Kraft

Buchseite und Rezensionen zu 'Kraft' von Jonas Lüscher
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

1. Auflage 8°, gebundene Ausgabe, Hardcover/Pappeinband München, C.H. Beck Verlag, 2017. 235 (2) Seiten (1) Blatt Verlagswerbung mit Schutzumschlag, ungelesen und wie neu, auf dem Vortitel vom Autor persönlich gewidmet, signiert und datiert (München, 10. April 2017). Jonas Lüscher (* 22. Oktober 1976 in Zürich) ist ein schweizerisch-deutscher Schriftsteller und Essayist. Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus seiner Misere gefunden. Sein alter Weggefährte István, Professor an der Stanford Uni versity, lädt ihn zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein. In Anlehnung an Leibniz Antwort auf die Theodizeefrage soll Kraft in einem 18-minütigen Vortrag begründen, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Für die beste Antwort ist eine Million Dollar ausgelobt. Damit könnte Kraft sich von seiner anspruchsvollen Frau endlich freikaufen …Komisch, furios und böse erzählt Jonas Lüscher in diesem klugen Roman von einem Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht, und einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:237
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406705311

Rezensionen zu "Kraft"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Okt 2017 

    Alles, was ist, ist gut

    Worum geht es?
    18 Minuten hat der Rhetorikprofessor Richard Kraft aus Tübingen Zeit, die Frage zu beantworten, warum alles, was ist, gut sei.
    Theodicy and Technodicy: Optimism für a Young Millenium

    Eine Preisfrage, die eine Million Dollar wert ist, ausgeschrieben vom Entrepreneur Tobias Erkner, dessen Visionen Krafts rhetorischen Verstand sprengt.

    "Scheinbar mühelos und mit bestechender Selbstverständlichkeit gelang es dem Gründer des Amazing Future Fund augenscheinlich, Widersprüchliches, offensichtlich Falsches und klar erkennbar nicht Zusammengehörendes in einen gänzlich logisch wirkenden Zusammenhang zu bringen. Was Kraft am meisten verstörte, war das völlige Fehlen jeglicher emphatischer Rhetorik."" (S.8)

    Eingeladen hat ihn sein Freund Ivan, den er 1981 in Berlin kennen gelernt hat und mit dem er seit dieser Zeit in regelmäßigen Abständen korrespondiert.
    Ivan, ein ungarischer "Flüchtling", lebt inzwischen in Kalifornien als philosophischer Verteidiger des Kalten Krieges.
    Seinen Arbeitsplatz hat Kraft dementsprechend in den Räumen an der Hoover Institution on War, Revolution and Peace.
    Doch er findet keinen Anfang und Ansatz, zu beweisen, dass alles gut ist, was ist. Das hat mehrere Gründe, wie uns der auktoriale Erzähler nahe legt:

    "1. Die Schwierigkeit der Aufgabe selbst
    2. Krafts Unvermögen, mit der Zeitverschiebung umzugehen
    3. Krafts familiäre Situation
    4. Krafts finanzielle Situation
    5. Die existenzielle Notwendigkeit, die Jury zu beeindrucken, die sich aus drittens und viertens ergibt
    6. Krafts Herberge [das Mädchenzimmer von Ivans Tochter]
    7. Die ständige Saugerei [die von einem Staubsauger einer Reinigungskraft herrührt]" (S.16)

    Kraft in zweiter Ehe mit der Unternehmensberaterin Heike verheiratet und Vater von Zwillingen muss erkennen, dass auch seine 2.Ehe vor dem Aus steht. Gewönne er die eine Million, könne er sich aus den finanziellen Verpflichtungen der ersten Ehe befreien und auch eine zweite Scheidung bezahlen.

    Im Rückblick wird erzählt, wie er seine erste Liebe Ruth kennen gelernt hat, die ihm seinen Sohn sechs Jahre vorenthalten hat. Eine Liebe, die auf einem Verrat aufgebaut ist, hat doch jene Ruth seinen besten Freund Ivan mit einer Gerbera am Auge verletzt. Die immer wieder aufkommende Komik, die einigen Szenen innewohnt und in den Erzählerkommentaren durchbricht, verleihen dem philosophisch teilweise anspruchsvollen Roman Leichtigkeit und sorgen für entspannende Lesepassagen. Sehr skurril gestaltet sich auch das Wiedersehen zwischen Ruth, Richard Kraft und Ivan.

    Kraft in seiner Verzweiflung zu begleiten, wie er um die Frage kreist, warum seine große Liebe Johanna ihn vor Jahren Richtung San Francisco verlassen hat, und wie es ihm trotz seiner Intelligenz nicht gelingt, eine optimistische Sicht einzunehmen, um die Preisfrage im Sinne Erkners zu beantworten, ist interessant und auch spannend. Doch bleiben die Leser*innen auf Distanz, dafür sorgt der Erzähler, der selbst immer wieder das Handeln und die Gedanken Krafts kommentiert.

    Symbolisch ist Krafts Ausflug auf dem Fluss Corkscrew Slough auf einem Boot - eine komische Szene, die seine Verzweiflung sehr deutlich zum Ausdruck bringt und den Druck, unter dem er steht, greifbar macht.

    "Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken. Nein, dafür müssen wir nun wirklich Verständnis haben, gerad angesichts der schieren Größe der Aufgabe." (S.68)

    Der Roman erzählt aber nicht nur von den gescheiterten Ehen, der existentiellen Not und dem Verlust Johannas, sondern nimmt uns auch mit auf eine politische Zeitreise in die 80er Jahre der BRD.
    Kraft und Ivan sind Zeugen des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt, beide
    "Verfechter einer ultraliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nach angelsächsischem Vorbild" (S.79)
    müssen sie schmerzlich erkennen, dass nicht Helmut Kohl die erhoffte geistig-moralische Wende vollzieht.

    Kraft - überzeugter Kapitalist - gerät auf dem Campus in ein Gespräch zweier Absolventen der Stanford Business School, von denen einer ein Getränk zu sich nimmt, das alle notwendigen Nährstoffe enthält - ein flüssiges Nahrungsmittelsubstitut. Man erspare sich das Einkaufen, das Zubereiten von Essen, indem man die genau Menge des errechneten Energiebedarfs aufnehme, erläutert der junge Mann enthusiastisch. Kraft ist entsetzt.

    "Am meisten beunruhigt ihn aber die Einsicht, dass hinter diesem Prozess der Quantifizierung der Wunsch nach einer Ökonomisierung durch Rationalisierung steckt." (S.102)

    Kapitalismus pur - genau das, was Kraft sein Leben lang verteidigt hat und was ihn jetzt in der Realität abschreckt. Kein Wunder, dass er sich der Preisfrage nicht stellen kann - zu viele Zweifel, Pessimismus, Kulturkritik - eben keine Kraft. Er muss Johanna besuchen, davon erhofft er sich den entsprechenden optimistischen Schub.

    Am Ende scheint er der Lösung nahe und vielleicht findet er eine entsprechende Begründung dafür, warum alles gut ist.

    Bewertung
    Ein starkes Buch, das in jeglicher Hinsicht zum Nachdenken einlädt. Über Liberalismus, Kapitalismus, über das Übel in der Welt und bemitleidenswerte Figuren bereit hält, die ihren eigenen Lebensansprüchen nicht gerecht werden.
    Die Argumentation des Fortschrittsoptimisten Erkners hat mich sehr an den Roman "Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen" erinnert, in dem die Weltverbesserer und ihr zwangsläufiges Scheitern ebenso intelligent vorgeführt werden.

    Ivan - der angebliche Dissident, dessen Biografie fast an der Wende zerbricht, der sich dann aber wieder retten kann, ist eine komisch-tragische Figur, ebenso wie
    Kraft mit seinen gescheiterten Liebesbeziehungen, der sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, ob er ein Igel - ein Pessimist - oder ein Fuchs - ein Optimist- sei und doch letzteres so gerne wäre. Der in seiner existentiellen Not zu ersticken droht, ein Anti-Held, der keinen Ausweg mehr sehen kann.

    Intelligent, anspruchsvoll, komisch und mit sprachlichen Formulierungen, die laut Literaturhexle "zum Niederknien sind" ;)