Kleine Feuer überall: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kleine Feuer überall: Roman' von Celeste Ng
4.9
4.9 von 5 (8 Bewertungen)

Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, »dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer«. Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch?

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783423281560

Rezensionen zu "Kleine Feuer überall: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Mai 2018 

    Hier prallen Lebensentwürfe aufeinander!

    Es brennt! In jedem der Schlafzimmer hat jemand Feuer gelegt. Fassungslos steht Elena Richardson im Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes draußen auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die Erfahrung gemacht, "dass Leidenschaft so gefährlich ist wie Feuer". Deshalb passte sie so gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio, in dem der Außenanstrich der Häuser ebenso geregelt ist wie das Alltagsleben seiner Bewohner. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie selbst schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt. Elenas scheinbar unanfechtbares Idyll – alles Asche und Rauch?

    Normalerweise schreibe ich eine Rezension gleich, nachdem ich ein Buch ausgelesen habe. Nicht so hier. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Einmal, zweimal, fünfmal. Nun sitze ich hier, Tage später, zum wiederholten Male und versuche zu verdeutlichen, was ich da gelesen habe. Und wie es mir mit dem Roman erging.

    Auch wenn es eine sehr ruhig gehaltene Erzählung ist, eröffnet Celeste Ng ihr neuestes Werk mit einem Knall. Die kleinen Feuer überall begegnen dem Leser nämlich bereits auf den ersten Seiten des Romans - und machen eine Familie heimatlos. Die Richardsons sind eine Wohlstandsfamilie und können es nicht glauben, dass es gerade ihr Haus ist, das da brennt. Die jüngste Tochter Izzy fehlt. Und es keimt rasch ein Verdacht auf. Doch kann es wirklich sein, dass das Mädchen die Brandstifterin ist?

    Ich lehne mich hoffentlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich hier sage: ja, Izzy hat den Brand gelegt. Und der Roman erzält im Grunde, wie es dazu kommen konnte - und noch viel mehr. Celeste Ng präsentiert hier Lebensentwürfe, die aufeinanderprallen, beleuchtet Verhältnisse von Müttern und Töchtern, stellt Fragen, die letztlich aufzeigen, dass es zuweilen kein Richtig und kein Falsch gibt, kein Schwarz oder Weiß, sondern irgendetwas dazwischen - insofern auch ein unbequemes Buch, das den Leser ebenso zu einer Positionierung herausfordert wie die Charaktere des Buches.

    Auf der einen Seite gibt es hier die Familie Richardson mit dem Vater, der als Anwalt meist außer Haus ist, mit der Mutter, die zufrieden auf ihre vier Kinder schaut und gewissenhaft ihrem Job als Lokaljournalistin nachgeht, mit Trip, dem ältesten Sohn, der als Mädchenschwarm und erfolgreicher Sportler vieles als selbstverständlich nimmt, mit Lexie, der ältesten Tochter, die selbstbewusst durchs Leben geht und es versteht, andere auf charmante Art für ihre Zwecke einzuspannen, mit Moody, dem jüngeren Sohn, der nicht zu vorschnellen Meinungen und Verurteilungen neigt wie seine älteren Geschwister - und mit Izzy, der Jüngsten, dem Sorgenkind der Familie.

    "Mit zehn war Izzy verhaftet worden, als sie sich in die Humane Society eingeschlichen hatte, um sämtliche streunenden Katzen zu befreien. 'Sie leben wie Gefangene im Todestrakt', hatte sie gesagt. Mit elf hatte ihre Mutter - überzeugt, dass Izzy zu ungelenk war - sie zum Tanzunterricht angemeldet, damit sie ihre Koordination verbesserte. Ihr Vater bestand darauf, dass sie mindestens ein halbes Jahr durchhielt, bevor sie aufhörte. Izzy saß Stunde um Stunde auf dem Boden und verweigerte jede Bewegung. Für die Aufführung hatte sie sich mithilfe eines Spiegels mit Edding NICHT DEINE MARIONETTE auf Stirn und Wangen geschreiben, bevor sie auf die Bühne trat und dann stocksteif stehenblieb, während die anderen betroffen um sie herumtanzten." (S. 54)

    Muss ich betonen, dass ich Izzy spätestens seit diesem Absatz liebte? Dieses geradlinige Mädchen, dickköpfig und sensibel, das sich nicht verbiegen lässt und ihren Weg geht, obwohl sie mit dem Gedanken aufwuchs, das mit ihr etwas nicht stimmte - denn ständig korrigierte, nörgelte, mahnte die Mutter an ihr herum. Izzy wird von keinem in ihrer Familie verstanden, bestenfalls kopfschüttelnd hingenommen - aber sie hat ein untrügliches Gespür für Gerechtigkeit. Dass es auch anders geht - nämlich zugewandter, akzeptierender, wohlwollender, merkt Izzy erst, als Mia Warren und ihre Tochter Pearl in der Stadt auftauchen.

