Landgericht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Landgericht: Roman' von Ursula Krechel
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Landgericht: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:512
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442746491

Rezensionen zu "Landgericht: Roman"

  1. Rückkehr ohne Ankunft

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Okt 2017 

    Vor 5 Jahren, 2012, erhielt Ursula Krechel für ihren Roman „Landgericht“ den Deutschen Buchpreis. Geehrt wurde ein Roman, der in eine Familiengeschichte in den Gründungsjahren der Bundesrepublik eintaucht und dabei deutlich macht, wie sehr die Jahre des Nationalsozialismus weiterwirken und zwar sowohl im Innen- als auch im Außenleben der Bürger dieses Landes bzw dieses Buches.
    Gezeigt wird das am Beispiel des Juristen Dr. Richard Kornitzer, der als Jude bis Anfang der 30er Jahre eine gradlinige und schnelle Juristenkarriere in deutschen Gerichten macht. Diese allerdings bricht dann schlagartig 1941 ab, als er wegen seiner jüdischen Herkunft in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wird. Von diesem Zeitpunkt an versucht er alles, um eine Ausreise aus Deutschland zu erreichen. Mit großen Anstrengungen schafft er es tatsächlich nach Kuba und lebt dort für einige Jahre bis 1947. Seine Frau, die zurück bleibt, erlebt im Nazideutschland das diskriminierende Schicksal der Angehörigen einer Mischehe, verliert ihre Berufsbasis als Unternehmerin in der Werbebranche und geht nach Ausreise ihres Mannes und nach verschiedenen gescheiterten Versuchen, ihrem Mann nachzureisen, in eine Art innere Emigration, geht einer niederen Arbeit nach und wartet auf eine mögliche Rückkehr. Die zwei Kinder hatten die Eltern mit Hilfe einer Wohlfahrtorganisation alleine nach England ausreisen lassen. Dort leben sie bei Pflegeeltern, die an einer Adoption interessiert sind, und entfremden sich immer mehr von ihrer Herkunft, ihrem Heimatland und ihren Eltern. Das wäre schon Stoff genug für einen mehr als vollen Roman. Doch Ursula Krechel geht weiter und führt die Geschichte in der Zeit der Bundesrepublik weiter. Der Vater, Richard Kornitzer, kommt 1947 aus dem Exil zurück. Er trifft seine Ehefrau wieder in einem kleinen Dorf am Bodensee, kann sich dort aber nicht in das zurückgezogene Leben der Ehefrau einfinden, die den durch die Nazis hervorgerufenen Bruch in Leben und Karriere akzeptiert bzw. sich damit abgefunden hat. Er kommt mit der Haltung nach Deutschland zurück, dass es in diesem Land in hohem Maße um Wiedergutmachung gehen müsse und er aufgrund seiner Vergangenheit geradezu dazu prädestinieren sein müsste, an einer Spitzenposition des Gerichtsapparates zu stehen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Viele Stolpersteine liegen auf seinem Weg. So hat ihn seine Ausreise (Flucht) zum Staatenlosen gemacht, der als solcher kein deutscher Richter sein kann. Zunächst heißt es also erst einmal, die deutsche Staatsangehörigkeit wiederzuerlangen. Kein leichtes Unterfangen. Und darüber hinaus ist er umgeben von Menschen, die keine so reinweißen Westen haben, und deshalb ohne Interesse daran sind, Personen mit weißen Westen hervorzuheben und zu protegieren. So wird er zwar Richter am Landgericht in Mainz, ist dort aber nie an der Stelle, die er für sich selbst als angemessen sieht. Das macht ihn für den Leser nicht immer sympathisch und verständlich. Beim Leser mischen sich Entsetzen über die braun-durchsetzte Juristenwelt der Nachkriegszeit mit dem Unverständnis über die Sturheit und Uneinsichtigkeit des Romanhelden, die ihn zumindest nahe an die psychische Erkrankung treibt.
    "Er geht mit dem Kopf durch die Wand, und das tut weh. Er holt sich Beulen und tritt auf, als wäre er unverletzt. Er ist schrecklich gerecht, auch gegen sich selbst, auch für sich selbst, selbstgerecht."

    Fazit:
    Selten habe ich es in einem Buch mit einem gleichzeitig so sympatischen und unsympatischen Helden zu tun gehabt. Der gebrochene, schwierige Held ist dabei aber auch genau das Abbild dieser gebrochenen Zeit, um die es hier geht. Aufbau ist die Aufgabe der Zeit und gleichzeitig haben aber auch die bewahrenden Kräfte eine große Macht und Bedeutung.
    Diese gebrochene Situation schildert der Roman von Krechel auf wirklich preiswürdige Art und Weise. Der Sprachstil des Romans ist dazu noch besonders hervorzuheben. Er passt sich immer wieder dem Sujet an und ist an vielen Stellen - ungewöhnlich für einen Roman – juristisch geprägt. Das ist so sperrig wie diese Sprache und dieses Sujet nun mal ist, passt aber ungemein gut zu diesem Roman voller Brüche und Spannungen.
    Ich kann für diesen Roman eine echte Leseempfehlung aussprechen. Er eröffnet dem Leser ungewöhnliche Figuren und Lebenssituationen und einen Blick in unser Land, als es geprägt war von den meist offenen Wunden des Dritten Reiches.

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