Klara vergessen

Rezensionen zu "Klara vergessen"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2020 

    Großes Erzählkino

    Drei Menschen, drei Generationen, Verrat, Mord, ein unbarmherziges Regime, Meer und m e h r ...
    Das ist Isabelle Autissiers Roman "Klara vergessen".

    Den russischstämmigen Ornithologen Juri erreicht in seiner Wahlheimat USA die Nachricht, dass sein Vater Rubin im Sterben liegt. Mit seinem Vater verbindet ihn nur die Vergangenheit. Das Vater-Sohn-Verhältnis ist zerrüttet. Die Beiden haben seit Juris Kindheit keinen Kontakt mehr zueinander. Dennoch macht er sich auf den Weg ins russische Murmansk, in dem er aufgewachsen ist und das er vor 25 Jahren verlassen hat. Am Sterbebett seines Vaters trägt dieser ihm auf, den Verbleib von Klara aufzuklären.
    Klara war Rubins Mutter. Als ihr Sohn 4 Jahre alt war, wurde sie von den Stalinisten verschleppt. Ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt.

    "Sein Vater, der immer nur vom Siegen gesprochen hatte, war nun selbst besiegt. Der reglose Körper war Ausdruck der unausweichlichen Niederlage angesichts von Krankheit und Tod. Juri dachte daran, dass auch er eines Tages so daliegen würde, und er hatte Angst. Naturgemäß war er als Nächstes an der Reihe."

    Der Roman "Klara vergessen" ist in mehrere Teile gegliedert. Während Juri sich in Murmansk bei seinem sterbenden Vater aufhält, gibt es mehrere Rückblenden in die Vergangenheit. Zunächst konzentrieren sich diese Rückblenden auf Juris Kindheit inmitten eines Murmansk, das noch unter den Nachwehen des Kommunismus leidet, aber dennoch bereits vorsichtig optimistisch in die Zukunft blickt. Denn Gorbatschows Perestroika kündigt sich an. Vater Rubin ist Kapitän auf einem Fischtrawler und daher Wochen und Monate lang unterwegs. Juri gegenüber präsentiert er sich als brutaler und grausamer Vater, dem der Sohn nie gut genug ist. Rubin hat den Anspruch, aus Juri einen echten Mann zu machen, egal, welche vorstellbaren und unvorstellbaren Mittel dafür notwendig sind. Vaterliebe hat da keinen Platz. Als Juri alt genug ist, ergreift dieser die Chance, die ihm ein Auslandsstudium bietet und flieht aus dem Einflusskreis seines Vaters. Er geht nach Amerika und bricht den Kontakt zu seinem alten Leben völlig ab.

    In einer weiteren Rückblende geht es um Rubin. Auch er ist in Murmansk aufgewachsen. Doch zu seiner Zeit wehte ein anderer politischer Wind. Das russische Volk litt unter Stalin und dem Kommunismus. Rubins Mutter wird verschleppt, als dieser 4 Jahre alt ist. Von da an erfährt er die Grausamkeiten und den Einfluss des politischen Systems am eigenen Leib. Als Kind einer Delinquentin hat er im stalinistischen Russland kaum eine Chance, aus seinem Leben etwas zu machen. Und auch sein Aufwachsen ist von Brutalität geprägt - wie der Vater, so der Sohn. Nur bei ihm ist es nicht der Vater, der ihm das Leben zur Hölle macht, sondern die Anderen - Kinder, Lehrer, Ausbilder etc. Durch Zufall entdeckt er seine Leidenschaft für die Seefahrt und schafft es, den Beruf des Kapitäns von der Pike auf zu erlernen und sich hochzuarbeiten.

    Der Titel des Romans "Klara vergessen" ist Programm. Denn spätestens mit der Geschichte über Rubin hat man das Schicksal von Klara völlig aus den Augen verloren. Sie ist die große Unbekannte in diesem Roman. Denn zunächst wissen wir nur, dass sie verschwunden ist. Doch was für ein Mensch sie war, bzw. welches Schicksal sie erdulden musste, ist bis zu diesem Zeitpunkt in dem Buch völlig in den Hintergrund gerückt. Denn die Geschichten über ihren Sohn und Enkel sind viel zu eindringlich und mitreißend, als dass man einen Gedanken an Klara verschwendet. Sie gerät also in Vergessenheit.

