Klara vergessen

Buchseite und Rezensionen zu 'Klara vergessen' von Isabelle Autissier
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Murmansk, nördlich des Polarkreises. Zum ersten Mal kehrt Juri, der längst als Ornithologe in Nordamerika lebt, in seine Heimat zurück. Sein Vater Rubin liegt im Sterben, lediglich das Rätsel um Juris Großmutter Klara – eine Wissenschaftlerin zur Zeit Stalins, die vor den Augen des damals vierjährigen Rubin verhaftet wurde – hält ihn am Leben. Klaras Verschwinden und eine Jugend voller Entbehrungen haben aus Rubin einen unerbittlichen Fischer und hartherzigen Vater gemacht, der seinen ungeliebten Sohn nun in einem letzten Aufeinandertreffen um Hilfe bittet: Er soll herausfinden, was mit Klara passiert ist. Und schließlich stößt Juri auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle drei Schicksale – sein eigenes, Klaras und Rubins – miteinander verknüpft sind Ein großes menschliches Abenteuer und eine familiäre Spurensuche, voll von spektakulären Beschreibungen einer wilden Natur, packend erzählt von Bestsellerautorin Isabelle Autissier.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
Verlag: mare Verlag
EAN:9783866486270

Rezensionen zu "Klara vergessen"

  1. Wer wir sein wollen...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Mär 2020 

    Murmansk, nördlich des Polarkreises. Zum ersten Mal kehrt Juri, der längst als Ornithologe in Nordamerika lebt, in seine Heimat zurück. Sein Vater Rubin liegt im Sterben, lediglich das Rätsel um Juris Großmutter Klara – eine Wissenschaftlerin zur Zeit Stalins, die vor den Augen des damals vierjährigen Rubin verhaftet wurde – hält ihn am Leben. Klaras Verschwinden und eine Jugend voller Entbehrungen haben aus Rubin einen unerbittlichen Fischer und hartherzigen Vater gemacht, der seinen ungeliebten Sohn nun in einem letzten Aufeinandertreffen um Hilfe bittet: Er soll herausfinden, was mit Klara passiert ist. Und schließlich stößt Juri auf eine Wahrheit, die ihm vor Augen führt, wie eng alle drei Schicksale – sein eigenes, Klaras und Rubins – miteinander verknüpft sind …

    Isabelle Autissier hat nach 'Herz auf Eis' einen weiteren eindrucksvollen Roman geschrieben. Auch diesmal spielen Isolation, menschliche Gratwanderungen und eindrucksvolle Naturschilderungen eine große Rolle.

    "Hatte er wirklich hier gelebt? Er hatte sich hier aufgehalten, sein Bett hier gehabt, seine Kleider im Schrank. Er hatte hier mit drei anderen Menschen zu tun geabt, von denen er damals abhängig war, ohne dass er einen Sinn darin erkannt hätte. Es gelang ihm nicht, sich an die unbedeutenden Kleinigkeiten zu erinnern, die zur Jugend gehörten (...) Die 'gute alte Zeit' rief nichts in ihm wach. Ein Fluch hatte diese vier Wesen in sich selbst eingemauert und daran gehindert, das zu werden, was so normal und in der Kindheit doch so unverzichtbar war: eine Familie. Hatte das Schicksal seiner Großmutter irgendetwas damit zu tun?" (S. 142)

    Diese Gedanken gehen Juri durch den Kopf, als er nach vielen Jahren erstmals wieder nach Murmansk zurückkehrt, um seinen sterbenden Vater zu besuchen. Die Gelegenheit beim Schopf greifend, zog es Juri damals mit seinem Stipendium in die USA, wo er seither als Ornithologe lebt. Nun sieht er sich wieder mit den Scherben seiner Kindheit und Jugend konfrontiert, und in Rückblenden und Erinnerungsfetzen lässt Isabelle Autissier den Leser daran teilhaben. Ein bedrückendes Bild der nachstalinistischen Ära zeichnet sie da, eine Kindheit ohne Geborgenheit und Trost, einen ablehnenden Vater, der nur Härte und Druck vermittelt. Die Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit des Kindes und später des Jugendlichen ist nahezu greifbar. Einzig die Natur und die Vögel versprechen eine Freiheit, nach der Juri giert.

