Kleine Dinge wie diese

Buchseite und Rezensionen zu 'Kleine Dinge wie diese' von Claire Keegan
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Inhaltsangabe zu "Kleine Dinge wie diese"

Wer etwas auf sich hält in New Ross, County Wicklow, und es sich leisten kann, lässt seine Wäsche im Kloster waschen. Doch was sich dort hinter den glänzenden Fenstern und dicken Mauern ereignet, will in der Kleinstadt niemand so genau wissen. Denn es gibt Gerüchte. Dass es moralisch fragwürdige Mädchen sind, die zur Buße Schmutzflecken aus den Laken waschen. Dass sie von früh bis spät arbeiten müssen und daran zugrunde gehen. Dass ihre neugeborenen Babys ins Ausland verkauft werden. Der Kohlenhändler Billy Furlong hat kein Interesse an Klatsch und Tratsch. Es sind harte Zeiten in Irland 1985, er hat Frau und fünf Töchter zu versorgen, und die Nonnen zahlen pünktlich. Eines Morgens ist Billy zu früh dran mit seiner Auslieferung. Und macht im Kohlenschuppen des Klosters eine Entdeckung, die ihn zutiefst verstört. Er muss eine Entscheidung treffen: als Familienvater, als Christ, als Mensch. Mit wenigen Worten erschafft Claire Keegan eine ganze Welt. Auf unnachahmliche Weise erzählt Kleine Dinge wie diese von Komplizenschaft und Mitschuld, davon, wie Menschen das Grauen in ihrer Mitte ignorieren, um in ihrem Alltag fortfahren zu können – davon, dass es möglich ist, das Richtige zu tun.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:112
Verlag: Steidl Verlag
EAN:9783969990650

Rezensionen zu "Kleine Dinge wie diese"

  1. Die Entscheidung

    Wegschauen und schweigen oder aktiv werden und etwas gegen die Missstände tun? Vor dieser Entscheidung steht kurz vor Weihnachten 1985 der irische Kohle- und Holzhändler Bill Furlong, als er in New Ross bei einer Lieferung mit den Missständen im Kloster, das über diesen Ort thront, konfrontiert wird. Die Nonnen vom Guten Hirten, betrieben nicht nur eine Lehranstalt für Mädchen, sondern auch eine Wäscherei. Über letztere wird einiges gemunkelt!

    Die katholische Kirche ist zu dieser Zeit in Irland eine große und despotische Institution mit wirtschaftlicher Macht. Mit ihr ist nicht zu spaßen! Und in Irland kämpfen viele Menschen ums Überleben: viele Firmen waren geschlossen worden, viele Iren waren arbeitslos, Junge wanderten aus, um dem Elend zu entgehen.

    Furlong hatte bisher in seinem Leben Glück: entgegen der üblichen Handhabung beschäftigte die Arbeitgeberin Mrs. Wilson seine Mutter weiterhin im Haushalt, obwohl diese mit 16 Jahren schwanger wurde – Vater unbekannt. (Ihre Verwandtschaft wollte keinen Kontakt mehr mit ihr.) Bill hatte somit mit seiner Mutter ein Zuhause, erhielt sogar Bildung, vermisste aber einen Vater. Inzwischen ist er verheiratet mit Eileen und sie haben fünf Töchter, die sich gut entwickeln.

    Furlong ist ein arbeitsamer, herzensguter Mensch, der auch sehr sozial eingestellt ist: er behandelt seine Arbeiter fair und sein Kleingeld, das er einstecken hat, verschenkt er meistens an Notdürftige.
    Durch die Jahre unseres Sohnes in Irland habe ich eine besondere Beziehung zu diesem herrlichen Land. Und so kamen viele lebhafte Erinnerungen auf – auch dank der bildhaften Beschreibungen. Ich fieberte stark mit Furlong mit und war gespannt auf seine Entscheidung!

    Diese Geschichte, die nur 112 Seiten umfasst, berührte mein Herz sehr! Es tat unheimlich gut, von einem Menschen zu lesen, bei dem Egoismus und Raffgier nicht im Vordergrund stehen, sondern ein liebevolles und wertschätzendes Miteinander. Sehr gut könnte ich mir hier eine Verfilmung zu einer Weihnachtsgeschichte vorstellen.

