Letzte Ehre: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Letzte Ehre: Roman' von Friedrich Ani
4.4
4.4 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Letzte Ehre: Roman"

Die siebzehnjährige Finja Madsen ist nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Es gibt keine Zeugen, keine äußeren Anhaltspunkte dafür, was mit ihr passiert ist. Die Ermittlungen stecken fest. Oberkommissarin Fariza Nasri vernimmt Personen aus dem Umfeld der Vermissten, darunter auch den Freund der Mutter, Stephan Barig. In dessen Haus hat die Party stattgefunden, während er das Wochenende mit zwei Bekannten auf dem Land verbrachte. Barig gibt gewissenhaft Auskunft. Nasri hört zu, stellt Fragen – und ist sich mit einem Mal sicher, dass der Mann lügt. Doch hat er wirklich etwas mit dem Verschwinden der jungen Finja zu tun, oder verbirgt er etwas ganz Anderes?

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:270
EAN:9783518429907

Rezensionen zu "Letzte Ehre: Roman"

  1. Spannender Kriminalroman mit psychologischer Tiefe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Jun 2021 

    Fariza-Marie Nasri arbeitet bei der Mordkommission, man hat sie in die bayrische Provinz strafversetzt. Ihre erfolgreichen Verhörstrategien sind berühmt-berüchtigt, nicht alle Kollegen scheinen ihr jedoch wohlgesonnen zu sein. Der Roman beginnt mitten in einem solchen Verhör. Hintergrund: Die 17-jährige Finja ist nach einer Party verschwunden, die sie im Haus ihres Stiefvaters Stephan Barig feiern durfte. Eben jener wurde zur „informatorischen Befragung“ ins Präsidium geladen. Er macht sich durch Lügen verdächtig. Schnell ist zu spüren, dass er etwas zu verbergen hat.

    In einem zweiten Handlungsstrang führt der Zufall eine völlig gebrochene Frau ins Visier der Polizei, die während eines Kneipenbesuches ausrastete und einen Mann krankenhausreif schlug. Die Geschichte dieser Frau ist schockierend und reicht weit in die Vergangenheit hinein. Als wäre das nicht genug, passiert auch noch ein brutaler Überfall in Nasris nächstem Umfeld. Natürlich hängt alles irgendwie zusammen und die Erkenntnisse lassen weder den Leser noch die Ermittlerin kalt.

    Erzählt wird konsequent aus der Perspektive Nasris. Der Leser kann tief in ihre Gedanken eintauchen, erfährt viel über ihre Strategien, persönlichen Erfahrungen und Zweifel. Das erzeugt eine unglaubliche Nähe und Intensität beim Leser, denn die Ermittlerin selbst ist streitbar, hadert teilweise mit sich und der Welt. Sie hat Anzeichen einer handfesten Krise, zwingt sich aber durchzuhalten. Man muss sorgfältig lesen. Immer wieder wird die reine Handlung von den Reflexionen der Ermittlerin durchkreuzt, Berufliches und Privates vermischen sich. Allerdings auf eine sehr ausgefeilte und glaubwürdige Weise, es gibt keinen Platz für Gefühlsduselei.

    Friedrich Ani verknüpft die verschiedenen Gewaltdelikte unglaublich geschickt zu einem packenden Ganzen. Zunächst legt er nur Fährten aus. Manche führen ins Nichts, andere ergeben nach und nach ein stimmiges Bild. Seine Figuren haben psychologische Tiefe, sie sind in keiner Weise plakativ. Insbesondere gilt das für Nasri, die keine Super-Ermittlerin ist, sondern eine zweifelnde, komplizierte und unvollkommene Frau. Trotzdem ist sie eine Sympathieträgerin, sie ist glaubwürdig. kompetent und setzt alles daran, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihr Ziel ist es, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Dafür ist sie auch bereit, ihre Kompetenzen zu überschreiten.

    Der Roman führt in die dunkelsten Zonen einer spießig-bürgerlichen Gesellschaft. Es geht um sexuelle Gewalt an Frauen und Mädchen, um Doppelmoral, Bigotterie, um den fehlenden Schutz der Betroffenen, um die lebenslangen Nachwirkungen solch schlimmer Erlebnisse, den (Nicht-) Umgang mit Schuld, um das Ausnutzen männlicher Macht. Das alles wird auf gekonnte Weise in diesem Roman verwoben. Auf Anis Schreibstil muss man sich einlassen, er ist anspruchsvoll, nüchtern und mit Tiefgang. Für mich war „Letzte Ehre“ ein absolutes Highlight. Große Lese-Empfehlung!

  1. Zersplitterte Frauen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Mai 2021 

    Der Roman „Letzte Ehre“ von Friedrich Ani unterteilt sich in drei verschiedene Etappen. Drei Geschichten über Frauen, die geschändet, missbraucht, misshandelt und erschossen werden. Ja, ich weiß, dies sind vier Delikte, aber manche bekommen‘s mehrfach. Früher oder später.

