Laufen: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Laufen: Roman' von Isabel Bogdan
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Isabel Bogdan überrascht mit einem Roman über eine Frau, die nach einem Schicksalsschlag um ihr Leben läuft.
Eine Ich-Erzählerin wird nach einem erschütternden Verlust aus der Bahn geworfen und beginnt mit dem Laufen. Erst schafft sie nur kleine Strecken, doch nach und nach werden Laufen und Leben wieder selbstverständlicher. Konsequent im inneren Monolog geschrieben, zeigt dieser eindringliche Roman, was es heißt, an Leib und Seele zu gesunden. Isabel Bogdan, deren Roman "Der Pfau" ein großer Bestseller wurde, betritt mit diesem Buch neues Parkett.
Eine Frau läuft. Schnell wird klar, dass es nicht nur um ein gesünderes oder gar leichteres Leben geht. Durch ihre Augen und ihre mäandernden Gedanken erfährt der Leser nach und nach, warum das Laufen ein existenzielles Bedürfnis für sie ist. Wie wird man mit einem Verlust fertig? Welche Rolle spielen Freunde und Familie? Welche Rolle spielt die Zeit? Und der Beruf? Schritt für Schritt erobert sich die Erzählerin die Souveränität über ihr Leben zurück.
Isabel Bogdan beschreibt mit großem Einfühlungsvermögen und einem ganz anderen Ton den Weg einer Frau, die nach langer Zeit der Trauer wieder Mut fasst und ihren Lebenshunger und Humor zurückgewinnt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783462053494

Rezensionen zu "Laufen: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2019 

    zweimal ein, viermal aus

    Eine Frau läuft. Sie läuft nahezu täglich. Sie läuft immer ein bisschen mehr. Sie hasst es zu Anfang. Bis es ihr zur Gewohnheit wird. Sie läuft nicht ohne Grund.
    „Laufen“ von Isabel Bogdan ist beileibe kein Sportbuch, kein Motiviationsratgeber, kein Lebenshilfebuch. Diese Frau im Buch, sie läuft, weil sie einen schweren Verlust erlitten hat, weil sie beim Laufen nicht denken will. Und mit jedem Schritt den sie macht, mit jedem Kilometer, den sie zurücklegt, mit jeder Seite, die ich lese, erkenne ich so viel an dieser Frau in mir wieder. Wie sie läuft, wie sie denkt, wie sie übers Laufen denkt, wie sie beim Laufen denkt. Wir haben nicht dieselbe Geschichte, nicht dieselben Erfahrungen und doch ähneln wir einander.
    „Der objektive Dreck tut nichts zur Sache, der ist ganz egal dafür, wie dreckig es einem geht…“
    Und so läuft sie sich zurück ins Leben, während sie ihre Beziehung überdenkt, ihre große Liebe. Von dem Schmerz, aber auch dem Zorn, den sie fühlt. Auf den Tod, auf die Krankheit, auf den Mann. Wie sehr seine Krankheit die Beziehung, sie selbst belastet hat.
    „Ich kann nicht mehr“, sagt die Frau gleich im ersten Satz. Aber das Leben ist Bewegung, es geht weiter, einatmen ausatmen, zweimal ein, viermal aus. Genauso wie die Frau atmet passt sich die Prosa des Textes dem Atemrhythmus an. So wie die Läuferin ihre Kreise auf der Laufstrecke zieht, so kreisen ihre Gedanken, Erinnerungen an die Vergangenheit, aber auch an das was kommen kann. So wie beim Laufen das Leben, vorwärtsschauen.
    Es ist unglaublich, was dieses Buch mit mir gemacht hat. Ich liebe es, liebe es aufrichtig!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Okt 2019 

    Einatmen-Ausatmen-Weiterleben

    Laufen – die Trauer und den Schmerz einfach weg laufen. Das ist die Motivation der Protagonistin, einer Orchestermusikerin, wieder mit dem Laufen anzufangen. Der physische Schmerz überdeckt den psychischen. Sie konzentriert sich nur auf ihren Körper und den Schmerz, mehr gesteht sie sich nicht zu.
    Und wie sie läuft. Ihr Atemrhythmus- zwei Schritte einatmen, 4 Schritte ausatmen prägt den inneren Monolog. Im selben Takt setzt Isabell Bogdan ihre Sätze: ein ein aus aus aus aus. Je länger sie läuft, je mehr ihr Körper aushält, umso mehr kann sie sich den Erinnerungen öffnen. Ihre Gedanken schweifen, schmerzhafte Erinnerungen wechseln sich mit schönen Eindrücken, Wut bricht sich Bahn.
    Allmählich erfahren wir den Grund für ihren Schmerz, ihr Lebensgefährte ist tot. Sie ist Witwe und darf sich nicht Witwe nennen, seine Eltern vereinnahmen ihn auch nach dem Tod. Für sie bleibt nichts als ein paar alte Schlafanzüge, an die sich klammert.
    Wie lange darf man trauern? Wann muss man wieder funktionieren, wie es Familie und Freunde erwarten? Hätte man nicht schon früher etwas merken müssen, wie es dem Lebensgefährten geht? All diese Fragen stellt sich die Läuferin und ich als Leserin dringe immer tiefer in die Geschichte dieser Beziehung ein, ihrer Höhen und Tiefen und erkenne allmählich die Grund für den Schmerz der jungen Frau, der weit über die Traurigkeit über den Verlust hinausgeht.
    Doch mit jedem gelaufenen Kilometer befreit sich die Läuferin auch aus ihrer inneren Isolation, ihre Gedanken schweifen beim Laufen immer mehr in die Gegenwart und in eine Zukunft. Wie ihr Körper, so hat auch ihre Seele irgendwann den Schmerz besiegt.
    Was für eine atemlose Geschichte, ich spürte beim Lesen wie ich mich dem Atemrhythmus der Protagonistin anpasste. Das „Ein ein aus aus aus aus“ hat sich auf mich übertragen. Der innere Monolog, die mäandernden Gedanken der Läuferin haben mich gefangen genommen. Ich kannte Isabell Bogdan, aber dieser atemberaubende Text hat mich absolut überrascht.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Ansprechendes und Tröstliches zur Trauerbewältigung

    Isabel Bogdan hat ein sehr schönes Buch geschrieben zur Trauerbewältigung.

    Ihre Protagonistin durchläuft, im wahrsten Sinne des Wortes, weil sie nämlich wieder mit dem Langlaufsport angefangen hat, wie sie es früher tat, zweieinhalb Jahre Trauerprozeß, nachdem ihr Lebensgefährte sich das Leben genommen hat.

    Die Autorin zeichnet deren Gedanken nach, so wie sie der Läuferin während des Laufens eben durch den Kopf schießen, dabei wiederholt sich manches, das macht nichts, das wird im Leben auch so sein. Allmählich öffnet sich sowohl die Innenwelt wie auch der Alltag der Konzertbratschistin, deren Namen ich gar nicht erfahren habe, me thinks; auch das zurückliegende Leben mit ihrem Partner öffnet sich dem Leser sozusagen Schritt für Schritt.

    Mir hat das Romanarrangement sehr gut gefallen, einzig das Laufen selber blieb thematisch ein wenig zurück.

    Fazit: Sehr ansprechender, glaubwürdiger Roman zur Trauerbewältigung, der möglichweise wirklich weiterhilft, wenn man selber einen Trauerfall erlebt; eine tröstende Lektüre. Diese Autorin mit ihren leisen Tönen, werde ich definitiv im Auge behalten.

    Kategorie: Anspruchsvoller Roman
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2019