    Die Autorin verschafft aber auch einen Einblick in das Leben von Rubin, Juris Vater - als Vierjähriger musste er mit ansehen, wie seine Mutter mitten in der Nacht von schwarzgekleideten Männern aus dem Schlaf heraus abgeholt wurde. Seither hat er nie wieder etwas von ihr gehört, sein Vater redete nie über das Geschehen und die Umstände, das Thema war fortan tabu. Zu Zeiten Stalins wussten alle in der Stadt Bescheid über die Verhaftung Klaras, und Rubin galt als Kind als Geächteter. Eine weitere Einsamkeit - und um nicht immer als Opfer dazustehen, lernte Rubin, dass Gewalt ein Lösung ist. Die Macht des Stärkeren - und des Entschlosseneren - das war fortan sein Credo. Dabei immer auf der Hut, ja nicht negativ aufzufallen und womöglich das Schicksal seiner Mutter zu wiederholen. Nur auf dem Meer fühlte Rubin sich frei - doch lieben konnte er nicht.

    Zuletzt wendet sich die Autorin dem Schicksal Klaras zu. Mit viel Mühe gelingt es Juri, an alte Akten und eine Art Tagebuch seiner Großmutter zu gelangen und daraus Stück für Stück das Geschehen nach ihrer Verhaftung zu rekonstruieren. Der Gulag als menschenfressendes Ungeheuer, der totalitäre Staat als willkürliches Unrechtsystem, die Wertlosigkeit eines menschlichen Lebens - all dies kommt hier sehr eindrucksvoll zur Geltung. Bedrückend vor allem, wie es solch einem System gelingt, das, was man eigentlich sein will, zu brechen, Verrat und Lüge zu praktizieren angesichts der Bedrohung dessen, was einem lieb ist. Wie kann man so leben? Und doch hängt Klara am Leben, arrangiert sich notgedrungen - und sucht sich ihre eigenen kleinen Nischen der Freiheit.

    "Er war entsetzt darüber, wie ein einzelnes Sandkorn (...) das Leben mehrerer Generationen außer Kontrolle geraten lassen konnte." (S. 244)

    Ein eindrucksvoller Roman, der mit menschlichen Gratwanderungen spielt, bedrückend oft und letztlich doch auch hoffnungsvoll. Wieder beleuchtet Isabelle Autissier Grenzerfahrungen, stellt in Frage, ob das, was man behauptet zu sein, auch in Zeiten existentieller Bedrohung noch Gültigkeit hat. Zuweilen überlief mich beim Lesen ein Frösteln - wohl nicht zuletzt deswegen, weil zwangsläufig die unangenehme Frage auftaucht: wie würde man sich selbst verhalten in der ein oder anderen Situation.

    Die Erzählung erscheint über weite Strecken atmosphärisch dicht und überzeugt durch genaue Beobachtungen in klarer, präziser Sprache. Der Düsternis, dem Grauen, dem Verfall, dem unmenschlichen System, der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit stellt Isabelle Autissier eindrucksvolle Schilderungen der rauen und unbestechlichen Natur gegenüber. Ein reizvoller Kontrast.

    Ein Roman, der über das Lesen hinaus nachhallt...

    © Parden

  1. Zu welchen Handlungen wir fähig sind

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Ich bin mit diesem Meisterwerk durch und ich kann nur rufen, lest dieses Buch. Wieder eine Autorin, die ein deutlicher Gewinn für mich ist, der ich folgen werde, deren Bücher ich lesen werde. Isabelle Autissier kann wirklich wunderbar schreiben, einen riesigen Sog erzeugen, betroffen machen, Gefühle erzeugen und mit ihrer Geschichte eine Zeit wiederaufleben lassen, die ein Glück vergangen ist. Sie gestattet dem Leser eine Reise in ein fernes Land, sie bietet Einblicke in eine Diktatur und zugleich auch Einblicke in das Dunkle in uns Menschen. Lehrreich und auch ehrlich rüberkommend.

    Um was geht es in "Klara vergessen"? Es ist eine Familiengeschichte. Hauptpersonen sind Juri, eion amerikanischer Ornithologe mit russischen Wurzeln, dessen im Sterben liegender Vater Rubin, der seinen Sohn Juri an sein Sterbebett nach Murmansk ruft und Rubins Mutter Klara, eine Wissenschaftlerin, die in der Stalinära verschwunden ist. Rubin möchte als letzten Wunsch von Juri erfahren, was mit seiner Mutter Klara damals passiert ist.

