Kleines Land: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kleines Land: Roman' von Gaël Faye
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

»Bevor all das geschah, von dem ich hier erzählen werde, gab es nur das Glück, das nicht erklärt werden musste. Wenn man mich fragte, wie geht es dir, habe ich geantwortet: gut.« Damals traf sich Gabriel mit seinen Freunden auf der Straße, erlebte seine Kindheit wie in einem paradiesischen Kokon. Bis seine Familie zerbrach und fast zur selben Zeit sein kleines Land, Burundi, bei einem Militärputsch unvorstellbare Grausamkeiten erdulden musste. Und seine Mutter den Verstand verlor. Zwanzig Jahre später erst, nach der Flucht mit seiner Schwester in ein fernes, fremdes Frankreich, kehrt Gabriel in eine Welt zurück, die er längst verschwunden glaubte. Doch er findet dort etwas wieder, das er für unwiederbringlich verloren hielt. - »Kleines Land« ist ein überwältigendes Buch, voller Schrecken und Glückseligkeit, Güte und ewiger Verlorenheit - ein Stück französischer Weltliteratur im allerbesten Sinne. Es war das literarische Ereignis des französischen Bücherjahres. Es führte monatelang die Bestsellerliste an, war für alle wichtigen Literaturpreise nominiert und gewann unter anderem den Prix Goncourt des Lycéens.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
Verlag: Piper
EAN:9783492058384

Rezensionen zu "Kleines Land: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Apr 2019 

    Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, i

    ist für sein Leben verseucht.

    Gael Faye kann schreiben, trotz der Übersetzung ist dieses Spiel mit den Wörtern noch merkbar, zieht den Leser in seinen Bann. Dieser Tanz mit den Wörtern ist eine Wohltat, besonders nach dem vorigen Buch. Dieses Spiel mit der Sprache gefällt, füllt aus, trotz diesem furchtbaren Thema.

    Gael Faye erzählt hier auch von seiner eigenen Kindheit in Burundi, er ist Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter. Er wurde 1982 in Bujumbura geboren, also nach den meisten Unruhen in seinem Land. Hier in diesem Buch erzählt er von Gabriel, Gaby, dessen Alter mit dem des Autors übereinstimmt, der mit seiner Schwester Ana und seinem französischen Vater Michel und seiner ruandischen Tutsi Mutter Yvonne in Bujumbura in Burundi lebt. Der Vater ist Bauunternehmer und die Mutter ist Tutsi-Flüchtling aus Ruanda, wird in Burundi geduldet, ist nach einem Pogrom Anfang der 60er Jahre nach Burundi geflohen. Der französische Vater wird hier als ignorant beschrieben, der sich mit den geschichtlichen Zusammenhängen im Zwischenseengebiet(Gebiet zwischen Victoriasee, Edwardsee, Kivusee und Tanganjikasee) nicht auskennt und auch keinen Willen dazu erkennen lässt. Auch die Kinder werden weder geschichtlich noch politisch aufgeklärt, weshalb sie den herrschenden Konflikt zwischen Tutsi und Hutu nicht verstehen, es etwas spielerisch/kindlich/naiv an der Größe der Nase festmachen. Die Eltern haben sich außerdem auseinandergelebt, dass voneinander Angezogensein/Verliebtsein ist verschwunden, die Konflikte fressen sie auf und die Kinder beobachten das angstvoll und hoffen auch auf einen wieder einkehrenden Frieden zwischen den Eltern. Dann bricht 1994/1995 von Ruanda ausgehend das Grauen auch über Burundi herein.

    Geschichtlich sollte man dazu wissen, im Zwischenseengebiet kam es in historischer Zeit zu größeren Einwanderungswellen von Menschen des äthiopiden Typus (schlanker Wuchs,extreme Körpergröße), die dann im 13. und 14. Jahrhundert die Herrscherschicht in den verschiedenen Staaten (Ankole,Bunyoro,Ruanda,Burundi) der bisher hier lebenden Stämme des negriden Typus bildeten und auch deren Sprachen übernahmen. Die europäischen Eroberer haben sich teils mit der bestehenden Herrscherschicht gutgestellt und oftmals behielt diese Herrscherschicht später auch einen Teil der Macht. Wobei es in der langen Zeit des nebeneinander Wohnens der Bevölkerung mit negriden und äthiopiden Typen auch zur Vermischung untereinander kam, was es auch den Europäern schwer machte zu verstehen. Der Konflikt zwischen beiden Bevölkerungsgruppen war daher schon lange da und brach immer wieder in heftigen Massakern aus, wobei beide Bevölkerungsgruppen zu den Opfern zählten. Die Europäer zeichneten sich leider im Konflikt 1994/1995 meistens durch extremes Wegsehen aus, was Ihnen übelgenommen wurde.

