Kindeswohl

Buchseite und Rezensionen zu 'Kindeswohl' von Ian McEwan
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Familienrecht ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:224
Verlag: Diogenes
EAN:9783257243772

Rezensionen zu "Kindeswohl"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Jan 2019 

    Schwierige Entscheidung

    „In jeder Frage der Sorge für die Person eines Kindes… hat das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen."
    (Abschnitt 1 (a) des britischen Children Act 1989)

    Ian McEwan erzählt von Fiona Maye, einer Londoner Familienrichterin. Sie spricht Recht am High Court, Scheidungen, Sorgerecht, Fragen zum KINDESWOHL sind ihr Arbeitsgebiet. Selber haben Jack, ihr Ehemann, und Fiona keine Kinder und momentan hat sich eine Ehekrise angebahnt, denn Jack will noch mal den „großen Kick“. Er macht ihr den schockierenden Vorschlag und verlang die Freigabe für einen Seitensprung. Noch einmal Sex in „wilder Extase“, so wie früher. Er wäre jetzt 59 und da wird es wohl Zeit.

    Adam heißt ein gerade noch Siebzehnjähriger, der mit Leukämie und guten Heilungschancen im Krankenhaus liegt. Zwei der notwendigen Medikamente erfordern allerdings Bluttransfusionen, denn die vorgeschlagene Therapie zur Bekämpfung der Leukämie ruft erst einmal eine Anämie hervor. Der Junge und seine Eltern sind Mitglieder einer Gemeinde der Zeugen Jehovas und die empfinden Bluttransfusionen als einen satten Verstoß gegen Gottes Wort.

    Es ist die Klinik, die das Gericht anruft, sie will den Jungen retten. Fiona Maye entschließt sich, den schwerkranken Jugendlichen im Krankenhaus zu besuchen, die Zeit eilt. Die Ärzte rechnen bereits in den nächsten vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden mit einer zunehmenden Verschlechterung seines bereits schon von Schwäche und Atemnot gekennzeichneten Zustandes.

    Nach dem Besuch fährt sie zurück in das Gericht und spricht ihr Urteil…

    * * *

    Das ist, wenn man so will, Teil eins. Sie hat zu entscheiden zwischen dem Glauben von Eltern und Sohn, die bisherige Rechtsprechung verlangt, dass der Wille eines fast Erwachsenen zu werten ist wie der eines eben Erwachsenen. In der Tat, Adam ist ein weit entwickelter junger Mann, der die Richterin, Mylady, beeindruckt hat.

    Sie kommt aber zu dem Schluss, dass ein Siebzehnjähriger kaum „Gelegenheit gehabt [hat], sich auf dem unüberschaubaren Feld religöser und philosophischer Ideen genauer umzusehen. Es gibt in dieser christlichen Sekte, deren Mitglieder sich selbst – mit Recht, wie manche meinen – als >die anderen Schafe< bezeichen, keine Kultur der offenen Diskussion oder des Widerspruchs. Ich glaube nicht, das A.´s Denken und seine Ansichten ganz und gar seine eigenen sind. Er wurde in seiner Kindheit pausenlos und einseitig einer rigorosen Weltanschauung ausgesetzt und muss daher zwangsläufig von ihr geprägt sein. Es kann nicht seinem Wohl dienen, einen qualvollen, unnötigen Tod zu erleiden und zum Märtyrer seines Glaubens zu werden.“ (Seite 130 f)

    KINDESWOHL. Und Adam ist von Rechts wegen doch noch ein Kind. Daher…

    * * *

    Doch der Besuch im Krankenhaus hinterlässt noch andere Spuren, denn eben die Konfrontation mit anderen Ansichten löst bei dem Jungen noch mehr aus. Er schreibt Mylady, sie lässt die Briefe unbeantwortet, sie hat Recht gesprochen, Zuneigung ist nicht vorgesehen.

    Sie fährt mit einigen anderen Richtern quer durch England und spricht in verschiedenen Orten Recht. Sehr interessant – erinnert an die Reisekaiser und Reisekönige die von Pfalz zu Pfalz reisten und dort auch Recht sprachen. England eben. Das Rechtssystem ist sehr traditionell, die Achtung vor den Gerichten ist vermutlich viel größer als bei den Deutschen, die zwar Recht und Ordnung wollen, selbst aber nicht davon berührt sein möchten.
    Doch die unmittelbare Vergangenheit holt sie ein. Was wird aus dem Jungen werden? Was wird aus ihrer Ehe?

    * * *

    Wie weit geht das Recht des Einzelnen? Kann ein noch nicht Volljähriger über sein Leben frei entscheiden? Wie doktrinär sind solche Religionsgemeinschaften oder gar Sekten?

    Interessant das Recht des Einzelnen: Jack und Adam, in jedem Fall geht es um das Recht des Einzelnen, völlig unterschiedlich und sicher auch von sehr unterschiedlicher Bedeutung. Beide sind eng verbunden mit der eigentlichen Hauptfigur, die also zweimal schwere Entscheidungen ohne Hilfe von außen zu treffen hat. Nur scheinbar ist die eine leichter als die andere zu treffen. So schnell kommt auch zu moralischen Fragen. Für Außenstehende erscheint die Lösung vermutlich noch einfacher.

    IanMc Ewan hat einen sehr guten Roman geschrieben, der die Leserin, den Leser in die Geschichte bannt. Meisterhaft baut er die Spannung des Dramas auf. Der Leser ahnt zwar, dass die Handlung auf ein Drama zusteuert, trotzdem wird sie, wird er vom Ende überrascht.
    Mehr allerdings kann hier wirklich nicht verraten werden…

    Hier gibt er in einem Interview Auskunft über seinen Roman.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Apr 2017 

    Gottes Wille?

    Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Ich habe lange dafür gebraucht, obwohl es nur 223 Seiten hat. Es ist halt kein Buch, bei dem man so durch die Seiten rast. Viele interessante, aber sehr ernste Themen werden darin behandelt. Ich habe schon auf Facebook dazu geschrieben, dass das Buch sehr viele ethische Fragen aufwirft, auf die man keine 08/15-Antworten finden kann. Hauptsächlich geht es um die aktive und die passive Sterbehilfe, und über lebenserhaltende Maßnahmen. Eine Gradwanderung, denn wann darf ein Mensch über sein Schicksal selbst entscheiden, und wann nicht, vor allem, wenn es um minderjährige PatientInnen geht, wie in diesem Band, das mit dem treffenden Buchtitel Kindeswohl deklariert ist.

    Auf den ersten Seiten bekommt man es mit siamesischen Zwillingen zu tun und man mit der Frage konfrontiert wird, ob die Medizin das Recht hat, nach der Geburt ein Zwilling zu töten, um das andere zu retten? Die Kirche sagt nein, das sei allein Gottes Willen, zu entscheiden, auch wenn dabei das Risiko besteht, dass beide Kinder sterben. Aber einfach hat es auch das Gesetz nicht, denn …

    Zitat:
    … (d)as Gesetz selbst hatte ähnliche Probleme, erlaubte es Ärzten doch andererseits, bestimmte unheilbare Patienten ersticken, verdursten oder verhungern zu lassen, und verbot andererseits die sofortige Erlösung durch eine tödliche Spritze. (2016,37)

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    Familienrecht ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye am High Court in London: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. In ihrer eigenen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Da unterbreitet ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag. Und zugleich wird ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Widerstreit zwischen Religion und Medizin und um Leben und Tod eines 17-jährigen Jungen geht.

    Brisant geht es schließlich in den Szenen zu, als es um den siezehnjährigen Adam geht, der an Leukämie erkrankt ist. Er und seine Familie sind Mitglied einer religiösen Sekte, die eine Bluttransfusion verbietet, obwohl sich diese lebensrettend auf das Leben des Jungen auswirken könnte. Der Junge selbst lehnt die Bluttransfusion ab, da er von den Eltern und von der Kirchengemeinde stark beeinflusst ist. Das Krankenhaus wendet sich an das Gericht. Richterin Fiona wird beauftrag, sich dieses Falls anzunehmen. Sie entscheidet in diesem wie auch in anderen Fällen über Leben und Tod. Erstaunlich, dass selbst Adams Eltern ablehnend der Bluttransfusion gegenüberstehen. Sind Kinder nicht das Wichtigste, was Eltern besitzen können? Wie dieser Rechtsstreit ausgetragen wird, möchte ich an einem kurzen Zitat belegen. Im Gerichtssaal, ein Dialog zwischen Dr. Carter, der den Jungen im Krankenhaus behandelt und der Anwalt des Mandanten Mr Grieve:

    Zitat:
    >>Sie stimmen mir doch zu, Mr. Carter, (…) dass es ein fundamentales Recht eines jeden Erwachsenen ist, über seine ärztliche Behandlung frei zu entscheiden?<<
    >>In der Tat.<<
    >>Und dass eine Behandlung ohne die Einwilligung eines Patienten eine Verletzung seiner persönlichen Freiheit darstellen würde, womöglich gar eine Körperverletzung?<<
    >>Das sehe ich auch so.<<
    >>Und Adam ist doch, nach den gesetzlichen Bestimmungen, fast schon erwachsen.<<
    >>Auch wenn er morgen früh achtzehn werden würde, wäre er heute noch minderjährig.<< (76)

    Das Streitgespräch setzt sich noch lange fort, es bleibt also spannend, wie es letztendlich entschieden wird.

    Die Richterin Fiona Maye, die beruflich mit vielen unterschiedlichen Menschenschicksalen zu tun bekommt, hat eigene Sorgen. Ihr Mann begeht einen Seitensprung, weil sie beruflich zu sehr eingespannt ist, und kaum noch Zeit hat, sich im Rahmen ihrer Ehe um die eigenen Bedürfnisse und um die sexuellen Bedürfnisse ihres Mannes zu kümmern. Ihr Mann macht ihr ein Geständnis ... Es kommt zu einem Eklat.

    In diesem Ehezwist kommt einem die Frage auf, ob Fionas Mann nicht das Recht hätte, seine sexuellen Bedürfnisse mit einer anderen Frau zu befriedigen, wenn die eigene Frau dafür nicht mehr zu gewinnen sei?

    Mein Fazit zu dem Buch?

    Wie oben schon gesagt, hat mir das Buch sehr gut gefallen, sodass ich vorhabe, mir erstmal noch zwei andere Bücher von dem Autor anzuschaffen. Wenn die anderen beiden Bücher bei mir auch gut ausfallen sollten, erkore ich auch diesen Autor zu meinen Favoriten.

    Auch das Cover hat mich sehr angesprochen. Kein Foto, sondern ein Gemälde des jungen Adams. Anfangs wusste ich mit diesem Profil noch gar nichts anzufangen, da der Ehezwist der beiden Eheleute im Vordergrund stand, und ich dieses Cover noch gar nicht einzuordnen wusste ... Auch den Titel fand ich gut gewählt.

    Allerdings wurde Adam auf der Seite 112 mittig als schwarzhaarig und mit dunklen Augen beschrieben. Das entspricht aber nicht dem Profil auf dem Bild. Der Junge hat hier blaue Augen, und die Haare sind eher braun und mit schwarzen Strähnen abgebildet. Sollen die schwarzen Strähnen ein Kompromiss sein? Denn darf ein englischer Junge nicht schwarzhaarig sein? Und müssen es bei einem Engländer immer blaue Augen sein? Ist die Natur tatsächlich so einseitig? Nein, das ist sie eigentlich nicht, nur der Mensch ist es, der es nicht schafft, die Natur, so wie sie ist, und zwar bunt, zu akzeptieren …

    Aber alles andere fand ich passend, insgesamt fand ich das Buch sehr gut gelungen.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Feb 2017 

    Schwierige Entscheidung

    Inhalt
    Fiona Maye ist Familienrichterin und privat in einer prekären Situation. Nach 35 Jahren Ehe verkündet ihr Mann, sie seien wie Bruder und Schwester, es gebe kaum noch Sex und er wolle noch eine große leidenschaftliche Affäre erleben, obwohl er sie liebe. Er möchte ihr Einverständnis, die passende Frau für die Affäre, eine 28-Jährige hat er schon gefunden. Im Krisengespräch mit ihrem Mann erkennt sie, dass der schwierige Fall eines zusammengewachsenen Zwillingspaares, in dem sie gegen den Willen der religiösen Eltern für den Tod des "lebensunfähigen" Bruders plädiert hat, zu ihrer innere Distanz führt. Ihr Beruf scheint sie völlig zu absorbieren.
    Im Moment schreibt sie das Urteil im Fall zweier jüdischer Mädchen, deren orthodoxer Vater möchte, dass sie innerhalb ihrer Gemeinde aufwachsen, während die von ihm getrennte Mutter, ihnen die "Welt" öffnen und die Chance auf eine höhere Berufsbildung ermöglichen will.
    Noch während der Auseinandersetzung mit ihrem Mann, der sie vor die Entscheidung stellt, entweder sie stimme der Affäre zu oder er gehe, erreicht sie an dem Sonntagabend der Eilantrag einer Klinik. Es geht um den leukämiekranken fast (!) 18jährigen Adam Henry, der einer lebensnotwendigen Bluttransfusion nicht zustimmen möchte, da es ihm sein Glaube verbietet. Wie seine Eltern gehört er den Zeugen Jehovas an, die aus einigen Bibelstellen ableiten, dass Blut nicht übertragen werden darf.

    Während ihr Mann die Wohnung schließlich verlässt, muss Fiona das Urteil über die jüdischen Mädchen formulieren, bevor am Dienstag die Anhörung im Fall des Jungen vor Gericht stattfindet.
    In ihren eigenen privaten Gedanken verstrickt und entsetzt über das Verhalten ihres Mannes sieht sie sich der schwierigen Situation konfrontiert über Tod oder Leben zu entscheiden.
    Soll sie das Wohl des Kindes vor die religiöse Überzeugung der Eltern und seiner eigenen stellen? Soll sie dem Wunsch des Jungen entsprechen, der selbst die Transfusion verweigert oder den Argumenten der Ärzten folgen? Ist der Junge überhaupt in der Lage, seine Situation und den bevorstehenden Tod zu erfassen?
    Um Klarheit zu erlangen, geht sie den ungewöhnlichen Schritt und besucht den intelligenten Jugendlichen im Krankenhaus, eine folgenreiche Begegnung, die ihr Leben beeinflusst - auch durch ihr gemeinsames Musizieren. Denn Adam lernt im Krankenhaus Geige und während er ein Lied von Mahler spielt, singt sie dazu - eine wunderschöne Szene.

    Wie wird ihre Entscheidung ausfallen? Das will ich hier nicht vorwegnehmen - genauso spannend ist die Frage, ob ihre Ehe noch zu retten ist.

    Bewertung
    Der Roman ist ausschließlich aus der personalen Perspektive Fiona Mayes erzählt. Wir nehmen als Hörer/innen intensiv an ihren Gefühlen und Gedanken teil. Die Demütigung durch ihren Mannes wird so unmittelbar erlebbar und man leidet mit Fiona mit, hat Verständnis für ihre verletzten Gefühle und ihre Wut, nicht mehr zu genügen - und für ihre Schuldgefühle, ihren Mann auf Distanz gehalten zu haben. Sehr differenziert setzt sie sich mit ihrer Ehekrise auseinander, genauso wie sie an ihre schwierigen Fälle und Entscheidungen herangeht.
    Wir werden Zeugen ihrer Entscheidungsfindung, ihres Wunsches jeweils dem Wohl des Kindes höchste Priorität einzuräumen.
    Dabei hadert sie ganz offensichtlich damit, keine eigenen Kinder zu haben. Sie hat den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst, ihre Karriere stand jeweils im Vordergrund, ein Umstand, den sie als 59-Jährige bedauert.

    Ian McEwan erörtert in seinem Roman sowohl religiöse als auch moralische und auch juristische Fragen, fordert zum Nachdenken heraus und zeigt auf, wie schwierig es ist, dem Kindswohl gerecht zu werden.
    Ein Roman, der auch zeigt, dass die getroffene Entscheidungen Einfluss auf das Leben derjenigen nehmen, über die die Richterin ihr "Urteil" gefällt hat. Und Fiona muss erkennen, dass die Einhaltung gesellschaftlicher Konventionen im Falle Adams gerade das Gegenteil dessen bewirkt, was sie damit intendiert.

    Während McEwans Roman "Die Nussschale" aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive besticht, sind es in diesem Roman der außergewöhnliche Fall und die juristischen, religiösen und moralischen Fragen, die gestellt und erörtert werden, die mich fasziniert haben. Unwillkürlich fragt man sich beim Hören, wie hätte ich entschieden, und man folgt gespannt den Argumenten der Kontrahenten.
    Das Ende ist jedoch nicht ganz so überraschend wie in "Honig", denn man ahnt sehr früh, worauf es hinausläuft.

    So ist der Schluss einerseits sehr traurig, aber auch hoffnungsvoll. Für mich ein Roman, der trotz der vielen Reflektionen und Fragestellung sehr spannend zu hören war und der noch lange nachhallen wird.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Mai 2015 

    ein bemerkenswertes Buch

    Fiona ist Familienrichterin am Londoner Gerichtshof. Im Job erfolgreich, seit 30 Jahren glücklich verheiratet mit Jack, einem Geschichtsprofessor – eigentlich meint das Leben es gut mit Fiona. Daher fällt sie aus allen Wolken, als Jack ihr gesteht, dass er in der Ehe nicht mehr glücklich ist. Er möchte Fiona’s Segen für eine außereheliche Affäre. Sie lässt sich nicht darauf ein, woraufhin Jack seine Sachen packt und erstmal auszieht.
    Fiona wird bewusst, dass sie sich bis jetzt zu sehr in ihre Arbeit geflüchtet hat und somit die Anzeichen für ihre Ehekrise ignorieren konnte.

    „Jacks Rückzug machte ihr keine Sorgen. Ihr Gespräch hatte auf eine schmerzhafte Offenheit zugesteuert. Es ließ sich nicht leugnen, sie war erleichtert, sich plötzlich auf neutralem Boden, in der kahlen Steppe der Probleme anderer Leute wiederzufinden.“

    In den Tagen, die auf Jack’s Auszug folgen, durchlebt sie ein Gefühlschaos. Selbstmitleid wechselt mit Wut. Zeitweilig gibt sie sich die Schuld an der Ehekrise. Am Ende ist sie nur noch enttäuscht.

    „…. und fragte sich wieder einmal, ob es wirklich Liebe war, was sie verloren hatte, oder nicht eher so etwas wie eine moderne Form von Ehrbarkeit, ob es, wie in den Romanen von Flaubert und Tolstoi, Verachtung und Ausgrenzung war, die sie fürchtete, oder nicht eher Mitleid.“

    Genau in diesem Moment erhält sie einen schwierigen Fall: Der 17-Jährige Adam ist an Leukämie erkrankt. Wenn er keine Bluttransfusion erhält, wird er in wenigen Tagen sterben. Doch seine Familie gehört den Zeugen Jehovas an, die Bluttransfusionen aus Glaubensgründen ablehnen. Fiona soll nun darüber entscheiden, ob die Klinik die Transfusion gegen den Willen von Adam und seiner Familie vornehmen darf, um somit sein Leben zu retten.

    Bei der Anhörung tragen sowohl Adam’s Eltern als auch die Klinik ihre Standpunkte vor. Dieser Teil war sehr interessant.
    Ich habe gewisse Vorbehalte gegenüber den Zeugen Jehovas. Da ich nicht besonders viel über deren Glaubensausübung weiß, schwanke ich immer zwischen „Sekte“ und „Glaubensgemeinschaft“. Insofern war die Schilderung der Anhörung für mich hochinteressant. Gerade die Argumentation für die Ablehnung der lebensrettenden Bluttransfusion war schon sehr speziell und verwunderlich.

    Fiona macht sich die Entscheidung nicht einfach und will sich einen Eindruck über Adam’s Urteilsfähigkeit und geistiger Reife schaffen und besucht ihn im Krankenhaus.
    Weiter möchte ich nichts über den Inhalt erzählen. Denn mit einem Mal nahm die Geschichte einen Verlauf, mit dem ich nicht gerechnet habe. Ich habe das Buch verschlungen, wozu mit Sicherheit auch der Schreibstil von Ian McEwan beigetragen hat.
    Es ist schwierig, diesen zu beschreiben. Einerseits wirkt der Stil insgesamt sehr nüchtern, trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen die Sprache sehr bildhaft wird.

    „Es hatte fast den ganzen Sommer geregnet, die Stadtbäume wirkten gleichsam angeschwollen, ihre Wipfel aufgeplustert; die Bürgersteige waren sauber und glatt, die Autos auf der High Holborn blitzblank wie im Ausstellungssalon. Als sie das letzte Mal hingesehen hatte, war die ebenfalls angeschwollene Themse von einem dunkleren Braun gewesen, düster und rebellisch stieg die Flut an den Brückenpfeilern empor, drauf und dran, die Straße zu erobern.“

    McEwan schafft es, die Stimmungen und Emotionen, die seine Charaktere durchlaufen auf den Leser zu übertragen. Das Gefühlschaos von Fiona ist spürbar. Das Gespräch zwischen Fiona und Adam im Krankenhaus sehr emotional. Und immer fühlt man als Leser mit.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Das Thema war besonders, der Sprachstil außergewöhnlich. Das Ende hat mich überrascht.