    Die 36Jährige zieht mit ihrer Tochter von Stadt zu Stadt - immer wenn sie ein neues Kunstprojekt beendet hat, brechen sie wieder auf. Und nun hat es die unkonventionelle Frau ausgerechnet nach Shaker Heights verschlagen - einem Ort, der planvoll am Reißbrett entstand, und der seither von Regeln geprägt ist - in der Überzeugung, "dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte" (S. 19 f.). Mia Warren jedenfalls sticht mit ihrem selbstbestimmten und ungezwungenen Lebensstil aus dieser an Regelkonformität gewohnten Gemeinde heraus. Und als sie den Richardsons begegnet, prallen hier Lebensentwürfe aufeinander.

    "Wir ziehen oft um. Immer, wenn es meine Mom packt." Pearl sah ihn durchdringend an, fast schon böse, und Moody stellte fest, dass ihre Augen, die er anfangs für haselnussbraun gehalten hatte, in Wirklichkeit dunkelgrün waren. Im selben Moment wurde ihm schlagartig klar, was an diesem Vormittag geschehen war: In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen. "Was machst du morgen?, fragte er. (S. 31)

    Anfangs ist es Moody, der den Kontakt zu Pearl und seiner Mutter sucht, doch nach und nach häufen sich die Berührungspunkte zwischen den Familien. Pearl ist fasziniert von dem Leben, das die Richardsons in ihrem riesigen Haus führen, die Kinder der reichen Familie fühlen sich ihrerseits wiederum angezogen von der unkonventionellen Lebensweise der Warrens, vor allem aber von der toughen und geradlinigen Mia und ihrer hübschen Tochter. Nur Mrs. Richardson, die von Kindesbeinen an in Shaker Heights lebt, die idealistisch an die Kraft der Regeln glaubt, die überzeugt ist, dass man die Welt auf diese Art verbessern, ordnen, vielleicht sogar perfektionieren kann, ist Mia ein Dorn im Auge. Und so geraten die Dinge in eine Schieflage, die kaum noch aufzuhalten ist...

    "Mia umarmte Pearl, vergrub ihre Nase im Haar ihrer Tochter und fühlte sich, wie immer, wenn sie das tat, von dem unveränderten Duft getröstet. Sie roch, dachte Mia plötzlich, nach zu Hause, als wäre zu Hause nie ein Ort gewesen, sondern immer diese kleine Person an ihrer Seite." (S 352)

    Celeste Ng präsentiert hier einen vielschichtigen, komplexen und klug konzipierten Roman, in den vermutlich auch autobiografische Elemente eingeflossen sind, da die Autorin selbst in Shaker Heights aufwuchs. Die Spannung, die in der Erzählung unterschwellig schwelt, versetzte mich beim Lesen selbst ständig in Unruhe - und die Fragen, die hier aufgeworfen werden, lassen auch den Leser nicht unberührt. Begeistert hat mich der feine Schreibstil Ngs, die trotz einer unaufgeregten und eher nüchternen Schreibweise mit Worten warmherzige Bilder kreieren kann, die mich ein ums andere Mal berührten. Augenfällig fand ich die häufigen Anspielungen im Text auf das Thema 'Feuer'. Funken, Schwelbrände, Rauch und Flammen - hier knistert es gewaltig.

    Ein ruhig erzählter Roman voller Spannungen und unbequemer Fragen... Eine beeindruckende Erzählung, die noch lange über die letzte Seite hinaus nachhallt. Für mich eines der Lesehighlights in diesem Jahr...

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Mai 2018 

    Nach dem Feuer

    Nach dem Feuer

    Shaker Heights, ein kleiner Vorort Cleavelands. Alles scheint perfekt zu sein, ein Leben hier scheint erstrebenswert.
    Elena Richardson lebt ihren Traum in Shaker Heights. Sie hat vier Kinder bekommen, einen erfolgreichen Mann geheiratet und arbeitet selbst bei einer Zeitung. Dort verfasst sie zwar nur Lokalnachrichten, im Gegensatz zu ihrem ursprünglichen Traum, aber man muss auch Opfer bringen, damit alles perfekt funktioniert, so argumentiert sie.Die ersten drei Kinder, Lexie, Trip und Moody sind ihr ganzer Stolz. Izzy, das letzte der Richardson Kinder, ist eher rebellisch und provoziert ihre Mutter zu ihrem Leidwesen sehr gern.
    Als Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl eine Wohnung der Familie anmietet, freundet Pearl sich mit Moody und dann mit dem Rest der Sprösslinge an. Schnell wird klar, dass das Leben der beiden Familien nicht unterschiedlicher sein könnte. Mia bricht häufig ihre Zelte ab, und reist dann mit Pearl in eine andere Stadt, wo sie mit ihren wenigen Habseligkeiten wieder von vorne anfangen. Mia ist Fotografin, kann aber nicht ausschließlich von ihrer Kunst leben und verdingt sich mit Aushilfsjobs. Sie haben zwar nicht viel, aber sie haben sich, so in etwa lautet Mias Lebensphilosophie.