    Was dieses Buch hier anschaulich darstellt, ist wie schnell jeder Beteiligte in dieser Gewaltspirale und diesem Hass enden kann, erschreckend schnell. Und ebenso erschreckend ist, was dieses Grauen mit den Menschen macht, dazu muss man sich vor Augen führen, dass diese Hutu-Milizen mit Macheten bewaffnet durch die Tutsi-Gebiete zogen und die Menschen mit diesen zerstückelten. Grauenhaft!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Dez 2017 

    eine Kindheit in Burundi

    In seinem autobiografischen Roman "Kleines Land" beschreibt der Autor Gaël Faye seine Kindheit in Burundi, einem der kleinsten Staaten Afrikas.
    Mit einer Fläche von gerade mal 27.834 Quadratkilometer ist dieses Land kleiner als Nordrhein-Westfalen (34.110 Quadratkilometer), hat aber die größeren Probleme: eine hohe Kindersterblichkeitsrate, eine durchschnittliche Lebenserwartung von 56 Jahren, rivalisierende Bevölkerungsgruppen, Bürgerkriege. Amnesty International, Human Right Watch und Unicef sehen die Lebensverhältnisse in Burundi als problematisch an. Nicht zuletzt die Kinder, sind die Leidtragenden in diesem Kleinen Land: Ausbeutung und Missbrauch von Kindern gehören zum Alltag dazu. Kinder als billige Arbeitskräfte, Kinder als Prostituierte, Kinder als Soldaten.
    Doch es gibt auch Kinder in Burundi, die ihre Kindheit genießen können - zumindest bis ihnen der nächste Bürgerkrieg einen Strich durch die Rechnung macht. Eines dieser Kinder ist der Hauptprotagonist dieses Romans - Gabriel, genannt Gaby.

    "Die Menschen in dieser Gegend waren wie die Erde. Hinter scheinbarer Ruhe, einer lächelnden Fassade und großen optimistischen Reden waren beständig dunkle, unterirdische Kräfte am Werk, um Gewalt und Zerstörung freizusetzen, die in wiederkehrenden Perioden durchs Land fegten wie tückische Winde: 1965, 1972, 1988. Ein böser Geist schaute regelmäßig vorbei, um die Menschen daran zu erinnern, dass Friede nur ein kleines Intervall zwischen zwei Kriegen ist." (S. 116 f.)

    Gaby hat seine Kindheit in seinem eigenen kleinen Land verbracht. Er lebte mit seiner Familie in einer Sackgasse in Bujumbura, der Hauptstadt Burundis. In dieser Sackgasse war die Welt noch in Ordnung. Kinder, die hier aufwuchsen, waren privilegiert. Ihre Eltern waren wohlhabend und konnten sich und ihren Familien ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Gabys Vater war Franzose, seine Mutter kam aus dem benachbarten Ruanda. Die Kinder, die in dieser Sackgasse lebten, waren dicke Freunde. Sie hatten viel Spaß miteinander und machten natürlich auch viel Blödsinn. Sie lebten in einem geschützten Kokon. Die Jungs bekamen zunächst nicht viel von den Problemen mit, die in Burundi bzw. im Nachbarland Ruanda herrschten. Doch irgendwann war Schluss mit der Idylle. Der Konflikt zwischen den Bevölkerungsgruppen Hutu und Tutsi, der im Genozid an den Tutsi gipfelte, machte auch vor Burundi nicht halt. Gabys Mutter machte sich auf die Suche nach ihren verschollenen Angehörigen in Ruanda. Der Vater blieb mit seinen Kindern (Gaby und dessen Schwester Ana) zurück. Als Gefahr und Terror in Burundi immer größer wurden, entschloss er sich, die Kinder nach Frankreich zu schicken.

    "Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin untergeht, ist für sein Leben verseucht." (S. 188)

    Etwa 20 Jahre später erzählt Gaby die Geschichte seiner Kindheit. In Frankreich fühlt er sich entwurzelt, hat Sehnsucht nach seiner Heimat und will wieder zurückgehen. Der Roman endet schließlich mit der Rückkehr von Gaby nach Burundi.

    Die Stimmung, die in diesem Roman vermittelt wird, ist eine Mischung aus Unbeschwertheit und tiefer Traurigkeit. Der Autor Gaël Faye schildert eine Kindheit, die an Lausbubengeschichten erinnert. Die Welt ist in Ordnung, die Kinder haben Spaß, der eine oder andere Streich gehört zum Kindsein dazu. Doch in dem Moment, wo sich die Auswirkungen des Bürgerkrieges auf die Kinder zeigen, nimmt die tiefe Traurigkeit in diesem Roman zu. Der Ich-Erzähler Gaby spürt, wie seine heile Welt zerbricht. Die Anzeichen machen ihm Angst. Er spürt, dass seine Kindheit ein abruptes Ende nehmen wird. Der Sprachstil des Autors tut sein Übriges dazu. Mit seinen leisen Tönen versteht er es, den Leser zu berühren. Gaël Faye hat die Angewohnheit, die einzelnen Kapitel mit einem bedeutungsschwangeren Satz enden zu lassen. Das sind Sätze, die andeuten und nachhallen. Die Wirkung, die er damit erzielt ist eine tiefe Betroffenheit beim Leser. Die Traurigkeit, die Gaby ausstrahlt ist dadurch nahezu körperlich spürbar.

    "Ich hatte keine Erklärung für den Tod der einen und den Hass der anderen. Vielleicht ist das Krieg: wenn man nichts versteht." (S. 200)

    Fazit:
    "Kleines Land" ist ein Buch, das mich durch die Intensität der Gefühle, die vermittelt werden, gefesselt hat. Der Autor Gaël Faye schafft es, Unbeschwertheit und Traurigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Es gibt Passagen in diesem Roman, die liest man mit einem Lächeln. Andere wiederum machen tief betroffen. Ein großartiges Buch, das ich gern weiterempfehle.

    © Renie