Kleine Wunder um Mitternacht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kleine Wunder um Mitternacht: Roman' von Keigo Higashino
3.1
3.1 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kleine Wunder um Mitternacht: Roman"

Es ist kurz vor Mitternacht, als drei junge Einbrecher in einen verlassenen Gemischtwarenladen eindringen, um nach ihrem Raubzug unterzutauchen. Doch Atsuya, Shota und Kohei wird keine ruhige Stunde bis zum Morgengrauen gewährt: Ein Brief wird von außen durch einen Schlitz in den Laden geworfen, obwohl in der Dunkelheit vor der Tür kein Mensch zu sehen ist. Als ihn die erstaunten Kleinkriminellen öffnen, beginnt eine unglaubliche Geschichte, die eine Nacht lang das Leben unzähliger Menschen verändern wird – und eigentlich begann sie vor über dreißig Jahren, als ein weiser alter Mann mit seinen Worten kleine Wunder vollbringen konnte.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag: Limes Verlag
EAN:9783809027102

Rezensionen zu "Kleine Wunder um Mitternacht: Roman"

  1. Stille Post mit Zeitreise

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Jun 2021 

    Nach einem Einbruch finden die drei jungen Männer Kohei, Shota und Atsuya in einem schon seit langem geschlossenen Gemischtwarenladen Unterschlupf für die Nacht. Dass es sich bei ihrem Versteck um einen ganz besonderen Ort handelt, bemerken die drei, als plötzlich ein Brief durch den Briefschlitz in den Laden flattert. Vor vielen Jahren als der Laden noch von seinem Eigentümer betrieben wurde hatte dieser eine Art Kummerkasten etabliert und der Briefverkehr scheint seit damals immer noch aufrecht zu sein.
    Der Japaner Keigo Higashino ist vor allem als Kriminalautor bekannt Sein Roman „Kleine Wunder um Mitternacht“ ist ursprünglich schon 2012 erschienen. Dieser war in Japan erfolgreich und wurde sogar verfilmt. Jetzt liegt das Buch in deutschsprachiger Übersetzung vor. Der Autor versetzt die Leserin an einen wundersamen Ort. In dem kleinen Laden gelten die Gesetze von Zeit und Raum nicht mehr und die drei jugendlichen (Anti)Helden geraten in eine magische Geschichte. Die Story ist hervorragend geplottet - das muss man dem Autor lassen. Trotz vieler Perspektivenwechsel und Zeitsprünge schließt sich letztlich der Erzählkreis und löst alle fraglichen Zusammenhänge auf.
    „Wann hat uns zuletzt jemand um Rat gebeten? Ach, stimmt ja, noch nie. Und wahrscheinlich kommt es auch in unserem Leben nicht wieder vor. Das ist unsere erste und einzige Chance. Ergreifen wir sie doch einfach, nur dieses Mal.“
    Es kommt, dass die drei eher tollpatschigen Kerle, in Schicksale eingreifen und zu guter Letzt… (das will ich nicht spoilern)
    Aber die Geschichte konnte mich einfach nicht einfangen. Zu vorhersehbar, zu schlicht, zu gefällig, mit zu süßlichem Unterton Der abgefahrene skurrile magische Realismus, den bei ich bei manchen japanischen Schriftstellern so sehr schätze, verkümmert hier zu einer Zeitreise mit stiller Post.

  1. zu bewegend, wenig inspirierend, aber phantastisch

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Jun 2021 

    Keigo Higashino ist ein japanischer Autor, der für seine ausgefeilten Kriminalromane bekannt ist. Viele seiner Bücher sind international millionenfach verkauft worden. Mit seinem aktuellen Roman „Kleine Wunder um Mitternacht“ wagt er sich auf neues literarisches Terrain, das sich allerdings schwer kategorisieren lässt. Wir finden in diesem Roman Belletristik, Fantastik und vielleicht noch Spiritualität.

    Zumindest der Einstieg in dieses Buch lässt den Krimi-Autoren in Keigo Higashino erkennen.

    Im Mittelpunkt seines Romans steht ein kleiner, heruntergekommener Gemischtwarenladen in einer einsamen Gegend irgendeiner Stadt in Japan. Dieser Laden wird zum Unterschlupf für drei junge Einbrecher, die gerade einen Raubzug durchgeführt haben. Der Besitzer des Ladens ist bereits vor langer Zeit verstorben. Dennoch werden in dieser Nacht den 3 Einbrechern eigenartige Dinge widerfahren, die daran zweifeln lassen, ob dieser Laden tatsächlich verlassen wurde und gleichzeitig das Verständnis der Einbrecher von Zeit und Raum in Frage stellen.

