Lady Barbarina

Buchseite und Rezensionen zu 'Lady Barbarina' von Henry James
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Inhaltsangabe zu "Lady Barbarina"

Der Arzt Jackson Lemon verliert in London sein Herz an Lady Barbarina. Aber sie zu heiraten ist nicht ganz einfach: Ein neureicher Amerikaner in der britischen Aristokratie? Und die englische Lady im modernen New York?
Dann ist es so weit: Jackson kehrt mit Ehefrau und Schwägerin Agatha in seine Heimat zurück. Aber wohl fühlt sich Lady Barbarina dort nicht. Ganz anders ihre Schwester: Agatha verliebt sich in einen Landarbeiter aus Kalifornien.
Scharfzüngig erzählt Henry James von einer brisanten transatlantischen Eheschließung, von unfreien Frauen und
von Frauen, die sich die Freiheit nehmen. Eine zeitlose Gesellschaftssatire.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag: Dörlemann
EAN:9783038200468

Rezensionen zu "Lady Barbarina"

  1. Henry James in Hochform

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Okt 2017 

    Es gibt Autoren, deren Bücher lese ich mit einem Dauergrinsen im Gesicht. Henry James ist so einer. Der süffisante Sprachstil, den man in seinen Werken findet, ist eine der Ursachen für dieses Grinsen. Ein andere ist das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, das in vielen seiner Bücher das bestimmende Thema ist. Bei Henry James trifft die "alte" auf die "neue" Welt; Engländer treffen auf Amerikaner und umgekehrt. Der Autor wusste, wovon er schrieb. Er, der als Amerikaner geboren wurde und als Engländer gestorben ist, war Zeit seines Lebens in beiden Kulturkreisen zuhause und hatte scheinbar einen Höllenspaß daran, britische und amerikanische Eigenheiten durch den Kakao zu ziehen.

    In "Lady Barbarina", einer Erzählung, die 1884 erstmalig veröffentlicht wurde, befasst sich Henry James mit dem Bemühen, die zwei unterschiedlichen Völker zusammenzubringen, das Beste aus beiden Kulturen miteinander zu verschmelzen und am Ende ein neues Geschlecht quasi als Krone der Schöpfung entstehen zu lassen. Kurz gesagt, es geht um die Ehe zwischen einem millionenschweren amerikanischen Arzt und der englischen Tochter aus englischem Adelsgeschlecht sowie der Anbahnung dieser Ehe.

    "Er spürte mehr denn je, welchen Wert sie in sich besaß und wie viel es die Gesellschaft gekostet hatte, solch eine Mischung hervorzubringen. Schlicht und mädchenhaft, wie sie war, und nicht besonders gewandt in dem Geben-und-Nehmen der Konversation, schien doch in ihren Adern ein Teil von Englands Geschichte zu fließen; sie war die schöne Blüte, die Generationen von Privilegierten und Jahrhunderte reichen Landlebens hervorgebracht hatten." (S. 95 f.)

    Beliebter Volkssport der englischen Upper Class war zur damaligen Zeit das Promenieren - entweder zu Fuß oder zu Pferd. Wer in London etwas auf sich hielt und an denen interessiert war, die besonders viel von sich hielten, begab sich also in den Hyde Park und drehte dort seine Runden. Henry James' Erzählung beginnt in ebendiesem Hyde Park. Im Sinne von Waldorf und Statler ( = die beiden Alten aus der Muppet Show) sitzt hier ein älteres amerikanisches Ehepaar, beobachtet und sinniert über die Vorbeiziehenden. Die meisten von Henry James' Protagonisten in dieser Erzählung sind entweder wohlhabend oder adelig, selten beides gleichzeitig. Das Ehepaar gehört zu der Kategorie "wohlhabend". Sie machen nichts anderes, als durch die Weltgeschichte zu reisen. Unter den Flaneuren im Hyde Park entdecken sie den jungen und reichen Arzt Jackson, der schon seit einigen Wochen um die Gunst der Lady Barbarina wirbt. Es ist offensichtlich, dass sich hier eine transatlantische Verbindung anbahnt. Der Amerikaner Jackson will Lady Barbarina heiraten. Zunächst stehen diesem Plan jedoch die englischen Traditionen entgegen, die es Jackson nicht besonders leicht machen, sich seiner Angebeteten zu offenbaren. Sehr dosierte Treffen, meist im Beisein einer Anstandsdame sowie das klassische "Um-die-Hand-anhalten" bei den Eltern, lassen ihn in seinem Vorhaben, sich eine "Blüte" des englischen Adels zu angeln, nur sehr zäh vorwärts kommen.
    Lady Barbarinas Eltern haben Vorbehalte gegen die Verbindung ihrer Tochter mit einem Amerikaner. Er hat keinen Titel. Der eines Doktors ist zu gewöhnlich. Adelig muss er sein. Dann ist Jackson auch kein Gentleman im englischen Sinne. Sein Auftreten ist eher forsch und direkt als zurückhaltend und distinguiert. Er ist irritierend selbstbewusst. Einziges Argument für eine Heirat: 1,5 Mio. Pfund Sterling, die Jackson sein eigen nennt. Am Ende siegt der Versorgungsgedanke der Eltern für die Tochter, und sie lassen sich auf mehrere zähe Verhandlungsrunden mit dem jungen Amerikaner ein, in denen um die Bedingungen für die eheliche Verbindung geschachert wird. Jackson wird Lady Barbarina mit nach New York nehmen, wo sie einen großen Teil des Jahres verbringen werden, mit gelegentlichen Abstechern nach London.

