Königskinder: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Königskinder: Roman' von Alex Capus
4.15
4.2 von 5 (7 Bewertungen)

Gebundenes Buch
Als Max und Tina in ihrem Auto eingeschneit auf einem Alpenpass ausharren müssen, erzählt Max eine Geschichte, die genau dort in den Bergen, zur Zeit der französischen Revolution, ihren Anfang nimmt.
Jakob ist ein Knecht aus dem Greyerzerland. Als er sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern, verliebt, ist dieser entsetzt. Er schickt den Jungen erst in den Kriegsdienst, später als Hirte an den Hof Ludwigs XVI. Dort ist man so gerührt von Jakobs Unglück, dass man auch Marie nach Versailles holen lässt. Meisterhaft verwebt Alex Capus das Abenteuer des armen Kuhhirten und der reichen Bauerntochter mit Max' und Tinas Nacht in den Bergen. Ein hinreißendes Spiel zwischen den Jahrhunderten. Alex Capus' schönste Liebesgeschichte seit "Leon und Louise".

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
EAN:9783446260092

Rezensionen zu "Königskinder: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Okt 2018 

    Wie Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht...

    Als Max und Tina in ihrem Auto eingeschneit auf einem Alpenpass ausharren müssen, erzählt Max eine Geschichte, die genau dort in den Bergen, zur Zeit der Französischen Revolution, ihren Anfang nimmt. Jakob ist ein Knecht aus dem Greyerzerland. Als er sich in Marie, die Tochter eines reichen Bauern, verliebt, ist dieser entsetzt. Er schickt den Jungen erst in den Kriegsdienst, später als Hirte an den Hof Ludwigs XVI. Dort ist man so gerührt von Jakobs Unglück, dass man auch Marie nach Versailles holen lässt. Meisterhaft verwebt Alex Capus das Abenteuer des armen Kuhhirten und der reichen Bauerntochter mit Max' und Tinas Nacht in den Bergen. Ein hinreißendes Spiel zwischen den Jahrhunderten...

    Eine Geschichte in der Geschichte erzählt Alex Capus hier, dessen Romane ich seit der Lektüre von 'Léon und Louise' sehr mag. Während des Lesens hatte ich oftmals das Gefühl, sanft und leicht durch eine der Erzählungen von Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht zu gleiten - ein sehr angenehmes Empfinden. Und tatsächlich verrät der Autor selbst:

    "Ich wollte diese Geschichte auf eine ganz natürliche, intime Weise erzählen – leise und vertraulich ins Ohr flüstern wollte ich meinem Leser die Geschichte, möglichst direkt und intensiv, wie Scheherezade in Tausendundeiner Nacht um ihr Leben Geschichten erzählt. Auch in meinem Roman befindet sich das Heldenpaar in einer existentiellen Notlage und hilft sich mit einer Erzählung durch die Nacht." ( ► Quelle: 5 Fragen)

    Der Schwerpunkt dieses Romans liegt eindeutig in dem historischen Teil, der zur Zeit der Französischen Revolution spielt. Wenn man der Geschichte folgt, mag man kaum glauben, dass diese auf wahren Gegebenheiten beruht - Jakob, der arme Kuhhirte, und Marie, die Tochter des reichen Bauern, die ihre große Liebe nicht leben dürfen, weil Maries Vater und die Konventionen sehr eindeutig dagegen sprechen. Doch anders als in der traurigen Ballade von den Königskindern schreibt das Leben für Jakob und Marie einen anderen Verlauf. Denn Elisabeth, die kleine Schwester von Ludwig dem XVI., liegt Jakobs Wohl am Herzen: auf ihrem Musterbauernhof mit künstlichem Ziehbrunnen und glücklichen Tieren soll alles perfekt sein. Ein unglücklicher Kuhhirte schmälert das Streben nach 'der perfektesten aller Welten', weshalb die Schwester des Königs Marie ebenfalls nach Versailles kommen lässt.