    Aus diesem Hintergrund wird der Leser in einen sehr interessanten Strudel über Werte des Lebens gerissen. Viele Erlebnisse aus den beiden Familien werden erzählt, und die Autorin gibt zwar die Richtung vor, lässt den Leser aber entscheiden über richtig und falsch. Mehr noch, sie macht oft deutlich das es nicht immer eine klare Abgrenzung zu diesen Werten geben kann.

    Der Roman beginnt mit einem Feuer und im Grunde endet er auch mit einem Feuer. Symbolisch findet das Feuer in diesem Werk von Celeste Ng häufig Erwähnung, der Titel der deutschen Ausgabe "Kleine Feuer überall" gefällt mir daher ausgezeichnet.
    Dies ist das zweite Buch der Autorin, das ich nun gelesen habe, und sie konnte mich mit beiden voll und ganz überzeugen. Eine Vielschichtigkeit erwartet den Leser, der Roman lädt wirklich dazu ein, in sich zu gehen und die eigenen Werte zu überdenken, zumindest hat er das bei mir bewirkt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Mai 2018 

    Geschichten hinter dem Offensichtlichen

    Bereits der erste Roman der Autorin (Was ich euch nicht erzählte) hatte mich völlig in seinen Bann gezogen. Umso gespannter war ich, was mich nun hier erwarten würde. Das Cover zeigt einen blauen Himmel mit kleinen Wölkchen, im Vordergrund ein typisch amerikanisches Holz-Wohnhaus mit großem überdachtem Vorbau und Garage.

    Tatsächlich handelt es sich um einen tiefgründigen amerikanischen Familien- und Gesellschaftsroman, der sich rund um das Leben der sechsköpfigen Familie Richardson aufbaut. Der Vater ein gut verdienender Anwalt, die Mutter Elena Lokal-Journalistin, die vier Kinder Lexie, Trip, Izzy und Moody sind Teenager, die noch zu Hause wohnen. Zu Hause, das ist eben dieses schicke Einfamilienhaus im Stadtteil Shaker Heights, wo alles wohlsituiert, ordentlich und durchstrukturiert zugeht und man stets nach Perfektion strebt. Dieses Streben wird am besten durch Mutter Elena verkörpert, die ihr ein paar Straßen weiter stehendes Elternhaus bewusst an Menschen vermietet, denen es finanziell nicht so gut geht. Das ist Teil ihres „Sozialprojektes“. Seit rund einem Jahr lebt dort die künstlerische Fotografin Mia Warren mit ihrer etwa 15-jährigen Tochter Pearl. So richtig nimmt man Elena ihr soziales Engagement von Anfang an nicht ab – zu sehr ist sie sich des immensen Standesunterschiedes zwischen der Künstlerin „am Hungertuch“ und sich selbst bewusst.

    Der Einstieg in den Roman beginnt analog zum Titel: Das Haus der Richardsons wurde offensichtlich mit lauter kleinen Feuern angezündet. Zum Glück wurde niemand verletzt, aus dem Gespräch der Familienmitglieder wird deutlich, dass man Izzy, die jüngste Tochter, für die Brandstifterin hält. Sie scheint einen schwierigen Charakter zu haben und ist auch die einzige, die an diesem Abend nicht zu Hause ist. Kurz zuvor haben aber auch Mia und Pearl ihr Haus und die Stadt verlassen: Zufall? Von Beginn an möchte man wissen, wer für das Feuer verantwortlich war. Im Folgenden wird deshalb die ganze Geschichte in Rückblicken erzählt und zeigt die Entwicklung bis zum Feuer sorgsam auf.

    Mia und Pearl sind zwei Reisende, die bisher niemals lange an einem Ort geblieben sind. Pearl freut sich darauf, nun sesshaft zu werden, hat sie damit zum ersten Mal die Chance, sich einen Freundeskreis aufzubauen und eine Schule längerfristig zu besuchen. Sie freundet sich schnell mit dem gleichaltrigen Moody Richardson an. In Folge ist sie oft bei der Familie zu Gast, wird von den Familienmitgliedern freundlich empfangen, so dass sie auch mit den Geschwistern in Kontakt kommt. Izzy, die sich meist aus der Familie zurückzieht und dort als schwarzes Schaf gilt, freundet sich währenddessen mit Pearls Mutter Mia an. Das Mädchen ist fasziniert von deren künstlerischem Schaffen, von ihrer Freiheitsliebe. Sie besucht sie bald regelmäßig, um ihr zu assistieren. Nach und nach fasst Izzy Vertrauen zu Mia, die sich viel besser in sie hineinversetzen kann als die eigene Mutter. Zusätzlich wird Mia auch als Hausangestellte von den Richardsons eingestellt. Beide Familien vermischen sich auf diese Weise miteinander, was großes Konfliktpotential birgt, da hier zwei vollkommen unterschiedliche Lebensmodelle aufeinander prallen und sich aneinander reiben. Am Ende werden aber beide auch voneinander gelernt und profitiert haben…

    Das an sich ergibt schon einen spannenden Plot. Dieser wird aber gekonnt flankiert durch weitere Handlungsstränge: Da ist das Ehepaar McCullough, enge Freunde der Richardsons, die im Begriff stehen, ein asiatisches Mädchen zu adoptieren, das einst ausgesetzt wurde. Als die leibliche Mutter ihr Kind zurückfordert, kommt es zum Prozess, in dem sowohl Familie Richardson als auch Familie Warren Stellung beziehen werden.