    Das Kommissariat bietet die Rahmenhandlung mit der Ich-Erzählerin Fariza Nasri, KOK, Kriminaloberkommissarin. Hin und wieder kommen auch die zwei Kollegen Farizas zu Wort: Jennifer Odoki und Dennis Kalk.

    Am Anfang war ich etwas enttäuscht, hatte mir von Teil 1 mehr Ausführlichkeit versprochen. Das ist der Teil, der auf dem Klappentext innen und außen erwähnt wird. Da geht es um das Verschwinden der Schülerin Finja Madsen. Aber offensichtlich fand Ani diesen Fall nicht romanfüllend genug. Oder ihm lagen noch andere Fälle auf dem Herzen, die ihrerseits nicht romanfüllend gewesen wären.

    Viele männliche Nebenfiguren, noch lebend oder verstorben, wie Vater und Sohn Barig, Polizei-Kollege Marco Hagen oder der Schüler Ben Tessler spielen oder spielten unrühmliche Rollen. Manche davon unbeabsichtigt. Oder sie sind schlicht überfordert mit dem, was das Leben ihnen abverlangt.
    Auch einigen Frauen gäbe es allerhand vorzuwerfen, positionieren sie sich doch nicht deutlich oder nicht rechtzeitig genug. Oder sind sie bloß „verpuppt in Konkons aus Feigheit“? (Seite 190)

    Gesamt ist der Roman extrem düster. Dazu passen die traurigen Gesänge von Townes van Zandt, der öfter erwähnt wird. (z. B. auf den Seiten 89 u. 222)

    Richtig glückliche Figuren findet man also nicht. Fariza Nasri schaut dauernd in den Spiegel, ist unzufrieden, gelegentlich sehr unachtsam, traut sich selbst nicht und säuft, um ihr Unglück zu ertragen. In ihrer Kindheit und Vergangenheit ist so einiges schief gelaufen, das wird aber nur bruchstückhaft erwähnt. Es bleibt also so einiges offen.

    Halt geben ihr ihre Freundinnen Sigrid und Catrin. Alle Drei treffen sich regelmäßig, bei einer zu Hause oder im Lokal. (Da ging das offensichtlich noch ohne „Zertifikate“, seufz.)

    Im Mittelteil lernen wir Ines Kaltwasser besser kennen. Auch sie ist eine zutiefst verstörte Seele mit vielen, vielen unverarbeiteten Altlasten. Fariza Nasri kann das zum Teil sehr gut nachvollziehen, fast zu gut.

    Lange habe ich gerätselt, was das Cover mit dem Inhalt zu tun haben könnte. Aber das erklärt sich erst im dritten Teil. Seien Sie gespannt!

    Ich hatte einmal die Freude und die Ehre (keine letzte Ehre, zum Glück!) Friedrich Ani persönlich erleben zu dürfen. Er brillierte mit einer bayrischen Mundart-Erzählung bei der Eröffnung des 4. Krimimarathons Berlin-Brandenburg im Jahr 2013.

    Fazit: Ani ist ein herausragender & sehr ungewöhnlicher Erzähler, der möglicherweise nicht jeden Geschmack trifft. Aber das ist auch gut so. Ich hab den Roman auf jeden Fall kaum aus der Hand legen können und am Stück gelesen. Aber die Stimmung hebt er nun mal nicht. Dennoch: viel mitnehmen konnte ich trotzdem! ****

  1. Ein Krimi der in die Abgründe führt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Mai 2021 

    Finja Madsen (17) ist nach einer Party nicht in der Schule und zu Hause aufgetaucht. Ihre Freundin Celina hat auch nicht's von ihr gehört.Oberkommissiarin Fariza-Marie Nasri hat Stephan Barig im Visier,der Freund von Finja's Mutter.Am fünften Tag nach Finja's Verschwinden gehen die Beamten von Mord aus...

    Mir fiel sofort der Schreibstil auf:Dicht geschrieben,etwas düster und in meinen Augen nicht ganz so flüssig zu lesen.Die Protagonisten dagegen passen hervorragend in die Geschichte hinein. Die Spannung steigert sich allmählich um dann mit voller Kraft Kapitel um Kapitel sich zu erhöhen.

    Fazit : Der Krimi wurde aus Sicht von Nasri geschrieben.Die Charaktere sind fast alle zwischen vierzig und sechzig Jahre.Daher sticht dieses Buch unter anderem auch heraus.Diese Story lebt von seinen Verhören.Die Protokolle und die Verhörmethoden von Nasri,die mir von Kapitel zu Kapitel immer mehr gefiel,hat der Autor sehr gut umgesetzt.Die Geschichte spielt sich in München ab der Dialekt spielt dabei keine Rolle.
    Es ist mal ein anderer Regionalkrimi der zum großen Teil durch die einzelnen Verhöre und Zeugenaussagen besticht.So wie die ganze Story.Der Schluss kam mir zu abrupt da hätte ich mir noch ein oder zwei Erklärungen oder Sätze gewünscht. Aber so ist das ganze Buch:Machtspiele und ein Strudel von Gewalt so präsentiert sich dieser düstere Roman dem Leser.Es ist in meinen Augen kein leichtes Buch.Ich musste das gelesene und die Abgründe in dieser Story zum Teil erst mal verarbeiten.

  1. Abgründig und düster

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Mai 2021 

    ariza Nasri gilt als Verhörspezialistin, sie ist nicht unumstritten, nicht jedem gefällt ihre Vorgehensweise. Vielleicht ist es gerade ihre gebrochene Biografie, die ihr das Gespür für Schwingungen, nicht Ausgesprochenes gibt.

    Stefan Barig sitzt vor ihr. Die 17jährige Tochter seiner Lebensgefährtin ist spurlos verschwunden. Seine Aussagen sind auf den ersten Blick schlüssig, aber Fariza spürt etwas Verborgenes und es gelingt ihr, seine Aussagen zu erschüttern.

    Es geht um Macht und Machtfantasien, den männlichen Blick auf weibliche, auch kindliche Opfer. Ani verbreitet in seinem Buch eine Düsternis, die mir sehr nahe ging. Gerade das Unausgesprochene, die Gedanken von Opfer, Täter und Ermittlerin Nasri verwebt sich zu einem Buch, das unter die Haut geht. Die einzelnen Szenen fügen sich nur langsam zu einem Ganzen und ich musste beim Lesen oft unterbrechen, weil es mir auf’s Gemüt schlug. Es dauert, bis sich die unterschiedlichen Handlungsstränge zusammenfügen, die Handlung folgt nicht unbedingt den linearen Krimi-Ermittlungen. Beeindruckend war für mich die Charakterisierung der Kriminalbeamtin Fariza Nasri. Ein vielschichtiger Charakter, in sich gekehrt, Einzelgängerin und doch zu Empathie fähig. Sie kann den Menschen tief in die Seele blicken und das ist mehr als einmal erschreckend.

    Ani schreibt keine leicht zu konsumierenden Krimis, er lässt den Leser oft allein mit seinen Gedanken und das macht auch den Reiz dieses Autors aus. Er setzt ein Kopfkino in Gang und ich muss mich fast dagegen wehren, dass das mich das Buch tagelang beherrscht. Die Thematik ist düster und leider aktuell und mich hat das Buch manchmal an meine Grenzen gebracht.

  1. Beste Freundin

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Mai 2021 

    Die 16jährige Finja ist verschwunden. Ist sie abgehauen, ist ein Unglück geschehen oder ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Die Lage ist unklar. Ihr Verschwinden wurde nicht gleich gemeldet. Vielleicht ist sie auch zu ihrem leiblichen Vater unterwegs. Kommissarin Fariza Nasri vernimmt die Mutter, den Stiefvater, die Freunde. Können sich die Ereignisse so abgespielt haben, wie sie erzählt werden? Die Polizistin wird misstrauisch und bohrt weiter nach. Irgendwie findet sie nicht die Geschichte, nach der sie gesucht hat, sondern eine ganz andere. Doch diese andere ist schlimmer.

    Nachdem Kommissarin Nasri in die Provinz versetzt wurde, hat sie eine zweite Chance bekommen. Sie ermittelt wieder bei der Kriminalpolizei. Immer noch ist es ihr erstes Anliegen, den Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen. Selbst wenn diese verstorben sind soll ihnen Gerechtigkeit widerfahren. Dabei geht die Beamtin äußerst einfühlsam und aufmerksam vor. Sie nimmt auf, was die Menschen ihr anvertrauen, sie wiegt sie, sie wägt ab. Und irgendwann kommt der zündende Gedanke. Doch manchmal kann sich Fariza nicht bremsen. Und dann gerät ihre Rückversetzung in Gefahr, denn im Kommissariat sind ihr nicht alle wohlgesonnen. Kann sie gleichzeitig sich selbst treu bleiben und ihre Stelle behalten?

    Dieser sehr düstere Kriminalroman lockt einen in einen Irrgarten aus dunklen Machenschaften, unausgesprochenen Gedanken und unterschwelligen Gefühlen. War Fariza Nasri ihr Weg vorbestimmt? Eine melancholische Frau, die immerhin zwei enge Freundinnen hat, von denen eine ihre Beste ist. Ihr untrügliches Einfühlungsvermögen führt sie häufiger zum Täter, macht sie aber seltsamerweise nicht beliebt bei ihren Kollegen. Fast schon widerwillig wird ihre Leistung anerkannt. Es schein, als werde lieber jede Gelegenheit genutzt, sie zu diskreditieren. Zwar wünscht man sich manchmal etwas Gradlinigkeit. Allerdings versteht es der Autor dennoch einen in den Bann zu ziehen, indem er den Ereignissen einfach ihren Lauf lässt. Ein düsterer Mahlstrom, dem man unweigerlich ausgeliefert ist.