    "Aber kurz vor der Morgendämmerung, als es richtig kalt wird, geht er hinein und kriecht ganz nah zu Marie. Dann hebt sie ihre Decke an und breitet sie über ihm aus, und er nimmt seine Decke und breitet sie über Marie aus." (S. 47)

    Als Rahmenhandlung fungiert der Erzählstrang um das ältere Ehepaar Max und Tina, die wider besseren Wissens den Weg über den Bergpass wählen und im Schnee stecken bleiben. Eine lange kalte Nacht steht ihnen bevor, und Max beschließt, die dunklen Stunden mit einer Geschichte zu überbrücken. Eine Eigenart der beiden ist es, über vermeintliche Kleinigkeiten endlos in eine Diskussion zu geraten, sich über Nichtigkeiten zu zanken ohne wirklich in Streit zu geraten. Dies liest sich teilweise ganz unterhaltsam, gerät für mein Empfinden jedoch manchmal zu anstrengend. Vor allem Tina hakt oftmals nach, wenn Max etwas sagt oder tut, und das Erzählen der Geschichte um Jakob und Marie besänftigte daher nicht nur Tina, sondern auch mich, wenn es mir mal wieder zu viel wurde mit der Diskutiererei des Ehepaares.

    "Dann wird es still in der Nacht, und dann endlich geschieht es, weil die Musik die Barrikaden seiner Seele geschleift hat, dass Jakob niedersinkt und erstmals seit dem Abschied von Marie seinen Tränen freien Lauf lässt." (S. 117)

    Unaufgeregt und mit einer unglaublichen Leichtigkeit erzählt Alex Capus seine Geschichte. Gerade im historischen Teil wird dabei eine intensive Recherchearbeit deutlich, denn viele kleine Elemente werden hier eingeflochten, die gemeinsam ein intensives authentisches Bild der Zeit um die Französische Revolution herum ergeben. Dazu gehört beispielsweise die Ballonfliegerei, die damals überall in Europa Mode wurde, ein heftiger Vulkanausbrüche auf Island, die Reisebedingungen in Frankreich, die Essgewohnheiten, die Arbeitsumstände, die Lebenserwartung - und die Gegebenheiten am Schloss von Versailles. Bei der Beschreibung der Zustände dort bröckelte bei mir innerlich der Glanz um das Hofleben mit jeder Zeile und machte haltlosen Zuständen und einem widerlichen Gestank Platz. Dabei musste ich oft lachen, denn die bildhaften Beschreibungen waren teilweise überaus skurril.

    "Wenn zwölf Schweizer Milchkühe einem Bauern keine Milch geben, sagt Elisabeth, liegt das Problem, würde ich sagen, eher beim Bauern als bei den zwölf Milchkühen. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein, weshalb es die Kühe sein sollen, die man schlachten muss." (S. 84)

    Überhaupt: der Humor. Ironie und Witz halten hier bei der ansonsten eher distanzierten Schilderung, die ein Märchen à la Scheherazade so mit sich bringt, immer wieder Einzug und würzen die Geschichte in genau der richtigen Dosierung. Aber auch andere Emotionen werden hier oftmals unerwartet transportiert und berühren einen beim Lesen.

    Eine zarte Geschichte hat Capus hier geschrieben, durchdrungen von historisch verbrieften Gegebenheiten, angereichert mit märchenhaften Elementen aus Tausendundeiner Nacht und gewürzt mit einer gehörigen Prise Ironie und Humor. Diese Mischung hat mir gut gefallen, und auch wenn ich nicht verstanden habe, weshalb Max gerade diese Geschichte erzählt und was diese Erzählung womöglich mit den beiden zu tun hat, die gerade mit ihrem Auto in den verschneiten Bergen feststecken, fühlte ich mich von dem Roman insgesamt sehr gut unterhalten.

    Alex Capus kann ich wieder einmal attestieren: ein wundervoller Geschichtenerzähler...

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2018 

    Der verwaiste Hirtenjunge und die Bauerstochter

    Seit 26 Jahren sind Max und Tina ein Paar. Auf einem Alpenpass rutscht ihr Auto bei heftigem Schnee in den Graben, die beiden werden eingeschneit. Also erzählt Max seiner Tina eine Geschichte: Jakob Boschung, ein armer Hirtenjunge, trifft im Greyerzerland in der Schweiz im Jahr 1779 auf die wohlhabende Bauerstochter Marie-Françoise Magnin. Für den damals 22-Jährigen und die 19-Jährige ist es Liebe auf den ersten Blick, doch der Vater der jungen Frau ist gegen die Verbindung. Jakob geht für mehrere Jahre zum Militär, während Marie auf ihn wartet. Doch auch bei seiner Rückkehr stoßen die Verliebten auf Widerstände…

    „Königskinder“ ist ein Roman von Alex Capus, der in die Zeit vor und während der Französischen Revolution entführt.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist nicht in Kapitel untergliedert, aber in etliche Abschnitte aufgeteilt. Dabei gibt es zwei Ebenen: Einerseits die Gegenwart, die im Präteritum erzählt wird und in der Max Tina die Geschichte erzählt, und andererseits die lange vergangenen Geschehnisse um Jakob und Marie, die im Präsens geschildert werden. Trotz der Wechsel zwischen den beiden Strängen fällt es nicht schwer, den Überblick zu behalten.

