Lehre mich zu leben

Buchseite und Rezensionen zu 'Lehre mich zu leben' von Loekie Zvonik
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Inhaltsangabe zu "Lehre mich zu leben"

Hoch gelobt und mit dem renommierten VBVB-Debütpreis ausgezeichnet - die literarische Wiederentdeckung aus Flandern. Die flämische Autorin Loeki Zvonik erforscht in diesem literarisch anspielungsreichen autobiografischen Roman ihre enge Beziehung zu dem Autor Dirk De Witte, den sie im Roman Didier nennt. Beide lernen sich während ihres Germanistik-Studiums kennen, fühlen sich zueinander hingezogen, begeistern sich für Kafka, Rilke und Hesses ›Steppenwolf‹. Es entwickelt sich eine intensive literarische Verbundenheit und Freundschaft, die bei Didier stark vom Thema Fremdsein und Freitod geprägt ist. Bis zuletzt versucht die Autorin, Didier von seinen Todesgedanken abzubringen. »Lehre mich zu leben« ist eine zarte, tabulose Rekonstruktion eines angekündigten Todes. Ohne jede moralische oder persönliche Anklage umkreist die Autorin die Beweggründe für den frühen Tod des Freundes.

Format:Taschenbuch
Seiten:208
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442773893

Rezensionen zu "Lehre mich zu leben"

  1. 5
    11. Mär 2024 

    So eine feinsinnige Geschichte

    Hermine bezieht ein kleines Zimmer im Anwesen ihrer Großtante Louise. Sie ist die Tochter ihres tschechischen Vaters und ihrer belgischen Mutter. Ihren Rufnamen hat sie von ihrer böhmischen Großmutter. Ihr Vater wollte sie Slavka nennen, doch ihre Mutter hatte befürchtet, dass sie dann für alle “het slaafie” geheißen hätte, das Sklavenkind.

    Hermine besucht seit wenigen Tagen die Universität in Gent, sie möchte Germanistik studieren. Am ersten Tag begegnete ihr im Hörsaal der hochgewachsene Dirk de Witte, den sie Didier nennen wird. Ihr Professor lädt die studierenden außerhalb der Vorlesungen zu sich nach Hause ein, um ihre Ansichten hinsichtlich diverser Dichter zu erfahren. Hermine fürchtet sich davor den Professor zu langweilen, daher stellt sie die Besuche zuerst einmal ein. Doch dann verliert sie ihren Vater

    und begreift erst jetzt, wie unverzichtbar er ist. Nicht ein einziges Mal habe ich ihn gebeten, mir von seinem Heimweh nach Böhmen zu erzählen. Ich weiß fast nichts über sein Leben. S. 29

    Sie spricht nicht einmal mit Y, ihrem Freund über die Farbe des Verlustes.

    Dann ereilt die Botschaft “Marc habe sich eine Kugel in den Kopf geschossen”. Und dann findet man Maria tot in den Straßen von Gent und niemand weiß, wie und warum sie es gatan hat.

    Beim Gedenkgottesdienst ist auch Professor Hermann sehr betroffen, weil er ihnen so viel über die Frühvollendeten Dichter erzählt hatte, denen es offenbar genügte 20 oder 30 Jahre zu lebem. S. 33

    Hermine und Didier verlieren sich aus den Augen und treffensich erst fünfzehn Jahre später wieder, weil Hermine ihn auf einen Kongress begleiten soll.

    Fazit: Die Autorin bewegt sich auf den Spuren Rilkes und Kafkas, dem eigenen Heimweh, ihrer Identität und Liebe. Ganz feinsinnig beschreibt sie die Charaktere, die ihr begegnen und die Ortschaften. Es ist, als sei ich selbst mit ihr und Didier in Wien gewesen. Sie teilt schöne Metaphern, darüber, wie Prag entstanden ist. Ihr Kopf ist eine Enzyklopädie, sie lässt diese Wissen einfließen ohne zu erschlagen. Die Geschichte an sich, ist keine typische Liebesgeschichte. Hermine versucht Didiers Schwermut durch ihre eigene Leichtigkeit aufzufangen, dadurch entsteht eine Abhängigkeit. Er ist ganz und gar mit sich selbst beschäftigt, offensichtlich depressiv und kaum alltagsfähig. Auf der Life-Event-Skala von 1-10 entgleitet ihm alles, seine Frau und dann Hermine, das führt in seinem Kopf zu der einzig möglichen Konsequenz, seinem sinnlosen Dasein ein Ende zu setzen. So brachial wie realistisch. Eine durch und durch lesenswerte Geschichte, die erstmals 1975 veröffentlicht und erst jetzt ins Deutsche übersetzt wurde.

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