    Der Roman beginnt mit dem Einbruch der Diebe in den Laden. Im weiteren Verlauf lernen wir unterschiedlichste Charaktere und ihre Geschichten kennen, deren einzige Verbindung in dem Laden und seinem ehemaligen und verstorbenen Besitzer bestand, der scheinbar die Anlaufstelle für die Probleme anderer Menschen war. Am Ende wird sich auflösen, wie die einzelnen Geschichten der unterschiedlichsten Menschen während unterschiedlichster Zeitspannen miteinander in Einklang zu bringen sind und was aus den Einbrechern werden wird.

    Der Verlag preist den Roman als „bewegend, inspirierend, phantastisch“ an. Es ist „ein Roman, der einfach nur glücklich macht“.

    Bewegend ist diese Geschichte definitiv. Leider aber auch zu bewegend. Die Charaktere in diesem Roman sind vom Schicksal gebeutelt. Anfangs mögen die Probleme dieser Figuren zunahe gehen. Doch mit der Zeit drückt der Roman zu sehr auf die Tränendrüse. Man erlebt quasi einen emotionalen Overflow, der mich am Ende nur noch kalt ließ.

    Dennoch kann ich nicht leugnen, dass dieses Buch mir einige schöne Lesestunden beschert hat. Gerade am Anfang erlebte ich die Phantasie des Autors, die er in diesen Roman hineinlegt, als magisch. Ich habe über die Wendungen in dieser Geschichte gestaunt wie ein Kind. Keigo Higashino beherrscht das Handwerk der Schriftstellerei par Excellence. Denn der Aufbau dieses Romans ist sehr ausgefeilt. Der Autor spielt mit unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen und begibt sich in seiner Geschichte auf eine verwirrende Zeitreise zurück in die Zukunft.

    Mein Fazit:

    Der originelle Aufbau dieses Romans und die Fantasie des Autors haben mich begeistert, die Geschichten um die unterschiedlichsten Charaktere leider nicht: zuviele vom Schicksal gebeutelte Menschen und zuviele Lebensweisheiten, die der Autor mit diesen Geschichten verbunden hat.

    © Renie

  1. Kummerkasten...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Mai 2021 

    Erster Satz: „Es war Shotas Idee.“ (S. 5)

    Ich war doch etwas überrascht, als ich merkte, dass der Erzählstrang um die drei jungen Kleinkriminellen, die im Klappentext erwähnt werden, im Verlauf nicht konsequent verfolgt wurde. Er entpuppte sich vielmehr als Rahmenhandlung, was letztlich aber für mich passte.

    Im Mittelpunkt der Erzählung steht der kleine Gemischtwarenladen des alten Herrn Namiya, der nach dem Tod seiner Frau neuen Lebensmut gewann durch das Schreiben von Briefen. Das waren nicht irgendwelche Briefe, sondern Antworten auf anonym eingeworfene Schreiben von Menschen, die einen Rat suchten. Was im Grunde wie ein Spiel begann – anfangs gab es eher witzige und nicht ernst gemeinte Fragen von Kindern, auf die Herr Namiya dennoch ernsthaft antwortete – sprach sich bald herum. Und spätestens seit diese Besonderheit seines Gemischtwarenladens einen Zeitungsartikel wert war, war sie bald in der ganzen Stadt bekannt.

    Zunehmend erhielt Herr Namiya seitdem Post von Menschen, die sich in einer schwierigen Lebensphase befanden, eine Entscheidung treffen mussten aber nicht konnten, nicht mehr weiter wussten – und die sich von dem Ladeninhaber einen Rat erhofften, der sie weiterbringen würde. Die Briefe wurden unbeobachtet bei herabgelassenem Rollladen in den Briefschlitz des Geschäfts geworfen, die Antwort fanden die Schreiber am nächsten Morgen im Milchkasten hinter dem Haus.

    Das alles wissen die drei jungen Einbrecher jedoch nicht, als sie sich nach ihrem Raub in dem Laden verstecken. Schon seit Jahren liegt das Gebäude verlassen da, der Inhaber ist seit über 30 Jahren tot. Und doch… In jener Nacht werden gerade die drei Kleinkriminellen überrascht von eben solchen Briefen, die ihren Weg durch den Briefschlitz finden. Und sie lesen die Texte der Ratsuchenden – und antworten…

    Keigo Higashino präsentiert hier kapitelweise jeweils ein neues Schicksal, eine weitere Person, die sich mit ihrer Bitte um Rat an den Gemischtwarenladen des alten Herrn Namiya wendet – und wie sich durch die erhaltenen Ratschläge die vorgestellte prekäre Situation entwickelt. Dabei stehen die einzelnen Personen/Situationen anfangs losgelöst nebeneinander, und erst nach und nach zeigen sich neben der Gemeinsamkeit des Briefeschreibens noch andere Zusammenhänge. Der Autor verwebt dabei geschickt die verschiedenen Handlungsstränge und Zeitebenen – etwas, das der Gemischtwarenladen ebenfalls vermag. Hier kommt eine magische Komponente ins Spiel, die Zeitachsen von Gegenwart und Vergangenheit verschieben sich in dem Laden laufend. Es ist müßig zu versuchen, dahinterzukommen wie das funktioniert - man muss vermutlich den Kopf ausschalten, also nicht alles verstehen und nachvollziehen wollen, um den Roman wirklich genießen zu können. Phasenweise ist mir das gelungen.

    Es ist schwierig, den Roman klar in ein Genre einzuordnen. Der doch recht einfache und teilweise ungeschliffene Schreibstil sowie die drei jungen Einbrecher legen ein Jugendbuch nahe – aber eben nicht nur. Der fantastische Anteil fließt hier ebenso mit ein wie der Ansatz eines „Wohlfühlbuchs“. Mich würde durchaus interessieren, weshalb der Autor, der bisher wohl nur intelligent konzipierte Kriminalromane schrieb, plötzlich auf die Idee kam, solch ein magisch angehauchtes Buch zu verfassen. Das meine ich nicht abwertend, sondern wirklich rein interessehalber.

    Ich denke, es ist wichtig, bei der Lektüre den asiatischen Hintergrund nicht zu vergessen. Dass die Charaktere trotz der Darstellung ihrer Lebensfragen/-krisen oftmals distanziert bleiben, dass einzelne Entscheidungen/Handlungsweisen auf eine*n (westlichen) Leser*in befremdlich wirken können, das alles hängt für mich mit der anderen kulturellen Einstellung zusammen – und ist insofern wieder authentisch.

    Wie immer kommt es bei der Bewertung des Romans auch darauf an, mit welchen Erwartungen man in die Lektüre gestartet ist. Aufgrund der Covergestaltung, des Titels und des Klappentextes habe ich – bis auf den magischen Anteil – durchaus etwas in der Richtung erwartet, was ich letztlich bekommen habe. Insofern empfand ich „Kleine Wunder um Mitternacht“ zwar nicht als ‚literarisch hochwertig‘, aber doch als einen Roman, der mir schöne Lesestunden bereiten konnte.

    Diejenigen, die einfach durch einen Wohlfühlroman ohne große Botschaft gleiten mögen und dabei auch vor dem magischen Aspekt nicht zurückscheuen, werden an dem Roman Spaß haben. Bei mir reichte es immerhin zu 3,5 Sternen, die ich hiermit gerne auf 4 aufrunde...

    © Parden

  1. Briefe an Herrn Namiya

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2021 

    Der Gemischtwarenladen von Yuji Namiya ist kein Geschäft wie jedes andere, denn der Inhaber verkauft nicht nur allerlei, sondern ist ein gefragter Ratgeber. Mithilfe von Briefen erbitten Menschen in Not bei ihm eine Lösung für ihre Probleme. Eines Nachts suchen die drei Einbrecher Atsuya, Shota und Kohei in dem Laden Unterschlupf und werden auf unerwartete Weise in diese Sache hineingezogen...

    „Kleine Wunder um Mitternacht“ ist ein Roman von Keigo Higashino.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus fünf Kapiteln. Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven. Handlungsorte und -zeiten variieren ebenfalls. Die geschickt aufgebaute, komplexe Struktur des Romans hat mir sehr gut gefallen.

    In sprachlicher Hinsicht hat mich die deutsche Ausgabe leider enttäuscht. Der offenbar ohnehin recht einfache Stil des Originals wird durch eine in einigen Passagen missglückte Übersetzung gänzlich verschandelt. So entstehen mehrere Stellen, die sich nicht recht erschließen. Wobei: Interessanterweise spricht der Verlag gar nicht von einer „Übersetzung“, sondern einem „Übertragen ins Deutsche“. Zudem ist dem Korrektorat noch etliches durchgerutscht.

    Die Charaktere sind reizvoll ausgestaltet. Anders als der deutsche Klappentext vermuten lässt, stehen nicht nur die drei Kleinkriminellen im Vordergrund. Besonders sympathisch finde ich Herrn Namiya selbst, der jedoch relativ wenig Raum erhält. Zwar ist es bei dem Umfang an Personen nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Gut gefallen haben mir aber die vielen Verknüpfungen der Figuren untereinander.

    Die Grundidee des Romans finde ich sehr charmant. Inhaltlich geht es vor allem um persönliche Schicksale von Menschen, die sich in einem Dilemma befinden. Die geschilderten Fälle sind interessant und durchaus vielschichtig.

    Auf rund 400 Seiten bleibt die Geschichte kurzweilig und abwechslungsreich. Dazu trägt auch eine Komponente des magischen Realismus bei, die sich durch die gesamte Handlung zieht und nachvollziehbar ist. Dabei kommt der Autor zwar nicht an andere schriftstellerische Größen wie Haruki Murakami heran, hat mich mit der Umsetzung aber durchaus überzeugt. Weniger gelungen ist aus meiner Sicht dagegen das letzte Kapitel, das zuerst mit einer Wendung überrascht, dann aber ins Kitschige abgleitet.

    Das Cover ist ziemlich nichtssagend, aber hübsch. Der deutsche Titel ist nach meinem Verständnis nicht ganz korrekt.

    Mein Fazit:
    „Kleine Wunder um Mitternacht“ von Keigo Higashino ist ein unterhaltsamer und besonderer Roman, der jedoch nicht ohne Schwächen ist. Vor allem die misslungene Übertragung ins Deutsche schmälert den ansonsten positiven Gesamteindruck.

  1. Kummerkastenroman

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Mai 2021 

    In Keigo Higashinos Roman “Kleine Wunder um Mitternacht“ geraten 3 jugendliche Kleinkriminelle auf der Flucht vor der Polizei in einen verlassenen Gemischtwarenladen, der ein Geheimnis birgt. Dieses erkennen die drei, als ihnen Briefe mit Bitten um persönlichen Rat durch den Briefschlitz des Ladens zugespielt werden. Sie kommen auf die Idee, diese zu beantworten, und treten damit das Erbe des früheren Ladenbesitzers an, der in diesem Laden einen in der Gegend bekannten „Kummerkastenonkel“ gespielt hat. Die Briefe, die Antworten und Rückantworten treten dann in dem Roman eine Reise durch Zeit und Raum an und treffen immer wieder in dem Laden bzw. bei deren Adressaten – den Ratsuchenden - ein. Im weiteren Verlauf des Romans verändert sich die Perspektive immer wieder und wir lernen als Leser und Leserinnen einige Ratsuchende kennen sowie auch den Ladenbesitzer und seine Familie. Über den gesamten Roman hinweg soll uns das Geheimnis um den Laden in Atem halten. Allerdings ging mir nach einiger Zeit dabei wirklich die Luft aus, denn die Schicksale und Probleme der Ratsuchenden und der durch die Briefe gegebene Rat waren dann doch ziemlich konventionell und gewöhnlich: da ist der Sohn eines Fischhändlers, der sich entscheiden muss zwischen einer Musikerkarriere und der Annahme des Erbes seines Vaters (die Übernahme des Fischladens). Da ist die Sportlerin, die sich entscheiden muss zwischen der Hingabe an den Sport und die Olympiavorbereitung und der Hingabe an den todkranken Freund.
    Alle in dem Roman geschilderten Schicksale sind einerseits mit dem Gemischtwarenladen verknüpft und andererseits irgendwie auch mit einem Kinderheim. Das bringt eine gewisse Spannung und zusätzliche interessante Punkte in das Buch mit ein.
    Als Fazit bleibt bei mir aber: Ich sehe 3 Punkte, an denen das Buch für mich gescheitert ist:
    1. Der Autor hat sich hier an einer komplexen Struktur aus Zeit- und Ortszusammenhängen versucht, in der er sich aber letztlich ziemlich verstrickt hat. Die Zeit- und Ortszusammenhänge erscheinen nicht immer korrekt und stimmig angelegt bzw. stimmen manchmal einfach nicht.
    2. Zudem passte für mich die Kombination aus Magie und simpelstem Realismus in den seichten Lebensgeschichten einfach nicht zusammen. Beides hat sich gegenseitig ausgeschlossen und konterkariert.
    3. Die Lebensgeschichten der Ratsuchenden sind allenfalls eines Kummerkastens in einer mittelmäßigen Illustrierten würdig und nicht eines Romans, der mit einer leicht phantastischen Geschichte überzeugen möchte.
    Das ergibt allenfalls 3 Sterne.

  1. Was für eine grottige Übersetzung!

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 14. Mai 2021 

    Keigo Higashino ist nicht nur in Japan, sondern auch in Deutschland als erfolgreicher Kriminalschriftsteller bekannt. Mit diesem Werk, das bereits 2012 in Japan erschienen ist und ein großer Erfolg war, der zweimal verfilmt wurde, bewegt er sich hingegen im Bereich Magischer Realismus.
    Drei junge Männer, die gerade einen Raubzug begangen haben, brechen in ein seit langer Zeit verlassenes Haus ein, um dort die Nacht zu verbringen. Doch ganz verlassen scheint es nicht zu sein, denn plötzlich werden Briefe durch einen Schlitz im Rollladen hindurchgeschoben. Darin bitten sie einen Herrn Namiya um Rat, doch der ist seit über dreißig Jahren tot, wie die drei Einbrecher herausfinden. Und noch merkwürdiger: Die Briefe scheinen ebenfalls in dieser Zeit geschrieben worden zu sein, aber wollen offenbar jetzt beantwortet werden. So beginnt eine außergewöhnliche Nacht …
    Diese Geschichte bildet den Rahmen für die nun folgenden Kapitel, in denen unter anderem die Lebensgeschichten der Ratsuchenden erzählt wird und was sie dazu bewogen hat, Herrn Namiya um Hilfe zu bitten. Gut gelungen sind die Perspektivwechsel, die nicht nur durch die Personen, sondern auch durch Zeitenwechsel entstehen. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Figuren erkennt man erst allmählich; wie beim Puzzeln fügen sich nach und nach die Teile zusammen. Geschickt gemacht!
    Wesentlich weniger erfreulich ist jedoch der Sprachstil des Erzählten. Das Ganze liest sich derart simpel und schlicht, als wäre es für LeseanfängerInnen gedacht. Nun gut, das Buch ist bereits älter und vielleicht hat der Autor es dem Thema angepasst. Allerdings sollte man wissen, dass die Übersetzung nicht aus dem Japanischen sondern aus dem Englischen erfolgt ist. Vergleicht man die englische Übersetzung mit der ins Deutsche übersetzten Version, kann man nur den Kopf schütteln. Dazuerfundenes und Sinnentstellendes gleich auf der ersten Seite – hier zwei Beispiele:

    Shota was the one who suggested the „handy shack“.
    „A handy shack? What the hell are you talking about?“ Atsuya towered over Shota, looking down at his petite frame and boyish face.

    Es war Shotas Idee. Er berichtete den Jungs, er kenne eine super Hütte, wohin sie sich dünnemachen könnten. „Wohin wir was?“ Atsuya musterte den immer noch kindergesichtigen Shota amüsiert, der selbst das Gegenteil von dünn war.

    „Sorry, guys.“ Kohei shrank back, hunching his large body, and cast a longing look at the worn-out Toyota Crown parked beside them. „I didn’t think the battery would die on us here, of all places. Not in my wildest dreams.“

    „Sorry, ihr beiden“, unterbrach Kohei. Er beugte sich über den klapprigen Lexus neben ihnen, der keinen Mucks mehr machte. „Aber wie kann denn die Batterie einfach plötzlich leer sein?“

    So kann ich letztlich nur vermuten, ob ich tatsächlich ein Buch von Keigo Higashino gelesen habe oder eher das, was sich die Übersetzerin dazu ausgedacht hat. Auf jeden Fall ist das Buch eine Enttäuschung: Die Idee dahinter und die Geschichten an sich sind nicht schlecht, aber was daraus gemacht wurde, lohnt nicht des Lesens.

  1. Der magische Gemischtwarenladen des Herrn Namiya

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Mai 2021 

    Der Japaner Keigo Higashino hat sich bisher als Autor von spannenden Kriminalromanen einen Namen gemacht. Mit diesem Wohlfühlbuch betritt er ein völlig neues Genre, in dem er sich gemäß Klappentext „völlig neu erfindet“.

    Zunächst landen drei putzige Kleinkriminelle auf der Flucht in einen alten verlassenen Gemischtwarenladen, in dem sie die Nacht verbringen wollen. Schnell stellen sie aber fest, dass manches hier nicht mit rechten Dingen zugeht: Das Handy funktioniert nicht mehr und die Zeit scheint stillzustehen… Überrascht wird das Trio von einem emotionalen Brief, in dem eine junge Frau um Hilfe in einer schwierigen Situation bittet: Sie wurde für den Sommer für die Olympischen Spiele nominiert, möchte aber eigentlich ihren sterbenskranken Mann nicht alleine lassen und für ihn da sein. Der Brief ist an den ehemaligen Inhaber des Ladens, Herrn Namiya, gerichtet. Angesichts der Dringlichkeit des Anliegens beantworten die drei liebenswert-trotteligen Gauner den Brief. Es entsteht ein mysteriöser Schriftwechsel, der Fragen aufwirft und nicht auf derselben Zeitebene stattzufinden scheint…

    In den weiteren Kapiteln stehen andere Protagonisten Vordergrund, denen Herr Namiya durch seine schriftlichen Ratschläge in verschiedenen Situationen hilft, Lebensträume zu verwirklichen oder Konfliktsituationen zu meistern. Er tut das freundlich und mit gesundem Menschenverstand, was ihm viel Wertschätzung einbringt. Es obliegt den Adressaten, seine Briefe richtig auszulegen und zu interpretieren. Der Gemischtwarenhändler ist ein wahrer Sympathieträger.

    Die einzelnen Episoden sind zunächst nicht miteinander verknüpft. Mit zunehmender Lektüre werden die Zusammenhänge allerdings deutlich. Figuren tauchen wiederholt auf oder haben Bedeutung für andere. Anhand der Konzeption kann man schon erkennen, dass der Autor es gewohnt ist, verschiedene Handlungsfäden am Ende wieder miteinander zu verknüpfen, so dass sich ein stimmiges Ganzes ergibt. Allerdings ist manche Wendung schon sehr dramatisch, rührselig oder zufällig geraten. Die Plausibilitätskontrolle sollte man nicht ernsthaft durchführen, wir sind im Reich der Wunder – wie der Titel schon sagt.

    Die Geschichten lesen sich locker-leicht, das Buch hat nicht das Ziel, literarische Ansprüche zu befriedigen, es dient der reinen Unterhaltung. Die Dialoge sind spritzig, die Sprache konventionell und direkt. Schöne Formulierungen oder Beschreibungen sucht man vergeblich. Die Übersetzung erfolgte nicht vom japanischen Original, sondern auf Basis der englischen Ausgabe. Ob das eine Rolle für die fehlende sprachliche Raffinesse spielt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen.

    Wer dieses Buch lesen möchte, sollte magischen und märchenhaften Momenten gegenüber aufgeschlossen sein, die Realität verschwimmt nämlich zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die verschiedenen Zeitebenen waren für mich eine Herausforderung. Nett ist in diesem Zusammenhang die Erwähnung von verschiedenen Musiktiteln, die dem Leser eine zeitliche Orientierung ermöglichen.

    Es war nicht mein Buch. Ich bin aber sicher, dass Leser, die reine Entspannung mit Wohlfühlfaktor suchen, ihre Freude an „Kleine Wunder um Mitternacht“ haben werden. Ich hatte sie nicht. Ich gebe dennoch drei Sterne, da ich mich selbst in der Verantwortung sehe: Das wunderschön gestaltete Cover sowie der Klappentext weisen ausdrücklich auf Art und Inhalt des Buches hin. Ich habe mich schlichtweg vergriffen.

  1. Japanischer Wohlfühlroman

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Mai 2021 

    Der Titel lautet „Kleine Wunder um Mitternacht“ und es handelt sich um eine Erzählung eines japanischen Autors. Wenn ihr keine Lust auf Kitsch, auf fantasievolle Lebensweisheiten habt, dann macht bitte gleich einen großen Bogen um dieses Buch. Wenn ihr aber auf japanische Literatur, auf einen erfrischenden Schreibstil steht, dann auf in den nächsten Buchladen und schnappt es euch.
    Die drei Freunde Atsuya, Kohei und Shota sind Kleinkriminelle. Nach einem Einbruch verstecken sich die drei Männer in einem alten verlassenen Laden. Dabei handelt es sich um Namiya´s Gemischtwarenladen. Dieser Laden ist jedoch nicht für sein ausgewähltes Sortiment bekannt, sondern für die Ratschläge die der ehemalige Besitzer an unzählige Ratsuchende erteilt.
    Die Geschichte beginnt relativ einfach, erinnert gar ein wenig an ein Jugendbuch. Die lockere Sprache der drei Jugendlichen verstärkt diesen Eindruck noch, doch mit Fortdauer der Erzählung werden die Zusammenhänge komplexer. Der Aufbau dieses Romans ähnelt einem Episodenroman mit unterschiedlichen Ratsuchenden, die aber gegen Ende geschickt zusammengeführt werden. Einiges ist in der Tat vorhersehbar, anderes war aber auch überraschend.
    Der Autor, der bis dato eigentlich für seine Krimis bekannt war, hat sich für eine leichte, flüssige Sprache entschieden, sodass die Seiten nur so dahin flogen. Literarisches oder gar poetisches sucht man in diesem Buch vergebens, aber nicht jedes Buch muss diesen Anspruch haben. Möglicherweise liegt es aber auch an der Übersetzung, da ich jedoch kein japanisch spreche, kann ich dies auch nicht beurteilen.
    Man sollte schon ein Fan der japanischen Literatur sein oder zumindest das eine oder andere Buch eines japanischen Autors gelesen haben. Ich persönlich finde, dass die japanischen Autoren einen eigenen Stil haben. Das Buch beinhaltet viel Herz und viel japanische Seele und Tradition.
    Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen und die Meinungen gingen sehr weit auseinander. Einige konnten tatsächlich gar keinen Zugang zu der Geschichte finden, andere, mich eingeschlossen, waren hingegen restlos begeistert über die fantasievolle Umsetzung. Woran es genau liegt kann ich nicht sagen, aber ich mag Japaner und auch ihre Art, wie sie Geschichten erzählen. Für manche ist es Kitsch, für mich macht es das Buch und das Land von dem es handelt, authentisch.

  1. Haut mich nicht um

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Mai 2021 

    In "Kleine Wunder um Mitternacht" zeigt Krimi Autor Keigo Higashino eine andere Seite von sich. Drei jugendliche Einbrecher landen in einem verlassenen Gemischtwarenladen, um sich nach einem Raubzug zu verstecken. Unverhofft wird ein Brief durch einen Schlitz in den Laden geworfen, indem eine unbekannte Person den alten Ladenbesitzer Herr Namiya um Hilfe bittet. Die drei Jugendlichen beantworten den Brief, doch dies war nicht der Letzte...

    Ich muss sagen, dass mich das Buch nicht umgehauen hat. Die grundsätzliche Idee und die phantastischen Elemente fand ich prima. Auch möchte ich die unterschiedlichen Perspektiven in dem Buch, die durch den Autor geschickt miteinander verknüpft wurden.

    Die Charaktere fand ich sympathisch und nachvollziehbar. Mich haben persönlich die vielen exotischen Namen gestört, bzw. brauchte ich länger um die Namen im späteren Verlauf den Personen zuzuordnen, aber das ist so bei japanischen Schriftstellern.

    Ein Dorn im Auge war mit der Schreibstil. Zu plump, zu kurz, zu jugendbuchmäßig. Ich weiß nicht ob es daher kam, dass das Buch erst von japanisch auf englisch und dann ins deutsche übersetzt wurde, aber der Schreibstil hat echt Luft nach oben.

    Auch nicht so besonders gefallen hat mir der nicht vorhandene Spannungsbogen. Irgendwie war die Story nett, aber sie ist ohne Plot so dahin geplätschert. Zwischenzeitlich fand ich die Story auch etwas langweilig, obwohl die Weisheiten des Herrn Namiya durchaus Tiefgang hatten.

    In Summe ist es kein schlechtes Buch... aber eben ach kein Herausragendes.

  1. Selbst magische Lädchen mag ich nicht.

    bewertet:
    1
    (1 von 5 *)
     - 10. Mai 2021 

    Drei Kleinkriminelle verschlägt es nach einer kopflosen Flucht nach einer relativ kopflosen Angelegenheit in die Außenbezirke eine Stadt, wo sie im verlassenen „Namiya Gemischtwaren“ unterkriechen. Von dort aus wollen sie sich am Morgen, wenn die Berufstätigen zur Arbeit fahren, im diesen Strom von Menschen mischen, untertauchen und entkommen. Dann merken sie, dass die Zeit stehen bleibt.

    Der Kommentar: Unversehends wie bei einem kleinen Wunder um Mitternacht bin ich mit den drei Jungs in einem Lädchenbuch gelandet. (Fast) jeder weiß, was ich von Lädchenbüchern halte. Aber wie gesagt, das Wunder um Mitternacht hat mich hierherverschlagen, es kann nicht freiwillig gewesen sein. Vielleicht war ich umnachtet. Oder wurde entführt. Jedenfalls. Hier sind wir.

    Das Lädchen ist ein besonderes Lädchen. Es ist ein Zeitsprunglädchen. Allerdings kann man nicht mitspringen, was nett gewesen wäre, man kann nur Briefe hin und herschicken. Ein magisches Lädchen eben. Laßt euch nicht nachts in eine Buchhandlung einschließen, wer weiß, was passiert!

    Lädchenbuch. Lebensberatung. Lebensberatung durch die Zeit hindurch. Hat was.
    Weil auf magische Weise Briefe mit Bitte um Lebensberatung ankommen, mischen die Jungs natürlich kräftig mit.

    Die Grundidee des Romans ist wirklich nett. Leider ist die Ausführung ein wenig, na ja, sagen wir, wirr. Wir wechseln mehrmals die Perspektive. Dabei hätten wir so gerne verfolgt, was die Jungs in der Zeit mit ihren Ratschägen so anrichten und die Zukunft verändern. Ist aber nicht.

    Fazit: Ein Lädchenbuch mit magischem Anreiz, der wegen übergroßer Langeweile leider schnell verfliegt.

    Kategorie: Lädchenbuch.
    Verlag. Limes, 2021

  1. Reopening

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Mai 2021 

    Am 13. September wird Namiyas Gemischtwaren für eine einizige Nacht wiedereröffnet. Und davon wie es dazu kommt erzählt dieses Buch. Als die Frau von Herrn Namiya verstirbt verlässt ihn der Lebensmut. Er ist kurz davor aufzugeben. Eher aus Spaß beginnen die Kinder aus der Nachbarschaft, Herrn Namiya um Rat zu bitten. Der alte Herr blüht wieder auf und schon bald werden auf ernsthafte Fragen an ihn herangetragen. Herr Namiya widmet sich jeder Frage mit Liebe und Respekt. Und als viele Jahre später scheint sein Geist immer noch in seinem Laden zu wirken. Das bekommen drei junge Einbrecher zu spüren, die sich hier verstecken.

    Der Autor Keigo Higashino ist bisher eher mit seinen ausgeklügelten Kriminalromanen bekannt. Nun aber überrascht er mit einem Gesellschaftsroman mit einer leicht fantastischen Note. Das Buch beginnt in der Gegenwart in dem Moment, wo die Einbrecher den alten Laden erreichen. Dieser wirkt, obwohl schon lange geschlossen, noch sehr frisch. Sehr überrascht sind die jungen Männer als plötzlich ein Brief durch den Briefschlitz fällt. Sollen sie den Brief lesen oder gar beantworten? Und was ist mit dem alten Herrn, dem der Laden einmal gehört hat? Wird diese Nacht auch das Leben der drei Einbrecher verändern?

    Klar, kein Krimi, aber doch eine äußerst spannende Geschichte um die Ratschläge eines alten Herrn, der unerwartet das Leben vieler Menschen beeinflusst. Nicht immer wird sein Rat genau befolgt, doch immer bewirkt er etwas zum Positiven. Der alte Herr Namiya schreibt mit dem Herzen und auch wenn sie ihn nie gekannt haben, so fühlen die drei Eindringliche auch seinen liebevollen Geist. Mit diesem herzerwärmenden Roman berührt Keigo Higashino seine Leser. Gerade in der heutigen Phase möchte man manchmal in eine schönere Welt entfliehen und sich mit positiven Vibes umgeben. Dieser wunderbare Roman bietet dazu die beste Gelegenheit. Man taucht ein, fühlt mit den Protagonisten und schließt das Buch mit Sonne im Herzen.

    4,5 Sterne