    Sprachlich konnte mich der Roman absolut überzeugen. Der Schreibstil ist sehr angenehm, anschaulich, einfühlsam und stellenweise poetisch. Die Sprache passt sich den unterschiedlichen Zeitebenen an. Durch viel wörtliche Rede und gelungene Beschreibungen entsteht ein bildhafter Erzählstil.

    Im Vordergrund des Romans stehen die beiden Paare. Jakob und Marie sind sehr sympathische Protagonisten, deren Geschichte mich fesseln und bewegen konnte. Beide Charaktere sind interessant und wirken authentisch. Realitätsnah wird auch die Interaktion von Max und Tina dargestellt, wobei die beiden jedoch recht blass bleiben. Durch die Dialoge wird zwar ein gutes Bild auf deren Beziehung geworfen. Darüber hinaus erfährt man allerdings leider recht wenig über sie.

    Obwohl der Roman ein Werk der leisen Töne ist, kommt beim Lesen keine Langeweile auf – und das liegt nicht nur an der eher geringen Seitenzahl. Das Buch beinhaltet nämlich eine Menge Witz und interessante Infos. Ein Pluspunkt ist für mich, dass die Geschichte um Jakob und Marie auf einer wahren Begebenheit basiert. Im Roman wird auf einige historische Details wie die Zustände am Hof von Ludwig XVI. in Versailles eingegangen, so dass die Lektüre nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich ist. In vielen Details zeigt sich die fundierte Recherche des Autors.

    Das optisch ansprechende Cover passt meiner Ansicht nach gut zum Inhalt. Auch den Titel finde ich treffend.

    Mein Fazit:
    „Königskinder“ von Alex Capus ist ein unterhaltsamer und bewegender Roman, der für schöne Lesestunden sorgt. Eine kurze, aber empfehlenswerte Lektüre.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Sep 2018 

    Konnte mich nicht ganz überzeugen

    Max und Tina sind in ihrem Auto auf einem Alpenpass eingeschneit und müssen die Nacht dort verbringen. Max nutzt die Zeit und erzählt Tina eine Geschichte, die sich genau dort in den Bergen zur Zeit der französischen Revolution ereignet hat. Es geht um den Knecht Jakob, der sich in die Bauerstochter Marie verliebt. Da Maries Vater der Meinung ist, Jakob sei nicht standesgemäß, muss dieser in den Kriegsdienst ziehen. Später wird er Hirte am Hof von Ludwig XVI. Doch seine Marie hat er nie vergessen. 

    Auf dieses Buch war ich sehr gespannt, da mir die Leseprobe richtig gut gefallen hat und ich den Humor zwischen Max und Tina sehr mochte. 
    Der Aufbau der Geschichte gefiel mir sehr gut. Neben der Gegenwart mit Max und Tina, die mit ihrem Auto im Schnee festsitzen, erzählt Max eine Geschichte, die angeblich wahr sein soll und die ins 18. Jahrhundert führt. Diese Verwebungen von Gegenwart und Vergangenheit fand ich sehr gelungen, denn ich hatte stets Max und Tina im Auto vor Augen und wie Max die Geschichte erzählt. 
    Beide Zeitschienen konnte ich hervorragend auseinanderhalten. Die Passagen um Jakob und Marie waren sprachlich der damaligen Zeit angepasst, während bei Max und Tina der heutige Umgangston herrschte. Zwischen der von Max erzählten Geschichte gab es dann immer wieder einen Blick auf Max und Tina und deren Gespräche, so wie es eben ist, wenn einer eine Geschichte erzählt und der andere ihn dann auch mal unterbricht oder etwas fragt. Ein sehr lebendiger und bildhafter Erzählstil. 
    Was mir besonders gut gefiel, war das Miteinander von Max und Tina. Die beiden bilden eine tolle Einheit und sind wie geschaffen füreinander. Sie foppen sich auch gegenseitig und nehmen sich auf den Arm, ohne dass der andere beleidigt ist. Das gefiel mir einfach richtig gut, weil es sehr echt beschrieben wurde. Hier musste ich auch sehr häufig lachen. 
    Auch den Teil um Jakob und Marie fand ich anfangs noch interessant und lesenswert. Recht bald hat mich dieser Teil dann jedoch verloren, weil es für meinen Geschmack zu langatmig wurde. Ich empfand es als zu ausschweifend und zu detailliert beschrieben, was Jakob alles durchmachte, bis er Marie wiedersah. Das hat mich dann einfach nicht mehr richtig gefesselt. 

    Meine Erwartungen wurden leider nicht ganz erfüllt, so dass ich 3 von 5 Sternen vergebe.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Sep 2018 

    Fabulierfreudig großartig

    „Es waren zwei Königskinder,
    die hatten einander so lieb,
    sie konnten beisammen nicht kommen,
    das Wasser war viel zu tief.“ (Volksballade)
    Auf einem Schweizer Alpenpass bleibt ein Ehepaar in ihrem Auto im Schnee stecken. Es wird eine lange, kalte und einsame Nacht werden. Doch Max weiß Tina eine Geschichte zu erzählen. Von Jakob dem Kuhhirten, der mit dem Vieh auf der Weide groß geworden ist, von Marie, der Bauerstochter und deren großer unüberwindbaren Liebe am Vorabend der französischen Revolution zu einander.
    Alex Capus kann erzählen. Er braucht keine großen Worte, keinen Pathos und keinen Kitsch, um uns in Jakob und Maries Geschichte eintauchen zu lassen. Capus lässt Max zu Tina sagen, dass es keine Rolle spielt, ob eine Geschichte wahr sei, wichtig wäre es nur, dass sie stimmt. Bei dieser Geschichte stimmt alles. Als ob wir dabei wären, das karge und einfache und trotzdem so erfüllende Leben des Kuhhirten zu leben, mit Marie auf den Liebesten zu warten. Wir erleben die Dekadenz am Hofe zu Versailles und riechen dort den Gestank, den kein Puder oder Parfum übertünchen kann. Und immer wieder landen wir im hier und jetzt, bei Max und Tina, die so herrlich um des Kaisers Bart diskutieren können und sich im Großen immer einig sind.
    Capus‘ ungemeine Fabulierfreude hat mich, genauso wie schon bei Leon und Louise vollkommen überzeugt.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Sep 2018 

    Eingeschneit

    Die unvorsichtige Fahrt über die gesperrte Passstraße endet im Graben. Das Schneetreiben wird dichter und vor dem nächsten Morgen ist keine Hilfe in Sicht. Um seiner Frau die Zeit zu vertreiben, beginnt Max ihr eine Geschichte zu erzählen. Bei jedem Aufwachen spinnt er sein Garn ein wenig weiter.
    Mit dieser Rahmenhandlung umgibt Alex Capus eine kleine Geschichte aus der Vergangenheit des Tals. Er beginnt bei einem armen Sennerbuben, der als Waise allein in der Melkhütte haust, jahrein, jahraus, bis er eines Tages beim Viehabtrieb die Tochter des Bauern sieht. Mit dem Blick, den Jakob und Marie tauschen, beginnt eine abenteuerliche Liebesgeschichte. Wobei mit der Rahmenhandlung und der immer skeptisch den Wahrheitsgehalt der Erzählung anzweifelnden Ehefrau auch der Leser immer wieder überlegt, was ist wahr, was Fantasie. Je mehr Fakten aus Kirchenbüchern und Melderegistern Max zitiert, umso weniger scheint Ehefrau Tina überzeugt.
    Für beide Erzählstränge findet Capus seinen ganz eigenen Ton. Es ist eine unterhaltsame Reise, die den Leser bis zur Französischen Revolution und an den Hof von Versailles führt und doch immer wieder auch Bezug zu den zwei Menschen im eingeschneiten Auto nimmt. Der Autor lässt die Leser mit seiner Fabulierkunst in die Geschichte eintauchen, lässt Märchen und Realität mit einander verschmelzen. Es ist kein umfangreicher Roman, eher Lektüre für einige Stunden, aber gelungen aufgebaut und erzählt.
    Wenn dann der Morgen graut und die Signallampen der Straßenwacht aufleuchten, taucht auch der Leser wieder aus der Geschichte auf. Mit den Schlussworten entlässt uns Capus und wir dürfen uns dann die Geschichte gern weiterspinnen.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Aug 2018 