    Doch mit einem Mal taucht sie in dem Roman wieder auf: Im letzten Teil erfährt Juri schließlich - und somit auch der Leser -, welches Schicksal seiner Großmutter widerfahren ist. Aus der Perspektive von Klara erfahren wir, was es mit ihrem Verschwinden auf sich hatte. Klara wurde zum Opfer eines willkürlichen Systems. Sie verbrachte mehrere Jahre in Gefangenschaft und berichtet schonungslos aus dieser Zeit und ihren Erlebnissen.

    Jeder Teil dieses Romans hätte für sich genommen den Stoff für ein eigenes Buch ausgemacht. Doch Isabelle Autissier verknüpft die Schicksale dreier Generationen und macht daraus einen eindrucksvollen Familienroman. Anhand der Entwicklung von Rubin und Juri wird deutlich, dass ein Leben nicht losgelöst von der Vergangenheit geführt werden kann. Zumindest für Juri wird am Ende bewusst, dass die Vergangenheit - egal wie lange diese zurück liegt - ihn zu der Person gemacht hat, die er heute ist.

    "'Ich habe sie nicht gekannt, und man hat mir fast nichts von ihr erzählt. Aber ich habe den Eindruck, dass die Sache wichtig für mich geworden ist. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, warum.'"

    Hat mich die Geschichte dieser Familie schon beeindruckt, bin ich von dem Sprachstil der Autorin noch begeisterter. Isabelle Autissier scheint einen besonderen Bezug zur Natur zu haben, den sie in wundervolle Worte kleiden kann. Ihre Naturschilderungen sind atemberaubend. Sie spricht damit nahezu alle Sinne an. So fror ich in der unbarmherzigen Kälte des Polarmeers oder roch die Tundra während des Frühlings. Allein diese Naturbeschreibungen haben den Roman zu einem literarischen Hochgenuss gemacht. Ich war ein bisschen traurig, als ich am Ende des Buches angelangt war.

    "Das arktische Hoch richtete sich dauerhaft ein. die Luft strömte langsamer und legte sich wie ein Daunenbett über die Insel. Höchstens eine kleine Nachmittagsbrise ließ die Staubwedel des Wollgrases wogen. Der Gesang der Vögel und das Surren von Millionen Mücken lösten das Jaulen der Windböen und das Knirschen des Reifes unter den Füßen ab. Wieder einmal gewann das Leben."

    Mein Fazit:
    Isabelle Autissiser ist eine Geschichtenerzählerin par excellence. Nicht nur der Inhalt ihrer Geschichten ist fesselnd, sondern auch die Art, wie sie sie erzählt. "Klara vergessen" ist daher ganz großes Erzählkino!

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2020 

    Kaltes Russland

    Murmansk, nördlich des Polarkreises, ist Schauplatz des Buches „Klara vergessen“ von Isabell Autissier. Es ist ein Buch, auf das ich mich dieses Frühjahr ganz besonders gefreut habe, denn die französische Autorin schreibt nicht nur glasklar mit großer Spannung äußerst berührende Geschichten, auch ihre kalten nordischen Naturbilder sind mehr als beeindruckend.

    Eine sehr russische schicksalhafte Geschichte dreier Generationen, bei der eine Entscheidung wie der Flügelschlag eines Schmetterlings die Lebenswege einer zersplitterten Familie bestimmt, beginnend in der Ära Josef Stalins bis in die heutige Zeit, erzählt Isabelle Autissier mit viel warmherziger Liebe und Nähe zu ihren Figuren und mit abweisenden kalten und kargen Bildern des totalitären Systems der ehemaligen Sowjetunion.

    Juri, der inzwischen in Nordamerika als anerkannter Ornithologe lebt, kehrt zurück in seine Heimatstadt Murmansk, weil sein Vater im Sterben liegt. Die Stadt seiner Jugend hat sich seit seinem Weggang vor knapp einem Vierteljahrhundert verändert: glitzernde Reklame und westliche Schaufenster wetteifern mit verrostenden Schiffen im alten Hafen und zerfallenden Häusern. Es ist nicht mehr seine Heimat, war es vielleicht auch nie gewesen, denn sein brutaler und despotischer Vater Rubin, ehemaliger Kapitän eines Fischtrawlers, hatte ihm das Leben in Murmansk mit Leibesertüchtigung, Prügeln, und seinem Hang zur Trinkerei und Brutalität zum Martyrium gemacht. Jetzt, auf dem Sterbebett, verrät Rubin seinem Sohn das Familiengeheimnis um die Großmutter Klara, die verhaftet wurde als Rubin noch ganz klein war, und schickt seinen Sohn damit auf eine Reise in die Vergangenheit, die mehr als nur eine Leiche im Familienkeller zutage fördern wird.

    Klara, Juris Großmutter, wurde vor mehr als 70 Jahren im stalinistischen Russland verhaftet. Sie war Geologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, genau wie ihr Mann Anton, den Juri bis zum Geständnis seines Vaters nur als stillen und melancholischen Menschen kannte. Die Verhaftung der Großmutter Klara, deren Umstände ungeklärt sind, ist das Sandkorn, das wie eine Lawine Ereignisse und Entwicklungen ins Rollen bringt. Es gibt ein klares Davor und ein Danach in der aufgesplitterten Familie, und der zurückgebliebene Großvater Anton und sein Sohn, der kleine Rubin, drohen an ihrem Schicksal zu zerbrechen. Juri soll nun für seinen Vater Fragen beantworten, die dieser sich nie zu fragen traute. Er beginnt seine Odyssee bei Memorial in Murmansk, einer Anlaufstelle für in der Sowjet- und Stalin-Ära Verhaftete und vermisste Personen und stößt nach einigen Anlaufschwierigkeiten auf eine wahrlich grausame Geschichte von Verrat, Haft und Deportation in einen Gulag.

    Über drei Generationen erzählt Isabelle Autissier die Geschichte aus den Blickwinkeln von Juri, Rubin und Recherchenotizen aus vergangener Zeit, die letztlich die Stimme und der Blickwinkel Klaras sind. Juri ist derjenige, der konsequent sucht und am Ende ein fast vollständiges Bild der verstörenden Ereignisse erhält, indem er seine Recherchen mit den Erinnerungen der Familienmitglieder und Freunden der Familie verknüpft. Isabelle Autissier lässt keine wichtigen Fragen offen, wendet jeden Stein um und verfolgt nicht zuletzt auf der Frage nach der Beeinflussung von Juris Lebensentscheidungen alle wichtigen Spuren. Dabei treten neben Klaras Erlebnissen auch Ereignisse aus Juris und Rubins Jugend zutage, die äußerst verstörend und zugleich lebensbestimmend für die beiden Männer sind.
    Die Entscheidungen und Wege aller drei Generationen sind zwar sehr vom politischen totalitären System und von der zerstörten Familie geprägt, aber jeder findet trotz aller Grausamkeit seine kleine freie Nische, in der sie/er zu existieren vermag. Klara schafft es trotz aller Grausamkeiten in ihrer Gefangenschaft, dem Leben einen Sinn abzugewinnen. Rubin findet Freiheit auf dem Nordmeer als Kapitän und Juri flüchtet sich in die Welt der Vogelkunde, die erst seine Berufung und sein Fluchtort, später sein Beruf wird. Das politische System beeinflusst und ändert zwar die Lebenslinien auf äußerst brutale und verstörende Weise, schafft es aber nicht, sie zu zerstören.

    Unglaublich dicht und eindrucksvoll sind die Naturbeschreibungen, bei denen man neben Juri im Flugzeug im fahlen Nordlicht über die Tundra zu fliegen glaubt, mit ihm am verrotteten Kai in Murmansk steht, mit Rubin die pralle Freude über den Widerstand gegen raue See und zerstörerische Stürme auf dem Meer erlebt und voller Freude die Netze auf dem Fischtrawler einholt oder zusammen mit Klara durch die sumpfig-verschneiten Landschaften wandert.

    Literarisch, authentisch, spannend, berührend und höchst interessant schreibt Isabelle Autissier die Geschichte vom Verschwinden Klaras, die alle vergessen sollten, die so viele Lebenslinien beeinflusst hat und die letztlich wie ein in den See geworfener Stein Wellen geschlagen hat, die deutlich sichtbar sind.
    Beispielhaft für viele Schicksale von Verschleppten der Stalinzeit ist es nicht nur ein spannendes und berührendes, sondern auch ein sehr wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche.