Letzte Haut

Buchseite und Rezensionen zu 'Letzte Haut' von Volker Harry Altwasser
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Letzte Haut"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
EAN:9783882217445

Rezensionen zu "Letzte Haut"

  1. Volker Harry Altwassers Beginn seiner Trilogie

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jul 2014 

    Das Grauen hat ein Gesicht

    Spätestens seit Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ gibt es eine Diskussion über die Fiktionalisierung des Nationalsozialismus aus Sicht der Täter.
    2009 veröffentlichte der heute 40jährige Volker Harry Altwasser seinen Roman „Letzte Haut“, der eben diesen Weg geht. Allerdings treten bei Altwasser mehr historische Personen selbst auf, wie Ilse und Karl Koch oder Josias Erbprinz Waldeck-Pyrmont.

    1943 beginnt der Jurist Dr. Kurt Schmelz (den es tatsächlich gab, allerdings mit einem anderem Namen) im Auftrag des hochrangigen SS-Mannes Waldeck-Pyrmont und mit Rückendeckung von Himmler, gegen den Leiter des KZ Buchenswalds K. Koch zu ermitteln. Der Vorwurf: Korruption und Mord. Nach 18 Monaten gelingt es Schmelz, Koch und seine Helfer vor ein Sondergericht zu bringen, das den ehemaligen Lagerkommandanten tatsächlich zum Tode verurteilt.

    Erzählt wird dies vom über 70jährigen Schmelz, – zuerst seine Ankunft in Buchenwald 1943 und den Beginn der Arbeit dort. Dann lässt er einen fiktiven Enkel die Zeit von der Geburt bis zu diesem Tag erzählen. Doch schnell wird klar, dass den ehemaligen Juristen etwas verfolgt und es für ihn keinen Weg mehr gibt, sich nicht an seine Schuld zu erinnern. „Und wie albern, sich eines illusorischen Enkels zu bedienen, wie ausgesprochen albern dies doch sei. Als könne er so in eine letzte Haut schlüpfen.“

    Doch welche Schuld ist das? Nicht seine Zugehörigkeit zur SS oder seine Unterstützung des Systems, es ist eine ganz persönliche Schuld. Schmelz war zwar Jurist durch und durch, er glaubte an die völlige Unabhängigkeit des Rechts von der Politik. Unbeirrt, oder unter den politischen Gegebenheiten fast schon naiv, verfolgte er diesen Gedanken, was ihm1939 zwei Strafversetzungen und 1941 die Degradierung und den Weg zur Ostfront einbrachte, von wo ihn dann erst Waldeck-Pyrmont zurückholen kann. Doch diese Rechtsauffassung ist von einer Kälte durchzogen, die ein erschaudern lässt. Der Tod von unzähligen Menschen ist für Schmelz kaum ein moralisches Problem, sondern nur eine Frage der fehlenden juristischen Grundlage. Da ist kein Mitleid mit den Menschen, die Koch umbringen lässt, sondern nur der strafrechtliche Vorwurf. Und vielleicht ist das der Grund, dass auch dieser prinzipientreue Jurist sich korrumpiert – um Mord aufzuklären mordet er selbst. Nun, mit über 70 gelingt es Schmelz, der in den Nürnberger Prozessen als Zeuge aussagte und glaubte, sich so reinzuwaschen, nicht mehr zu verdrängen. „Dieses Erinnern werde ihm wohl zur Lebensbeichte. Es werde ihm wohl die Haut vom Leibe reißen.“ Und das tut er wortwörtlich. In den Szenen im Roman, in denen er sich erinnert, beginnt er, sich die Haut aufzukratzen und dann sich diese abzureißen bis zum Tod. „Schuld, die mir unter die Haut gekrochen ist, aber die ist ja ab.“

    Altwassers Roman verlangt starke Nerven, manche Szenen aus dem KZ schockieren, auch wenn man noch so viel über das Grauen der Nationalsozialisten gelesen hat. Und wenn der Autor beschreibt, wie sich Schmelz die Haut, die Lippen, die Lider abreißt, dann erinnert das eher an einen Horrorroman. Und das ist gut so, denn sonst würde man zu viel Sympathie entwickeln für einen Mann, der einen der grausamsten Lagerkommandanten vor Gericht brachte, fast schon wie für den guten Kommissar aus einem Krimi. Aber hier liegt auch die größte Schwäche des Romans, in der Charakterisierung seiner Hauptperson. Das ist zu oft holzschnittartig, typisierend. Fast schon larmoyant wirkt es, wenn immer wieder erzählt wird, dass Schmelz im Grunde immer dagegen war.. Das lässt sich auch damit nicht entschuldigen, wenn man diese Haltung als gefärbte Erinnerung des alten Mannes erklären möchte. Und die Erklärung, dass die Zuneigung zu den älteren hohen SS-Funktionären die Suche nach dem Vater ist, den er nie hatte, ist psychologisch viel zu einfach gestrickt.

    Trotzdem geht dieser Roman unter die Haut und lässt hoffen, dass auch die beiden folgenden Romane „Letztes Schweigen“ und Letzte Fischer“ ein ähnliches Niveau erreichen.