    Virtuos erzählt

    Als Tina und Max mit ihrem Auto im Schnee der Alpen steckenbleiben, beginnt Max seiner Frau eine Geschichte zu erzählen. Eine wahre Geschichte, versichert er, die sich tatsächlich so zugetragen habe und ihren Anfang nicht weit von der Stelle nahm, an der sie nun ausharren müssen und auf den Schneepflug warten. Er erzählt von Jakob, einem armen Kuhhirten und von Marie, der Tochter eines reichen Bauern. Im ausgehenden 18. Jahrhundert leben sie im Greyzerland. Detailliert und anschaulich beschrieben wird die bäuerliche Gesellschaft dieser Zeit. Aber auch historische Ereignisse werden geschildert, wie beispielsweise die Folgen des Vulkanausbruchs auf Island im Jahre 1783 oder der Ballonflug der Brüder Montgolfiere.
    Später, als es Jakob nach Versailles verschlägt, malt Max mit seinen Worten ein lebhaftes Bild des verfallenden Schlosses. Am Rande tauchen schließlich die Anfänge der Französischen Revolution auf: Einberufung der Generalstände, der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Frauen. Aber es ist kein politischer Roman, Jakob und Marie sind von den Entwicklungen nur indirekt betroffen und sie verlassen Frankreich noch 1789. Und für Prinzessin Elisabeth, die als Nebenfigur auftritt, endet der Roman, als sie mit ihrer Familie das Schloss Versailles verlässt.

    Wirklich besonders ist die Geschichte in der Geschichte, die geschickte Verknüpfung der beiden Handlungsstränge. Immer wieder unterbricht Tina Max und sie diskutieren über den Inhalt, die Erzählweise oder erörtern Klischees, derer Max sich bedient. Oder auch nicht. So entsteht ein zweiter Blick auf die Geschichte von Jakob und Marie.
    Das Fehlen von Kapiteln unterstützt dabei den Eindruck einer am Stück erzählten Geschichte.

    Wenn man es genau nimmt besteht der Roman besteht fast nur aus wörtlicher Rede. Die Dialoge zwischen Tina und Max kommen praktisch ohne einleitende Satzteile aus. Einerseits ist es zu Anfang so schwierig, die einzelnen Aussagen dem jeweiligen Sprecher zuzuordnen. Andererseits gleichen ihre Gespräche so tatsächlich einem Schlagabtausch. Den größten Teil nimmt aber Max’ virtuos erzählte Geschichte ein, also jene von Jakob und Marie. Der Stil ist eloquent, trotz seines spontanen Erzählers, des Hinzuerfindens von Details, wenn Tina beispielsweise nach dem Schicksal der Pferde fragt, sind Sprache und Satzstruktur komplex. Und der teils ironische Anklang lässt einen als Leser immer wieder schmunzeln.

    Insgesamt also ein sehr schöne zu lesender, wenn auch mit knapp 200 Seiten vergleichsweise kurzer Roman.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Aug 2018 

    Manchmal lässt das Glück etwas länger auf sich warten...

    Seit "Leon und Louise" hat mich der Autor mit seiner Schreibe verzaubert und so begann ich gespannt mit der Lektüre.

    In der Geschichte gibt es zwei Handlungsstränge. Zum einen erleben wir Tina und Max in der Gegenwart, die in einem Schneesturm mit dem Auto stecken bleiben, zum anderen begleiten wir Kuhhirte Jakob und sein Schicksal zur Zeit der französischen Revolution.

    Ein beobachtender Erzähler führt uns durch beide Handlungsstränge, nur dass bei der Geschichte um Jakob unser Protagonist Max der Erzähler ist.

    Die Geschichten laufen paralell nebeneinander her, was für reichlich Spannung und Abwechslung sorgt, da es schon etwas Besonderes ist sich mal zum Ende des 18. Jahrhundert und mal in der Gegenwart mittels dieser Lektüre aufzuhalten und die Unterbrechungen immer an den spannendsten Stellen stattfinden.

    An Max und Tina fand ich so klasse, dass man genau spürt wie sehr sie sich lieben auch wenn sie sich recht ordentlich streiten. Über ihre Kommunikation musste ich doch immer wieder schmunzeln, da es typisch für Ehepaare ist.

    Die Handlung um Kuhhirte Jakob nimmt deutlich mehr Raum ein im Buch und liest sich beinahe wie ein Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Ich mochte Jakob und seine eigenwillige Art sehr gern.

    Die zart eingeflochtene Liebesgeschichte berührt und bewegt. Sie kommt komplett ohne Kitsch aus und liest sich wie dem echten Leben entsprungen. Man muss auch mal leiden können, um am Ende glücklich zu werden.

    Völlig begeistert war ich von der Schilderung zum damaligen Vulkanausbruch auf Island und die Folgen, was ja wie vieles andere auch im Buch der Realität entnommen wurde und geschichtlich belegt ist.

    Fazit: Zauberhafte Lektüre, die berührt, bewegt und zum lächeln anregt. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Gelungen!