    Nachhaltige Sätze wie z.B. „……fragte er sich, ob es überhaupt einen Sinn hatte, am Leben zu sein, wenn man einander nicht half. War es möglich, all die Jahre, die Jahrzehnte, ein ganzes Leben lang weiterzumachen, ohne wenigstens einmal den Mut aufzubringen, gegen die Gegebenheiten anzugehen, und sich dennoch Christ zu nennen und sich im Spiegel anzuschauen?“ werden lange in mir nachhallen.

    Fünf Sterne vergebe ich diesem inhaltsstarken Buch und ich wünsche ihm von ganzem Herzen viele Leser!

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  1. Aus der Nähe betrachtet

    Dieser kleine, nur 112 Seiten starke, Roman ist es wert, etwas genauer betrachtet und vorgestellt zu werden. Schauplatz ist das Städtchen New Ross, im Südosten der Republik Irland gelegen. Man schreibt das Jahr 1985, ein kalter Winter steht bevor und der Kohlenhändler Bill Furlong hat alle Hände voll zu tun. Fünf Töchter hat er, die bislang gut einschlagen, Musikinstrumente erlernen, im Kirchenchor singen und in der angesehenen Schule St. Margarets unterrichtet werden, die Seite an Seite und in Verbindung zum Nonnenkloster steht, das Furlong regelmäßig mit Brennmaterial beliefert. Furlong ist zu jedermann freundlich, verschenkt zum Verdruss seiner Frau gerne das Kleingeld in seinen Taschen, er hat eine soziale Ader.

    Wir verfolgen Furlongs Gedankengänge, haben Anteil an seinem arbeitsreichen Alltag und seinen Begegnungen mit anderen Menschen. Bill Furlong ist ein guter, christlich geprägter Charakter, der zu schätzen weiß, was er erreicht hat, der aber auch weiß, dass nicht jedem Menschen ein so glückliches Schicksal beschieden ist. „Furlong war aus dem Nichts gekommen. Aus weniger als dem Nichts, könnte man sagen.“ Sein Werdegang hätte ganz anders verlaufen können, wenn nicht die gut situierte Mrs. Wilson seine damals 16- jährige schwangere Mutter weiter in ihrem Haushalt beschäftigt hätte, anstatt sie, wie seinerzeit üblich, als moralisch verworfenes Mädchen fortzujagen. Über seinen Vater weiß Furlong nichts, seine Sehnsucht nach Identität und Wurzeln ist jedoch unverkennbar.

    Über dem Ort thront das Kloster. Man erzählt sich seltsame Geschichten darüber, denen Furlong zunächst aber keinen rechten Glauben schenkt. Junge „gefallene“ Mädchen sollen dort unter unwürdigen Bedingungen leben und als Arbeitskräfte in der angeschlossenen Wäscherei Buße tun. Die allgemeine Empörung hält sich in Grenzen, da die Kirche Einfluss und Macht besitzt. Eine gute Portion Doppelmoral hört man heraus - was hinter den dicken Mauern passiert, ist nicht von Interesse.

    Weihnachten steht vor der Tür. Bei einer weiteren Kohlelieferung zum Kloster macht Furlong Entdeckungen, die ihn zutiefst verstören. Er fühlt sich hin und her gerissen zwischen den Verpflichtungen seiner Familie gegenüber und jenen als Christenmensch. Was soll er tun?

    Das schmale Buch liest sich wie eine Parabel, entwickelt dabei große Intensität. Der Schreibstil ist ruhig, aber sehr atmosphärisch. Man kann sich die Winterkälte, den Nebel, die leeren Straßen mit den frierenden Menschen bildlich sehr gut vorstellen. Insbesondere lernt man Bill Furlong sehr gut kennen, der immer wieder feststellt, dass auch kleine Dinge aus der Nähe betrachtet ganz anders wirken als aus der Ferne. Die Geschichte hätte das Zeug zum Weihnachtsklassiker, wenn auch der komplette Verlauf nichts Märchenhaftes an sich hat, sondern sehr realistisch gehalten ist, wie uns die Autorin in ihrem kurzen Nachwort belegt.

    Wenn der Steidl Verlag sagt: „Mit wenigen Worten erschafft Claire Keegan eine ganze Welt“, möchte ich ihm uneingeschränkt zustimmen. Riesige Lese-Empfehlung!

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