Kindeswohl (detebe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Kindeswohl (detebe)' von Ian McEwan
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:224
Verlag: Diogenes
EAN:9783257243772

Rezensionen zu "Kindeswohl (detebe)"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Apr 2017 

    Gottes Wille?

    Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Ich habe lange dafür gebraucht, obwohl es nur 223 Seiten hat. Es ist halt kein Buch, bei dem man so durch die Seiten rast. Viele interessante, aber sehr ernste Themen werden darin behandelt. Ich habe schon auf Facebook dazu geschrieben, dass das Buch sehr viele ethische Fragen aufwirft, auf die man keine 08/15-Antworten finden kann. Hauptsächlich geht es um die aktive und die passive Sterbehilfe, und über lebenserhaltende Maßnahmen. Eine Gradwanderung, denn wann darf ein Mensch über sein Schicksal selbst entscheiden, und wann nicht, vor allem, wenn es um minderjährige PatientInnen geht, wie in diesem Band, das mit dem treffenden Buchtitel Kindeswohl deklariert ist.

    Auf den ersten Seiten bekommt man es mit siamesischen Zwillingen zu tun und man mit der Frage konfrontiert wird, ob die Medizin das Recht hat, nach der Geburt ein Zwilling zu töten, um das andere zu retten? Die Kirche sagt nein, das sei allein Gottes Willen, zu entscheiden, auch wenn dabei das Risiko besteht, dass beide Kinder sterben. Aber einfach hat es auch das Gesetz nicht, denn …

    Zitat:
    … (d)as Gesetz selbst hatte ähnliche Probleme, erlaubte es Ärzten doch andererseits, bestimmte unheilbare Patienten ersticken, verdursten oder verhungern zu lassen, und verbot andererseits die sofortige Erlösung durch eine tödliche Spritze. (2016,37)

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    Familienrecht ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht.

    Brisant geht es schließlich in den Szenen zu, als es um den siezehnjährigen Adam geht, der an Leukämie erkrankt ist. Er und seine Familie sind Mitglied einer religiösen Sekte, die eine Bluttransfusion verbietet, obwohl sich diese lebensrettend auf das Leben des Jungen auswirken könnte. Der Junge selbst lehnt die Bluttransfusion ab, da er von den Eltern und von der Kirchengemeinde stark beeinflusst ist. Das Krankenhaus wendet sich an das Gericht. Richterin Fiona wird beauftrag, sich dieses Falls anzunehmen. Sie entscheidet in diesem wie auch in anderen Fällen über Leben und Tod. Erstaunlich, dass selbst Adams Eltern ablehnend der Bluttransfusion gegenüberstehen. Sind Kinder nicht das Wichtigste, was Eltern besitzen können? Wie dieser Rechtsstreit ausgetragen wird, möchte ich an einem kurzen Zitat belegen. Im Gerichtssaal, ein Dialog zwischen Dr. Carter, der den Jungen im Krankenhaus behandelt und der Anwalt des Mandanten Mr Grieve:

    Zitat:
    >>Sie stimmen mir doch zu, Mr. Carter, (…) dass es ein fundamentales Recht eines jeden Erwachsenen ist, über seine ärztliche Behandlung frei zu entscheiden?<<
    >>In der Tat.<<
    >>Und dass eine Behandlung ohne die Einwilligung eines Patienten eine Verletzung seiner persönlichen Freiheit darstellen würde, womöglich gar eine Körperverletzung?<<
    >>Das sehe ich auch so.<<
    >>Und Adam ist doch, nach den gesetzlichen Bestimmungen, fast schon erwachsen.<<
    >>Auch wenn er morgen früh achtzehn werden würde, wäre er heute noch minderjährig.<< (76)

    Das Streitgespräch setzt sich noch lange fort, es bleibt also spannend, wie es letztendlich entschieden wird.

