Kim Jiyoung, geboren 1982: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kim Jiyoung, geboren 1982: Roman' von Nam-Joo Cho
4.45
4.5 von 5 (22 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kim Jiyoung, geboren 1982: Roman"

Cho Nam-Joo hat mit ihrem Roman einen internationalen Bestseller geschrieben. Ihre minimalistische und doch messerscharfe Prosa hat nicht nur viele Leserinnen weltweit begeistert, sondern auch Massenproteste in Korea ausgelöst. In einer kleinen Wohnung am Rande der Metropole Seoul lebt Kim Jiyoung. Die Mitdreißigerin hat erst kürzlich ihren Job aufgegeben, um sich um ihr Baby zu kümmern – wie es von koreanischen Frauen erwartet wird. Doch schon bald zeigt sie seltsame Symptome: Jiyoungs Persönlichkeit scheint sich aufzuspalten, denn die schlüpft in die Rollen ihr bekannter Frauen. Als die Psychose sich verschlimmert, schickt sie ihr unglücklicher Ehemann zu einem Psychiater. Nüchtern erzählt eben dieser Psychiater Jiyoungs Leben nach, ein Leben bestimmt von Frustration und Unterwerfung. Ihr Verhalten wird stets von den männlichen Figuren um sie herum überwacht – von Grundschullehrern, die strenge Uniformen für Mädchen durchsetzen; von Arbeitskollegen, die eine versteckte Kamera in der Damentoilette installieren und die Fotos ins Internet stellen. In den Augen ihres Vaters ist es Jiyoung’s Schuld, dass Männer sie spät in der Nacht belästigen; in den Augen ihres Mannes ist es Jiyoung’s Pflicht, ihre Karriere aufzugeben, um sich um ihn und ihr Kind zu kümmern. »Kim Jiyoung, geboren 1982« zeigt das schmerzhaft gewöhnliche Leben einer Frau in Korea und gleichzeitig deckt es eine Alltagsmisogynie auf, die jeder Frau – egal, wo auf der Welt – nur allzu bekannt vorkommt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783462053289

Rezensionen zu "Kim Jiyoung, geboren 1982: Roman"

  1. What's going on!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Jul 2021 

    „Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, 34 nach koreanischer Zählung, denn in Korea gilt ein Kind in seinem Geburtsjahr bereits als einjährig und wird am darauffolgenden Neujahrstag zwei. Sie hat vor drei Jahren geheiratet und letztes Jahr eine Tochter geboren.“

    Vor der Geburt ihres Kindes hat Jiyoung studiert und in einer Marketingfirma gearbeitet. Nun betreut sie ihre Tochter, ihr Mann arbeitet viel und ist weder im Haushalt noch bei der Kinderbetreuung eine große Unterstützung.

    Eines Tages legt Jiyoung ein merkwürdiges Verhalten an den Tag, beginnt mit verstellter Stimme zu sprechen und schlüpft in die Rollen Verwandter oder Freunde, gleich ob diese noch am Leben oder bereits verstorben sind.
    Die koreanische Schriftstellerin Nam-Joo Cho berichtet in ihrem Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ vom Alltag einer koreanischen Frau. Ja, berichtet. Die Lebensgeschichte Jiyoungs wirkt wie ein Protokoll, unterlegt mit einigen Fußnoten, die besondere Authentizität bewirken möchte. Diese besondere Art des Schreibens ergibt auch Sinn, wenn man ans Ende des Buches gelangt.

    In allen Bereichen des Lebens erfährt Kim Jiyoung Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechtes. Schon als Kind musste Jiyoung zugunsten ihres Bruders zurückstecken. Dieser durfte sich ausruhen, während Jiyoung und ihre ältere Schwester mehr und mehr Haushaltspflichten übernahmen. In der Schule wurden die Buben bevorzugt. Fehlverhalten wurde diesen viel eher nachgesehen, während den Mädchen die Schuld an Übergriffen durch männliche Mitschüler, Lehrer oder auch durch Zufallsbegegnungen gegeben wurde.

    „Du bist selbst daran schuld, weil du dich nicht an die Regeln gehalten hast!“

    Auch wenn es Jiyoung möglich war zu studieren, hat sie im Arbeitsleben kaum eine Chance auf Weiterkommen gehabt. Trotz ihrer Mehrarbeit wurden Männer befördert. Jiyoung erkennt diese Ungerechtigkeiten haar genau. Es gibt auch kurze Momente der Rebellion unter den Frauen. Diese gilt es zu bestärken. So finde ich auch den Schluss des Buches ernüchternd bis zynisch. Denn dass es eine Ungleichbehandlung gibt, das ist den Männern wohl bewusst. Doch welchen Grund hätten sie sich aus ihrer bequemen Komfortzone zu begeben, wenn es schlicht zu wenig Widerstand gibt.

    Männliche Dominanz, männliche Überwachung, männliche Verspottung: koreanische Zustände? Alltagsmisogynie ist gegenwärtig und global!

    Nam-Joo Cho hat hier ein wichtiges Buch zur Gleichbehandlungsdebatte geschrieben. Nicht nur für Südkorea. Auch hier und heute möchte frau schreien: What's going on!

  1. Ein feministisches Manifest

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Apr 2021 

    Hier geht es um Kim Jiyoung, die mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in einer Wohnung in Seoul lebt. Sie lebt ein Hausfrauen- Dasein, was sie eigentlich nicht gewünscht . Sie entwickelt immer absonderliche Züge. Es wirkt so, als wenn Personen aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis von ihr und ihres Mannes, sie in Besitz nehmen. Dann spricht sie wie diese Person. Ihr Mann ist geschockt und geht zum Psychiater und schildert diese Symptome seiner Ehefrau. Der diagnostiziert Depressionen und eine überlastete Ehefrau. Dann wird das Leben der Jiyoung chronologisch erzählt. Wie die frauenfeindlichen gesellschaftlichen Strukturen sie gehindert haben erfolgreich in der Schule und im Berufsleben zu sein. Wie sie durch die Schwangerschaft nicht mehr in der Lage war ihren Beruf nachzugehen und sie sich nach Aushilfsjobs umschaute, damit die Familie über die Runden kommt.

    Eigene Meinung:

    Viele Passagen wurden mit Fussnoten versehen, die die Glaubwürdigkeit der Geschichte untermauerten. Nämlich, dass Frauenfeindlichkeit ein strukturelles Problem in Südkorea ist. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Die Seiten flogen nur dahin und ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte wurde sehr glaubwürdig erzählt und ich konnte mich gut mit der Protagonistin identifizieren. Ich hatte wirklich auch Mitleid mit ihr und dachte auf der anderen Seite ist es auch so in Deutschland. Nur das Ende war für mich nicht gut auserzählt worden. Irgendwie fehlte mir im letzten Kapitel noch etwas von der Protagonistin. Irgendwelche zusätzlichen Informationen.

    Alles in Allem ein Must- Read!

  1. Grandioser feministischer Roman

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Apr 2021 

    Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, mit ihrem Mann Chong Daehyon verheiratet und Mutter der kleinen Ziwon. Seit deren Geburt im letzten Jahr hat sie aufgehört zu arbeiten und widmet sich „nur“ noch Kind und Haushalt, während ihr Mann oft bis Mitternacht und auch am Wochenende arbeitet. Doch dann nimmt das Leben der drei eine Wendung: Nach und nach fallen Chong Daehyon immer mehr beunruhigende Veränderungen an seiner Frau auf, bis sie beginnt, in der Stimme anderer Menschen zu sprechen – egal, ob diese noch leben oder bereits verstorben sind.

    Ausgehend von diesem Punkt erzählt Cho Nam-joo die Lebensgeschichte der Protagonistin und da es sich bei „Kim Jiyoung“ um einen der häufigsten koreanischen Frauennamen handelt, ist es quasi die Geschichte jeder Frau dieser Generation in Korea. (Und im Prinzip auch der Autorin, wie sie selbst sagt.) Der Stil ist dabei für einen Roman ungewohnt, sehr sachlich und faktenlastig. Immer wieder sind in den Text statistische Angaben eingearbeitet, die die Situation der Frauen in Korea beleuchten. Was sich oft ein wenig sperrig lesen lässt, macht Sinn, wenn man am Ende erfährt, wer hier eigentlich über Jiyoungs Leben berichtet.

    Was der Roman offen legt, macht wütend und ohnmächtig zugleich und das erst recht, wenn man feststellt, dass viele Erfahrungen auch Frauen in westlichen Kulturen nicht fremd sein dürften. Es ist von der systematischen Bevorzugung von Männern die Rede, die bereits im Kindesalter beginnt. Jiyoung und ihre ältere Schwester müssen fast alles im Haushalt erledigen, während der Bruder verhätschelt wird. Auch beim Kinderkriegen selbst ist stets der familiäre Druck vorhanden, einen Sohn zu gebären – was nach einer Reihe Töchter schon mal zu verzweifelten Abtreibungen führt.

    Auch beruflich bleibt die Protagonistin stets hinter ihren Kollegen zurück, obwohl sie härter arbeitet und bessere Leistungen erzielt. Als sie schließlich ihre Tochter zur Welt bringt, ist die Karriere beendet, denn welche Alternative gäbe es in einer Gesellschaft, welche die Väter auf jegliche Art bevorzugt und die Mütter stets kritisiert? Egal, was Jiyoung auch tut, alles scheint falsch zu sein. Möchte sie trotz Schwangerschaft noch arbeiten, wird sie auf dem Weg dorthin beschimpft. Sitzt sie mit ihrem Baby im Kinderwagen auf einer Bank im Park, ist sie ein antriebsloser „Schma-mama-rotzer“. All dies hat sie an den Punkt gebracht, an dem sie zu Beginn des Romans ist.

    Fazit: Ein grandioser feministischer Roman, dessen Sachlichkeit zugleich fasziniert und frustriert

  1. Es muss sich etwas ändern

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Mär 2021 

    Es muss sich etwas ändern!

    Cho Nam-Joo führt durch diesen Roman, in dem er den Psychiater in dieser Geschichte zu Wort kommen lässt, der dem Leser die Lebensgeschichte von Kim Jiyoung erzählt. Sie verkörpert hier im Roman alle Frauen, die nach wie vor sehr unter der Ungleichbehandlung zu leiden haben.

