Landpartie

Buchseite und Rezensionen zu 'Landpartie' von Gary Shteyngart
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Landpartie"

Es ist März 2020, und eine uns wohlvertraute Katastrophe zieht am Horizont auf. In einem idyllischen Landhaus außerhalb von New York versammelt der russischstämmige Schriftsteller Sasha Senderovsky eine illustre Gruppe alter Freunde und loser Bekanntschaften, um die Pandemie bei gutem Essen und anregenden Gesprächen auszusitzen. Über die nächsten Monate wachsen neue Freund- und Liebschaften, während sich längst vergessen geglaubte Kränkungen mit frischer Kraft manifestieren. Doch mit der Ankunft eines mythenumwobenen Hollywoodstars gerät das mühsam konstruierte Gleichgewicht dieser Wahlfamilie gefährlich ins Wanken ... Eine ungemein zeitgenössische Geschichte, erzählt mit der Haltung eines großen Romanciers: Shteyngart dokumentiert die singuläre Gefühls- und Erlebniswelt des Jahres 2020 und verpackt sie in einen süffig-intelligenten Roman, der Erinnerungen an Boccaccios »Dekameron« und die großen Klassiker der russischen Literatur durchscheinen lässt – versetzt ins Amerika der Gegenwart.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
EAN:9783328602453

Rezensionen zu "Landpartie"

  1. 5
    18. Jun 2022 

    Tiefgründige Satire auf höchstem Sprachniveau

    Gary Steyngart hat bekanntlich keine Angst vor schrillen Tönen. Ob aber Satire und Pandemie zusammengehen, war ich mir unsicher. Allerdings amüsierte mich schon die Namensgebung der Protagonisten – Sascha, Mascha und Natascha - und so bin ich ebenso skeptisch wie neugierig in seinen neuen Roman eingestiegen.

    Dessen Hauptfigur, Sascha Senderowsky, erwies sich tatsächlich als so schrullig-anstrengend wie erwartet, zeigt aber - ich schätze Selbstironie - viele biographische Parallelen zum Autor: Russisch-jüdischer Immigrant, erfolgreicher Autor, Besitzer eines Anwesens Upstate NY. Weiteres Romanpersonal: Seine Frau Mascha, Psychiaterin; seine ängstliche Tochter Nat(ascha) und dazu drei Schulfreunde: Ed, ein koreanischer Dandy; Vinod, Inder, ehemaliger Uni-Dozent; Karen, Koreanerin, reich durch eine Dating App. Dann noch Southern Belle und Essayistin Dee Cameron (ein Schelm, der hier Decamerone liest) und als übergroße Figur „Der Schauspieler“, ein Mann von monströsem Ego und gottgleicher Schönheit.

    Sie alle sind von Sascha eingeladen worden, die Pandemie, die 2020 New York in ihrem tödlichen Griff hält, auf seinem Anwesen im Hudson-Tal auszusitzen, das er aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ständig zu verlieren droht. Das Setting erinnert nicht ganz zufällig an Tschechows „Kirschgarten“. Folgerichtig entwickelt der Roman sich in vier „Aufzug“ genannten Teilen. (Bei so viel Tschechow sucht man unwillkürlich nach dem Gewehr. Hinweis: Es gibt eins. Nur hat es nicht die Gestalt einer Waffe.)

    Der Autor wirft einen kritischen Blick auf erfolgreiche Immigranten, wie er selbst einer ist (eine der vielen klugen gesellschaftlichen Reflektionen des Buches): Sascha und seine Gäste fragen sich nach der Ermordung George Floyds, ob sie wirklich Teil einer besseren Welt geworden sind: „Wir alle […] stehen einer Ordnung zu Diensten, die schon lange vor uns bestanden hat. Wir sind gekommen, um uns an diesem Land der Knechtschaft gütlich zu tun.“ Und natürlich geht es auch um das Privileg, in diesem Upstate-Paradies der Hölle des pandemischen New York entflohen zu sein, darum, unter kulinarischen Genüssen nostalgische Narrative neu zu verhandeln, während es 90 Autominuten entfernt um Leben und Tod geht. So pointiert und witzig, manchmal bis ins Burleske, der Autor die Interaktionen, Liebeleien, Streitereien, die Erotik, die Lügen und den gegenseitigen Verrat seiner Figuren auch in Szene setzt, so setzt er gleichzeitig einen melancholischen Unterton, der an russische Klassiker erinnert. Das Unfassbare, das in New York oder Minneapolis gerade geschieht, bleibt stets präsent, in einer meisterlich gehaltenen Balance.

    Währenddessen fühlt sich die Gruppe auf dem Land zunehmend unsicher. Was sind das für Leute, die in schwarzen Pickups vor dem Grundstück stehen? Sind die Trump-wählenden Nachbarn der Gemeinschaft wohlgesonnen? Wer feuert ständig, trotz Schonzeit, Schüsse ab? Gefahr lässt Shteyngart jedoch aus einer ganz anderen Richtung kommen: Niemand ist gegen die Macht der Social Media gefeit. Auch die Urgewalt der Liebe ist durch sie korrumpiert – wie Karens desaströse App beweisen wird. Shteyngarts Roman fragt: Wie relevant sind die traditionell Kulturschaffenden im Kontext dieser disruptiven Technologie?

    Neben seinen kritischen Reflektionen hat mich vor allem Shteyngarts Sprachkunst beeindruckt. Seine Sprache ist originell, kühn, ironisch, fantasievoll, lyrisch. Sein Blick ist ebenso scharf wie mitfühlend, etwa wenn er aus Nataschas Perspektive konstatiert: „Das Leben mit Daddy war eine fortwährende Begegnung mit einem Gänseblümchen: Er liebte sie, er liebte sie nicht.“ Man könnte sich ständig Zitate herausschreiben; nur käme man dann nicht mehr zum zusammenhängenden Lesen. So habe ich all die klugen Sätze einfach nur genossen. Dazu lebendige Figuren und ein Setting, das man zu sehen meint. Ich könnte mir das Ganze sehr gut als Serie verfilmt vorstellen.

    Fazit: Shteyngart ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Aber wer sich auf ihn einlassen kann, bekommt tiefgründige Satire auf sprachlichem Höchstniveau. Empfehlung!

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