    Die Richterin Fiona Maye, die beruflich mit vielen unterschiedlichen Menschenschicksalen zu tun bekommt, hat eigene Sorgen. Ihr Mann begeht einen Seitensprung, weil sie beruflich zu sehr eingespannt ist, und kaum noch Zeit hat, sich im Rahmen ihrer Ehe um die eigenen Bedürfnisse und um die sexuellen Bedürfnisse ihres Mannes zu kümmern. Ihr Mann macht ihr ein Geständnis ... Es kommt zu einem Eklat.

    In diesem Ehezwist kommt einem die Frage auf, ob Fionas Mann nicht das Recht hätte, seine sexuellen Bedürfnisse mit einer anderen Frau zu befriedigen, wenn die eigene Frau dafür nicht mehr zu gewinnen sei?

    Mein Fazit zu dem Buch?

    Wie oben schon gesagt, hat mir das Buch sehr gut gefallen, sodass ich vorhabe, mir erstmal noch zwei andere Bücher von dem Autor anzuschaffen. Wenn die anderen beiden Bücher bei mir auch gut ausfallen sollten, erkore ich auch diesen Autor zu meinen Favoriten.

    Auch das Cover hat mich sehr angesprochen. Kein Foto, sondern ein Gemälde des jungen Adams. Anfangs wusste ich mit diesem Profil noch gar nichts anzufangen, da der Ehezwist der beiden Eheleute im Vordergrund stand, und ich dieses Cover noch gar nicht einzuordnen wusste ... Auch den Titel fand ich gut gewählt.

    Allerdings wurde Adam auf der Seite 112 mittig als schwarzhaarig und mit dunklen Augen beschrieben. Das entspricht aber nicht dem Profil auf dem Bild. Der Junge hat hier blaue Augen, und die Haare sind eher braun und mit schwarzen Strähnen abgebildet. Sollen die schwarzen Strähnen ein Kompromiss sein? Denn darf ein englischer Junge nicht schwarzhaarig sein? Und müssen es bei einem Engländer immer blaue Augen sein? Ist die Natur tatsächlich so einseitig? Nein, das ist sie eigentlich nicht, nur der Mensch ist es, der es nicht schafft, die Natur, so wie sie ist, und zwar bunt, zu akzeptieren …

    Aber alles andere fand ich passend, insgesamt fand ich das Buch sehr gut gelungen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Feb 2017 

    Schwierige Entscheidung

    Inhalt
    Fiona Maye ist Familienrichterin und privat in einer prekären Situation. Nach 35 Jahren Ehe verkündet ihr Mann, sie seien wie Bruder und Schwester, es gebe kaum noch Sex und er wolle noch eine große leidenschaftliche Affäre erleben, obwohl er sie liebe. Er möchte ihr Einverständnis, die passende Frau für die Affäre, eine 28-Jährige hat er schon gefunden. Im Krisengespräch mit ihrem Mann erkennt sie, dass der schwierige Fall eines zusammengewachsenen Zwillingspaares, in dem sie gegen den Willen der religiösen Eltern für den Tod des "lebensunfähigen" Bruders plädiert hat, zu ihrer innere Distanz führt. Ihr Beruf scheint sie völlig zu absorbieren.
    Im Moment schreibt sie das Urteil im Fall zweier jüdischer Mädchen, deren orthodoxer Vater möchte, dass sie innerhalb ihrer Gemeinde aufwachsen, während die von ihm getrennte Mutter, ihnen die "Welt" öffnen und die Chance auf eine höhere Berufsbildung ermöglichen will.
    Noch während der Auseinandersetzung mit ihrem Mann, der sie vor die Entscheidung stellt, entweder sie stimme der Affäre zu oder er gehe, erreicht sie an dem Sonntagabend der Eilantrag einer Klinik. Es geht um den leukämiekranken fast (!) 18jährigen Adam Henry, der einer lebensnotwendigen Bluttransfusion nicht zustimmen möchte, da es ihm sein Glaube verbietet. Wie seine Eltern gehört er den Zeugen Jehovas an, die aus einigen Bibelstellen ableiten, dass Blut nicht übertragen werden darf.