    Und damit beginnt Isabelle Autissier in einer erzählerischen Wucht die drei Lebensgeschichten der drei Hauptpersonen vor dem geistigen Auge des Lesers auszubreiten. Jeder der drei Charaktere wird komplett ausgeleuchtet und der Leser erfährt, es gibt keinen vollkommen schlechten oder guten Menschen. Jeder von uns trägt beides in sich. Gut, dies ist jetzt nicht die vom Hocker hauende Information. Aber die Art der Zeichnung der Charaktere und auch die Zeichnung der Geschichte von Isabelle Autissier tut genau das. Sie haut den Leser vom Hocker und lässt mich über die Sprachgewalt dieser Ausnahmeautorin staunen und lässt mich vollkommen begeistert zurück. Jeder der Charaktere wird greifbar und gewinnt einen Platz in mir beim Lesen, aber der mich begeisterndste Charakter ist der, der Klara. Einfach nur wunderbar!

    Dieser Blick auf die Stalinzeit zeigt wie menschenverachtend und menschenverschlingend dieses System war und wenn ich mir überlege, dass ich einmal in einem Land gelebt habe, dessen großer Bruder die Sowjetunion war, wird mir jetzt noch schlecht und ich bin sehr froh, dass die Geschichte ihren Lauf genommen hat und ein Kelch vorbei gegangen ist!

    Was mich ebenso begeistert hat, sind die Einblicke in die Welt der Nenzen und der Blick auf die umgebende Natur. Wunderschön und magisch!

    Ein 5 Sterne Kandidat! Love it!

  1. Großes Erzählkino

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2020 

    Drei Menschen, drei Generationen, Verrat, Mord, ein unbarmherziges Regime, Meer und m e h r ...
    Das ist Isabelle Autissiers Roman "Klara vergessen".

    Den russischstämmigen Ornithologen Juri erreicht in seiner Wahlheimat USA die Nachricht, dass sein Vater Rubin im Sterben liegt. Mit seinem Vater verbindet ihn nur die Vergangenheit. Das Vater-Sohn-Verhältnis ist zerrüttet. Die Beiden haben seit Juris Kindheit keinen Kontakt mehr zueinander. Dennoch macht er sich auf den Weg ins russische Murmansk, in dem er aufgewachsen ist und das er vor 25 Jahren verlassen hat. Am Sterbebett seines Vaters trägt dieser ihm auf, den Verbleib von Klara aufzuklären.
    Klara war Rubins Mutter. Als ihr Sohn 4 Jahre alt war, wurde sie von den Stalinisten verschleppt. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.

    "Sein Vater, der immer nur vom Siegen gesprochen hatte, war nun selbst besiegt. Der reglose Körper war Ausdruck der unausweichlichen Niederlage angesichts von Krankheit und Tod. Juri dachte daran, dass auch er eines Tages so daliegen würde, und er hatte Angst. Naturgemäß war er als Nächstes an der Reihe."

    Der Roman "Klara vergessen" ist in mehrere Teile gegliedert. Während Juri sich in Murmansk bei seinem sterbenden Vater aufhält, gibt es mehrere Rückblenden in die Vergangenheit. Zunächst konzentrieren sich diese Rückblenden auf Juris Kindheit inmitten eines Murmansk, das noch unter den Nachwehen des Kommunismus leidet, aber dennoch bereits vorsichtig optimistisch in die Zukunft blickt. Denn Gorbatschows Perestroika kündigt sich an. Vater Rubin ist Kapitän auf einem Fischtrawler und daher Wochen und Monate lang unterwegs. Juri gegenüber präsentiert er sich als brutaler und grausamer Vater, dem der Sohn nie gut genug ist. Rubin hat den Anspruch, aus Juri einen echten Mann zu machen, egal, welche vorstellbaren und unvorstellbaren Mittel dafür notwendig sind. Vaterliebe hat da keinen Platz. Als Juri alt genug ist, ergreift dieser die Chance, die ihm ein Auslandsstudium bietet und flieht aus dem Einflusskreis seines Vaters. Er geht nach Amerika und bricht den Kontakt zu seinem alten Leben völlig ab.

    In einer weiteren Rückblende geht es um Rubin. Auch er ist in Murmansk aufgewachsen. Doch zu seiner Zeit wehte ein anderer politischer Wind. Das russische Volk litt unter Stalin und dem Kommunismus. Rubins Mutter wird verschleppt, als dieser 4 Jahre alt ist. Von da an erfährt er die Grausamkeiten und den Einfluss des politischen Systems am eigenen Leib. Als Kind einer Delinquentin hat er im stalinistischen Russland kaum eine Chance, aus seinem Leben etwas zu machen. Und auch sein Aufwachsen ist von Brutalität geprägt - wie der Vater, so der Sohn. Nur bei ihm ist es nicht der Vater, der ihm das Leben zur Hölle macht, sondern die Anderen - Kinder, Lehrer, Ausbilder etc. Durch Zufall entdeckt er seine Leidenschaft für die Seefahrt und schafft es, den Beruf des Kapitäns von der Pike auf zu erlernen und sich hochzuarbeiten.