    " ... dass man, da dies sein erster Heiratsantrag gewesen war, von ihm nicht erwarten könne, zu wissen, wie Frauen sich in dieser Notlage benahmen. Tatsächlich hatte er gehört, dass Lady Barb schon endlos viele Anträge erhalten hatte; und auch wenn er die Zahl für übertrieben hielt, was sie ja immer ist, musste er doch zu dem Schluss kommen, dass plötzlich so zu tun, als habe sie ihn fallenlassen, nur das übliche Verhalten war." (S. 66)

    Etwa ein halbes Jahr später befinden sich Jackson und seine Angetraute in New York. Leider ist genau das eingetroffen, was viele Engländer und Amerikaner dieser Ehe prophezeit haben. Die englische Lady fühlt sich nicht wohl in der Heimat ihres Mannes. Sie hat auch keinerlei Ambitionen, sich in der New Yorker Gesellschaft einzuleben.

    Die Amerikaner sind ihr zu bürgerlich und gewöhnlich. Sie verstören sie durch ihre Offenheit und Unbeschwertheit. Verhaltensweisen, die Lady Barbarina in London noch als drollig empfunden hat, sind ihr auf einmal zuwider. Da hilft auch ihre englische Erziehung nicht, die sie bestenfalls dazu bringt, den "Exoten" mit Höflichkeit und Würde zu begegnen.
    Wie anders ist da ihre Schwester, Lady Agatha, die das junge Ehepaar nach Amerika begleitet hat und Lady Barbarina den Anfang in New York erleichtern soll. Denn Lady Agatha scheint aus der englischen Art geschlagen. Sie vergisst schnell ihre englische Erziehung und lässt es in New York richtig krachen.
    Am Ende wird das Projekt "Völkervereinigung" leider scheitern. Aber einen Versuch war es wert.

    "Sie hatte ihn geheiratet, hatte sich sein Vermögen gesichert und seine Aufmerksamkeit - denn wer war sie schon?, fragte er sich bisweilen voll Zorn, wusste er doch, dass es in England Lady Florences und Lady Claras wie Sand am Meer gab -, doch mit seinem Land wollte sie, wenn es sich vermeiden ließ, nichts zu tun haben." (S. 173 f.)

    Was hat Jackson nur dazu bewogen, sich in Lady Barbarina zu vergucken? Die beiden haben nur sehr wenig gemeinsam. Henry James stellt die Verbindung auch nicht als Liebesliaison dar. Stattdessen gewinnt man immer mehr den Eindruck, dass Jackson sich mit Lady Barbarina ein seltenes und kostbares Dekorationsstück zugelegt hat, das es zu pflegen gilt. Jackson macht keinen Hehl daraus, dass ihn gar nicht so sehr Geist und Verstand von Lady Barbarina gefesselt haben (die im Übrigen auch nur sehr dosiert vorhanden sind) sondern eher ihre Schönheit und ihr Adelstitel. Sie verkörpert für ihn das Beste, was die britische Gesellschaft zu bieten hat. Daher ist eine Kombination seiner Eigenschaften (amerikanisch, klug, wohlhabend) mit ihren Eigenschaften (schön, adelig und britisch) das Nonplus Ultra, was eine Völkervereinigung hervorbringen kann.

    Wieder einmal hat mich Henry James mit seiner Scharfzüngigkeit und seiner unglaublichen Beobachtungsgabe restlos überzeugt. Wenn ein Autor bei der Beschreibung eines Charakters jedes Mienenspiel in Worte fasst und auch noch so unscheinbare Kleinigkeiten, wie z. B. die Wuchsrichtung eines Männerbartes als erwähnenswert ansieht, kann man ihm eine große Liebe zum Detail bescheinigen. Henry James nutzt diese Details, um sich über seine Charaktere lustig zu machen. Gern begibt er sich in die Rolle des auktorialen Erzählers und bindet den Leser stellenweise in seine Überlegungen ein, die er mit viel Süffisanz und Ironie vermittelt. (Dadurch entsteht beim Leser auch dieses Dauergrinsen, das ich anfangs erwähnte).

    Fazit:
    Werke von Henry James sind immer großes Erzählkino, das Seinesgleichen sucht. Auch seine Erzählung "Lady Barbarina" lässt sich definitiv dazuzählen. Eine herrlich komische Gesellschaftssatire über den Versuch einer transatlantischen Vereinigung. Leseempfehlung!

    © Renie