    Jiyoung, das mittlere von drei Kindern, muss schon früh lernen, dass die Stellung eines Mädchens in der Familie nicht so gut ist, wie die eines Jungen. Ihr jüngerer Bruder wird bevorzugt, doch es stört Jiyoung nicht, sie wurde so erzogen. Es ist selbstverständlich, dass Frauen und Mädchen sich für die Männer und Jungen aufopfern, sie lernen von klein auf an zu verzichten.
    Jiyoung ist gut in der Schule, doch sie hat es immer schwerer, findet später, nach dem Studium, nur schlecht eine Anstellung, trotz ihrer Qualifikation. Die guten Jobs sind den Männern vorbehalten. Auch wenn ihre Befähigung für die Anstellung manchmal sogar schlechter ist als die der Frau, die sich ebenso beworben hat, bekommt der Mann die Stelle. Dabei hatte Jiyoung noch Glück, dass ihre Mutter gut wirtschaften kann und einen Sinn darin sieht ihre Töchter zu unterstützen. Viele junge Frauen gingen arbeiten, um das Studium der Brüder oder Männer zu finanzieren.
    Man merkt anhand der Erzählung zwar, dass Jiyoung sich über vieles ärgert, aber sie schafft es nicht, sich gegen das System zu stellen. Wie auch, sie würde gegen Windmühlen kämpfen, hätte allein kaum eine Chance etwas positiv für sich oder alle Frauen zu verändern.
    Als sie ihren zukünftigen Mann kennenlernt, geht es im Grunde weiter wie bisher. Sie ist die, die zurücksteckt. Doch irgendwann macht ihre Psyche dies nicht mehr mit........

    Vieles in dem Roman ähnelt unserem Land, auch wir Frauen in Deutschland sind noch nicht zu 100% Prozent gleichgestellt. Dennoch sprechen die Zahlen und Fakten in Bezug auf Südkorea eine andere Sprache. Die Ungleichbehandlung ist tatsächlich größer, so sicher auch der Unmut der Frauen. Wie lange braucht es noch, bis sich einige Gesetzt wirklich etabliert haben? Bisher scheint es zwar Versuche zu geben, alles in die richtige Richtung zu bekommen, doch Erfolge sind nur minimal zu erkennen.
    Vielleicht braucht es dieses Buch, um es noch mal deutlich zu machen. Mir ist bewusst, dass es nichts radikal verändern wird, aber je mehr Menschen zum nachdenken angeregt werden, umso eher findet ein Wandel statt. Ein Wandel, der wichtig ist für die Frauen!

  1. Wichtiges und notwendiges Debattenbuch

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 16. Mär 2021 

    Der Roman „ Kim Jiyoung, Geboren 1982“ ist in Korea schon 2016 erschienen und wurde innerhalb kurzer Zeit ein Riesenerfolg. Das Buch löste heftige Debatten aus; koreanische Politiker verweisen darauf, wenn es um Gesetze zur Gleichstellung geht. Keine drei Jahre später kam die Verfilmung in die Kinos und weltweit hat sich der Roman mehr als 2 Mio. Mal verkauft.
    Dabei schildert die Autorin Cho Nam - Joo darin lediglich die Geschichte einer durchschnittlichen Südkoreanerin.
    Kim Jiyoung ist 1982 in Seoul geboren, der Vater ist Beamter, die Mutter Hausfrau. Sie wächst mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder auf. Für ihre Mutter war schon die Geburt der ersten Tochter eine Enttäuschung. Als sich dann mit Jiyoung wieder nicht der ersehnte Sohn einstellt, fühlt sie sich als Versagerin und hat Schuldgefühle gegenüber ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter. Die dritte Schwangerschaft endet mit einem Abbruch; schmerzhaft für die Mutter, aber noch ein Mädchen wäre untragbar für sie gewesen. Endlich kommt der ersehnte Sohn und die Schwestern spüren früh, dass sie weniger gelten als dieser. Wie selbstverständlich erhält er beim Essen die größere Portion, darf spielen, wenn die Mädchen der Mutter helfen und bekommt ein eigenes Zimmer.
    Die Diskrimierungen setzen sich in der Schule fort. Auch hier werden die Jungs bevorzugt behandelt („ Während Jungs sich ganz natürlich als Erste in die Schlange stellten, als Erste ihr Referat halten durften und ihre Hausaufgaben als Erstes kontrolliert wurden, warteten Mädchen still darauf, an die Reihe zu kommen,...“), ihr Fehlverhalten von den Lehrern entschuldigt. Die Mädchen müssen sich von klein auf daran gewöhnen, belästigt zu werden, von Mitschülern, von Lehrern, von Männern im Bus.
    Trotz Schwierigkeiten schafft es Jiyoung an die Universität. Diese Zeit wird von ihr zuerst als Befreiung erlebt. Sie schließt Freundschaften, auch engere Beziehungen zu Männern. Doch bald muss sie auch hier erkennen, dass für Männer und Frauen andere Regeln gelten. Abfällig wird über die Frauen geredet, die eine Beziehung hinter sich haben. „ Wer will schon einen Kaugummi, den ein anderer ausgespuckt hat?“
    Nach erfolgreichem Studium erweist sich die Jobsuche als weitere Hürde. Jede Menge Bewerbungen bleiben unbeantwortet, bei Vorstellungsgesprächen muss sie „ anzügliche Sprüche und lüsterne Blicke“ in Kauf nehmen. „ So korrigierte Jiyoung ihre Ansprüche immer weiter nach unten, während sie unermüdlich eine Bewerbung nach der anderen schrieb.“
    Endlich in einer Firma angenommen, gibt es weitere Barrieren. Die Frauen bekommen ungeliebte Aufträge zugeschoben und Männer werden auf Posten gehoben, die den beruflichen Aufstieg garantieren.
    Nach ihrer Heirat wird neuer Druck spürbar. Alle, Eltern, Schwiegereltern, Bekannte, warten gespannt auf die „gute Nachricht“. Jiyoung erfüllt auch hier die Erwartungen von außen. Doch als das Kind da ist, „ flüchtet“ die junge Frau in eine Psychose.
    Damit verrate ich nicht das Ende der Geschichte, denn genau mit den ersten Anzeichen einer psychischen Auffälligkeit beginnt der Roman und rollt dann chronologisch das Leben der Protagonistin auf. Wer hier schreibt, erfährt der Leser erst im letzten Abschnitt.
    Cho Nam-Joo zeigt exemplarisch an ihrer fiktiven Allerweltsfrau die strukturelle Diskriminierung, der Frauen in Südkorea ( und nicht nur dort) ausgesetzt sind. Es ist die kontinuierliche Abfolge von Benachteiligung und Frustration, die letztendlich zu Resignation und hier in den Wahn führt . Frauen stehen oft vor der Alternative, sich zur Wehr zu setzen und danach mit den harten Konsequenzen ( Jobverlust usw.) zu leben oder sich still zu arrangieren. Manchmal gibt es auch gar keine Wahl. „ Jiyoung fühlte sich wie in der Mitte eines Labyrinths. Fleißig und gewissenhaft arbeitend, hatte sie nach einem Ausgang gesucht, den es, wie sie nun erkannte, von Anfang an nicht gegeben hatte.“
    Doch die Autorin belässt es nicht ganz bei dieser negativen Sicht. Zwischendurch gibt es immer wieder mal kleine Revolten und Solidarität unter den Frauen. Außerdem zeigt das Buch auch kleine Veränderungen im gesellschaftlichen Denken. Beispielhaft dafür ist die Figur der Mutter. Sie selbst musste als junge Frau hinter ihren Brüdern zurückstehen und auf ihre beruflichen Pläne verzichten. Deshalb unterstützt sie ihre Töchter und schafft immer wieder Freiräume für sie. Auch wenn die Mutter anfangs noch stark im patriarchalen Denken verfangen war, so emanzipiert sie sich im Laufe ihres Lebens. Sie ist gezwungen, zum Unterhalt der Familie beizutragen, entwickelt dabei einigen Geschäftssinn, so dass es die Familie zu einem gewissen Wohlstand schafft. Das lässt sie selbstbewusster ihrem Mann gegenüber auftreten.
    Obwohl der Roman in einem sehr nüchternen Ton geschrieben ist, lässt er den Leser nicht kalt. Im Gegenteil: Er macht wütend!
    Die distanzierte und emotionslose Sprache passt hier sehr gut zum Thema ( und ist dem eigentlichen Erzähler geschuldet). Das Buch ist mehr Bericht als Roman. Dazu gehören auch die für einen fiktionalen Text ungewöhnlichen Fußnoten, in denen die Autorin zusätzliche Erklärungen, Fakten und Statistiken nachliefert. Damit untermauert sie ihre Botschaft, dass diese Lebensgeschichte weniger erfunden ist, sondern der Realität entspricht.
    Auch der westliche Leser entdeckt einige Parallelen zu unserer Lebenswelt. Korea mag zwar noch mehr in traditionellen Denkstrukturen verhaftet sein als wir, doch die Missstände in der Arbeitswelt ähneln denen von uns. Viele Frauen bei uns dürften ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie Jiyoung.
    „ Kim Jiyoung, Geboren 1982“ ist ein wichtiges Buch, das notwendige Debatten anstößt und uns gleichzeitig einen spannenden Einblick gibt in ein Land zwischen Moderne und Tradition.
    Ein lesenswertes Werk feministischer Literatur.

  1. Die Frau in der Gesellschaft

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Mär 2021 

    Nach seiner Veröffentlichung war der Roman „Kim Jiyoung, geboren 1982“ der Südkoreanerin Cho Nam-Joo innerhalb kürzester Zeit auf den Bestsellerlisten vieler Länder zu finden. Das ist kein Wunder, denn die Autorin spricht auf sehr plakative Weise ein Thema an, das mindestens der Hälfte der Weltbevölkerung auf den Nägeln brennen sollte. Denn dieser Roman ist eine Anklageschrift gegen die Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft – egal in welchem Land.

    Protagonistin des gleichnamigen Romans ist Kim Jiyoung, geboren 1982, wohnhaft in Seoul, die zu Beginn 33 Jahre alt ist, vor Kurzem Mutter einer Tochter wurde und Ehefrau von Daehyon ist. Jiyoung legt plötzlich Verhaltensweisen an den Tag, die zwar für ihr Umfeld befremdlich sind, jedoch ein gewisses Maß an Komik beinhalten - zumindest für den Leser dieses Buches. Die Frage, die nun alle beschäftigt ist, warum Jiyoung dieses merkwürdige Verhalten zeigt.

