Vorlesen bereits eine Deutung ist.

  1. Lichtspiel

    Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen, dreht G. W. Pabst gerade in Frankreich. Da an eine Rückkehr nicht zu denken ist, macht er sich auf nach Hollywood, wo er auch eine Chance bekommt. Aber er kann seine Vorstellungen nicht durchsetzen und so wird der Film ein Flop. Damit ist er in dem Filmparadies gescheitert und kann auf keine Hilfe hoffen. Als er ein Telegramm von seiner kranken Mutter erhält, reist er nach Österreich, jetzt Ostmark genannt. Die Machthaber wollen ihn für neue Filme gewinnen. Zunächst lässt er sich auf die Angebote nicht ein, doch dann ist Krieg de und die Grenzen sind geschlossen. So kommt es, dass er sich doch auf die Anfragen einlässt. Für Propagandafilme steht er zwar nicht zur Verfügung, aber für ihn ist wichtig, dass er wieder drehen kann.
    Eingerahmt wird die Geschichte des berühmten Regisseurs G. W. Pabst durch die fiktive Figur des Franz Wilzek, der mit Pabst beim verschollenen Film "Der Fall Molander" zusammengearbeitet hat.
    Erzählt wird diese Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven und so lernte ich Georg Wilhelm Pabst kennen, der mir aber dennoch immer ein bisschen fremd blieb. Er hat schon früh erkannt, wie er Menschen dazu bringt, das Beste vor der Kamera aus sich herauszuholen. Obwohl er in der Weimarer Republik sehr berühmt war, so blieb er beim Filmen selbst stets im Dunkeln. Mir kam Pabst oft ein wenig naiv vor. Das ging los mit seinen Verhandlungen in Hollywood, wo er aufgrund fehlender Sprachkenntnisse sich nicht durchsetzen kann. Dann reist er zurück, weil seine kranke Mutter einen Hilferuf losgeschickt hat, was ihn ehrt. Doch er hätte erkennen müssen, dass er wahrscheinlich nicht mehr ohne Weiteres ausreisen kann. Aber ganz besonders hätte er sehen müssen, dass man nicht für die Nazis Filme drehen kann ohne sich zu korrumpieren. Man spürt, wie zerrrissen er ist, aber für ihn geht das Filmemachen über alles. Seine Familie tat mir oft leid. Trude hat es nicht leicht mit ihm und seiner Besessenheit. Sie sieht, dass er in Gedanken ständig bei einer anderen - Louise Brooks – ist. Aber auch für seinen Sohn Jakob ist es nicht leicht und so wird er ein begeisterter Anhänger des Regimes und zieht sogar in den Krieg.
    Daniel Kehlmann ist ein meisterhafter Erzähler, der kein Urteil über seine Figuren fällt. Er überlässt es dem Leser, sich selbst seine Gedanken darüber zu machen, was Pabst für ein Mensch war und was man im Namen der Kunst tun darf.
    Ein tiefgründiger und lesenswerter Roman.

  1. 4
    22. Okt 2023 

    Georg Wilhelm Papst - ein Genie des deutschen Films

    In seinem Roman “Lichtspiel“ erzählt Daniel Kehlmann das Leben des deutschen Regisseurs Georg Wilhelm Papst. Er wurde durch seine genialen Stummfilme bekannt, drehte in Frankreich, bevor er sich mit seiner Frau Trude und seinem Sohn Jakob in Hollywood niederließ – in der Hoffnung, an seine bisherigen Erfolge anknüpfen zu können. Sein erster Film war jedoch ein Misserfolg, und keiner konnte oder wollte ihm helfen. Deshalb kehrte er nach Europa zurück. Als er seiner alten Mutter in einem Seniorenheim in seiner Heimat Österreich einen kurzen Besuch abstatten will, kann er wegen des Kriegsausbruchs nicht wieder ausreisen und muss sich irgendwie mit dem Naziregime arrangieren. Kehlmann beschreibt sehr anschaulich, welche Schwierigkeiten und Schikanen die Familie bewältigen muss. Der Vaterlandsflüchtling Papst wird noch immer als Kommunist und Jude beschimpft, obwohl es keine Juden in seiner Familie gibt. Er muss sich jede Äußerung genau überlegen, denn auch unter seinen Mitarbeitern könnten Spitzel des Regimes sein. Das Leben in Nazi-Deutschland ist auch deshalb eine große Belastung für das Ehepaar, weil Sohn Jakob Mitglied der Hitlerjugend ist und später als Soldat an die Front geht.
    Der gut recherchierte, kenntnisreiche Roman stellt dem Leser nicht nur G.W. Papst vor, sondern eine Vielzahl bekannter Persönlichkeiten der Zeit. Der Autor vermischt Fakten und Fiktion, vor allem im Zusammenhang mit dem in den letzten Kriegsmonaten in Prag gedrehtem Film “Der Fall Molander“, der nie in die Kinos gelangte. In einer Rahmenhandlung tritt der im Sanatorium Abendruh lebende demente Franz Wilzek, ehemals Papsts Regieassistent, später eigenständiger Regisseur in der Fernsehsendung „Was gibt es Neues am Sonntag“ auf und lässt das Rätsel um den verschwundenen Film in einem neuen Licht erscheinen.
    Ich habe den neuen Roman wie schon seine Vorgänger gern gelesen, obwohl er durch den enormen Detailreichtum zur damaligen Herstellung von Filmen und die schier unüberschaubare Personenvielfalt streckenweise erhebliche Längen hat. Dennoch ist Kehlmann ein sehr interessantes Buch gelungen.

  1. 5
    12. Okt 2023 

    Im Spinnennetz

    Georg Wilhelm Pabst ist heute beinahe vergessen, dabei zählte er einst zu den Großen der Filmindustrie. Neben Lang, Murnau und Lubitsch war er einer der berühmtesten Regisseure der Weimarer Republik. Er gilt als Entdecker von Greta Garbo, die durch seinen Film „ Die freudlose Gasse“ zu Weltruhm kam.
    Nun hat Daniel Kehlmann, der schon mehrmals historische Figuren zu Protagonisten seiner Bücher gemacht hat, diesen Regisseur ins Zentrum seines neuesten Romans gestellt.
    Pabst war zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Frankreich und reiste dann in die USA. Er versucht, wie viele emigrierte Künstler, hier Fuß zu fassen. Doch er scheitert. Denn er wird gezwungen, einen mittelmäßigen Film abzuliefern, der dann auch ein Misserfolg wird. Daraufhin kehrt Pabst mit Frau und Sohn nach Europa zurück, in die „ Ostmark“, wie das besetzte Österreich nun heißt, zu seiner kranken Mutter. Aber dann bricht der Krieg aus, die Grenzen sind dicht und die Familie Pabst sitzt fest.
    Nicht lange und Goebbels ruft ihn zum Gespräch. Deutschlands Filmindustrie braucht namhafte Künstler, nicht nur aus Imagegründen, sondern auch, weil durch die Emigration ein Mangel an ihnen herrscht.
    Pabst versucht sich zu entziehen; er habe nicht die Absicht, weitere Filme zu machen. Doch Goebbels kennt keinen Widerspruch. „ Falsche Antwort, falsche Antwort, falsche Antwort …“
    Dies ist eine der zentralen Szenen im Roman. Surreal und übermächtig mutet schon das übergroße Büro des Propagandaministers an. Und unverhohlen droht der mächtige Goebbels: „ Bedenken Sie, was ich Ihnen bieten kann… zum Beispiel KZ. Jederzeit. Kein Problem. Aber das meine ich ja gar nicht. Ich meine, bedenken Sie, was ich Ihnen auch bieten kann, nämlich: alles, was Sie wollen. Jedes Budget, jeden Schauspieler. Jeden Film, den Sie machen wollen, können Sie machen.“
    Und hier liegt die große Versuchung. Denn Pabst will natürlich arbeiten. Die Arbeit ist sein Leben. Doch Filme drehen kann man nicht für sich daheim, dazu benötigt man viele Ressourcen, ist angewiesen auf Geldgeber. Aber darf man deshalb einen Pakt schließen mit dem Bösen? Rechtfertigt die Kunst alles? Inwiefern macht sich Pabst schuldig? Um diese Fragen kreist der Roman.
    Pabst begründet seine Zusammenarbeit mit den Nazis. „ Denn all das geht vorbei. Aber die Kunst bleibt.“ Seine kluge Frau Trude dagegen sieht das anders, denn, selbst wenn das stimme, „ Bleibt sie nicht beschmutzt? Bleibt sie nicht blutig und verdreckt?“
    Es ist unbestritten, dass Pabst nie reine Propagandafilme gedreht hat; er war kein Nazi. Aber er hat sein Schaffen in den Dienst eines unmenschlichen und skrupellosen Regimes gestellt. Darf man das und was macht das mit einem ?
    Die andere Frage ist, ob Pabst überhaupt eine Wahl hatte.
    Diesen Zwiespalt und seine Konsequenzen aufzuzeigen, das schafft Kehlmann auf großartige Weise.
    In unzähligen Episoden und mit einer Fülle von Details lässt er die damalige Zeit aufleben. Wir treffen jede Menge historischer Figuren, Mitläufer wie Heinz Rühmann ( „ Ganz ohne Kompromisse geht es natürlich nicht“.) oder die Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl, die ihre Arbeit ganz in den Dienst der NS- Ideologie gestellt hat. Bei Kehlmann wird sie zur bösen und völlig talentfreien Nazisse.
    Und der britische Schriftsteller P.G. Wodehouse, hier unter dem Namen Rupert Wooster, fungiert in einem Kapitel sogar als Ich-Erzähler. Ihn haben die Nazis als Gefangenen im Hotel Adlon untergebracht, mit der Auflage regierungsfreundliche Rundfunkbeiträge zu verfassen.
    Eine zentrale Rolle im Roman spielen ebenfalls Pabsts Ehefrau Trude und sein Sohn Jakob. An Beiden macht sich Pabst schuldig durch seine Rückkehr nach Nazi-Deutschland. Die Umstände führen zur Entfremdung der Eheleute und lassen Trude Zuflucht im Alkohol suchen. Und der Sohn lernt sich anzupassen, entwickelt sich zum begeisterten Hitlerjungen und Kriegsfreiwilligen.
    Es gibt jede Menge filmreifer Szenen, wie die Hollywood-Party gleich zu Beginn. Wie eine Kamera wird der Fokus auf eine Gruppe Menschen gerichtet, man belauscht deren Gespräche und dann zoomt die Kamera weiter zum Nächsten. Nicht frei von Komik sind hier Pabsts Versuche, Anschluss an Hollywoods Filmschaffende zu finden. Wie ein Fremdkörper wirkt er mit seinen österreichischen Manieren und seinem rudimentären Englisch.
    Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt ist jene Szene, in der Trude in die Fänge eines nur aus Damen bestehenden Lesezirkels gerät. Denn in der Gruppe werden ausschließlich Werke des Nazi-Schriftstellers Alfred Karrasch gelesen und besprochen. Doch was soll sie sagen zu einem Buch , das „ so uninteressant [ ist ], dass es nicht einmal schlecht war.“
    Und ausgerechnet diese Schmonzette wird Pabst später unter dem Titel „ Der Fall Molander“ verfilmen. Wie ein Besessener arbeitet er in den letzten Kriegstagen an der Fertigstellung dieses künftigen „ Meisterwerks“. Hier lässt Kehlmann offen, ob der Regisseur, wie Leni Riefenstahl für „ Tiefland“ , Menschen aus Arbeits- und Konzentrationslager als Statisten benutzt hat.
    Die Filmrollen gehen dann in den Wirren der letzten Kriegstage unter und bleiben verschollen, so will uns Kehlmann glauben lassen. ( Tatsächlich lagern sie in einem Filmarchiv in Prag.)

    Der Roman wechselt beständig die Perspektiven. Es gibt diverse Ich- Erzähler und dazwischen auktoriale und personale Erzählpassagen. Interessant ist, dass wir keinen Einblick in die Innenwelt des Protagonisten bekommen. Pabst wird umkreist wie mit einer Kamera, die seine Handlungen und seine Mimik und Gestik vorführt, die der Leser deuten soll. Aber Pabst war anscheinend, wie Kehlmann andeutet, selbst für seine Nächsten ein Rätsel.
    „ Man konnte nicht sehr gut mit ihm sprechen. Wenn er nicht gearbeitet hat, war er nicht ganz anwesend… Es ist ja alles in seinen Filmen.“ lässt er seinen Sohn Jakob rückblickend sagen.
    Mit der Sprache geht der Autor gekonnt um. Passend zum Setting und zur jeweiligen Figur ändert sich diese. Surreale und alptraumhafte Sequenzen durchbrechen den ansonsten vorherrschenden Realismus.
    Aufgebaut ist der Roman in drei Teile: „ Draußen“, „ Drinnen“ und „ Danach“, wobei „ Drinnen“ in den Fängen der Nazi-Diktatur im Zentrum steht.
    Dazu gibt es eine Rahmenhandlung um den fiktiven Regieassistenten Franz Wilzek, der mit Pabst in Prag am Film „Molander“ gearbeitet hat. Dieser Fritz hat gleich zu Beginn des Romans einen tragikomischen Auftritt. Er, mittlerweile alt und leicht dement, wird als Gast in eine Fernsehtalkshow eingeladen und soll hier erzählen, wie die Zusammenarbeit damals mit dem großen Regisseur war. Als die Frage nach dem unauffindbar gewordenen Film kommt, bestreitet Fritz, sichtlich nervös, dass dieser je gedreht wurde. Am Ende dann erfahren wir hierzu mehr.
    Kehlmann hat eine intensive Recherche betrieben, doch er hat, wie er selbst betont, keine Biografie geschrieben, sondern einen Roman. Um das zu unterstreichen gibt es z.B. kleine Namensänderungen und es gibt zwei entscheidende Figuren, die Kehlmanns Phantasie entsprungen sind, so z. B. Franz Wilzek.
    Daniel Kehlmann ist mit „ Lichtspiel“ ein großer, ein vielschichtiger Roman gelungen über einen Künstler, der sich korrumpieren ließ. Aus dem ehemals „ roten Pabst“, der Brechts „ Dreigroschenoper“ verfilmt hat und der mit sozialkritischen Werken in die Filmgeschichte einging, wurde ein Verbündeter des Dritten Reichs. Ein Urteil maßt sich Daniel Kehlmann nicht an. Das mag der Leser fällen. Der darf sich aber auch fragen, wie er sich in einem ähnlichen Fall verhalten würde. So weist der Roman über die historische Ebene hinaus.

  1. Der Autor beschreibt in

    Der Autor beschreibt in „Lichtspiel“ den - fiktiven - Werdegang des tatsächlich ehedem existierenden Filmregisseurs G.W.Papst. Er hält sich zunächst bewusst von Nazideutschland fern, doch nachdem er im Hollywood der dreißiger Jahre erfolglos bleibt, kehrt er - im Vertrauen auf die Zusagen, die ihm gemacht werden - nach Deutschland zurück und dreht dort seine Filme. In flüssiger Sprache, häufig mit einer Spur Humor, führt Daniel Kehlmann den Leser durch ein Leben inmitten diverser Filmgrössen. Das liest sich über weite Strecken gut, womit ich nicht zurechtkam, waren die surrealen Momente der Geschichte. Kopfschüttelnd blieb ich nach Lektüre dieser Szenen zurück und fragte mich, wozu diese von mir als grotesk empfundenen Darstellungen in Augen des Autors benötigt wurden. Ich empfand sie als übertrieben, sie holten mich aus der ansonsten als lebensnah empfundenen Story jedes Mal raus. Vermutlich bin für solche Ausflüge in das Reich der Übersteigerung nicht geeignet.

  1. Der Autor beschreibt in

    Der Autor beschreibt in „Lichtspiel“ den - fiktiven - Werdegang des tatsächlich ehedem existierenden Filmregisseurs G.W.Papst. Er hält sich zunächst bewusst von Nazideutschland fern, doch nachdem er im Hollywood der dreißiger Jahre erfolglos bleibt, kehrt er - im Vertrauen auf die Zusagen, die ihm gemacht werden - nach Deutschland zurück und dreht dort seine Filme. In flüssiger Sprache, häufig mit einer Spur Humor, führt Daniel Kehlmann den Leser durch ein Leben inmitten diverser Filmgrössen. Das liest sich über weite Strecken gut, womit ich nicht zurechtkam, waren die surrealen Momente der Geschichte. Kopfschüttelnd blieb ich nach Lektüre dieser Szenen zurück und fragte mich, wozu diese von mir als grotesk empfundenen Darstellungen in Augen des Autors benötigt wurden. Ich empfand sie als übertrieben, sie holten mich aus der ansonsten als lebensnah empfundenen Story jedes Mal raus. Vermutlich bin für solche Ausflüge in das Reich der Übersteigerung nicht geeignet.

  1. Der Autor beschreibt in

    Der Autor beschreibt in „Lichtspiel“ den - fiktiven - Werdegang des tatsächlich ehedem existierenden Filmregisseurs G.W.Papst. Er hält sich zunächst bewusst von Nazideutschland fern, doch nachdem er im Hollywood der dreißiger Jahre erfolglos bleibt, kehrt er - im Vertrauen auf die Zusagen, die ihm gemacht werden - nach Deutschland zurück und dreht dort seine Filme. In flüssiger Sprache, häufig mit einer Spur Humor, führt Daniel Kehlmann den Leser durch ein Leben inmitten diverser Filmgrössen. Das liest sich über weite Strecken gut, womit ich nicht zurechtkam, waren die surrealen Momente der Geschichte. Kopfschüttelnd blieb ich nach Lektüre dieser Szenen zurück und fragte mich, wozu diese von mir als grotesk empfundenen Darstellungen in Augen des Autors benötigt wurden. Ich empfand sie als übertrieben, sie holten mich aus der ansonsten als lebensnah empfundenen Story jedes Mal raus. Vermutlich bin für solche Ausflüge in das Reich der Übersteigerung nicht geeignet.

  1. 5
    10. Okt 2023 

    Virtuoses Rätselspiel um Filmkunst und Macht

    Lang, Zinnemann, Siodmak, Lubitsch – sie alle gingen nach Hollywood und hatten Erfolg. G. W. Pabst, in der Übergangszeit vom Stumm- zum Tonfilm auf einer Ebene mit Lang oder Murnau, lernt nie genug Englisch, um die Geldgeber in Hollywood von seinen Ideen zu überzeugen. Nach einem Misserfolg locken die Nazis mit unbegrenzter künstlerischer Freiheit – und Pabst kehrt „heim ins Reich“. Dann bricht der Krieg aus. Aber die Nazis halten Wort: Er darf filmen, was und wie er will, egal, was es kostet. Drei Filme wird er drehen – der dritte, „Der Fall Molander“, befindet sich gerade im Schneideraum, als Prag von den Russen eingenommen wird. Er wird nie vorgeführt.

    Rund um diesen Film lässt Kehlmann ein Rätselspiel entstehen. Hat Pabst für diesen Film tatsächlich, so wie Riefenstahl, KZ-Häftlinge als Komparsen verwendet? War er wirklich ein solches Kunstwerk? Oder wurde er überhaupt nie aufgenommen, wie sein greiser ehemaliger Assistent im Prolog behauptet? Erst ganz am Schluss wird das Rätsel der verschollenen Filmrollen aufgeklärt.

    Fest steht, der Preis für die Kunst ist hoch – aber Pabst ist überzeugt, dass die Kunst jedes Opfer rechtfertigt. Pabsts Frau Trude hat Kehlmann die Rolle der Mahnerin zugedacht: „Selbst wenn sie bleibt, die … Kunst. Bleibt sie nicht beschmutzt? Bleibt sie nicht blutig und verdreckt?“ Das eigentliche Opfer von Pabsts Entscheidung ist sein Sohn Jakob. Durch die zahlreichen Umzüge und Schulwechsel, USA, Frankreich, Schweiz, Österreich, hat er zu gut gelernt, sich anzupassen. Er will dazugehören, die Botschaften der Nazis fallen bei ihm auf fruchtbaren Boden „Wir wollen nicht mehr berühmt werden oder reich. Wir wollen für das Ganze da sein, wir wollen kämpfen, und wenn es so sein soll, dann wollen wir auch sterben für etwas, das größer ist als wir.“ Kehlmann macht aus Pabst einen Kunstbesessenen, dem nichts wichtiger ist als der nächste Film. Dass sein Sohn zum Nazi geworden ist, macht Pabst zu schaffen - aber es ist der Verlust seines dritten reichsdeutschen Films, an dem Kehlmann ihn zerbrechen lässt.

    „Lichtspiel“ liest sich flüssig und extrem unterhaltsam; es ist oft auf grimmige Art komisch. Im Roman begegnet uns eine Reihe berühmter Zeitgenosse: P. G. Wodehouse, Leni Riefenstahl, Heinz Rühmann, Joseph Goebbels. Ihnen allen verleiht Kehlmann einen authentischen Ton. Großartig die unbelehrbare Riefenstahl in ihrem kalten Dünkel, das schneidend-joviale Machtbewusstsein von Goebbels oder das ironische Understatement von Wodehouse. Sie treten für ein Kapitel, manchmal nur für eine Szene, höchst lebendig aus den Buchseiten heraus.

    Dann wieder gibt es Szenen, in denen den Protagonisten für Minuten die Realität entgleitet und die, albtraumhaft übersteigert, das Surreale realer wirken lassen als ihre permanent gefilterte Realität. Kehlmann verpasst seinen Protagonisten eine Art dissoziativen Gedächtnisschwund. „War es möglich, dass nichts davon geschehen war? Konnte man entscheiden, dass es nicht geschehen war?“

    Es ist verführerisch, den Roman als Biographie von G. W. Pabst zu lesen. Aber „Der Fall Molander“ ging nicht verloren, sondern befindet sich in ungeschnittenem Zustand im Prager Filmarchiv. Pabsts Sohn heißt nicht Jakob und war kein Nazi – sein Name ist Michael, geboren 1941, Kunstgalerist in München. In Kehlmanns Roman geht es nicht (nur) um die immerwährende Frage nach dem (Stellen-)Wert der Kunst. Das dem Roman vorangestellte Zitat von Heimito von Doderer verweist auf dessen Werk „Unter schwarzen Sternen“. In diesem kann man auf S. 8 über ein Phänomen lesen, das wir alle ebenfalls kennen: „Pax in bello. Wer es versteht und den Weg weiß, der lebt auch in der Hölle behaglich.“

    Denn so wie wir heute unser Leben leben, während um uns herum die Welt untergeht – Syrien, Ukraine, Afghanistan, neuerdings wieder Israel – so lebt Pabst sein Künstlerleben, als befände er sich auf einer Insel. „Das hier sind jetzt meine Umstände.“ Wir schauen die neueste Staffel von Babylon Berlin und gruseln uns wohlig angesichts des historischen Tanzes auf dem Vulkan. Der letzte Wahlerfolg der AFD provoziert erneut Vergleiche mit der Weimarer Republik. Pabsts „Umstände“ sind nicht so weit entfernt von unserer Lebensrealität, wie man glauben könnte. Das vermittelt Kehlmanns Roman auf virtuose Weise.