Kein schönerer Ort

Buchseite und Rezensionen zu 'Kein schönerer Ort' von Manichi Yoshimura
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4 von 5 (1 Bewertungen)

Das Haus hatte einen kleinen Garten. Mit diesem unscheinbaren Satz beginnt das Buch, eine Erzählung aus der Perspektive eines kleinen Mädchens, einer 11jährigen Grundschülerin. Aber die Unscheinbarkeit verliert sich schnell, der Leser ahnt schon nach wenigen Seiten, dass es um etwas Außergewöhnliches geht. Nicht um den Garten und das Haus, in dem das Mädchen allein mit ihrer strengen, von einem Reinlichkeitswahn besessenen Mutter zusammenlebt, nicht um die Nachbarn, von denen die Mutter sich abschottet, nicht um die Einsamkeit des Mädchens in der Schule. Eine Reihe eher merkwürdiger häuslicher und schulischer Ereignisse, vorgetragen aus der unschuldigen Sichtweise des Mädchens, macht bald klar, dass sich in Umizuka, der Stadt am Meer, in der das Mädchen und seine Mutter leben, etwas Ungeheuerliches ereignet hat und dass die Bewohner alles dafür tun, dieses Ungeheuerliche nicht zur Kenntnis zu nehmen. Man ist eine Gemeinschaft, die Schlimmes überstanden hat und deshalb um so mehr Gemeinschaft sein muss. Niemand darf ausscheren, niemand er selbst sein. Das Gemüse, das man zieht und isst, ist gesund, weil es gesund sein muss. Die Fische, die man aus dem Meer holt, sind nicht nur essbar, sondern schmackhaft. Sie müssen es sein. Die Leute sind alle nett. Sie müssen es sein. Man hat eine Hymne, die Umizuka-Hymne. Man singt sie gemeinsam, man hilft sich, wo man kann, und man bespitzelt sich. In der Schule aber sterben die Kinder, Lehrer verschwinden, Männer in Anzügen tauchen auf. Mit jedem Satz, jedem Kapitel wird klarer, dass die Fassade nur eine Fassade ist. Und zugleich: dass Risse in der Fassade nicht geduldet werden. Sie werden erbarmungslos übertüncht.
Welches Unglück die Bewohner von Umizuka heimgesucht hat, wird nicht ausgesprochen. Man denkt sofort an die Reaktorkatastrophe von Fukushima. Aber das wäre zu kurz gegriffen. Das Buch beschreibt in sehr leisem, aber nach und nach immer eindringlicher werdendem Tonfall, was passiert, wenn man, koste es, was es...

Format:Taschenbuch
Seiten:176
Verlag: cass verlag
EAN:9783944751191

Rezensionen zu "Kein schönerer Ort"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Apr 2019 

    Fukushima

    Das Haus hatte einen kleinen Garten."
    Dies ist der erste Satz der Erzählung "Kein schönerer Ort" des japanischen Autors Manichi Yoshimura. Und dieser hübsche Satz führt den Leser aufs Glatteis. Wenn eine Geschichte mit solch einem "Wohlfühl"-Satz beginnt, erwartet man eine schöne Geschichte, durchtränkt von Harmonie und Idylle. Wenn die Ich-Erzählerin dann auch noch ein entzückend naives 11-jähriges Mädchen ist, möchte man mit viel Wohlbehagen in diese Geschichte eintauchen.
    Doch Manichi Yoshimura lässt seine Protagonistin alles andere als eine niedliche Kindergeschichte erzählen. Es braucht allerdings einige Seiten, bis man begreift, dass hier etwas nicht stimmt. Zunächst tauchen kleine Ungereimtheiten auf, man beginnt gewisse Dinge zu hinterfragen, man fühlt sich an manchen Textstellen unbehaglich. Und auf einmal wird aus der Wohlfühl-Geschichte eine Geschichte, die betroffen macht und man fragt sich, ob das, was hier geschildert wird, wirklich so passiert ist oder passieren könnte.

    Doch worum geht es in dieser Erzählung?
    Die 11-jährige Kyoko lebt allein mit ihrer Mutter in einer Wohnung in Umizuka. Kyoko ist ein sehr fantasievolles Kind, scheint aber in der Schule eine Außenseiterin zu sein. Die Mutter versucht, sich und ihre Tochter mit mehreren Jobs durchzubringen. Den größten Teil des Tages arbeitet sie, daher ist Kyoko oft allein. Die Mutter ist merkwürdig. Sie ist streng, kritisiert und beobachtet ihre Tochter ständig. Sie scheint einen Putzfimmel zu haben. Dazu ist sie stark übergewichtig, was wohl an der schlechten Ernährung liegt, die sie sich und ihrer Tochter zumutet.

    "Mutter aß auch das Fleisch und das Gemüse, das sie im Supermarkt kaufte nicht. Sie sagte immer, sie würde es 'der Einrichtung' spenden, aber zu dem Zeitpunkt wusste ich schon, dass sie es wegwarf. Im Supermarkt fühlte sie sich beobachtet und kaufte deshalb wohl oder übel diese Sachen, warf die Frisch- und Freilandprodukte hinterher aber alle weg. Und das, obwohl wir so arm waren! Ich wusste, dass sie ihre Gründe dafür hatte, fand es aber auch übertrieben."

    In Umizuka muss vor einiger Zeit ein Unglück geschehen sein, das die Einwohner jedoch eng zusammengeschweißt hat. Denn in Umizuka wird der Gemeinschaftssinn gepflegt. Die Bewohner sind stolz auf ihre Stadt und stolz darauf, dazugehören zu dürfen. Doch wird man den Eindruck nicht los, dass diese Einstellung von den örtlichen Behörden und Organisationen forciert wird. Fast schon gehirnwäschegleich werden die Menschen in jeder Lebenslage mit dem Wohlfühl-Spirit Umizukas berieselt.

    Innerhalb dieses Szenarios begleiten wir Kyoko über einen kurzen Zeitraum, vielleicht von ein paar Wochen, in dem sie mit Freuden dazugehören möchte, in dem sie feststellt, dass ihre Mutter nur notgedrungen an dem Gemeinschaftsleben Umizukas teilnimmt und in dem viele Menschen erkranken bzw. sterben.

    Das Leben in Umizuka scheint also sehr speziell zu sein, und nicht ganz ungefährlich. Und das, aus der naiven Sichtweise einer Schülerin erzählt, gibt dem Ganzen noch einen besonderen Kick, der das Unbehagen beim Lesen steigert. Denn Kyoko nennt die Dinge nicht beim Namen. Sie deutet in ihrer kindlichen Art an, so dass man zwischen den Zeilen liest und vieles dazu dichtet.

    Und wenn man dann noch im Klappentext liest, dass der Autor diese Erzählung aus Anlass der Reaktorkatastrophe in Fukushima (11.03.2011) geschrieben hat, wird einem so einiges klar. Und die Geschichte nimmt auf einmal erschreckend reale Züge an. Und das gilt es erst einmal zu verdauen.

    Leseempfehlung!

    © Renie