    Die nachfolgenden Kapitel in diesem Buch sind chronologisch angeordnet und beschreiben die Entwicklung von Jiyoung von ihrer Geburt an bis hin zum heutigen Tage. Dabei erleben wir sie in den Phasen ihrer Kindheit und Schulzeit, lernen ihre Familie kennen - ihre Eltern, eine ältere Schwester und ein jüngerer Bruder. Jiyoung wird nach der Schule studieren, einen Beruf ergreifen, der ihr gefällt und in dem sie Karriere machen möchte. Währenddessen lernt sie ihren Mann kennen, heiratet, bekommt ein Kind und hängt ihren Job an den Nagel.

    Jiyoungs Geschichte ist also typisch für den Werdegang von Millionen und Abermillionen Frauen auf dieser Welt. Untypisch ist allerdings das, was dieser Weg aus ihr gemacht hat: eine Frau mit merkwürdigen Verhaltensweisen, die nicht mehr so funktioniert, wie andere es von ihr erwarten.

    Jiyoung wird vielen Frauen bekannt vorkommen. Denn sie wird von klein auf bis zum heutigen Tage mit Ungerechtigkeiten und Benachteiligungen unterschiedlicher Ausprägung konfrontiert, die nur daraus resultieren, dass sie eine Frau ist.

    „Die Zeiten, in denen Eltern dachten, ein Mädchen bräuchte keine gute Ausbildung, schienen vorbei zu sein. … Es war geradezu ein gesellschaftlicher Hype ausgebrochen, Frauen zu ermuntern, alles erreichen zu wollen und zu können. 1999, Jiyoungs Schwester wurde gerade 19, erließ man ein Gesetz, das Geschlechterdiskriminierung untersagte, und zwei Jahre später, als Jiyoung selbst in dieses Alter kam, wurde sogar ein eigenes Frauenministerium geschaffen. Dennoch gab es im Leben einer Frau in entscheidenden Situationen immer wieder Momente, in denen ihr das Stigma, eine Frau zu sein, anhaftete wie Pech und ihr den Erfolg versagte. Für die Betroffenen war diese Diskrepanz verwirrend und frustrierend.“ (S. 79)

    Cho Nam-Joo hat mit „Kim Jiyoung, geboren 1982“ einen Roman geschrieben, der als Anklageschrift gegen die Diskriminierung von Frauen zu verstehen ist. Denn die Autorin bürdet ihrer Protagonistin wirklich jedes Benachteiligungsszenario auf, das frau sich vorstellen kann. Sie unterlegt diese Anschuldigungen mit Fakten und Statistiken, die sie gekonnt in den Romantext einfließen lässt. Und wer bis dahin dachte, dass diese Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in großen Teilen der Fantasie von Feministinnen entsprungen sind, wird dadurch eines Besseren belehrt. Ganz zu schweigen, von den Effekten der Wiedererkennung, die diese Geschichte mit sich bringt. Frau muss nicht in Südkorea leben, um bestätigen zu können, dass Benachteiligungen von Frauen - egal in welcher Ausprägung - leider zum weiblichen Alltag dazugehören.

    Dieser Roman erzählt also eine Geschichte, über die man sich empören muss.

    Ich gebe zu, dass ich mich immer schwer mit "Empörungsbüchern" tue. Daher versuche ich bei derartigen Geschichten aus all den negativen Gedanken, mit denen man bombardiert wird, etwas Positives für mich mitzunehmen. Die Autorin hat es mir an dieser Stelle leicht gemacht. Denn in diesem Roman gibt es Momente, die mich hoffen ließen. Das waren Momente des Widerstands und der Rebellion von Frauen in diesem Buch - ganz gleich, ob diese Momente von Erfolg gekrönt waren oder nicht.

    Positiv stimmte mich auch die Entwicklung von Jiyoung zu einer selbstbewussten Frau, welche die Dominanz der Männer in Südkoreas Gesellschaft in Frage stellt.

    „Jiyoung verspürte ein kleines Erfolgsgefühl. Sie hatten sie gemeinsam gegen die übergeordnete Autorität aufgelehnt, und eine Ungerechtigkeit war dadurch beseitigt worden.“ (S. 49)

    Und hier kommt für mich die Schwäche des Romans.

    Ich hätte mir erhofft, dass die Autorin diese Entwicklung ihrer Protagonistin konsequent weiterverfolgt. Stattdessen rudert Cho Nam-Joo zurück und betont die Opferrolle von Jiyoung, die an dem gesellschaftlichen Druck, der auf ihr lastet, nervlich zerbricht. Die Autorin bringt die Geschichte damit zu einem niederschmetternden und pessimistischen Ende. Dieses Ende mag die Realität der Frau in der Gesellschaft widerspiegeln, setzt aber für mich die falschen Signale. Denn Problem erkannt, ist nicht gleich Problem gebannt. Und ein Hoffnungsschimmer zum Schluss hätte diesem Buch gut getan.

    Dennoch habe ich diesen Roman gern gelesen. Der Blick auf Südkoreas moderne Gesellschaft, die immer noch von alten Traditionen und Familienrollen geprägt ist, ist hochinteressant. Genauso wie die Fakten, Statistiken etc., die die Autorin in die Handlung eingeflochten hat, und welche die Anklage gegen die Benachteiligung von Frauen untermalen. „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist also alles in allem ein Buch, das eine interessante Geschichte erzählt, die nah an einer unschönen Realität ist - vielleicht aber auch zu nah.

  1. Kein schönes Buch, aber ein wichtiges...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Mär 2021 

    Ein Buch, das in Korea spielt, wird zum internationalen Bestseller? Darauf war ich sehr gespannt. Der Beginn des Romans liest sich auch tatsächlich recht faszinierend, denn hier wird geschildert, wie merkwürdig sich Kim Jiyoung plötzlich benimmt, wie befremdlich das für ihre Umgebung ist, allen voran für ihren Mann. Das macht beim Lesen neugierig, man möchte hinter die Fassade blicken - was hat dazu geführt, dass die junge Frau plötzlich beginnt, sich wie andere Frauen zu benehmen, die sie kennt, sich dessen aber offenbar nicht bewusst ist?

    Damit setzt die Autorin gleich zu Beginn ein Ausrufezeichen, das im Folgenden mit Hintergrundinformationen gefüllt wird. Schnell bekommt man beim Lesen eine Ahnung - und das Unbehagen steigt. Denn die Erzählung um Kim Jiyoung hat etwas Allegorisches - wir beobachten das Verschwinden des Ichs durch die bedingungslose Erfüllung der Rollenerwartungen. Der Rollenerwartungen gegenüber dem weiblichen Teil der koreanischen Gesellschaft.

    Chronologisch schildert die Autorin den Lebensweg von Kim Jiyoung, beginnend bei der Kindheit, in der schon deutlich wird, dass die Belange der Schwestern klar zurücktreten müssen gegenüber denen des kleinen Bruders. Die Selbstverständlichkeit, wie die Männer in Südkorea von klein auf hofiert werden, wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Kosten der Schwestern ein eigenes Leben aufbauen können, wie die Frauen im Gegenzug auf eigene Lebensentwürfe verzichten und keine Chance haben, diesem diskriminierenden System zu entkommen - Cho Nam-Joo bringt es in nüchternem Schreibstil auf den Punkt.

    Dieser nüchterne Schreibstil, der durch zahlreiche Fußnoten mit statistischen Informationen passagenweise fast ins Essayhafte abgleitet, steht im krassen Gegensatz zu dem, was gleichzeitg beim Lesen an Emotionen ausgelöst wird. Neben dem sachlich-distanzierten Bericht über die Ereignisse in Kim Jiyoungs Leben schwingt stets auch etwas Melancholisches weil Auswegloses mit, deutlich auch, dass im Roman zwar eine zugespitzte Situation beschrieben wird und dass die Bedingungen in hochtechnisierten Südkorea vermutlich noch einmal besondere sind, aber dass uns allen die dargestellten Szenarien nicht fremd sind. Das weiß man eigentlich alles, aber es hier so ungeschönt und in der Summe aller Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu lesen, hui...

    Zwangsläufig zieht man (zumindest als Frau) beim Lesen Vergleiche zur eigenen Lebenssituation/Biografie oder zur eigenen Gesellschaft/Kultur - und es gibt da in der Vergangenheit wie in der Gegenwart immer wieder Parallelen oder zumindest Ähnlichkeiten. Vermutlich macht das den Roman aus, der eigentlich wenig ansprechend ist vom Stil her (sehr sachbuchhaft). Aber er legt die Finger in die Wunde. Nicht nur in die koreanische...

    Kein schönes Buch, aber ein wichtiges, unbequem aber hilfreich. Ein globaler Augenöffner zur Rolle der Frau in einem patriarchalischen System. Ich finde es tröstlich, dass dieser Roman in Südkorea zu Massenprotesten geführt hat. Es ist an der Zeit, dass alle erkennen, dass es keine Menschen zweiter Klasse gibt. Auch die Männer...

    © Parden

  1. Reißt euch zusammen, Männer!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Mär 2021 

    Warum liest ein Mann ein Buch, in dem die eigene Spezies – nun, sagen wir – äußerst schlecht wegkommt? Tja, weil ich finde, das Cho Nam-Joo mit ihrem Sachbuch-Roman (Erklärung folgt) „Kim Jiyoung, geboren 1982“ durchaus ein Thema aufgegriffen hat, was uns Männer zum (selbstkritischen) Nachdenken bringen sollte – nämlich die Unterdrückung der Frau. Hier zwar dargestellt durch die Verhältnisse in Südkorea, aber global gesehen geht es wohl überall (in mehr oder weniger abgewandelten Variationen) so zu.

    Kim Jiyoung hat scheinbar alles, was sie zum glücklich sein braucht: eine kleine Tochter, ein Mann, der sie „unterstützt“

    „Kannst du damit aufhören zu sagen, wobei du mich unterstützen willst? Mich unterstützen, im Haushalt, bei der Kindererziehung. Ist das nicht selbstverständlich? Ist das nicht auch deine Wohnung? Ist das nicht auch dein Kind? […] Warum sprichst du von Unterstützung und tust so, als wäre es eine Gunst, dass du hilfst?“ (S. 169)

    und eine 80 Quadratmeter große Mietswohnung.

    Und doch fängt Kim Jiyoung im Herbst 2015 an, andere Personen „nachzuahmen“, was zunächst als Witz und „Spleen“ angesehen wird. Doch es wird schlimmer. Und die geneigte Leserschaft ahnt, dass da noch was kommt…

    Zurückgeworfen ins Jahr 1982 erfahren wir nun in einem nüchtern-trockenen Erzählstil, der eher an ein Sachbuch denn einen Roman erinnert, von Kim-Jiyoungs bisherigem Leben. Etwas verwirrt war ich zunächst, dass es Fußnoten in der Erzählung gibt, die sich auf Statistiken etc. beziehen. Diese Fußnoten ergeben am Ende aber einen Sinn, wenn man merkt, aus wessen Sicht der Roman geschrieben wurde :-).

    Im Großen und Ganzen fußt der Roman auf dem Aufzeigen der Diskriminierung von Mädchen und Frauen in allen Facetten: von der Bevorzugung der Söhne in den (koreanischen) Familien über die Willkür in der Schule bis hin zur Ausgrenzung an der Universität und im Beruf, dummen Sprüchen gegenüber jungen Müttern...Dem „Einfallsreichtum“ der Männer, Frauen zu unterdrücken, zu diskriminieren etc. sind scheinbar keine Grenzen gesetzt. Entsetzlich dumm das Ganze…

    Warum muss so was sein??? Warum werden Frauen – überspitzt dargestellt - immer noch als Menschen 2. Grades angesehen? Ich verstehe es nicht.

    Ich hoffe nur, dass der Widerstand, den die Mädchen und Frauen in diesem Buch leisten, im realen Leben weitergeht und sich in den Köpfen der Menschen festsetzt und zu einem globalen Umdenken führt (was ja – relativierend gesagt – in dem ein oder anderen Bereich schon gut klappt!), damit eine Begegnung zwischen Mann und Frau (egal in welchem Bereich!) endlich und konsequent auf Augenhöhe stattfindet!

    So, Männer – jetzt reißt euch zusammen, lest dieses Buch und VERSTEHT, dass es auch ohne Unterdrückung, Sexismus etc. geht!

    5*

    ©kingofmusic

  1. Die südkoreanische Durchschnittsfrau

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Mär 2021 

    Ich könnte mir keinen Roman vorstellen, der besser zum heutigen Internationalen Weltfrauentag passt, als der Debütroman "Kim Jiyoung, geboren 1982" der südkoreanischen Drehbuchautorin Cho Nam-Joo. Basierend auf eigenen Erfahrungen und Beobachtungen beschreibt sie die alltägliche weibliche Diskriminierung am Beispiel einer südkoreanischen Durchschnittsfrau. Mit 33 Jahren bekommt Jiyoung plötzlich „eigenartige Anwandlungen“ und benimmt sich während eines Besuchs bei den Schwiegereltern schockierend, so dass ihr Ehemann Daehyou einen Psychiater zu Rate ziehen muss. Was veranlasst die bisher völlig unauffällige Frau dazu, mit fremden Stimmen zu sprechen?

    In zweiter Reihe
    Fast hätte es Jiyoung gar nicht gegeben, hätte ihre Mutter nicht erst die dritte Tochter abgetrieben, sondern bereits die zweite. Als der von der Familie ersehnte Sohn geboren wird, rücken die Schwestern automatisch auf die Plätze hinter ihm. Trotzdem sorgt die durchsetzungsfähige, geschäftstüchtige Mutter Misuk für eine qualifizierte Ausbildung der beiden Töchter, die ihr wegen ihres Geschlechts verwehrt wurde. Obwohl auch jetzt noch die Mädchen in der Schule und an der Universität prinzipiell hinter den Jungen rangieren und sexuelle Übergriff im Alltag wie selbstverständlich geduldet werden, schafft Jiyoung Abitur und Studium. Als fast unüberwindliche Hürde gestaltet sich jedoch die Jobsuche:

    "Hatte eine Frau Schwächen, kam sie deshalb nicht infrage. War sie brilliant, galt sie als Unruhestifterin. Und was sagte man ihr, wenn sie mittelmäßig war? Tut uns leid, Sie sind zu durchschnittlich?" (S. 111)

    Erst als sie ihre Ansprüche zurückschraubt, stellt eine Marketingagentur sie ein. Geringere Bezahlung, Benachteiligung bei Beförderungen und sexistisches Verhalten sind im Berufsleben ihre ständigen Begleiter, trotzdem macht Jiyoung die Arbeit Spaß. Doch mit der Geburt ihrer Tochter Ziwon ist dieser Lebensabschnitt zu Ende, Berufstätigkeit und Mutterschaft scheinen in Südkorea unvereinbar. Wie so viele Frauen leidet sie unter der Doppelmoral bei der Bewertung von Hausarbeit und unter der Aussicht auf maximal einen Job im Mindestlohnbereich, ohne Sozialversicherung und festen Arbeitsvertrag.

    Drei Frauengenerationen
    Trotz der im Vergleich zu ihrer Mutter wesentlich besseren Startchancen, stößt Jiyoung beständig gegen einen gläsernen Deckel. Leider fehlt ihr auch deren raffiniertes Durchsetzungsvermögen. Da Jiyoung der Autorin als Modell für alle denkbaren Ungerechtigkeiten der koreanischen Gesellschaft dient, wird es gegen Ende des Buches etwas zu viel des Guten, was aber vermutlich beabsichtigt ist. Außerdem hätte ich mir etwas mehr Beachtung für das Schicksal von Jiyoungs kleiner Tochter gewünscht, die als Auslöser für die Frustration ihrer Mutter ebenfalls Opfer ist, doch ist dies eindeutig nicht Thema des Romans.

    Mit Wut geschrieben
    Cho Nam-Joo erzählt diese zutiefst trostlose Geschichte aus einem patriarchal geprägten Hightech-Land in vollkommen nüchterner Sprache. Erst spät wird klar, wer erzählt - ein besonders gelungener Kunstgriff. Doch nicht nur die Schreibweise erinnert an ein Sachbuch, auch die Quellenangaben zu Statistiken, Studien und Dokumentationen über weibliche Lebensumstände in Südkorea sind äußerst ungewöhnlich für einen Roman. Allerdings geht es Cho Nam-Joo nicht um Unterhaltung, vielmehr möchte sie die unhaltbaren Zustände in ihrem Land anprangern, unterdrückten Frauen eine Stimme geben und die Gesellschaft aufrütteln. Dass der im Original 2016 erschienene Roman in Südkorea zu einem inzwischen auch verfilmten Bestseller wurde, lässt hoffen, dass er zu Veränderungen beitragen kann.

    Fazit: "Kim Jiyoung, geboren 1982" ist nicht das beste Buch des Literaturfrühlings 2021, aber sicher eines der wichtigsten.

  1. Im Hamsterrad einer frauenfeindlichen Gesellschaft

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2021 

    Kim Jiyoung ist eine junge Mutter Anfang 30, die mit ihrer kleinen Tochter Ziwon und ihrem Mann Daehyon in einer schönen Wohnung am Stadtrand von Seoul lebt. Das klingt nach Idylle, ist es aber nicht. Jiyoung scheint psychische Probleme zu haben. Scheinbar nicht nachvollziehbar schlüpft sie plötzlich in andere Rollen, aus deren Perspektive sie die Menschen in ihrem Umfeld rüde anspricht, kritisiert oder maßregelt. Das erregt natürlich Anstoß. Nach einem diesbezüglichen Eklat bei Daehyons Eltern verlässt die junge Familie stehenden Fußes das Familientreffen. Was folgt, ist eine Rückblende angefangen im Jahr von Jiyoungs Geburt 1982, die uns durch ihr gesamtes Leben führt und wieder dort endet, wo die Geschichte ihren Anfang nahm, im Jahr 2015.

    Jiyoung wird als zweite Tochter geboren in einer Gesellschaft, in der männliche Nachkommen wichtiger und bei weitem geschätzter sind als weibliche: „Bereits zehn Jahre zuvor war ein Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen legalisiert worden. Geschlechtsbestimmung und Abtreibung weiblicher Föten war gesellschaftlich akzeptiert, als ob eine Tochter zu bekommen ein medizinischer Grund wäre.“ (S. 30)

    Auf diese Weise hilft sich auch Jiyoungs Mutter selbst, so dass ihr viertes Kind dann tatsächlich der gewünschte Stammhalter wird. Der Junge wird von Beginn an vorgezogen. Insbesondere die im Haushalt lebende Großmutter väterlicherseits wacht mit Argusaugen auf die Erfüllung seiner Bedürfnisse. Die Schwestern müssen zurückstecken. Was sie hier in der Familie lernen, wird sie ihr ganzes Leben begleiten: Mädchen und Frauen sind minderwertiger, sie müssen sich beständig anpassen und zurückstecken, sie werden laufend diskriminiert, während die Jungen bereits als Prinzen zur Welt kommen.

    Zum Glück haben Jiyoung und ihre Schwester die Mutter. Sie ist es, die unermüdlich arbeitet, um mehr Geld für die Familie zu verdienen. Sie ist sehr geschickt im Umgang mit der Schwiegermutter. Auch den Gatten kann sie lenken, ohne dass er es merkt. Auf diese Weise wird auch den Töchtern eine anständige Schulausbildung mit anschließendem Studium ermöglicht. Doch der Weg dorthin ist steinig: Ständig gelten unterschiedliche Regeln für Jungen und Mädchen. Letztere müssen sich permanent beweisen und durch Leistung glänzen. Immerzu werden sie von den Schulkameraden gemobbt, Lehrer sind nicht objektiv. Im höheren Alter verschlimmert sich das Ganze um sexuelle Komponenten: „Jiyoung war vergleichsweise gut dran, denn sie hatte nur die Schule und das Nachhilfeinstitut zu besuchen. Diejenigen unter ihren Klassenkameradinnen, die Nebenjobs annehmen mussten, hatten wirklich schlechtere Karten. Es gab Arbeitgeber, die die Mädchen belästigten. Sie setzten sie unter Druck, indem sie deren Arbeit oder Kleidung kritisierten oder gar den Lohn als Pfand benutzten.“ (S. 70)

    Bei sexuellen Belästigungen unterschiedlichster Natur wird stets den Frauen selbst die Schuld gegeben. Männer schwingen sich auf, über die Frauen zu richten, die aufgrund ihres gesellschaftlich niedrigen Standes wenige Fürsprecher haben. Dieses Klima der Diskriminierung zieht sich durch Jiyoungs Leben. Egal, ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, in der Universität oder am Arbeitsplatz, überall zeigt man den jungen Frauen ihre Grenzen auf. Auch die Mutterschaft ist keineswegs ein geschützter Raum, so haben die Frauen bei der Kindererziehung selbstverständlich die Hauptlast zu tragen, ohne Anerkennung dafür zu erhalten. Es ist eine Ungerechtigkeit, eine permanente Demütigung, die zum Himmel schreit! Obwohl sich Korea nach außen als fortschrittliches Industrieland präsentiert, ist die Gesellschaft bis heute in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter rückwärtsgewandt und antiquiert.

    Im Verlauf der Geschichte blitzen immer wieder kleine weibliche Revolten auf. Nicht jedes Mädchen/jede Frau mag sich in den vorgefertigten Rahmen fügen. Das gibt Hoffnung, dass die Gesellschaft vielleicht doch schon im Wandel begriffen ist und sich in der Zukunft etwas bewegen kann. Wenn die Frauen nicht für ihre Rechte eintreten und dafür kämpfen, wird sich in Sachen Gleichberechtigung nichts tun. Das gilt für Korea. Das gilt für Europa, für alle Teile der Welt. Der Status Quo ist für die eine Hälfte der Bevölkerung so unglaublich bequem… Bei uns in Deutschland ist vieles viel besser als in Korea. Aber es war ein langer, steiniger Weg dorthin und es ist auch noch lange nicht alles gut. Das Thema Gleichberechtigung muss ein Dauerthema in Gesellschaft und Politik bleiben. Insofern ist „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ein wichtiges Buch. Es muss in Korea die Massen in Bewegung gesetzt und aufgerüttelt haben, so dass es jetzt in viele Sprachen übersetzt zur Verfügung steht.

    Der Sprachstil ist distanziert und nüchtern. Der Text klingt fast wie ein Bericht, die eingefügten Fußnoten mit Verweisen auf Quellen, Fakten und Statistiken unterstreichen den Wahrheitsgehalt des Gesagten. Manch ein Leser bescheinigt dem Text auch einen Sachbuchcharakter.

    Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Er hat mich in ein Land geführt, über dessen Gesellschaft ich bislang wenig wusste. Seine konstante Sachlichkeit macht ihn eindringlich, das Schicksal Jiyoungs geht an die Nieren. Durch einen schriftstellerischen Kunstgriff zum Ende des Romans hin erklärt sich diese extreme Sachlichkeit. Das hat mich zunächst etwas ratlos gemacht. In der Reflektion ergibt jedoch auch der letzte Abschnitt einen tieferen Sinn, unterstreicht den Realitätsgehalt des Buches und passt zum Gesamtkonzept.

    Ein lesenswertes, zeitlos wichtiges Buch. Man muss wahrlich keine Feministin sein, um das so zu empfinden.

  1. Politisches Statement gegen die Diskriminierung der Frauen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Mär 2021 

    "Kim Jiyoung ist 33 Jahre alt, 34 nach koreanischer Zählung, denn in Korea gilt ein Kind in seinem Geburtstjahr bereits als einjährig (...). Sie hat vor drei Jahren geheiratet und letztes Jahr eine Tochter geboren." (7)
    So startet der Roman und gibt in Kurzfassung Jiyoungs Lebenssituation wider. Sie hat ihren Job bei einer Marketingfirma aufgegeben, um ihr Kind zu betreuen. Ihr Mann arbeitet bis spätabends in einer IT-Firma, ihre Eltern betreiben ein Restaurant in Seoul, ihre Schwiegereltern wohnen in Busan, so dass sie mit der Kindererziehung weitestgehend auf sich gestellt ist. Plötzlich legt sie ein sonderbares Verhalten an den Tag und spricht mit der Stimme ihrer Mutter und mit der ihrer ehemaligen Studienkollegin. In diesen "Rollen" spricht sie aus, was sie sich sonst offensichtlich nicht traut zu sagen: Dass die Vorbereitung eines Festessens für die ganze Familie sehr erschöpfend ist oder dass sie an den Feiertagen gerne ihre eigene Familie besuchen würde.

    Ist es eine psychische Störung oder schauspielert Jiyoung?

    Im folgenden Verlauf des Romans wird Jiyoungs Lebensgeschichte erzählt, angefangen mit ihrer Geburt im Jahr 1982. Sie hat noch eine ältere Schwester und als die Mutter wieder schwanger wird und es sich herausstellt, dass es erneut ein Mädchen wird, treibt sie ab.

    "Geschlechtsbestimmung und Abtreibung weiblicher Föten waren gesellschaftlich akzeptiert, als ob eine Tochter zu bekommen ein medizinischer Grund wäre." (30)

    Die Bemerkung ist mit einer Fußnote versehen, in der auf eine entsprechende Quelle dieser Aussage verwiesen wird. Diese Belege tauchen häufiger auf, so dass der Roman wie eine Mischung aus Fiktion und Sachbuch wirkt, ein Eindruck, den der nüchterne Stil unterstützt. Die Sprache steht jedoch nicht im Vordergrund, sondern die Lebensgeschichte Jiyoungs und auch die ihrer Mutter, die ebenfalls kurz skizziert wird.

    Sie zeigen eindringlich die Diskriminierung der Frauen in Südkorea. Anhand zahlreicher Situationen, verschiedener Erlebnisse der Protagonistin und der weiterer Frauen, und anhand der Aussagen anderer Figuren wird aufgezeigt, wie Frauen systematisch unterdrückt werden und keine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben. Das fängt vor der Geburt an, da weibliche Föten abgetrieben werden, setzt sich im Kindesalter fort, denn "Töchter opferten sich bereitwillig für ihre männlichen Geschwister." (37) In der Schule werden Jungen bevorzugt behandelt, dürfen z.B. als Erste essen und sind i.d.R. Klassensprecher.

    Als die Familie in eine neue Wohnung umzieht, kann Jiyoungs Mutter jedoch durchsetzen, dass die beiden Mädchen ein eigenes Zimmer erhalten, während ihr Bruder weiterhin bei den Eltern schläft - eine kleine Rebellion. Ihre Stärke zeigt einen zaghaften Schritt in die richtige Richtung.

    Auf der anderen Seite gibt es viele Szenen, die empören und wütend machen. So wird Jiyoung sexuell von einem Mitschüler belästigt, doch ihr Vater gibt ihr die Schuld daran. Nachdem sie erfolgreich die Universität abgeschlossen hat, muss sie feststellen, dass ihre männlichen Mitbewerber immer die Nase vorn haben. Aber auch in der Arbeitswelt haben Frauen kaum eine Chance auf eine Karriere. Als in der Marketingfirma eine neue Projektgruppe gebildet wird, erhalten zwei männliche Mitarbeiter den Vorrang vor Jiyoung und ihrer Freundin. Da es ein langfristiges Projekt werden soll, hat man Angst, die weiblichen Mitarbeiter könnten aufgrund von Schwangerschaften ausfallen. Flexiblere Arbeitszeiten stehen nicht zur Debatte.

    "Jiyoung fühlte sich wie in der Mitte eines Labyrinths. Fleißig und gewissenhaft arbeitend, hatte sie nach einem Ausgang gesucht, den sie, wie sie nun erkannte, von Anfang an nicht gegeben hatte." (144)

    Dieser Roman ist ein politisches Bekenntnis, ein Appell für die Gleichberechtigung der Frauen in Korea. Es verleiht den Frauen eine Stimme und stellt schnörkellos ihre Lebenssituation dar. Jiyoung steht dabei stellvertretend für viele. Darin besteht meines Erachtens jedoch auch ein Schwachpunkt des Romans. Denn die Protagonistin bleibt letztlich ein Exempel, der alles widerfährt, was Frauen in Korea geschehen kann. Die Autorin hat alle Ungerechtigkeiten und Widrigkeiten, die einer Frau zustoßen können, in dieser einen Person vereint, wodurch die Figur im letzten Teil nicht mehr authentisch wirkt.

    Der Schluss selbst hält noch einen überraschenden Kunstgriff bereit und erklärt die nüchterne Erzählweise. Obwohl sprachlich kein Genuss und trotz der mangelnden Authentizität der Figur am Ende, ein starkes Statement gegen die Unterdrückung der Frauen - nicht nur in Korea.

    Ein Roman, der hoffentlich auch weiterhin viele Leserinnen und vor allem Leser finden wird.

  1. Wie Frauen leben - Heute!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mär 2021 

    Kim JiYoung ist eine junge Frau in Seoul, studiert, glücklich verheiratet und Mutter eines kleinen Mädchens – eigentlich ein perfektes Leben. Eigentlich … Denn plötzlich verwandelt sie sich im Beisein ihres Mannes in andere Personen: ihre Mutter, eine frühere Freundin, immer Frauen aus ihrem näheren Umfeld.

    Cho Nam-Joo erzählt sachlich und neutral die Lebensgeschichte JiYoungs, die sich vermutlich nur wenig von der anderer Südkoreanerinnen unterscheidet. Im Vergleich zur Generation ihrer Mutter eher modern aufgewachsen, muss sie nach Schule und abgeschlossenem Studium feststellen, dass die Begünstigungen ihrer Studienkollegen im Arbeitsleben noch wesentlich größer sind als zuvor, obwohl deren Abschlüsse deutlich schlechter sind. Und auch im Alltag muss sie immer wieder realisieren und selbst erfahren, wie respektlos Männer mit Frauen umgehen und auf sie herabschauen.

    Die Geschichte ist ein einziges Trauerspiel, das nüchtern aufzeigt (zeitweilig wie ein Sachbuch), wie immens die Benachteiligung von Frauen noch immer ist. Auch wenn Südkorea wirtschaftlich betrachtet ein fortschrittliches Land sein mag, gesellschaftspolitisch scheint es sich in der Steinzeit zu befinden. Doch es wäre unbillig, alleine Südkorea an den Pranger zu stellen. Denn Kim JiYoungs Erlebnisse sind universal – ich wette: Jede Frau wird sich in diesem Buch wiederfinden; die eine mehr, die andere weniger, aber alle haben ihre Erfahrungen gemacht mit Benachteiligungen, Feindlichkeiten und Respektlosigkeiten ihresgleichen gegenüber.

    Auch wenn Viele das Wort Emanzipation nicht mehr hören können oder wollen: Dieses Buch macht überdeutlich, dass es noch ein weiter Weg ist, und zwar auf der ganzen Welt, bis wir tatsächlich von Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann reden können.

  1. Die Modellfrau in Südkorea (und überall)

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Mär 2021 

    "Kim Jiyoung, geboren 1982" ist eine Modellexistenz, wie das gesichtslose Porträt auf dem Titel bereits nahelegt. Jiyoung ist in einer typischen südkoreanischen Familie aufgewachsen mit einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder. Das Buch schildert in vier Kapiteln ihre Kindheit und das familiäre Milieu, ihre Schulzeit, Universität und Berufslaufbahn sowie ihre eigene Heirat und Mutterschaft. 2016, als der Roman endet, hat sie eine zweijährige Tochter.

    Jiyoungs Leben, wie die Autorin es in schlichter Berichtform beschreibt, ist eine Kette von Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten in einer frauenfeindlichen Gesellschaft. Schon als kleines Kind sieht sie sich und die ältere Schwester zu Gunsten des kleinen Bruders zurückgesetzt. Das geht von der Verteilung der Mahlzeiten bis zur Zuteilung der Kinderzimmer. Dass der Bruder die bessere Ausbildung bekommen soll, ist selbstverständlich. Die Mutter setzt jedoch nicht nur durch, dass auch die Töchter studieren können, sondern sorgt auch für den nötigen finanziellen Rückhalt. Der alltägliche Sexismus setzt sich indessen in Studium und Berufsleben fort und treibt mitunter geradezu groteske Blüten: wird Jiyoung belästigt, ist es ihre eigene Schuld; wehrt sie sich gegen Belästigung, ist sie unhöflich. Jiyoung wird schlechter bezahlt und langsamer befördert als männliche Konkurrenten, obwohl sie einen guten Job macht. Als junge Mutter gibt sie ihren Beruf auf, um sich um das Baby zu kümmern - wie man es von ihr erwartet. Nun kommen zu Einsamkeit und Überforderung noch Herabsetzung durch die Umgebung, weil sie "nicht arbeitet". Bis Jiyoung in der denkbar seltsamsten Form aufbegehrt: sie wird verrückt. Sie schlüpft in die Rollen anderer Frauen in ihrem Umfeld und fordert mit deren Stimme, ihre (Jiyoungs) Rechte endlich zu wahren.

    Die Autorin wollte kein spezielles, sondern ein typisches Frauenleben schildern - deshalb ist der Stil durchgehend nüchtern und effektiv; auf Einzelheiten, die Jiyoungs Geschichte zu etwas Individuellem machen könnten, wird weitgehend verzichtet. Das macht das Buch ganz klar nicht zum "Lesevergnügen", stellt aber sicher, dass sich offenbar so gut wie jede südkoreanische Frau (und, muss man hinzufügen, unzählige Frauen weltweit) mit Jiyoung identifizieren könnte. Die unzähligen einander widersprechenden Forderungen, wie sie sein und was sie tun und lassen soll, sind derart überbordend, dass ihr nur die Flucht in psychische Krankheit übrig bleibt.

    Wo die Autorin allgemeine Tatsachen anführt, belegt sie diese überdies regelmäßig mit Statistiken, auf die in Fußnoten verwiesen wird. Das Buch liest sich wie eine offensive Diskussionsgrundlage, und so wirkt es auch auf das Lesepublikum, nicht nur in Korea (wo der Roman eine heftige gesellschaftliche Debatte angestoßen hat).

    Es ist schwierig, so ein Buch als Roman zu beurteilen; denn gerade das, was ich bei jedem anderen Roman kritisch bewerten würde - die Schlichtheit der Sprache, der ganze Aufbau, der an eine Fallstudie erinnert, das ständige Referieren von Frust, Unmut und ersticktem Protest ohne Atempause - ist hier beabsichtigt und wohlüberlegt eingesetzt. So bleibt nur festzuhalten, dass es ein wichtiges, unbedingt lesenswertes Buch ist, aber kein Buch für gemütliche Stunden am Kamin. Immerhin kann eine letzte, groteske Wendung am Schluss bei der einen oder anderen Leserin vielleicht für einen ungläubigen Lacher sorgen.

  1. Die Frau in Südkorea in Fiktion und Soziologie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mär 2021 

    “Kim Jiyoung, geboren 1982” ist ein Roman, der in Südkorea nachdem, was wir lesen konnten, enorm große Aufmerksamkeit bekommen hat. Dabei beschreibt die Autorin Cho Nam-Joo eigentlich nur das, was alle längst wissen und um sich herum beobachten können in diesem Land: Die vollkommen unspektakuläre Lebensgeschichte einer jungen südkoreanischen Frau, die in ihrem Leben all überall an die gläsernen Wände stößt, die um das Leben von Frauen und deren Entfaltungsmöglichkeiten gezogen werden. Gesellschaftlich akzeptiert und unterstützt und von allen hingenommen, aber eben doch ein Problem, an dem viele junge Frauen verzweifeln und an dem auch die Gesellschaft verzweifeln sollte, das aber nicht oder viel zu wenig tut.
    Der Erfolg von Cho Nam-Joos Roman hat da vielleicht ein wenig Bewusstsein schaffen können und deshalb so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
    Aber nicht nur in Südkorea ist der Roman ein Erfolg. Er wurde inzwischen in viele Sprachen übersetzt, in vielen Ländern veröffentlicht, von vielen Lesern gelesen. In Deutschland hat ihn der Kiepenheuer & Witsch Verlag herausgegeben.
    Müssen wir daraus nicht den Schluss ziehen, dass das mangelnde Bewusstsein bei vorliegender Kenntnis über die Problemlage nicht nur ein koreanisches, sondern ein weltweites Problem ist? Ich muss die Frage wohl nicht wirklich beantworten.
    Das Besondere an Chos Roman ist einerseits die unspektakuläre Erzählweise über Jiyoung und ihr Leben von der Kindheit über die Schul- und Universitätszeit bis hin zum Leben als verheiratete Frau und Mutter und andererseits das Einstreuen von wissenschaftlichen Fakten und Fußnoten, was den Leser immer mal wieder aus der Handlung herausreißt und die Illusionen des Lesers zu zerstreuen vermag, dass er es ja hier nur mit einer guten Geschichte zu tun habe. (Ich musste da tatsächlich an den Brechtschen Verfremdungseffekt denken, der für das Theater eine solche bruchhafte Gestaltung zum literarischen Stilmittel gemacht hat.) Diese gut dosierte Kombination von Fiktion und soziologischen Fakten deutet sich ja auch bereits im Titel des Romans an, wo der Name der Hauptheldin ganz nüchtern, sachlich, faktisch mit ihrem Geburtsdatum kombiniert wird.
    Mit diesem ganz besonderen Stilmittel schafft es die Autorin für mich tatsächlich, einen Roman zu schreiben, der gesellschaftliche Bedeutung erlangt und vom Leser - mehr wahrscheinlich als bei bruchloser Fiktion – eine Stellungnahme und Position zum Geschehen verlangt. Es ist also ein für den Leser herausfordernder Roman, der Wirkung entfalten kann.
    Ich gebe dem Roman deshalb gerne 5 Sterne.

  1. Einfach mal wirken lassen.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mär 2021 

    Die Geschichte beginnt im Herbst 2015. Jiyoung ist 33 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer kleinen Tochter, als ihr Ehemann bemerkt, dass sie plötzlich in verschiedene Rollen schlüpft. Was er zunächst für einen Scherz seiner Frau hält, bereitet ihm zwar bald Sorgen, doch noch versucht er diese Veränderungen gegenüber seiner Verwandtschaft herunter zu spielen. Was treibt Jiyoung um?

    Schon dieses erste Kapitel war für mich eine Herausforderung, sei es die knappe Sprache, die ungewohnten Namen (koreanisch), die bruchstückhaften Details aus Jis Lebenslauf, oder aber die Reaktionen ihrer Umwelt auf ihre wechslenden Persönlichkeiten, alles wirkte sehr befremdlich auf mich.

    Mit dem harten Schnitt der folgenden Kapitel befasst sich das Buch dann mit Jis Kindheit, Jugend, Ausbildung und Berufsleben. Wir erfahren, wie Ji als zweite Schwester, dann doch noch ein Brüderchen bekam und wie das komplettierte Familienleben sich ab diesem Zeitpunkt gestaltete. Es gibt Details aus dem Leben der Eltern Jis, wie sie heranwuchsen und mit fortschreitendem Alter Jis, kristallisiert sich die Rolle der Frau in Korea immer mehr heraus.

    Untermauert mit Fußnoten und Angaben zur Statistik präsentiert uns Frau Cho Einzelheiten, die Ji widerfahren, sei es die permanente Bevorzugung der Jungs in Schule und Beruf, das latente Hinführen der Mädchen zu Selbstlosigkeit und andauerndem Schuldbewusstsein und schließlich die Ausweglosigkeit für ein selbstbestimmtes Leben und freie Entfaltung.

    Manche Szenen in dieser Geschichte erinnern vielleicht an das eigene Heranwachsen, was jedoch verstörend wirkt, ist, dass Ji aus einem modernen, hochtechnisierten Land stammt, aus dem sich uns Werbeplakate mit sexy gekleidenten, fröhlich lachenden Mädchen und Jungs eingeprägt haben, bunte Partys mit Karaoke und stolz dreinblickende Stewardessen in Fernsehspots. Ein Land, dass auch seinen Mädchen eine höhere Schulbildung ermöglicht, ihnen dann aber keine Chance auf eine gleichzeitige Mutterschaft und gutbezahlten Job bietet. Ein Land dass mit einer männlichen Überheblichkeit das weibliche Potential in die Suppenküchen verbannt. Pervertiert davon, dass es gerade die Mütter und Großmütter zu sein scheinen, die die Unterdrückung und Fügung der Frauen überwachen und einfordern. Was in manchen Ländern offensichtlich geschieht, ist in Südkorea hinter einer hippen Fassade versteckt und noch immer alten, überkommenen Traditionen verhaftet.

    Es ist ein Buch mit wenig sprachlicher Eleganz, wenig Emotionen, aber einprägsamen Bildern von schreiender Ungerechtigkeit, die sprachlos machen, aber nicht machen sollten. Gerade das Schlusskapitel zeigt eindringlich, dass es vielleicht so etwas wie Verständnis für die Rolle der Frauen gibt, den Männern aber der Wille zur Veränderung noch fehlt.

    Der Kampf um Emanzipation ist noch lange nicht gewonnen, wir müssen sogar mehr denn je aufpassen, dass er nicht in Rollenbildern von Schönheit, Sanftheit und ergebener Unterwerfung verloren geht. Aber vor allem müssen wir ihn selbts in die Hand nehmen und befördern. Das Buch ist eine starke Stimme in dieser Schlacht.

  1. Die verheizte Frau. Das politische Buch 2021.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Mär 2021 

    Kurzmeinung: Muss man lesen!

    Es geht in dem Roman von Cho Nam-Joo, kurz gesagt, um die karge Skizze eines Frauenlebens, das durch höchsten Fleiss, Talent und Anpassung von Anfang an auf Erfolg getrimmt ist.

    Eigentlich. Denn dieser Erfolg schlägt nie zu Buche, denn die Frauen Koreas werden in der patriarchalisch ausgerichteten Gesellschaft vom Kleinkindalter an bis hin zum reifen Frauenleben einer ständigen Diskriminierung ausgesetzt. Die Bevorzugung der Männer durchläuft alle Institutionen. Beruflich wie familiär tragen die Frauen die überwiegenden Lasten der Gesellschaf, jedoch ohne dafür entsprechend honoriert zu werden. Das Ergebnis sind frustrierte und kranke Frauen.

    Die Autorin arbeitet an ihrer Protagonistin alle denkbaren, beziehungsweise sämtlich beobachteten Missstände der koreanischen Gesellschaft ab. Vor allem im letzten Teil des Buches, als Frau Kim zwecks Familiengründung vorübergehend aus dem Berufsleben ausscheidet, schüttet Cho Nam-Joo alles, was überhaupt schief laufen kann über Jiyoung aus. Für eine Romanfigur ist das zuviel des Guten, es wirkt unglaubhaft und unauthentisch. Aber Jiyoung ist keine normale Romanfigur. Sie ist eine politische Figur. Sie ist ein Zeigestock. Da, da, da und da! Schaut hin. So ist es wirklich. Wacht auf. Lasst euch nicht länger einlullen.

    Der berufliche Wiedereinstieg nach Elternzeit, der von Frauen erwartet wird und zum wirtschaftlichen Überleben einer Familie zumeist existentiell erforderlich ist, zwingt Frauen mit Hochschulabschluss in Tätigkeiten, die normalerweise ungelernte Arbeitskräfte verrichten. Was für ein Land, das es sich leisten kann, bestens ausgebildete Menschen in mager bezahlten Hilfsjobs zu verheizen.

    Im weiteren Kontext, der allerdings kein literarischer ist, geht es in dem Roman von Nam-Joo um eine Stimme, die sich endlich erhebt und es wagt, zu widersprechen. Und das ist die Stimme der Autorin. Ihr Land (und leider auch unseres) hat solche Stimmen bitter nötig.

    Fazit: Dieser Roman mit mitunter Sachbuchcharakter kann eine Gesprächsgrundlage für fruchtbringende Gespräche sein.

    Auch bei uns ist noch einiges zu tun!

    Als allererstes muss „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ vom Schlagwort in die Praxis kommen und zweitens brauchen wir eine gesetzliche Regelung für die Transparenz aller Gehälter. Diejenige Partei, die diese zwei Punkte glaubhaft auf ihre Fahnen schreibt, ist wählbar.

    Kategorie: Politischer Roman.
    Verlag KiWi, 2021

  1. Nur eine von vielen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2021 

    Kim Jiyoung ist 33 Jahre. Zusammen mit ihrem Mann Chong Daehyon hat sie eine einjährige Tochter, Ziwon. Die kleine Familie wohnt in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung am Stadtrand von Seoul. Um für die Kleine zu sorgen, hat Jiyoung ihren Job aufgegeben. Sie ist eine von vielen koreanischen Müttern, die so oder so ähnlich leben. Doch plötzlich zeigt Jiyoung seltsame Anwandlungen: Immer wieder schlüpft sie unvermittelt in die Rollen ihr bekannter Frauen. Was hat es damit auf sich? Ihr Mann schickt sie kurzerhand zum Psychiater.

    „Kim Jiyoung, geboren 1982“ ist ein Roman von Cho Nam-Joo.

    Meine Meinung:
    Das Buch besteht aus sechs Teilen. Es beginnt im Herbst 2015. Danach wird chronologisch die Biografie der Frau nacherzählt. Der zweite Teil umfasst die Jahre 1982 bis 1994 und beleuchtet Jiyoungs Kindheit, der dritte den Zeitraum von 1995 bis 2000, in dem es um ihre Jugend geht. Teil vier (2001 bis 2011) deckt ihre Studienzeit und den Einstieg ins Berufsleben ab, Teil fünf (2012 bis 2015) ihr bisheriges Eheleben. Zum Schluss kommt die Geschichte im Jahr 2016 an. Erzählt wird aus einer personalen Perspektive, wobei sich die Erzählstimme erst im sechsten Teil erschließt. Diese Struktur ist gut durchdacht und funktioniert hervorragend.

    Ein Manko ist für mich der sehr nüchterne, schnörkellose und berichtmäßige Schreibstil. Unter anderem sind es die 18 Fußnoten, die den Text wie eine wissenschaftliche Abhandlung wirken lassen. Zwar wird zum Ende hin deutlich, warum die Autorin diesen Stil gewählt hat. Zudem entsteht nichtsdestotrotz ein Lesesog, wegen dem ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe. Alles in allem aber ist der Roman in sprachlicher Hinsicht leider kein Vergnügen.

    Mit Jiyoung steht eine sehr durchschnittliche junge Koreanerin im Fokus der Geschichte, was den Roman allerdings keineswegs langweilig macht. Die Protagonistin bietet ein großes Identifikationspotenzial für viele andere Frauen innerhalb und außerhalb Koreas.

    Der Inhalt des Romans hat es in sich. Auf nur rund 200 Seiten wird die Rolle von Frauen und Müttern in der Familie und der Gesellschaft allumfassend dargestellt - am Beispiel Jiyoungs, die stellvertretend für viele andere steht. Es geht um Sexismus, Diskriminierung, sexuelle Belästigung, Stalking, übergriffige Bemerkungen, Mansplaining und mangelnde Gleichberechtigung. Aufgezeigt wird die ganze Bandbreite der Misogynie in Korea. Der Roman macht schonungslos deutlich, mit welch hohen, teils widersprüchlichen und teils unerfüllbaren Erwartungen Frauen auch heutzutage konfrontiert werden. Er rüttelt auf, macht nachdenklich und wütend. Und das Buch taugt auch als Augenöffner, denn schnell wird klar: So viel anders sind die Rollenbilder in Europa nicht, auch hier sind Frauen nach wie vor benachteiligt, wenn auch nicht in solch extremem Ausmaß. In den letzten Absätzen des Romans wird die Aussage noch einmal überspitzt unterstrichen. Das war mir dann jedoch etwas zu viel des Guten.

    Ein wenig zu kurz kommt meiner Meinung nach die psychische Krankheit Jiyoungs. Sie dient zu Beginn als Aufhänger und wird gegen Ende nur in recht kompakter Form noch einmal aufgegriffen.

    Das Cover mit dem gesichtslosen Kopf betont, dass es bei der Geschichte nicht um einen Einzelfall handelt und Jiyoung nur eine von vielen ist. Auch der Titel passt meiner Ansicht nach gut.

    Mein Fazit:
    Auch wenn mich der Roman von Cho Nam-Joo in sprachlicher Hinsicht nicht begeistern konnte, ist „Kim Jiyoung, geboren 1982“ eine aufrüttelnde und absolut lesenswerte Lektüre. Ein Buch, dessen Inhalt noch eine Weile nachhallt und dessen wichtige Botschaft hoffentlich viele ins Grübeln bringt.

  1. Misogynie

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Feb 2021 

    Dieses Buch ist eine berührende und auch wütend machende Beschreibung der Lebensverhältnisse südkoreanischer Frauen!

    Wobei mir dieses Buch auch irgendwie vorkommt wie eine Mischung aus einem romanhaften Geschehen und einem Sachbuch, der beschriebene Sachverhalt kommt doch sehr real rüber und macht das Geschehen auch dadurch noch deutlich intensiver, die vielen Fußnoten im Buch untermauern dies noch und am Ende die vielen Quellenangaben machen mich einfach nur betroffen und auch gleichzeitig richtig froh über meinen Aufenthaltsort, wo auch nicht alles glänzt, was die Frauenrechte angeht, ja. Aber so wie diese Frauen leben wir definitiv nicht.

    Diese Beschreibung empfand ich wie eine Reise in längst vergangene Zeiten, in ein Glück längst vergangene Zeiten! Wenn man bedenkt, dass die Protagonistin 1982 geboren wurde und man ihr Leben mit dem unseren vergleicht, tun sich Gräben auf, richtig tiefe Gräben!

    Betroffen macht ebenso das Wissen, dass dieses buch Demonstrationen in Süd-Korea auslöste, hier zeigt es einerseits seine Sprengkraft, andererseits aber auch eine gewisse Rückschrittlichkeit des beschriebenen Landes und ebenso eine Lust an einer Diskriminierung von Frauen.

    Was mich aber auch irgendwie nicht überrascht. Mein völkerkundlich schlagendes Herz hat schon immer etwas unschlüssig auf die ostasiatische Welt geschaut. China, Korea und Japan sind für mich sehr patriarchale Kulturen, die in ihrer Entwicklung Wege eingeschlagen haben, die der weiblichen Bevölkerung nicht gutgetan haben. Wo man sich auch fragt: "Wer trifft denn bitte solche Entscheidungen?" Jeder Mann/jeder Mensch hat doch Frauen in seiner Familie, denen Unrecht angetan wird. Wieso duldet man dies? Das ist etwas was ich nie verstehen werde.

    Man kann nur hoffen, dass sich dort nach und nach ein Umdenken breitmacht und vielleicht sind die jetzigen Generationen von Frauen bereit zum Kampf für ihre Rechte. Das Buch ist sicher ein deutliches Indiz dafür!

    Dennoch sollte man sich als europäische Frau nicht zu sicher fühlen. Auch bei uns gibt es rückwärts orientierte Kräfte, die die Rechte von uns Frauen beschneiden wollen. Also Obacht Leute!

    Und zu dem Buch kann ich nur abschließend sagen. Unbedingt lesen!

  1. Liest sich wie ein Sachbuch

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Feb 2021 

    Ausweglos
    Cho Nam-Joo schrieb „Kim Jiyoung, geboren 1982“.
    Jiyoung kommt aus einer Familie aus Korea mit weiteren fünf Personen: Vater, Mutter, Großmutter, ältere Schwester, jüngerer Bruder. Sie ist gut organisiert, bravourös in Schule und Universität, pflegt sehr ihr Äußeres, schafft ihre Abschlüsse mit guten Noten. Dennoch tut sie sich schwer, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Die Firmen wollen keine Frauen. Spätestens am Ende des Buches versteht man auch warum. Dazu passt dieses Zitat, Seite 111: „Wenn Frauen zu klug sind, fürchten Firmen, dass sie sich mit ihnen nichts als Ärger ins Haus holen. Sie sind das beste Beispiel dafür, meine Teuerste. Sie sehen doch, was Sie uns für Scherereien machen.“
    „Die Republik Korea ist unter den OECD-Mitgliedern das Land mit dem größten Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Laut einer Statistik aus dem Jahr 2014 verdienen Frauen OECD-weit umgerechnet 844 Dollar auf 1000 Dollar Einkommen der Männer, in Korea sind es lediglich 633 Dollar.“ Seiten 144, 145. OECD = Organization for Economic Co-operation and Development, mit 37 Mitgliedstaaten.
    Also hören die Frauen dann auf zu arbeiten, sobald ein Kind unterwegs ist. Alle Mühsal mit Schule, Uni und nervenaufreibender Arbeitssuche umsonst. Kann dann später das Kind mehr oder weniger alleine bleiben, finden sich für die meist akademischen Mütter nur noch Jobs wie etwa Eisverkäuferin. So sagt eine Eisverkäuferin zu unserer Protagonistin, als diese sich nach der Nachfolgearbeit erkundigt: „Ich habe auch einen Universitätsabschluss.“ S. 190. Deshalb dreht Jiyoung durch. Verständlich. Puh.
    Einige weitere Zitate möchte ich noch erwähnen, die mir ungewöhnlich erschienen. Jiyoungs Eltern streiten sich am Frühstückstisch und die Mutter verschafft sich Gehör, S. 121: „Was sagst du da Dämliches? [Zum Vater] In welchem Jahrhundert leben wir denn? [Zu Jiyoung] … pfeif auf den Anstand. Tobe dich aus! Probiere dich in allem aus! Verstanden?“
    S. 158,159: Daehyon, Jiyoungs Ehemann zu ihr: „Damit wir das lästige Geschwätz los sind, lass uns ein Kind machen und großziehen, solange wir noch so jung sind. […] Er sagte das so unbekümmert, als ginge es darum, eine norwegische Makrele zu kaufen oder ein Puzzle mit Gustav Klimts Bild >Der Kuss< zusammenzusetzen und an die Wand zu hängen.“
    Jiyoung muss dann ihre so mühselig gesuchte Arbeit kündigen und denkt dann, S. 170: „Es war immerhin ihr erster Job gewesen, ihr erster Schritt in die Geschäftswelt. Man sagt, die Arbeitswelt sei ein Dschungel, und Freunde, die man nach dem Studium kennenlernt, seien keine wahren Freunde.“
    Das Buch liest sich eher wie ein Sachbuch mit Romaneinlagen. Zahlreiche Fußnoten weisen auf diverse Statistiken hin. Zurück bleibt ein schaler Geschmack. Frau hat zwar viel erfahren über die koreanische Lebensweise und das Buch liest sich flüssig weg, aber wirklich Spaß macht das nicht. Es hat sicher durchaus seine Daseinsberechtigung, aber von allen asiatischen Büchern, die ich bisher gelesen habe, hat mir dies am wenigsten gefallen.
    Ausweglos eben. Punkt. Drei Sterne ***

  1. Das Leben der Frauen...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Feb 2021 

    Selten ist mir ein Buch bei den sozialen Netzwerken so oft über den Weg gelaufen wie dieses, weshalb ich es dann auch unbedingt lesen wollte. Und ich muss ehrlich sagen: ich bin sprachlos.

    In der Geschichte geht es um das Leben der jungen Jiyoung. Wie wächst sie als Mädchen in Korea auf? Was ist in der Schule als Mädchen alles zu beachten? Wie bekommt und behält man einen guten Arbeitsplatz als Frau? Möchte sie Kinder?

    Die gesamte Handlung wird über Jiyoungs Psychologen dem Leser nahe gebracht, der zum Schluss außerdem etwas über seine Frau und Frauen im Allgemeinen berichtet.

    Im gesamten Roman wird sehr schnell die Unterdrückung und die Benachteiligung von Frauen deutlich, was beim Lesen wie ein fieser Dornenstachel im Finger schmerzt. Man überlegt wie es bei uns in Deutschland aussieht und kommt schnell zu der Erkenntnis, dass es nur sehr wenige Unterschiede gibt und von Chancengleichheit nicht die Rede sein kann.

    Dieses Buch hat es geschafft mich regelrecht einzusaugen und mich als Jiyoung zu fühlen, die als gut ausgebildete Frau so viel mehr verdient hat als man ihr zugesteht.

    Der nüchterne, schnörkellose Schreibstil der Autorin passt perfekt zur Situation der Hauptfigur. So liegt der Fokus rein auf den Missständen unserer Gesellschaft.

    Auch wenn viele den Roman vielleicht als Männer-Hasser-Buch abtun, so ist dies keineswegs der Fall. Vielmehr öffnet er hoffentlich die Augen aller Leser, damit sich da etwas ändern kann.

    Fazit:Obwohl 2021 noch recht jung ist, so ist dieser Roman ganz klar ein Jahreshighlight. Absolute Spitzenklasse. Bitte lest dieses Buch!

  1. Klare Leseempfehlung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2021 

    Kim Jiyoung führt ein Leben, das für Frauen in Südkorea typisch ist. Schon sehr früh bekommt sie die ungleiche Behandlung von Jungen und Mädchen zu spüren, wenn sie sich mal wieder mit ihrer Schwester etwas teilen muss, während der jüngere Bruder bevorzugt behandelt wird. Auch in der Schule sind es stets die Mädchen, die einstecken müssen. Was in der Kindheit begonnen hat, setzt sich im Erwachsenenalter fort: Trotz sehr guter Studienabschlüsse und höherer Qualifikationen sind es zumeist Männer, die für Jobs infrage kommen, einzige Begründung: Die Frau fällt aus, sobald sie ein Kind bekommt. Enormer Leistungsdruck, Ungerechtigkeiten und Demütigungen bis hin zu ausgeprägtem Sexismus sind am Arbeitsplatz die Regel, doch bleibt den Frauen kaum eine andere Wahl, als dies zu ertragen, denn die Chance, überhaupt irgendeinen Job zu ergattern, ist gering. So ist es kein Wunder, dass Jiyoung eines Tages aufgrund dieser extremen psychischen Belastung eine Persönlichkeitsstörung zu entwicklen beginnt, die sie zu einem Psychater führt. Aus dessen Sicht erhalten wir einen Einblick in das bisherige Leben Jiyoungs.

    An ihrem Beispiel wird in eher nüchterner Sprache das typische Leben einer Südkoreanerin nachgezeichnet, das geprägt ist von der Notwendigkeit, immer das Allerbeste und im Idealfall noch mehr zu geben, und der Erfahrung, dass selbst dies meist nicht ausreicht. Von der Erkenntnis, dass Männern immer mehr zuzustehen scheint und sie das auch ganz genau wissen, und dass die Frau kaum Aufstiegsmöglichkeiten hat - entweder gilt sie dafür als nicht schlau genug, oder sie ist im Gegenteil so schlau, dass sie einem gefährlich werden könnte und daher kleingehalten werden muss.

    Ich finde den Schreibstil sehr passend für dieses Buch, er ist nicht emotional, sondern eher sachlich gehalten und lässt das, was er beschreibt, für sich sprechen. Das ist vollkommen ausreichend, denn es sind teilweise wirklich erschreckende Fakten, die hier angeführt werden. Wie wenig Frauen in manchen Kulturen heutzutage noch immer wert sind und was das bedeutet, wird während des Lesens mit jeder Seite deutlicher.

    Ein sehr wichtiges Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann!

  1. Schnörkelloser Ausflug nach Korea

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Feb 2021 

    So ein Buch bekommt man nicht oft zu lesen.

    Jiyoung ist eine junge Mutter, die sich plötzlich merkwürdig verhält. Ihr Psychiater erzählt von ihrer Situation und von ihrem Leben und holt dabei ganz weit aus.
    Jiyoung hat schon als Kind gelernt, dass Männer wichtiger sind. Ganz selbstverständlich wurden Vater und Bruder bevorzugt behandelt. In der Schule, beim Studium, im Beruf, überall finden die absurdesten Ungerechtigkeiten statt, die die koreanische Gesellschaft als ganz normal zu empfinden scheint. Trotz bester Noten konnte sie nicht ihren Wunschberuf ergreifen und ihrer Mutter ist es nicht besser ergangen.

    Sehr sachlich wird hier Jiyoungs Familiengeschichte ausgerollt. Ihre Mutter wäre gerne Lehrerin geworden, musste aber schon mit 14 Jahren Geld verdienen, damit die Brüder studieren konnten. Sie hat am eigenen Leib erfahren, was Mädchen zu erdulden haben und unterstützt ihre Töchter, wo sie kann. Trotzdem hat sie nur wenig Einfluss.

    „Laut einer Statistik aus dem Jahr 2014 verdienen Frauen OECD-weit umgerechnet 844 Dollar auf 1000 Dollar Einkommen der Männer, in Korea sind es lediglich 633 Dollar. Auch auf dem Index zur Gläsernen Decke, den die englische Zeitschrift Economist im Jahr 2016 veröffentlichte, steht Südkorea auf dem letzten Platz der untersuchten Staaten und ist damit das Land, in dem Frauen am härtesten arbeiten müssen.“

    Ohne Zweifel behandelt dieses Buch ein wichtiges Thema, deckt haarstäubende Missstände auf, die sogar heute noch viele koreanische Frauen klaglos hinzunehmen scheinen, weil sie gelernt haben, sich nicht zu beschweren.

    Literarisch ist es allerdings keine Sensation. Der Erzählstil ist nüchtern, berichtend, was natürlich zu einem erzählenden Psychiater passt, nur ein Vergnügen ist das Lesen eher nicht. Ich habe schon Sachbücher in einem geschliffeneren Stil gelesen.
    Auch der Plot ist raffinierter gemeint als ausgeführt. Es wäre eindrucksvoll und plausibel, Jiyoung beim Verrückwerden zuzusehen, nur findet die Entwicklung dahin kaum statt. Irgendwann ist es eben so, man kann es ihr nicht verdenken, aber ein geniales Buch hätte das fühlbar gemacht.

    Ich kann gut verstehen, dass so ein Buch in Korea große Wellen schlägt, scheint doch allein schon der Protest ungehörig für eine Frau zu sein, selbst heute noch. Es ist ein aufschlussreiches Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es ein klein wenig mehr berührt. Ein lohnenswerter Ausflug nach Korea war es trotzdem.