    Der Titel des Romans "Klara vergessen" ist Programm. Denn spätestens mit der Geschichte über Rubin hat man das Schicksal von Klara völlig aus den Augen verloren. Sie ist die große Unbekannte in diesem Roman. Denn zunächst wissen wir nur, dass sie verschwunden ist. Doch was für ein Mensch sie war, bzw. welches Schicksal sie erdulden musste, ist bis zu diesem Zeitpunkt in dem Buch völlig in den Hintergrund gerückt. Denn die Geschichten über ihren Sohn und Enkel sind viel zu eindringlich und mitreißend, als dass man einen Gedanken an Klara verschwendet. Sie gerät also in Vergessenheit.

    Doch mit einem Mal taucht sie in dem Roman wieder auf: Im letzten Teil erfährt Juri schließlich - und somit auch der Leser -, welches Schicksal seiner Großmutter widerfahren ist. Aus der Perspektive von Klara erfahren wir, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hatte. Klara wurde zum Opfer eines willkürlichen Systems. Sie verbrachte mehrere Jahre in Gefangenschaft und berichtet schonungslos aus dieser Zeit und ihren Erlebnissen.

    Jeder Teil dieses Romans hätte für sich genommen den Stoff für ein eigenes Buch ausgemacht. Doch Isabelle Autissier verknüpft die Schicksale dreier Generationen und macht daraus einen eindrucksvollen Familienroman. Anhand der Entwicklung von Rubin und Juri wird deutlich, dass ein Leben nicht losgelöst von der Vergangenheit geführt werden kann. Zumindest für Juri wird am Ende bewusst, dass die Vergangenheit - egal wie lange diese zurück liegt - ihn zu der Person gemacht hat, die er heute ist.

    "'Ich habe sie nicht gekannt, und man hat mir fast nichts von ihr erzählt. Aber ich habe den Eindruck, dass die Sache wichtig für mich geworden ist. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum.'"

    Hat mich die Geschichte dieser Familie schon beeindruckt, bin ich von dem Sprachstil der Autorin noch begeisterter. Isabelle Autissier scheint einen besonderen Bezug zur Natur zu haben, den sie in wundervolle Worte kleiden kann. Ihre Naturschilderungen sind atemberaubend. Sie spricht damit nahezu alle Sinne an. So fror ich in der unbarmherzigen Kälte des Polarmeers oder roch die Tundra während des Frühlings. Allein diese Naturbeschreibungen haben den Roman zu einem literarischen Hochgenuss gemacht. Ich war ein bisschen traurig, als ich am Ende des Buches angelangt war.

    "Das arktische Hoch richtete sich dauerhaft ein. die Luft strömte langsamer und legte sich wie ein Daunenbett über die Insel. Höchstens eine kleine Nachmittagsbrise ließ die Staubwedel des Wollgrases wogen. Der Gesang der Vögel und das Surren von Millionen Mücken lösten das Jaulen der Windböen und das Knirschen des Reifes unter den Füßen ab. Wieder einmal gewann das Leben."

    Mein Fazit:
    Isabelle Autissiser ist eine Geschichtenerzählerin par excellence. Nicht nur der Inhalt ihrer Geschichten ist fesselnd, sondern auch die Art, wie sie sie erzählt. "Klara vergessen" ist daher ganz großes Erzählkino!

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Kaltes Russland

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2020 

    Murmansk, nördlich des Polarkreises, ist Schauplatz des Buches „Klara vergessen“ von Isabell Autissier. Es ist ein Buch, auf das ich mich dieses Frühjahr ganz besonders gefreut habe, denn die französische Autorin schreibt nicht nur glasklar mit großer Spannung äußerst berührende Geschichten, auch ihre kalten nordischen Naturbilder sind mehr als beeindruckend.

    Eine sehr russische schicksalhafte Geschichte dreier Generationen, bei der eine Entscheidung wie der Flügelschlag eines Schmetterlings die Lebenswege einer zersplitterten Familie bestimmt, beginnend in der Ära Josef Stalins bis in die heutige Zeit, erzählt Isabelle Autissier mit viel warmherziger Liebe und Nähe zu ihren Figuren und mit abweisenden kalten und kargen Bildern des totalitären Systems der ehemaligen Sowjetunion.