    Während ihr Mann die Wohnung schließlich verlässt, muss Fiona das Urteil über die jüdischen Mädchen formulieren, bevor am Dienstag die Anhörung im Fall des Jungen vor Gericht stattfindet.
    In ihren eigenen privaten Gedanken verstrickt und entsetzt über das Verhalten ihres Mannes sieht sie sich der schwierigen Situation konfrontiert über Tod oder Leben zu entscheiden.
    Soll sie das Wohl des Kindes vor die religiöse Überzeugung der Eltern und seiner eigenen stellen? Soll sie dem Wunsch des Jungen entsprechen, der selbst die Transfusion verweigert oder den Argumenten der Ärzten folgen? Ist der Junge überhaupt in der Lage, seine Situation und den bevorstehenden Tod zu erfassen?
    Um Klarheit zu erlangen, geht sie den ungewöhnlichen Schritt und besucht den intelligenten Jugendlichen im Krankenhaus, eine folgenreiche Begegnung, die ihr Leben beeinflusst - auch durch ihr gemeinsames Musizieren. Denn Adam lernt im Krankenhaus Geige und während er ein Lied von Mahler spielt, singt sie dazu - eine wunderschöne Szene.

    Wie wird ihre Entscheidung ausfallen? Das will ich hier nicht vorwegnehmen - genauso spannend ist die Frage, ob ihre Ehe noch zu retten ist.

    Bewertung
    Der Roman ist ausschließlich aus der personalen Perspektive Fiona Mayes erzählt. Wir nehmen als Hörer/innen intensiv an ihren Gefühlen und Gedanken teil. Die Demütigung durch ihren Mannes wird so unmittelbar erlebbar und man leidet mit Fiona mit, hat Verständnis für ihre verletzten Gefühle und ihre Wut, nicht mehr zu genügen - und für ihre Schuldgefühle, ihren Mann auf Distanz gehalten zu haben. Sehr differenziert setzt sie sich mit ihrer Ehekrise auseinander, genauso wie sie an ihre schwierigen Fälle und Entscheidungen herangeht.
    Wir werden Zeugen ihrer Entscheidungsfindung, ihres Wunsches jeweils dem Wohl des Kindes höchste Priorität einzuräumen.
    Dabei hadert sie ganz offensichtlich damit, keine eigenen Kinder zu haben. Sie hat den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst, ihre Karriere stand jeweils im Vordergrund, ein Umstand, den sie als 59-Jährige bedauert.

    Ian McEwan erörtert in seinem Roman sowohl religiöse als auch moralische und auch juristische Fragen, fordert zum Nachdenken heraus und zeigt auf, wie schwierig es ist, dem Kindswohl gerecht zu werden.
    Ein Roman, der auch zeigt, dass die getroffene Entscheidungen Einfluss auf das Leben derjenigen nehmen, über die die Richterin ihr "Urteil" gefällt hat. Und Fiona muss erkennen, dass die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen im Falle Adams gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was sie damit intendiert.

    Während McEwans Roman "Die Nussschale" aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive besticht, sind es in diesem Roman der außergewöhnliche Fall und die juristischen, religiösen und moralischen Fragen, die gestellt und erörtert werden, die mich fasziniert haben. Unwillkürlich fragt man sich beim Hören, wie hätte ich entschieden, und man folgt gespannt den Argumenten der Kontrahenten.
    Das Ende ist jedoch nicht ganz so überraschend wie in "Honig", denn man ahnt sehr früh, worauf es hinausläuft.

    So ist der Schluss einerseits sehr traurig, aber auch hoffnungsvoll. Für mich ein Roman, der trotz der vielen Reflektionen und Fragestellung sehr spannend zu hören war und der noch lange nachhallen wird.

 
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