    Auch die Frage nach Pearls Vater und damit Mias Vergangenheit wird gestellt. Hier greift Mrs Richardson in deren Privatsphäre ein und fördert das ein oder andere Geheimnis zutage.
    Ein großes Thema in diesem Roman ist das Muttersein: Was bedeutet Mutterschaft? Unter welchen Bedingungen kann man sie zurückweisen oder sich das Recht darauf verdienen, ohne selbst schwanger gewesen zu sein? Jede Mutter hat ihren festen Standpunkt und ist im Verlauf dennoch in der Lage, sich zu entwickeln.

    Ein weiteres Thema ist das Feuer. Celeste Ng schafft wunderbare Bilder und Metaphern, die in Bezug zum titelgebenden Feuer stehen.

    Das Besondere an diesem Roman ist, dass er niemals stigmatisiert und einfache Wahrheiten liefert. Er bietet wenig falsch/richtig oder gut/böse an, sondern zeigt die Zwischenräume auf, die Graubereiche. Er erzählt die Geschichten hinter dem Offensichtlichen, nimmt Bezug auf Biografien, die jeden Protagonisten zu dem gemacht haben, was er heute ist. So bleibt die gesamte Entwicklung nachvollziehbar und lässt ungemein viel Raum für eigene Gedanken, die man sich zwangsläufig machen muss.
    Der Erzählstil ist unaufgeregt und dennoch ganz nah bei den handelnden Personen. Der Roman hat mir außerordentlich gut gefallen, hat sich zum regelrechten Pageturner entwickelt, ganz ohne trivial oder oberflächlich zu sein. Er verbindet das Unterhaltsame mit dem Literarischen. Er ist einfach großartig und erhält meine volle Leseempfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 09. Mai 2018 

    Aufflackerndes Leben in Shaker Heights

    In dem Roman fängt alles damit an, dass am Ende das Haus brennt.
    Die Autorin von „Kleine Feuer überall“ Celeste Ng rollt für den Leser die im Roman erzählte Geschichte von hinter her auf und entwickelt langsam und behutsam, wie dieses Ende (der Brand) zustande gekommen ist und was dazu geführt hat. Dabei geht es um die Geschichte des Aufeinandertreffens von zwei ungemein unterschiedlichen Familien: den Richardsons und den Warrens. Die Richardsons, deren Haus am Ende in Flammen steht, leben schon ihr ganzes Leben in Shaker Heights, wohin es auf einer ihrer unzähligen Lebensstationen auch Mia und Pearl Warren für einige Zeit verschlagen hat. Shaker Heights ist für dieses Aufeinandertreffen ein ganz besonderes Pflaster, denn es handelt sich hierbei nicht nur um eine architektonisch vollkommen durchgeplante Siedlung, nein, diese Siedlung hat ihren Bewohnern viel mehr an Planung und Regelung zu bieten. Hier ist an alles gedacht und alles ist geregelt, damit ein Flecken Perfektion für die Bewohner geschaffen werden kann. Dass ein Scheitern dieses Bemühens vorherbestimmt ist, deutet sich in dem Roman schon mit dem Brand des Hauses im Eingangskapitel an. In dieser Welt von Shaker Heights ist für die Bewohner alles so vorausgeplant und geregelt, dass ihnen Überraschungen, und zwar sowohl unliebsame, als aber eben auch eventuell liebsame, weitestgehend erspart bleiben. Doch dieser Regelungswahnsinn hat im wirklichen Leben natürliche Grenzen und so bleibt Unvorhergesehenes dann eben doch nicht aus. Insbesondere, wenn Fremdkörper, wie Mia und Pearl Warren in diese Welt eindringen und Dinge anstoßen, die eine nicht mehr zu kontrollierende Eigendynamik entfalten. Celeste Ng kann das bei glatter Fassade untergründig Wirkende in dem Roman ungemein gut beschreiben und erzählen und hält den Leser in Atem und bei der Lektüre fest. Denn der erkennt immer mehr, dass das regelhafte Leben, in dem einfache Wertungen möglich sind zu den Fragen des Gut und Böse, des Richtig und Falsch, des Recht und Unrecht immer mehr an seine Grenzen stößt und die Menschen gezwungen sind, eigene, d.gh. schwierigere Wege zu gehen und mitunter schmerzhafte Entscheidungen zu treffen. Die Konstruktion der Romanhandlung bringt das Thema des Romans – für mich ist das "Regeln und ihre Auswirkungen auf das Leben" – weit voran durch das Aufeinandertreffen so unterschiedlicher Lebensentwürfe wie die der Richardsons und die der Warrens. Sesshaftigkeit trifft dabei auf ständigen Wandel. Lange hält die Zentralfigur des Romans, Mrs Richardson, dabei an ihrem Weltbild fest. Sie erkennt dabei sehr wohl, dass die sie „rettenden“ Regeln ihr auch einige Wege verschließen (ihre Karriere z.B.), aber dass für sie das Gute daraus deutlich überwiegt:
    "Regeln gab es aus einem bestimmten Grund. Wer sie befolgte, kam voran; wer es nicht tat, drohte die Welt in Asche zu legen."
    Doch am Ende hat diese Einstellung auch bei ihr wohl einige Risse bekommen. Herausgehoben deutlich macht das die Autorin in dem Verhältnis von Mrs Richardson zu ihrer jüngsten Tochter Izzy (der Brandstifterin, soviel sei ruhig verraten, da ja jeder Leser das auf den ersten Seiten sowieso schon erfährt), die für sie ihr Leben lang das Problemkind innerhalb ihrer Kinderschar war, da sie am wenigsten der Regelhaftigkeit ihres Weltbildes entsprach und am meisten in der Welt von Shaker Heights und in der der Mrs Richardson aneckte. Doch am Ende hat das reinigende Feuer es wohl doch vermocht, dass das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sich in der Zukunft deutlich verändern wird. Und auch die Warrens haben ihre Lektion am Ende des Romans gelernt. Geheimnisse und vertuschte Lebenswahrheiten kommen irgendwann ans Licht und müssen akzeptiert und in das Leben integriert werden. Das alles aber erzählt der Roman nicht mehr, aber er gibt dem Leser doch den guten Glauben und die gute Hoffnung an eine positive Veränderung für beide Familien.

    FAZIT:
    Eine große Empfehlung für Celeste Ngs Roman, der tiefgründig in die amerikanische Gesellschaft einsteigt und dem Leser Anregungen gibt aber nicht den Raum nimmt für eigenes Denken, Werten und die-Geschichte-Weiterspinnen. Es ist ein Appell gegen den Glauben an einfache Wahrheiten, ein Appell für das eigene Denken und Gestalten und damit für mich höchst aktuell nicht nur in der US-amerikanischen Literatur, sondern auch bei uns.
    Dass dabei noch in einer unaufgeregt feinen und sehr treffsicheren Sprache erzählt wird, macht den Roman noch lesenswerter.
    Natürlich 5 Sterne!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Mai 2018 

    Es brennt!

    Der Ort der Handlung in Celeste Ng neustem Roman ist mit Bedacht gewählt: Shaker Heights, ein nobler Vorort von Cleveland, Ohio. Hier verläuft das Leben nach festen, bewährten Regeln. Es herrscht Ordnung und Wohlstand. Mrs. Richarsons Familie lebt dort seit Generationen. Sie selbst ist Lokalreporterin, verheiratet mit einem Anwalt und hat vier Kinder im Teenageralter. Auf diese wohlgeordneten Verhältnisse trifft nun eine kleine Familie mit völlig gegensätzlicher Lebensweise: Mrs. R. nimmt als Mieterin in ihrem zweiten Haus eine unkonventionelle Künstlerin auf. Mia ist Fotographin und zieht mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl von Ort zu Ort.
    Die beiden sehr unterschiedlichen Familien treffen aufeinander, reiben sich aneinander und am Ende des Romans werden sich alle Beteiligten für immer verändert haben.
    Zunächst jedoch beginnt der Roman mit einem Feuer. Das Familienhaus der Richardsons steht in Flammen. Es war Brandstiftung: jemand hat in den Schlafzimmern überall kleine Feuer gelegt. Gleichzeitig erfahren wir zu Anfangs des Romans, dass Mia und ihre Tochter überstürzt abreisen. Zwei Fragen halten uns Leser von Beginn an also gefangen: Wer hat das Feuer gelegt und warum.? Aber auch: warum verlässt die Künstlerin und ihre Tochter Shaker Heights, obwohl sie ursprünglich dort ihr Nomadendasein beenden wollte?
    Nun lässt Celeste Ng in einem zeitlichen Rückgriff alle Protagonisten zu Wort kommen. Flüssig und lebendig beschreibt sie deren Alltag und Gedankenwelt. Besonders Mrs. R. und Mia werden in ihrer persönlichen Entwicklung geschildert, wobei der Gegensatz zwischen einem sicherheitsorientierten Leben einerseits und einem von Leidenschaften geprägtem Leben, anderseits betont wird. Dieser Gegensatz durchdringt den Roman in vielfältiger Weise und wird immer wieder bei der Darstellung von verschiedenen Mutter - Tochter - Beziehungen thematisiert. Wunderbar treffend ist dabei das Symbol "Feuer" das die Autorin zu Darstellung dieser Konflikte wählt. Das Feuer, mit seinen ambivalenten Eigenschaften. Es wärmt und reinigt, ist aber auch gefährlich und muss unter Kontrolle gebracht werden. Außer diesen "kleinen Feuer überall " gibt es noch etwas anderes in dem Roman zu entdecken: Mias Kunstwerke werden anschaulich beschrieben und bereichern die Lektüre um "bildhafte" Beschreibungen von Gefühlszuständen und Charaktereigenschaften.
    Unverkennbar schenkt die Autorin einer leidenschaftlichen, wenig an Regeln orientierten Lebensweise mehr Sympathie. Sie verfällt aber nicht in schwarz/weiß Malerei, sondern lässt ausreichend Grautöne zu, so dass der Roman lebendig bleibt.
    Insgesamt bereitet der neuste Roman von Celeste Ng viel Lesevergnügen und regt zum Nachdenken über - auch die eigenen - Lebensgrundsätze an.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Mai 2018 

    Mrs. Richardson

    Die Richardsons sind sind eine wohlhabende Familie, er ist Anwalt, sie Lokalreporterin, vier wohlgeratene Kinder. Ein zusätzliches Einkommen haben sie aus einem kleineren Zweifamilienhaus. Als Mia und ihre Tochter Pearl in Shaker Heights ankommen, mieten sie eine der Wohnungen. Mia ist Fotografin und immer wenn sie ein Thema durchdrungen hat, geht es an einen anderen Ort. Diesmal jedoch soll es anders sein, diesmal wollen sie bleiben. Pearl freundet sich mit den Kindern der Richardsons an, Mia nimmt eine Arbeit an und beginnt mit einer neuen Fotoserie. Zwischen den Familien entwickelt sich eine engere Verbindung als man zunächst vermuten könnte.

    Shaker Heights, ein Vorort von Cleveland, Ohio, zur Zeit der Clinton-Regierung. In dieser Stadt ist alles geplant, die Farbe der Häuser, die Größe der Häuser in verschiedenen Viertel, die Straßen, der Autoverkehr, das Angebot an Schulen. Wenn man will bekommt am vieles vorgesetzt und muss wenig selbst entscheiden. Der Ort ist so sicher, dass man die Türen auf mal offen lassen kann. Nur mit der Freiheit ist es nicht so weit her und Herausforderungen begegnen einem eher weniger. In dieser Stadt kann man ein Leben aus Zufriedenheit und Wohlstand leben, allerdings ohne Höhen und Tiefen, kein Abenteuer. Mit dem Einzug von Mia und ihrer Tochter kommt doch eine Art Abenteuer zur Familie Richardson.

    Celeste Ng versteht es nahezu perfekt aus einer kleinen Geschichte ein großes Drama zu machen. Ein eher unbedeutender Einzug verändert das Leben der Richardsons für immer. Gesagtes und Ungesagtes führt auf Spuren, die in die Vergangenheit weisen oder die eine Blick in die Zukunft erlauben. Fein sind die einzelnen Fäden der Story zu einem Ganzen versponnen. Es gibt eine Story hinter dem Hinweis, eine Beziehung hinter der offensichtlichen. Viele zumindest vermeintliche gute Absichten führen auf einen Weg, der nicht nur Gutes bringt. Die meisten der handelnden Personen erwecken Verständnis um ihre Beweggründe, doch bei manchen wird es mühsam, Sympathie zu empfinden. Während hin und wieder eine kleine Länge auftaucht, so ist man doch meist hin- und mitgerissen von diesem Zusammentreffen zweier Welten wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Auf der einen Seite die extreme Regulierung, auf der anderen, das sich treiben lassen von einem Ort zum anderen. Keine Welt ist ideal, doch beide sind verändert als die Berührung sich dem Ende entgegen neigt.

    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mai 2018 

    Nach dem Brand kann Neues wachsen.

    Worum geht es?

    "In jenem Sommer redeten alle in Shaker Heights darüber, wie Isabelle, das jüngste Kind der Richardsons, endgültig durchdrehte und das Haus abfackelte. Während das ganze Frühjahr über die kleine Mirabelle McCullough Gesprächsthema gewesen war - beziehungsweise, je nachdem, auf welcher Seite man stand, May Ling Chow-, gab es endlich neuen aufregenden Gesprächsstoff." (9)

    Bereits dieser erste Satz enthält den Kern der ganzen Geschichte. Hat Isabelle tatsächlich das Haus ihrer Eltern angesteckt? Warum sollte sie dies tun?

    "Der Feuerwehr zufolge waren es kleine Feuer überall" (15).

    Und wer ist die kleine Mirabelle McCullough oder May Ling Chow?

    Die Handlung springt ein Jahr zurück, zu dem Zeitpunkt, wenn die Fotokünstlerin Mia Warren mit ihrer 15-jährigen Tochter Pearl das kleine Haus an der Winslow Road von Mrs Richardson mietet, die Journalistin der Lokalzeitung ist. Ihr Mann, ein angesehener Anwalt, und die vier Kinder Lexie, Trip, Moody und Isabelle (12.,11.,10, und 9.Klasse) bilden die zur gehobenen Mittelschicht gehörende Familie Richardson, die in einem großen Haus in Shaker Heights, Ohio, lebt und der es an nichts mangelt.

    Shaker Heights, das tatsächlich existiert und in dem die Autorin Ng selbst aufgewachsen ist, ist eine auf dem Reißbrett entstandene Stadt, in der es viele Regeln gibt.

    "Dahinter stand die Überzeugung, dass sich Unschickliches, Unangenehmes und Katastrophales vermeiden ließ, wenn man alles nur gut durchdachte." (20)

    Moody, der in die gleiche Klasse wie Pearl geht, unterscheidet sich von seinen zunächst oberflächlich und selbstbewusst erscheinenden älteren Geschwistern Lexie und Trip. Während in Shaker Heights niemand Rad fährt, sondern alle mit dem Auto unterwegs sind, widersetzt er sich diesem ungeschriebenen Gesetz und benutzt ein altes Fahrrad ohne Gangschaltung.
    Neugierig auf die neuen Mieter besucht er sie und freundet sich mit der gleichaltrigen Pearl an.

    "In seinem Leben gab es jetzt ein Davor und ein Danach, und er würde beide immer miteinander vergleichen." (31)

    "Ihr vagabundierender, unkonventioneller Lebensstil gefiel ihm, denn im Inneren war Moody ein Romantiker." (42)

    Bisher ist Mia immer dann umgezogen, wenn sie ein neues Fotoprojekt abgeschlossen hat. Mit Gelegenheitsjobs überbrückt sie finanzielle Engpässe, bis ihre Galeristin Anita in New York eines ihrer Fotos verkauft hat. Doch jetzt will sie bleiben, das verspricht sie Pearl, die zum ersten Mal wagt, Bindungen einzugehen.

    Moody nimmt sie mit zu seiner Familie, zu Lexie und Trip, die nachmittags auf dem Sofa lümmeln, sich gemeinsam Jerry Springer ansehen und darüber streiten.

    "Diese Familie verwirrte sie: mit ihrem lässigen Selbstbewusstsein, ihrer offenkundigen Zielstrebigkeit, egal zu welcher Tageszeit. Wenn Moody sie einlud, verbrachte sie Stunden bei ihnen" (47).

    Lexie nimmt Pearl unter ihre Fittiche, geht mit ihr "shoppen", nimmt sie mit zu einer Party, auf der sie sie allerdings stehen lässt.
    Während sich Pearl in den gut aussehenden Trip verliebt, der sie zunächst kumpelhaft behandelt, entwickelt Moody mehr als freundschaftliche Gefühle für Pearl - eine Konstellation, die für Konflikte sorgen wird.

    Nur Isabelle scheint außerhalb dieser Beziehungen zu stehen, sie fällt aus dem Familien-Rahmen:

    "Mit zehn war Izzy verhaftet worden, als sie sich in die Humane Society eingeschlichen hatte, um sämtlich streundenden Katzen zu befreien." (54)

    Isabelle war eine Frühgeburt, so dass Mrs Richardson von Anfang an Angst um sie gehabt hat, bei "Izzys Anblick überkam sie jedes Mal das Gefühl, dass alles außer Kontrolle geraten konnte wie ein Muskel, den man nicht entspannen konnte." (129)

    Ihre permanenten Sorgen um die jüngste Tochter arten mit der Zeit in einen Groll aus, da sich Izzy der Kontrolle entzieht und sich den Grenzen der Mutter, die diese aus Angst gezogen hat, widersetzt.

    Während sich Pearl am liebsten bei den Richardsons aufhält, ist es bei Isabelle umgekehrt. In einem Anflug von "Güte" stellt ihre Mutter Mia als Haushälterin ein, die morgens und abends sauber macht und Essen vorbereitet, damit sie den Rest der Zeit an ihren Projekten arbeiten kann. Ein Angebot, das Mia annimmt, um ihre Tochter im Auge zu behalten. Als Izzy von der Schule suspendiert wird, erzählt sie Mia die wahre Geschichte, deren Frage: "Was willst du jetzt tun?" (98), bringt sie aus dem Konzept.

    "Aus diesen Worten sprach die Erlaubnis, etwas zu tun, das man ihr immer verboten hatte: eine Sache selbst in die Hand zu nehmen und Ärger zu machen." (98)

    Izzy fühlt eine Verbundenheit zu Mia und bietet ihr an ihre Assistentin zu werden, so dass die Bande zwischen den unterschiedlichen Familien enger werden.

    Zwei Ereignisse forcieren die folgende Handlung:
    1. Während eines Museum-Besuches entdeckt Pearl eine Fotografie der bekannten Künstlerin Pauline Hawthorne, auf dem ihre Mutter gemeinsam mit ihr als Baby zu sehen ist. Izzy bittet daraufhin, ihre Mutter herauszufinden, wie das Bild ins Museum kommt.

    2. Die kleine Mirabelle, die bereits im ersten Satz des Romans Erwähnung findet, wurde von ihrer Mutter vor die Tür einer Feuerwache(!) gelegt. Das wohlhabende Ehepaar McCullogh, die seit Jahren versucht Kinder zu bekommen, hat die Kleine bei sich aufgenommen und bereits ein Adoptions-Verfahren eingeleitet. Per Zufall kennt Mia jedoch die leibliche Mutter -Bebe, eine Chinesin, die ihr Kind gerne zurück hätte, da sich ihre verzweifelte Lebenslage verbessert hat, die jedoch von Seiten der Behörden keinerlei Unterstützung erhält.

    "Mit dem Zurücklassen des Kindes, erklärte ihr die Polizei, habe sie ihre Recht verwirkt." (141)

    Mia informiert Bebe über den Verbleib ihres Kindes und entfacht damit einen Feuersturm, in den sie selbst gerät. Denn jetzt ist Mrs. Richardson, die auf der Seite ihrer besten Freundin Linda McCullogh steht, bestrebt, das Geheimnis um Mias Foto zu lüften.

    Bewertung
    Dieser Roman ist so vielschichtig, dass ich nur einige Fragen aufwerfe, vor die man bei der Lektüre gestellt wird und die mich lange beschäftigt haben:

    Warum wühlt Mrs Richardson in Mias Leben und besucht sogar deren Eltern. Eine übergriffige Handlung, wie kann sie das vor sich selbst rechtfertigen?

    "Nicht einmal vor sich selbst würde sie zugeben, dass es gar nicht um das Baby gegangen war. Es war um etwas Kompliziertes gegangen, um das dunkle Unbehagen, das diese Frau in ihr auslöste und das Mrs Richardson lieber unter Verschluss gehalten hätte." (161)

    Der Roman stellt mit Shaker Heights und den Richardsons auf der einen Seite und der Künstlerin Mia auf der anderen Seite zwei konträre Lebensentwürfe gegenüber und Mrs Richardson muss sich so mit ihren Lebensentscheidungen und ihrem dunklen Unbehagen, den Grautönen auseinander setzen.

    "Warum sollte jemand anders leben wollen als Sie?" (344)

    Die Protagonisten des Roman werden immer wieder vor ein moralisches Dilemma gestellt:
    Zu wem gehört die kleine Mirabelle oder May Ling Chow? Zu ihrer biologischen Mutter oder zu der Familie, die ihre die besten Lebenschancen geben kann und sie auch von Herzen liebt?
    Und was ist mit ihrer Kultur? Ihrer chinesischen Herkunft? Wie soll der Richter entscheiden?
    Hat die Mutter mit dem Aussetzen des Kindes ihr Recht verwirkt? Hat sie eine 2.Chance verdient?

    Die Antworten auf diese Fragen sind nicht einfach zu geben und werden von den Beteiligten ausführlich diskutiert - es gibt immer mehrere Sichtweisen und nicht immer helfen Regeln weiter.

    "Das Problem mit Regeln aber war, (...) dass sie eine richtige und eine falsche Handlungsweise voraussetzten. Meistens war es doch aber so, dass kein Weg ganz falsch und ganz richtig war und man sich eher auf einer Gratwanderung befand." (307)

    Alle Figuren begeben sich auf diesen schmalen Grat und müssen wichtige Entscheidungen treffen oder haben sie bereits getroffen und müssen jetzt mit den Folgen leben.
    Daneben steht auch das Beziehungsgeflecht zwischen den Jugendlichen mit Verliebtsein, Freundschaft, erstem Sex, Trennung und Verrat im Zentrum des Romans.

    Und dann bleibt die Frage, wer die kleinen Feuer gezündet hat. War es wirklich Izzy und warum sollte sie das tun?

    Last but not least, die wunderbare Sprache, die zum Mitfühlen einlädt - und jetzt ist Schluss.
    Meine Empfehlung, den Roman lesen! Es lohnt sich.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mär 2018 

    Sensibles Portrait entgegengesetzter Lebensentwürfe

    Elena Richardson lebt Ende der 1990er Jahre den amerikanischen Vorstadt-Traum: Mit ihrem Mann, einem Anwalt, und ihren vier Kindern wohnt die Journalistin in einem perfekten Haus in Shaker Heights, einer perfekten Gegend nahe Cleveland/Ohio. Image ist hier alles. Doch als die alleinerziehende Fotografin Mia mit ihrer Tochter Pearl in die Gegend zieht, enthüllt die Autorin Celeste Ng nach und nach, welche Probleme sich hinter der perfekten Vorstadt-Fassade verbergen. Freigeist Mia bleibt nur so lange an einem Ort, bis sie ein Fotografie-Projekt abgeschlossen hat, dann zieht sie mit ihrer Tochter und ihrem wenigen Hab und Gut weiter.

    Beide Familien vertreten komplett unterschiedliche Werte, aber haben auf den ersten Blick ihren Platz im Leben gefunden. Erst als sich die fünf Kinder näher kennenlernen, beginnt die Fassade auf beiden Seiten zu reißen. Anhand dieser scheinbar normalen Familien behandelt Celeste Ng wichtige Themen wie Alltagsrassismus, sexuelle Selbstbestimmung sowie die Bedeutung von Mutter- und Vaterschaft. Dabei zeichnet sie die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen auf sehr feinfühlige Weise nach. Bis auf das herunterbrennende Haus, das den Rahmen der Geschichte bildet, gibt es keine großen, übertrieben dramatischen Ereignisse. Stattdessen schlägt Ng viele leise Töne an und schreibt in einem angenehm unprätentiösen, klaren Stil. Auf diesem Weg zeigt sie geschickt, wie aus kleinen, lange schwelenden Feuern schließlich ein Großbrand wird.