    Juri, der inzwischen in Nordamerika als anerkannter Ornithologe lebt, kehrt zurück in seine Heimatstadt Murmansk, weil sein Vater im Sterben liegt. Die Stadt seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang vor knapp einem Vierteljahrhundert verändert: glitzernde Reklame und westliche Schaufenster wetteifern mit verrostenden Schiffen im alten Hafen und zerfallenden Häusern. Es ist nicht mehr seine Heimat, war es vielleicht auch nie gewesen, denn sein brutaler und despotischer Vater Rubin, ehemaliger Kapitän eines Fischtrawlers, hatte ihm das Leben in Murmansk mit Leibesertüchtigung, Prügeln, und seinem Hang zur Trinkerei und Brutalität zum Martyrium gemacht. Jetzt, auf dem Sterbebett, verrät Rubin seinem Sohn das Familiengeheimnis um die Großmutter Klara, die verhaftet wurde als Rubin noch ganz klein war, und schickt seinen Sohn damit auf eine Reise in die Vergangenheit, die mehr als nur eine Leiche im Familienkeller zutage fördern wird.

    Klara, Juris Großmutter, wurde vor mehr als 70 Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Sie war Geologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, genau wie ihr Mann Anton, den Juri bis zum Geständnis seines Vaters nur als stillen und melancholischen Menschen kannte. Die Verhaftung der Großmutter Klara, deren Umstände ungeklärt sind, ist das Sandkorn, das wie eine Lawine Ereignisse und Entwicklungen ins Rollen bringt. Es gibt ein klares Davor und ein Danach in der aufgesplitterten Familie, und der zurückgebliebene Großvater Anton und sein Sohn, der kleine Rubin, drohen an ihrem Schicksal zu zerbrechen. Juri soll nun für seinen Vater Fragen beantworten, die dieser sich nie zu fragen traute. Er beginnt seine Odyssee bei Memorial in Murmansk, einer Anlaufstelle für in der Sowjet- und Stalin-Ära Verhaftete und vermisste Personen und stößt nach einigen Anlaufschwierigkeiten auf eine wahrlich grausame Geschichte von Verrat, Haft und Deportation in einen Gulag.

    Über drei Generationen erzählt Isabelle Autissier die Geschichte aus den Blickwinkeln von Juri, Rubin und Recherchenotizen aus vergangener Zeit, die letztlich die Stimme und der Blickwinkel Klaras sind. Juri ist derjenige, der konsequent sucht und am Ende ein fast vollständiges Bild der verstörenden Ereignisse erhält, indem er seine Recherchen mit den Erinnerungen der Familienmitglieder und Freunden der Familie verknüpft. Isabelle Autissier lässt keine wichtigen Fragen offen, wendet jeden Stein um und verfolgt nicht zuletzt auf der Frage nach der Beeinflussung von Juris Lebensentscheidungen alle wichtigen Spuren. Dabei treten neben Klaras Erlebnissen auch Ereignisse aus Juris und Rubins Jugend zutage, die äußerst verstörend und zugleich lebensbestimmend für die beiden Männer sind.
    Die Entscheidungen und Wege aller drei Generationen sind zwar sehr vom politischen totalitären System und von der zerstörten Familie geprägt, aber jeder findet trotz aller Grausamkeit seine kleine freie Nische, in der sie/er zu existieren vermag. Klara schafft es trotz aller Grausamkeiten in ihrer Gefangenschaft, dem Leben einen Sinn abzugewinnen. Rubin findet Freiheit auf dem Nordmeer als Kapitän und Juri flüchtet sich in die Welt der Vogelkunde, die erst seine Berufung und sein Fluchtort, später sein Beruf wird. Das politische System beeinflusst und ändert zwar die Lebenslinien auf äußerst brutale und verstörende Weise, schafft es aber nicht, sie zu zerstören.

    Unglaublich dicht und eindrucksvoll sind die Naturbeschreibungen, bei denen man neben Juri im Flugzeug im fahlen Nordlicht über die Tundra zu fliegen glaubt, mit ihm am verrotteten Kai in Murmansk steht, mit Rubin die pralle Freude über den Widerstand gegen raue See und zerstörerische Stürme auf dem Meer erlebt und voller Freude die Netze auf dem Fischtrawler einholt oder zusammen mit Klara durch die sumpfig-verschneiten Landschaften wandert.

    Literarisch, authentisch, spannend, berührend und höchst interessant schreibt Isabelle Autissier die Geschichte vom Verschwinden Klaras, die alle vergessen sollten, die so viele Lebenslinien beeinflusst hat und die letztlich wie ein in den See geworfener Stein Wellen geschlagen hat, die deutlich sichtbar sind.
    Beispielhaft für viele Schicksale von Verschleppten der Stalinzeit ist es nicht nur ein spannendes und berührendes, sondern auch ein sehr wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche.